Foto: Cavan Images/ DEEPOL/ plainpicture

Ansteckungsgefahr Wenn die Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen sollen

Frau S. verbringt viel Zeit mit ihren Enkeln. Sie kann sich kaum vorstellen, die Kinder wegen der Epidemie nun nicht mehr zu sehen. Unser Familienberater gibt Tipps für das Gespräch mit den Großeltern.
Aufgezeichnet von Julia Stanek

Meine Mutter, 67, will partout nicht einsehen, dass sie ihre Enkel derzeit nicht treffen darf. Wir haben bereits darüber gesprochen - es wurde ja auch in den Medien darüber berichtet. Als meine Frau und ich dann vom Arbeitgeber gebeten wurden, ab sofort von zu Hause aus zu arbeiten, fragte sie gleich wieder: Soll ich dann nicht zu euch kommen und mich um die Kinder kümmern? Wir wollen sie nur schützen - sollte sie sich mit dem Coronavirus anstecken, würden wir uns das nicht verzeihen. Mit dem Alter steigt ja das Risiko, dass die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt oder man sogar daran stirbt. Aber meiner Mutter scheint nicht klar zu sein, wie ernst die Lage ist. Was sollen wir ihr sagen? (Carsten S., 39, München)

Familienberater Mathias Voelchert:

Uns Menschen, nicht nur Großeltern, steckt die Gewohnheit in den Gliedern. Wer sich regelmäßig um seine Enkelkinder kümmert, sie von der Kita oder der Schule abholt und Zeit mit ihnen verbringt, weiß: Ich bin wertvoll für meine Familie, wenn ich verfügbar bin. Wenn ich anbiete, die Kinder zu betreuen, für sie zu kochen, mit ihnen zu spielen, dann entlastet das ihre Eltern - vor allem in Notsituationen, wenn sie sich selbst nicht kümmern können.

Nun haben wir eine Pandemie - Arbeitnehmer werden ins Homeoffice geschickt, Schulen werden geschlossen - und ältere Menschen sollen ihre sozialen Kontakte einschränken und sich sogar von der Familie fernhalten. Zu ihrem eigenen Schutz, wie Experten sagen. Solch eine Situation kann stark verunsichern. Der Konflikt: Sie bieten ihre Hilfe an, aber anders als sonst wird sie nicht abgerufen. Es ist verständlich, dass engagierte Großeltern von den aktuellen Ansagen nichts wissen wollen. Ich habe selbst zwei Enkelkinder und habe nach der Geburt meiner zweiten Enkelin vor 14 Tagen schweren Herzens darauf verzichtet, sofort vorbeizufahren - da war nicht nur die zweijährige Schwester traurig.

Doch ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Erklären Sie Ihren Eltern freundlich, aber bestimmt, warum es derzeit angesagt ist, Abstand zu halten: Im Falle einer Infektion mit dem Coronavirus steigt die Sterblichkeit mit dem Alter stark an, wenn der Infizierte bereits vorher geschwächt war, sagen Fachleute.

Sollten sie ein bisschen schwerhörig sein und darauf bestehen, trotz Coronakrise ihre Enkel zu besuchen, kann ich nur raten: Übernehmen Sie die Führung und seien Sie hartnäckig! Sagen Sie, warum Sie Ihre Entscheidung getroffen haben und dass es eine Vernunftentscheidung ist, die auf den Informationen von Fachleuten beruht.

Natürlich können auch die sich nicht zu 100 Prozent sicher sein, welche die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen Sars-CoV-2 sind. Aber nach dem jetzigen Stand ist es das Beste, was wir tun können, ältere, geschwächte und kranke Menschen zu schützen, und zwar durch räumliche Distanz.

Eine passende Formulierung könnte sein: "Es ist im Moment für euch besser, wenn Ihr keinen intensiven Kontakt zu uns und den Kindern habt. Wir haben zwar keine Symptome, könnten aber mit dem Coronavirus infiziert sein und möchten eine mögliche Übertragung nicht riskieren." Solche sachlichen Ansagen schaffen Klarheit. Dramatisieren Sie dabei nicht und bauen Sie kein Horrorszenario auf. Wir müssen nicht zwangsläufig von einer monatelangen Kontaktlosigkeit ausgehen. Vielleicht müssen wir es von Woche zu Woche entscheiden und je nach Lage nachjustieren. So genau weiß das derzeit niemand.

Raus mit der Sprache - am besten sofort!

Klar ist, dass jeder Einzelne jetzt handeln muss. Schieben Sie das Gespräch nicht lange auf. Sonst kommt es unter Umständen dazu, dass Sie ständig fürchten: "Hoffentlich ruft Oma nicht an!" Melden Sie sich lieber bei Ihren Eltern und teilen Sie Ihre Entscheidung mit. Bei der Gelegenheit können Sie sich auch gleich erkundigen, ob Sie ihnen irgendwie helfen können – zum Beispiel Einkäufe erledigen. So drehen Sie den Spieß um und zeigen, dass auch Sie sich gern um die Eltern kümmern wollen.

Wie sage ich es?

Die beste Freundin entwickelt sich zur Egoistin, der greise Vater sollte besser nicht mehr Auto fahren, der Sex in der Ehe war schon mal aufregender. Es gibt Dinge im Leben, die müssen angesprochen werden. Aber wie? Wann ist der richtige Moment? An dieser Stelle geben vier Expertinnen und Experten im Wechsel Ratschläge, wie es gehen kann.

Haben Sie auch eine Frage an unser Team? Dann schreiben Sie an: wiesageiches@spiegel.de 

Alle Artikel der Kolumne finden Sie hier.

Zum Schutz der Betroffenen werden die Angaben zur Person auf Wunsch verfremdet.

Was mir persönlich übel aufstoßen würde, wären fadenscheinige Argumente - etwa, wenn mir meine Tochter sagen würde: "Nun hast du mal Zeit für dich! Lies doch das Buch, das ich dir zu Weihnachten geschenkt habe." Mir muss niemand erzählen, wie ich meine Zeit nutzen kann.

Sie müssen den Großeltern nichts verkaufen. Sie sollten ihnen lieber sagen, was los ist - und ihnen die vorübergehende Kontaktpause einfach zumuten. Ohne Wenn und Aber. Machen Sie ihnen klar: Wir wollen den Kontakt nicht ab-, sondern unterbrechen. Die Aktion ist zu eurem Schutz. Sie richtet sich nicht gegen euch, sondern sie ist in eurem Sinne.

Fachleute gehen davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus infizieren werden. Es ist also offenbar nicht die Frage, ob man sich infiziert, sondern eher wann. Es geht gerade darum, Zeit zu gewinnen.

Zum Glück verlangt uns ja das Coronavirus nicht die komplette Funkstille ab - Sie können sich Briefe schreiben, telefonieren, skypen. In der heutigen Zeit gibt es viele Kommunikationsmöglichkeiten, um sich zu sprechen, zu sehen und zu signalisieren: "Ich hab dich lieb."