Nur das Brautpaar: Hochzeit am 13. März in Madrid
Nur das Brautpaar: Hochzeit am 13. März in Madrid
Foto:

Eduardo Parra/ Europa Press/ Getty Images

Coronakrise Wie Menschen jetzt heiraten - und wie sie ihre Lieben bestatten

Hochzeiten und Beerdigungen: zwei wichtige Lebensereignisse, zu denen normalerweise viele Menschen zusammenkommen. Wie verändern sich diese Feiern in Zeiten von Corona?
Von Heike Klovert und Nike Laurenz

Es sind einschneidende Momente im Leben: der Tag, an dem man Hochzeit feiert - und der Tag, an dem ein geliebter Angehöriger stirbt. Paare, die zu Eheleute werden, veranstalten oft große Partys mit vielen Gästen. Und auch Beerdigungen sind oft aufwendig organisierte Veranstaltungen, viele Menschen kommen - und stehen sehr eng zusammen.

Wie verändern sich diese Feiern in Zeiten von Corona? Können Beerdigungen mit vielen Trauernden noch stattfinden? Und müssen Menschen, die im großen Stil ihre Liebe feiern wollten, ihre Hochzeit jetzt neu planen, gar absagen?

Claudia Dornhoff, 61, hat die Bestattungsfeier für eine enge Freundin organisiert. Sie fand am Dienstagnachmittag in Herford stattfand.

"Ich habe die Verstorbene in den vergangenen Jahren begleitet, für sie gekocht, sie fast täglich besucht. Ihre Mitbewohnerin und ich, wir waren zuletzt ihre engsten Bezugspersonen. Sabine war eine großartige Frau mit so vielen Kontakten. Gar keine oder nur eine sehr kleine Trauerfeier mit wenigen Menschen für sie abzuhalten, wäre eine emotionale Katastrophe für mich gewesen. Ich hätte gar nicht gewusst, wohin ich mit meinem Frust und meiner Trauer soll.

Wir hielten letztlich eine Feier im Freien ab, rund 60 Gäste kamen. Seit der Beerdigung haben mich bestimmt 15 Menschen angerufen, um mir zu sagen, wie schön sie die Feier trotz allem fanden. Wir hatten alle das Gefühl, der Verstorbenen sehr nahe zu sein, obwohl wir uns nicht umarmten, uns nicht einmal die Hände gaben.

Eigentlich hatten wir eine Trauerfeier mit bis zu 150 Gästen in der Kapelle und danach ein gemeinsames Kaffeetrinken geplant. Das Kaffeetrinken musste ausfallen. In die Kapelle durften wir auch nicht. Zudem sagten viele wegen Corona ab.

Vorher hatte ich mit der Pastorin und dem Bestatter überlegt, wie wir verhindern können, dass sich am Sarg dann doch alle eng zusammenfinden, um zu kondolieren. Wir machten aus, dass wir gleich nach der Zeremonie langsam vom Grab weggehen, damit keine komische Situation entsteht.

Wir trafen uns vor der Kapelle und stellten uns in einem großen Halbkreis auf, in zwei bis drei Reihen. Der Bestatter wies auf sehr gefühlvolle Weise noch einmal darauf hin, dass wir genügend Abstand zueinander einhalten sollten. Viele nickten, als er das sagte. Es kamen auch nur vier Sargträger statt sechs, damit auch sie eine größere Distanz halten konnten.

Vor welchen Problemen Bestatter jetzt stehen

Bundesweit sind Beerdigungen und Trauerfeiern aufgrund der Coronakrise nur noch eingeschränkt möglich. Gottesdienste sind untersagt. Doch wie viele Menschen sich im Freien zu einer privaten Feier versammeln dürfen, ist nicht einheitlich geregelt.

Der Bundesverband Deutscher Bestatter empfiehlt, Beerdigungen derzeit nur im engsten Kreis der Familie abzuhalten. Größere Gedenkfeiern könnten später nachgeholt werden. "Auch Online-Übertragungen können, wenn die technischen Voraussetzungen bestehen, eine Alternative sein", sagt Geschäftsführer Stephan Neuser.  

Problematischer sei es, dass das Handwerk bisher nicht bundesweit als systemrelevanter Beruf eingestuft sei. Das sei jedoch wichtig, damit die rund 4500 Bestattungsfirmen in die Notfallpläne der Länder aufgenommen und mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel versorgt würden. 

"Unsere Mitgliedsunternehmen können aktuell so gut wie keine Desinfektionsmittel, Mund- und Nasenschutz, Schutzbrillen und Einweghandschuhe mehr käuflich erwerben", warnte Neuser. Bestatter müssten jedoch strenge Hygienevorschriften einhalten, wenn sie Leichname versorgten. Außerdem hätten sie regelmäßig mit älteren Menschen zu tun, die zur Risikogruppe zählen. 

"Wir sind in einem Zwiespalt", sagt Andreas Niehaus, Bestatter aus Bielefeld. "Einerseits müssen wir versuchen, uns und unsere Familien, Mitarbeiter und Kunden zu schützen. Andererseits müssen wir den Menschen einen Weg geben, um sich von ihren Verstorbenen zu verabschieden."

Er habe seine Firma mit zehn Angestellten in zwei strikt voneinander getrennte Gruppen geteilt, sagt Niehaus. Die Idee: Wenn eine wegen des Virus ausfällt, kann die andere weiterarbeiten. "Außerdem versuchen wir, den Kontakt zu älteren Menschen bei Trauergesprächen und Bestattungen so gut es geht zu vermeiden."

Die Pastorin sagte einige schöne Worte, wir beteten einen Psalm und folgten anschließend dem Sarg. Neben dem Grab stand eine Vase mit langstieligen bunten Rosen. Wir wussten alle, dass Sabine bunte Rosen geliebt hat, ihr Garten stand voll davon.

Wir wollten keine Erde ins Grab werfen, weil so jeder dieselbe Schaufel angefasst hätte. Stattdessen warf jeder eine Rose hinein. Der Strauß wurde immer dünner und der Sarg immer bunter, dazu hörten wir die "Morgenstimmung" von Peer Gynt aus der Musikanlage, der Bestatter hatte sie aufgestellt.

Das war ein wunderschöner Moment.

Wir sangen nicht gemeinsam, das fehlte mir etwas. Andererseits hätte ich nur einen noch dickeren Kloß im Hals gehabt. Es fühlte sich auch so sehr intensiv und tröstend an.

Die Verstorbene hatte sich eigentlich gewünscht, dass wir uns nach der Beerdigung treffen und an sie denken. Das konnten wir jetzt nicht. Aber sie hatte im Juli Geburtstag und wenn es möglich ist, wollen wir an dem Tag alle in der Nähe des Friedhofs zusammenkommen, um das nachzuholen. Viele von uns freuen sich schon sehr darauf. Auch die, die nicht zur Beerdigung kommen konnten.

Wir müssen in dieser Zeit kreativ werden, damit wir Trauerfeiern weiter abhalten können. Wenn 60 Gäste zu viel sind, könnten auch nur zehn Leute in sechs Etappen hintereinander zum Grab gehen. Hauptsache, sie können Blickkontakt zueinander aufnehmen und ihre Trauer in irgendeiner Weise ausdrücken. Menschen einsam unter die Erde zu bringen, nee, das verbietet der Respekt vor den Verstorbenen und ihren Angehörigen.

Ich empfinde es auch als Chance, dass wir jetzt stärker reflektieren, was wir tun und wie wir miteinander umgehen. Ich telefoniere gerade viel mit Menschen, mit denen ich vorher weniger gesprochen habe. Wir waren es so gewohnt, uns regelmäßig zu treffen. Jetzt fehlen wir uns und es ist für mich großartig zu entdecken, welche anderen Wege es gibt, Anteilnahme auszudrücken als die, die wir alle kennen."

Hans-Jörg und Maike aus Berlin wollten kirchlich heiraten - diese Woche. Das große Fest mit 50 Gästen und frisch polierten Ringen: fällt aus.

"Genau jetzt, an diesem Donnerstagnachmittag, 19. März, wären wir eigentlich am Paulinenhof in Bad Belzig angekommen, um dort mit unseren Hochzeitsfeierlichkeiten zu beginnen. Wir sind seit zehn Jahren standesamtlich verheiratet und haben mittlerweile eine kleine Tochter, nun sollte die kirchliche Trauung folgen. Und wir wollten den Anlass nutzen, unsere Kleine taufen zu lassen, wir wollten eine Traufe feiern. Dann kam Corona.

In der vergangenen Woche haben wir alles abgesagt. Die Feier mit den 50 Eingeladenen findet nicht statt. Die Torte, das Büffet, die Blumen: sind abbestellt. Der DJ, der Fotograf, der Videograf: waren alle engagiert, brauchen alle nicht mehr kommen.

Die Wochen vor der eigenen Hochzeit sind Wochen der Freude, bei uns bestanden sie aus immer größer werdender Unsicherheit. Als die ersten Corona-Maßnahmen von der Bundesregierung angeordnet wurden, fingen wir an, uns zu fragen, was aus unserer Party wird.

Was wird aus den Gästen, unter denen einige bei der Polizei und bei der Bundeswehr arbeiten? Was wird aus jenen, die Angst haben, sich anzustecken, und vielleicht nicht mehr kommen wollen? Unter den Eingeladenen ist eine Schwangere, einer hat Leukämie, eine hat Asthma. Und können die Leute überhaupt anreisen, kommen sie doch aus dem ganzen Land, aus Dresden, Hannover, Frankfurt? All das war plötzlich nicht mehr klar.

Vor welchen Problemen Hochzeitsplaner jetzt stehen

Bayern hat Freitag eine beschränkte Ausgangsbeschränkung verhängt, auch andernorts müssen Veranstaltungen und Partys abgesagt werden. Wer aber trägt die Kosten, wenn eine Hochzeit jetzt nicht stattfinden kann?

Wer einen Hochzeitsplaner gebucht habe, müsse ihn nur für vor der Feier erbrachte Leistungen bezahlen, insofern das so vertraglich festgehalten worden sei - auch wenn die Feier selbst abgesagt oder verschoben werde, sagt Svenja Schirk vom Bund Deutscher Hochzeitsplaner (BDHO).

Wurde nur eine Location gebucht, in der die Feier stattfinden sollte, kann die Buchung laut Schirk storniert werden - dies gilt allerdings nur für Feiern in den kommenden Wochen, die gesetzlich verboten wurden. Der BDHO beantwortet auf einer extra eingerichteten Webseite  häufig gestellte Fragen von angehenden Ehepaaren in dieser Situation.

"Die Lage ist sehr, sehr angespannt", sagt Mary Erfurth , Hochzeitsplanerin aus Hamburg. Ihre Kundinnen und Kunden sind besorgt, manche wollen ihre Hochzeit ausfallen lassen. "Ich finde es absolut richtig, dass Feiern untersagt werden. Aber ich würde mich freuen, wenn sie von den Paaren deswegen nicht direkt abgesagt, sondern lediglich verschoben werden."

An einer Hochzeit hingen viele Dienstleister, sagt Erfurth, die nun alle um ihre Gehälter bangen müssten. "Ich hoffe, ich schaffe es durch diese Zeit", sagt Erfurth. "Wenn weitere Hochzeiten wegbrechen, wenn vor allem keine Aufträge mehr reinkommen, und ich keine staatliche Hilfe bekomme, dann schaffe ich es nicht."

Wir hatten anderthalb Jahre Planung hinter uns. Wir hatten eine eigene Weddingplannerin, die Feier sollte über mehrere Tage gehen: Donnerstag im Paulinenhof ankommen, einchecken, die ersten Gäste begrüßen, Freitag große Hochzeitsparty und Taufe, Samstag gemütlicher Ausklang mit engen Freunden und Familienmitgliedern.

Dass das Fest ausfallen muss, wurde uns klar, als wir vor einigen Tagen den Anzug und das Brautkleid abholen wollten. In dem Laden war total viel los, es hieß: Die Leute müssen ihre Kleider teilweise unfertig abholen, weil sich die Außenschneidereien in Polen und Tschechien befinden - in Ländern, die dabei waren, ihre Grenzen zu schließen. Maike bekam ihr Kleid noch, ein Glück. Trotzdem entschieden wir uns, die Feier abzusagen. Mittlerweile wäre sie ohnehin verboten gewesen.

Unsere Hochzeitsplanerin sagte den Dienstleistern Bescheid, wir den Gästen. Wir hatten das Gefühl, dass viele erleichtert warten: Wir hatten entschieden, damit nahmen wir auch den anderen die Unsicherheit darüber, ob sie in dieser schwierigen Zeit wirklich kommen sollten. Maikes Vater sagte: Das Thema Nummer 1 während der Party wäre sowieso Corona gewesen. Kein Thema für eine Traumhochzeit, oder?

Was wir bereits bezahlt haben, meist 50 Prozent des jeweiligen Lohns, muss keiner zurückzahlen. Wir wollen die Hochzeit nachholen, ganz sicher, mit denselben Leuten. Die Frage ist nur: Wann? Gibt es unsere Location in einem Jahr noch? Werden alle diese Krise wirtschaftlich überleben?

Es ist ziemlich frustrierend, ein solches Fest abzusagen. Klar, wir haben Verständnis für alle Regelungen - aber es ist auch hart, nun jeden Tag an dem Brautkleid vorbeilaufen zu müssen, das Maike erst einmal nicht tragen wird. Der Kleidersack ist so riesig, dass er nicht in unseren Schrank passt. Wir müssen nun überlegen, wo wir dieses Kleid einlagern.

Unsere Ringe, die wir schon seit zehn Jahren tragen, hatten wir extra noch einmal zum Juwelier gebracht. Sie sollten poliert werden, damit sie an unserem Hochzeitstag in neuem Glanz erstrahlen. Die Ringe haben wir jetzt hier liegen.

Aber weil es Quatsch und sehr traurig wäre, wenn wir sie nun monatelang nicht mehr tragen würden, haben wir uns was überlegt: Wir stecken uns die Ringe morgen an, als würden wir heiraten. Nicht im Paulinenhof, sondern bei uns zu Hause, im Wohnzimmer. Ohne Gäste. Aber unsere kleine Tochter ist da. Und vielleicht gibt es was Tolles zu essen."