Foto:

Hero Images/ DEEPO/ plainpicture

Kollateralfragen Wie kommen Familien am besten durch den Lockdown?

Coronaferien? Das klingt harmloser, als es ist. Vor Familien liegen Wochen voller Frust, Konflikte, Streit. Wie man diese Zeit am besten übersteht, erklärt der Psychiater Jan Kalbitzer.

Kindern steht in den kommenden Tagen und Wochen viel Frust bevor. Obwohl draußen der Frühling ausbricht, dürfen sie nicht mehr mit den Nachbarskindern spielen oder sich mit Freundinnen und Freunden treffen. Sie dürfen nicht in den Zoo, nicht ins Kino oder zu den Großeltern. Die Größeren, die es gewohnt sind, in der Schule intellektuell gefordert zu sein, langweilen sich. Und die Energie, die sich sonst auf dem Spiel- oder Sportplatz entladen hat, kann nicht mehr raus.

Eltern, die jetzt von zu Hause aus arbeiten, sind zwar permanent anwesend, haben aber trotzdem oft weniger Zeit als sonst. Auch, weil sie sich selbst erst mit der neuen Situation arrangieren müssen. Dazu kommt, dass die Eltern häufig die Überbringer der schlechten Nachrichten sind und die Einschränkungen gerade bei jüngeren Kindern auch durchsetzen müssen. Obwohl sie sehr wahrscheinlich selbst verunsichert und angespannt sind und weniger Geduld und Kraft haben, den Frust ihres Nachwuchses auszuhalten. 

Sprechen Sie ehrlich miteinander

Vor den meisten von uns liegen jetzt nicht mehrere Wochen entspannter "Coronaferien, sondern eine harte Zeit, die allen Familienmitgliedern viel abverlangen wird. Kindern genauso wie Erwachsenen. Streit und Konflikte sind unausweichlich. Deswegen ist es wichtig, dass sie mit ihren Kindern darüber sprechen was sie in den kommenden Wochen erwartet. Im Sinne Winston Churchills kann es daher durchaus angemessen sein, wenn Eltern Ihren Kindern eine sogenannte "Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede" halten. Sie wird je nach Alter der Kinder natürlich unterschiedlich ausfallen müssen. 

Mit größeren Kindern können Sie offener über die Situation sprechen. Über die Gründe, den Sinn und die Notwendigkeit der Einschränkungen und darüber, wie mit den verschiedenen Bedürfnissen der Menschen, die nun auf engem Raum zusammenleben müssen, gut umgegangen werden kann. Rückzugsräume werden jetzt für jeden noch wichtiger. Sie sollten auch in kleineren Wohnungen zumindest zeitweise zur Verfügung stehen - denken Sie daran: zur Not ist auch im Bad Platz, sich eine Auszeit zu nehmen. 

Jüngere Kinder hingegen sollten so gut es geht vor den Ängsten der Eltern geschützt werden. Ihnen kann man sagen, dass gerade eine Art Erkältung umgeht, die vor allem ältere Menschen schwerer krank macht als sonst. Die deshalb zwar glücklicherweise für Kinder und auch auch für ihre Eltern meistens keine große Gefahr darstellt. Dass aber die Großeltern und andere ältere Menschen sehr schwer krank werden können, weshalb wir jetzt alle aufpassen müssen, dass wir uns nicht anstecken, damit die Krankheit sich nicht weiter verbreitet.

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Geben Sie dem Tag eine Struktur

Ein geregelter Tagesablauf wird Ihnen als Familie helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Stehen Sie unter der Woche weiterhin morgens zu einer festen Zeit auf, ziehen sich an, frühstücken. Planen Sie dann Zeiten für Arbeit, Schulaufgaben und auch für körperliche Aktivität ein.

Überlegen Sie sich, welche Punkte Ihnen besonders wichtig sind und wo sie Spielraum für Verhandlungen bieten können. Ist es Ihnen jetzt wichtiger, jeden Morgen eine halbe Stunde in Ruhe Kaffee trinken zu können oder brauchen Sie mehr Ruhe und Respekt bei den gemeinsamen Mahlzeiten? Stellen Sie wenige Regeln auf, die dafür einfach und klar sind, um sie im Alltag mit möglichst wenig Kraftaufwand durchhalten zu können. Denn Streit um Regeln wird es geben. 

Wichtig ist: Regeln sollten so feste Halbwertszeiten haben, dass nicht jederzeit neu verhandelt werden müssen. Nehmen Sie sich trotzdem einen Zeitpunkt vor, etwa den Sonntagmittag, an dem Sie gemeinsam überlegen, welche Regeln neu angepasst werden müssen. Um anschließend als Familie zusammen etwas Schönes zu machen, zum Beispiel ein Spiel spielen oder einen Film zu schauen.

Kinder wollen mithelfen

Angesichts der vor uns liegenden Herausforderung sollte jetzt mehr denn je gelten, dass Erziehung nicht bedeutet, dass Eltern permanent die Bedürfnisse ihres Nachwuchses befriedigen. Auch Kinder können mithelfen. Trauen Sie Ihnen deshalb ruhig neue Aufgaben zu. Wer bisher noch nicht wusste, wie man sein Zimmer selbst aufräumt, eine Waschmaschine anstellt oder einen Geschirrspüler ausräumt - der kann es in den nächsten Wochen sicher lernen. 

Das Großartige ist, dass Kinder von Natur aus darauf programmiert sind, teil einer Gemeinschaft zu sein. Sie wollen mithelfen, sich engagieren. Und selbstverständlich wollen Kinder weiterhin immer wieder verwöhnt werden und Spaß haben, vielleicht aufgrund der Anstrengungen auch ein bisschen mehr als sonst.