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Senioren in Corona-Zeiten "Vielleicht wird unser Leben nach der Krise sogar besser als vorher"

Sie sollen möglichst nicht vor die Tür, weil das Virus sie am stärksten bedroht: Wie geht es alten Menschen in diesen Tagen? Fünf von ihnen erzählen.
Aufgezeichnet von Heike Klovert

Ingeborg Kewitz, 90: "Ich habe weniger Angst vor dem Virus als vor den Bomben damals"

"Mir geht es, wie es einer 90-Jährigen eben geht: Heute mal gut, morgen mal weniger. Ich fahre noch Auto und wenn ich das tue, fühle ich mich frei. Doch jetzt kann ich nicht mal eben zum Einkaufen fahren, um selbst in die Regale zu gucken. Das vermisse ich. Es gibt Dinge, die meine Tochter nicht so gut für mich besorgen kann. Jeden Abend muss ich zum Beispiel ein paar Seiten lesen, und ich kann ihr schlecht erklären, welches Buch ich haben möchte.

Deshalb bin ich letztens doch selbst ins Auto gestiegen, mittags, da sind wenige Menschen im Supermarkt unterwegs. Es war ein Genuss, mal wieder rauszukommen. Ich habe mir frische Erdbeeren gegönnt. Und ich habe einen ganz dicken Wälzer gefunden, einen Krimi von einem Engländer, von dem ich schon das zweite Buch lese. Ich habe darauf geachtet, mit Karte zu zahlen. Ich habe Abstand gewahrt und den Griff des Einkaufswagens und meinen Autoschlüssel desinfiziert, bevor ich sie angefasst habe.

Hier im Dorf ist die Ansteckungsgefahr nicht so groß, ich kenne zumindest noch keinen, der infiziert ist. Trotzdem gehen sich alle aus dem Weg. Das fällt mir so schwer. Ich kann kaum noch jemanden sehen und in den Arm nehmen. Ich telefoniere viel, doch der menschliche Kontakt zu Nachbarn und Freunden fehlt mir.  

Am 31. März wollten wir meinen 90. Geburtstag feiern. Wir hatten eine große Party geplant, mit knapp 50 Gästen aus Stuttgart, England, Bremen, Mainz. Doch es war nichts zu machen, sehr traurig. Alle Gäste haben ein Foto von sich geschickt, die hängen jetzt hier an meiner Lampe. Und die Feier wollen wir nachholen.  

Ich schreibe gerade am Computer auf, was ich in meinen 90 Jahren alles erlebt habe. 140 Seiten habe ich schon getippt. Ich war drei Jahre alt, als Hitler sein 'Tausendjähriges Reich' gründete und 15, als es vorüber war. Danach hatten wir großen Hunger, wir wurden alle kriminell und versuchten, einander zu übertölpeln - Hauptsache, man kam an was Essbares ran.

Ich habe weniger Angst vor dem Virus als vor den Bomben damals. Vor dem Virus kann ich mich schützen, wenn ich tue, was angeordnet wurde. Ich bin mir sicher, dass bald einer der Forscher, die nach einem Gegenmittel oder Impfstoff suchen, aufspringt und ruft: 'Ich hab's!' Das werde ich bestimmt noch erleben. Ich bin ja erst 90, das ist doch kein Alter!"

Ernst Kopf, 76: "Ich würde nicht sagen, dass ich einsam bin"

"Einmal in der Woche gehe ich für mich und meine Schwiegermutter einkaufen. Ich suche mir dafür eine Zeit aus, wenn der Supermarkt nicht so voll ist, mittags oder spätabends. Es tut mir gut, mal wieder unter Leuten zu sein, auch wenn alle einen Bogen umeinander machen müssen.

Ich kann verstehen, dass meine Schwiegermutter mitkommen möchte. Sie hat früher einen Lebensmittelladen geführt. Sie vergleicht gern, was es damals gab und was es heute gibt und wie viel es kostet. Einkaufen ist für sie wie Sightseeing.   

Wenn ich ihr erkläre, dass eine Ansteckung in ihrem Alter schlimme Folgen haben kann, sagt sie: 'Ich lebe doch sowieso nicht mehr lange.' Aber sie gefährdet damit ja auch mich. Neulich habe ich die Geduld verloren und ihr gesagt, dass ich ihr den Schlüssel wegnehmen und das Haus abschließen werde, wenn ich rausgehe.

"Hinterher tat es mir leid, dass ich so ruppig war"

Am Ende hat das Argument gewirkt, dass sie auf der Intensivstation sterben würde, ohne dass wir an ihrer Seite sein könnten. Da hat sie mich groß angeguckt und nichts mehr gesagt. Hinterher tat es mir leid, dass ich so ruppig war. Aber wir müssen beide erst noch lernen, mit dem Virus umzugehen.

Ich weiß, dass auch für mich gilt: Wenn es mich erwischen sollte, wird wahrscheinlich niemand aus unserer Familie bei mir sein. Doch den Gedanken lasse ich nicht so nah an mich heran. Vor zwei Jahren ist meine Frau gestorben. Ich war danach sehr damit beschäftigt, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Doch dann schlich sich die Trauer durch die Hintertür zurück. Gerade fühle ich sie sehr stark. Vielleicht lenkt mich das von meiner Angst vor dem Coronavirus ab.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Ich würde trotzdem nicht sagen, dass ich einsam bin. Ich telefoniere viel. Aber es tut mir weh, dass ich meine Kinder und Enkel nicht mehr ein- bis zweimal pro Woche treffen kann. Am Sonntag war mein Sohn mit einem Enkel hier, wir saßen auf der Terrasse, rund zehn Meter voneinander entfernt. Dann haben wir Fußball gespielt. Ich schoss aufs Tor, mein Enkel hielt die Bälle. Sie waren im Skiurlaub und hinterher 14 Tage lang in freiwilliger Quarantäne gewesen. Es war das erste Mal seit mehreren Wochen, dass wir uns in die Augen schauen konnten.

Wenn ich mich schwermütig fühle, denke ich daran, dass sich unser Leben irgendwann wieder normalisieren wird. Vielleicht wird es nach der Krise sogar besser und bewusster werden als vorher. Vielleicht zeigen wir beispielsweise Pflegekräften und anderen Menschen in sozialen Berufen unsere Dankbarkeit dann endlich, indem wir sie besser bezahlen. Das wäre ein Gewinn für die ganze Gesellschaft."

Hannelore Weber, 83: "Sterben muss ich sowieso, dann sterbe ich eben früher"

"Ich habe eine ziemlich große Wohnung, die ich wunderschön auf Vordermann gebracht habe. Nun kümmere ich mich um meinen Hund, mache Online-Fortbildungen und lese Fachliteratur über Kieferorthopädie. Wenn ich schon nicht in der Praxis arbeiten kann.

Doch mir fehlt die Bewegungsfreiheit. Natürlich habe ich einen Wagen in der Tiefgarage, mit dem ich an den Wannsee oder in den Schlosspark Glienicke fahre. Aber Sie können nicht dauern spazieren gehen.

Meine drei erwachsenen Kinder kümmern sich sehr nett um mich. Mein Sohn und meine Schwiegertochter waren vor zwei Tagen hier, mit Mundschutzmasken. Meine Tochter hat mir ein Tablet geschenkt, das versuche ich nun zu ergründen. Ich will Videos über berühmte Hengste finden, weil ich jahrelang geritten bin. Aber das ist technisch nicht so einfach für mich.

Ich komme mir vor wie in einem Krieg ohne Bomben. Wir leben weiterhin im Luxus, und trotzdem ist alles anders. Gemessen an dem, was ich als Kind erlebt habe, ist das alles nicht schlimm. Mein Vater hat viermal bei Null angefangen. Trotzdem mache ich mir große Sorgen um die Wirtschaft und um unsere Beschäftigung. Wie viele Leute werden arbeitslos sein und wie viele Firmen werden pleite gehen? 

Dass mir etwas passieren könnte, schreckt mich weniger. Ich versuche zwar, eine Ansteckung zu vermeiden. Doch sterben muss ich sowieso, dann sterbe ich eben etwas früher. Stellen Sie sich vor, was meine Freunde sagen werden, wenn ich an Covid-19 sterbe: 'Wie alt ist sie denn geworden? 83? Ach, naja.'

Außerdem geht es mit dem Coronavirus in wenigen Tagen zu Ende, das ist doch nicht schlecht. Ein Bekannter ist zehn Jahre lang gestorben, das war furchtbar."

Rudolf Nickol, 97: "Kriege gehen vorbei und das Virus wird auch vorbeigehen"

"Wir essen jetzt alle auf dem Zimmer. Betreuer bringen das Essen und holen das Geschirr wieder ab. Mit einem Betreuer kann ich mich sehr gut unterhalten, vor allen Dingen über die Stadt Dresden und die Vergangenheit. Und auch das andere Pflegepersonal hat trotz schwieriger Zeiten immer ein offenes Ohr für mich.  

Meine Tochter wohnt nicht weit weg, doch ich habe sie seit 14 Tagen nicht mehr gesehen. Das können wir jetzt nicht ändern. Sie holt meine Wäsche ab, bringt frische, außerdem ruft sie jeden Abend an und wir unterhalten uns.  

Ich halte das aus, ich fühle mich nicht einsam. Meine Frau ist schon vor zehn Jahren gestorben, ich wohne schon lange allein. Ich lese die Zeitung und mache Kreuzworträtsel, damit bin ich den ganzen Tag ganz schön beschäftigt.  

Ich sage mir, solange werde ich ja sowieso nicht mehr leben. Der Tod macht mir keine Angst. Manchmal ist es besser zu sterben, als invalid herumzulaufen, nichts mehr mitzubekommen und nicht mehr mitreden zu können. Ich habe ein schönes Leben gehabt. Wir waren immer zufrieden mit dem, was wir hatten. Das gilt für mich immer noch.  

Meine Tochter steht kurz vor der Rente, doch ich mache mir keine Sorgen, dass sie sich anstecken könnte. Jeder kann sich schützen, wenn er will. Man muss ja nicht dorthin gehen, wo viele Menschen sind. Das kann man machen, wenn alles wieder in Ordnung ist. Und wenn man es trotzdem kriegt, kann man es nicht ändern. 

Manche vergleichen das Coronavirus mit dem Krieg. Dann denke ich, ach, Menschenskinder, ihr wisst ja gar nicht, was Krieg bedeutet. Aber das jetzt Leute dahingerafft werden, die es nicht verdient haben, ist auch nicht gut. Kriege gehen vorbei. Und das Virus wird auch vorbeigehen."

Werner Hansen, 69: "Ich vermisse unsere wöchentlichen Chorproben"

"Ich war vor der Krise gut verplant mit Sitzungen und Terminen. Jetzt komme ich zur Ruhe, hole mal Luft, räume meinen Computer auf und so was. Ich schreibe auch viele Mails oder führe Telefonate.

Bisher fehlt mir der persönliche Umgang mit Menschen nicht, aber das wird sicher noch kommen. Mal sehen, wie ich und meine Lebenspartnerin das Osterfest überstehen. Ich hätte gern gesehen, wie die Enkelkinder durch den Garten streifen und Ostereier suchen.

Ich vermisse auch unsere wöchentlichen Chorproben. Wir singen in einem gemischten Oldie-Chor und unser Bandleader nimmt Songs auf und schickt uns die, damit wir zu Hause üben können. Das tun ich und meine Partnerin auch manchmal, wenn uns danach ist.

Grundsätzlich stelle ich fest, dass ich durch Corona an Gewicht zunehme, weil ich so viel nasche. Ich liebe Sport. Rittersport. Nougat. Ich rauche seit 17 Jahren nicht mehr, aber wenn ich vor dem Computer oder Fernseher sitze, brauche ich immer etwas Kaubares in meiner Nähe.

Wenn ich Nachrichten schaue, stößt mir dieser Ehrgeiz zwischen den Nationen sehr auf. Jedes Land will in der Krisenbekämpfung das Beste sein. Ich habe festgestellt: Es gibt kein Europa. Es gibt nicht mal ein Deutschland. Ich wohne zwei Straßen vor Schleswig-Holstein entfernt und darf nicht dorthin fahren. Das ist doch absurd.

Persönlich habe ich vor dem Coronavirus keine Angst. Mir war vorher schon bewusst, dass ich im letzten Drittel meines Lebens bin. Das Stückchen Kuchen wird kleiner. Doch das motiviert mich eher, die Krise durchzustehen und andere aufzubauen, die gestresster sind als ich.

Außerdem habe ich mein Leben gelebt. Ich konnte den Hals nie voll genug kriegen, habe mir immer noch höhere Ziele gesteckt, bis ich zu hoch gepokert habe. Ich dachte, ich könnte mein Möbelgeschäft und zwei Lagerhallen verkaufen und habe das Geld in China investiert, bevor ich es hatte. Doch der Deal platzte und ich geriet in finanzielle Not.

Jetzt lebe ich in einem Zimmer mit Kochnische und Bad, und bekomme neben einer kleinen Rente Grundsicherung. Dass dieser Betrag noch weiter sinkt, kann ich mir nicht vorstellen. Er ist schon so niedrig, dass ich gerade damit klarkomme.

Trotzdem bin ich zufriedener als früher. Meine Ansprüche sind kleiner geworden. Ich muss nicht mehr nach Sri Lanka oder Thailand. Es ärgert mich nur, dass ich es nie auf die Südhalbkugel geschafft habe."