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Seniorin über das Coronavirus "Wir haben viel mehr Angst vor der AfD als vor dem Virus"

Annegret Ptach, 71, leitete fünf Jahre lang einen Seniorentreff in Hamburg. Dann kam Corona. Nun ist der Treff bis auf Weiteres geschlossen. Im Interview erzählt sie, wovor sich die Alten jetzt fürchten - und was ihnen hilft.
Ein Interview von Nike Laurenz

SPIEGEL: Frau Ptach, wie geht es Ihnen?

Annegret Ptach: Danke, alles in Ordnung. Nur meine Lunge ist nicht mehr die beste: Als Kind hatte ich Tuberkulose, später bekam ich eine Raucherlunge. Ich rauche seit 15 Jahren nicht mehr, aber um mich nun zu schützen, schränke ich mich ein. Ich trage keinen Mundschutz, aber ich gehe weniger raus. Nur noch morgens eine kleine Runde. Nur das Nötigste einkaufen. Und mein Seniorentreff ist zu.

SPIEGEL: Sie leiten den Treff im Hamburger Stadtteil Stellingen, ehrenamtlich, mehrmals die Woche, seit fünf Jahren. Zu manchen Ihrer Treffen kamen 50 Leute. Und jetzt?

Ptach: Jetzt ist nichts mehr, wie es war. Vor Corona sah mein Alltag so aus: Ich ging morgens einkaufen, anschließend fuhr ich zum Treff, Kuchen backen für alle. Dann kamen unsere Gäste, meistens so 20 Leute. Wir haben gefrühstückt und Spaziergänge oder Gedächtnistraining gemacht. Mensch ärgere dich nicht, Uno, und wir haben viel geredet und uns gefragt: Was gibt es Neues in der Welt? Ich habe häufig aus dem "Hamburger Abendblatt" vorgelesen, das fanden die anderen tierisch toll. Oft blieb ich bis abends. Mit allem ist es nun vorbei. Wir sind alle zu Hause.

SPIEGEL: Hat sich jemand mit dem Coronavirus infiziert?

Ptach: Es ist keine Infektion bekannt, aber auch wir müssen schließen, damit sich das Virus nicht weiter verbreitet. Erst mal bis zum 30. April. Das ist eine richtige Entscheidung. Aber für viele von uns wird das Leben jetzt sehr schwierig.

SPIEGEL: Warum?

Ptach: Für manche ist dieser Treff das Einzige, ihr Lebensrhythmus. Er ist Freundschaft, Familie, das Gegenteil von Leere und Bedeutungslosigkeit. Bei uns im Treff sind zwei, die sind fast blind. Die sitzen jetzt zu Hause und haben keine Abwechslung mehr. Ich selbst lebe mit meinem Mann und meinem Sohn zusammen, aber viele andere sind allein. Eine hat Kinder, die in Amerika leben, eine hat gar keine Kinder. Auch die sitzen zu Hause. Und damit sich keiner bei keinem ansteckt, kommt keiner mehr zu Besuch.

SPIEGEL: Halten Sie den Kontakt zueinander?

Ptach: Ich rufe viele täglich an. Ich frage, ob ich etwas tun kann, denn ich bin gut zu Fuß und fühle mich verantwortlich für meine Seniorinnen und Senioren. Aber einige beunruhigt die Situation. Sie fragen: Was passiert mit unserer Ausfahrt nach Husum? Abgesagt. Was passiert mit dem Krimi-Theater, wofür wir schon Karten hatten? Verschoben. Deswegen werde ich gerade zur Psychologin. Lass dich nicht unterkriegen, sage ich. Und gebe Tipps, wie die Zeit nun überbrückt werden kann.

SPIEGEL: Was hilft gegen die Einsamkeit?

Ptach: Ich frage meine Leute gerade, ob es ein altes Hobby gibt, das sich wieder aufnehmen lässt, weswegen eine von uns wieder angefangen hat zu stricken, weil sie noch Wolle hatte. Ich empfehle Spiele-Apps fürs Handy und Nachrichtensendungen. Aber das alles kann den Treff nicht ersetzen.

SPIEGEL: Können Sie keine Telefonkonferenzen machen gegen das Alleinsein?

Ptach: Doch, aber wissen Sie, das ist nicht dasselbe. Es ist nicht dasselbe, wie in die Stadtbücherei zu gehen und sich gemeinsam einen Film auszuleihen. Es ist nicht dasselbe, wie Uno zu spielen und sich spaßhaft anzumeckern: Wieso hast du mir schon wieder so viele Karten zugeschustert, wieso hast du mich schon wieder rausgeschmissen? Gerade dieses Trietzen und Meckern ist wichtig für uns, das ist eine Form der Kommunikation, die unterhaltsam ist, die uns am Leben hält.

SPIEGEL: Wie können Angehörige ältere Menschen vor der Einsamkeit bewahren – Angehörige, die nun oft nicht mehr tun können als anzurufen?

Ptach: Viele Senioren haben Smartphones. Nehmen Sie sich die Zeit, Ihnen WhatsApp oder Skype zu erklären, wenn diese Apps noch nicht auf ihren Handys installiert sind. Gründen Sie Familiengruppen, in denen Sie sich austauschen können. Allein in meinem Treff sind 20 Seniorinnen und Senioren fit genug, auf diese Weise zu kommunizieren.

SPIEGEL: Bricht bei Ihnen eigentlich so langsam die Panik aus?

Ptach: Panik? Überhaupt nicht. Die meisten von uns sind fest davon überzeugt, dass sie sich nicht anstecken werden, schließlich geht keiner mehr raus, weder Eiscafé noch Park, es geht nur noch zum Supermarkt. Nein, eher geht die Angst davor um, mit der Langeweile nicht fertig zu werden, die Angst vor dem Gefühl: Jetzt ist jeder Tag wie ein Sonntag, und das wochenlang.

SPIEGEL: Hamstern Sie?

Ptach: Keiner von uns hamstert. Erstens leben die meisten von uns in einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung, da kann man nicht zentnerweise Toilettenpapier lagern. Zweitens haben Hamsterer noch weniger Grund, mal vor die Tür zu gehen. Und drittens kennt diese Generation keine Hysterie. Wir haben in Deutschland schon ganz andere Dinge wuppen müssen. Wir sind alle Kriegs- oder Nachkriegskinder. Wir haben viel mehr Angst vor der AfD als vor dem Virus. Corona wird vorbeigehen, die neuen Rechtspopulisten bleiben.

SPIEGEL: Was, wenn Sie auch nach dem 30. April nicht wieder aufmachen können, der Treff weiter geschlossen bleiben muss?

Ptach: Das wäre für alle ganz furchtbar. Ich habe wirklich keine Idee, wie wir unsere Beziehungen aufrechterhalten können, das soziale Leben, wenn wir monatelang nur noch telefonieren oder schreiben können. Es wäre ein riesiges Dilemma.

SPIEGEL: Und wenn es endlich wieder losgeht: Wie werden Sie den ersten Tag gestalten?

Ptach: Ich werde sie alle anrufen und sagen, Hurra, wir haben wieder auf, und wir machen ein ganz tolles Frühstück, kommt alle wieder, und bringt all eure Verwandten mit!

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