Juno Vai

Alter! - Die Midlife-Kolumne Die Natur des Mannes? Nein, keine Entschuldigung!

Wenn die Tochter sexuell belästigt wird und der Physiotherapeut über "Weiber" klagt, könnte man glauben, es habe #MeToo nie gegeben. Zeit für die Midlifer, junge und alte Säcke auf Kurs zu bringen. 
Kolumnistin Juno Vai

Kolumnistin Juno Vai

Foto:

Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Meine Tochter kam neulich mit hochrotem Gesicht und nach Luft ringend vom Joggen nach Haus - nicht wegen des harten Trainings, sondern aus Wut. "Diese fiesen Typen, ich fasse es nicht, die haben mich aus dem Auto heraus angemacht und beleidigt", rief sie. "Dabei wollte ich nur in Ruhe laufen!"

Das kam mir bekannt vor. Es erinnerte mich an das Spießrutenlaufen während eines Auslandsjahres in Italien, als mich Unbekannte regelmäßig durch die Straßen Roms verfolgten, mitunter kilometerweit. Dieses Schnalzen und Zischeln, die Schmeicheleien, die bei Widerworten sofort in Obszönitäten und Beleidigungen kippten. Der Dauerstress, wenn man allein auf die Straße ging. Die Versuche, mit Sonnenbrille und Kopfhörern dieser Welt voller Stalker zu entkommen, nichts zu hören, nicht gesehen zu werden.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Für mich und meine Freundinnen war das damals Alltag. Es war lästig, aber weder Frauen noch Männer stellten ernsthaft die Frage, ob das so sein dürfe, trotz feministischer Diskurse. Das Klischee des italienischen Mannes, die notorische Verwechslung von Charme und Nötigung machten es möglich. 

Jetzt also hat es meine 16-jährige Tochter getroffen, in der prosaischen norddeutschen Provinz. Dieselbe Aufdringlichkeit, Geschmacklosigkeit, Ignoranz. Ich habe viel geschrieben über sexuelle Belästigung, ich kenne die Umfragen, die Zahlen, die Mechanismen. Ich weiß, dass Mädchen im Minirock genauso angemacht werden wie Frauen mit Hijab, egal in welchem Land dieser Welt. 

Die männliche Moral in meinem Dinosaurierhirn

Aber was glauben Sie, war mein erster Gedanke, als meine Tochter mir davon erzählte? "Nun, sie hätte vielleicht nicht bauchfrei loslaufen und lieber ein T-Shirt überziehen sollen." Im Ernst jetzt. Natürlich schämte ich mich sofort für diese abgeschmackte Anwandlung - zumal meine Tochter bereits dabei war, im Geiste eine Awareness-Kampagne in Kooperation mit einem Sportklamottenhersteller zu entwerfen. 

Dennoch war die dümmliche Klamottenfrage das Erste, was mir in den Sinn gekommen war. Aus mütterlicher Sorge, nun gut. Aber auch so, als habe sich die männliche Moral für immer in mein Dinosaurierhirn gefressen. Ich schwafelte diffuses Zeug über Schlüsselreize, die dafür sorgten, dass die Natur des Mannes bisweilen über Kultur und gute Manieren dominiere. "Dann sollen sie sich verdammt noch mal zusammenreißen!", sagte meine Tochter empört. In ihrem wütenden Blick spiegelten sich 40 Jahre Debatten um Frauenrechte, Demonstrationen, Brutalitäten, Kämpfe, persönliche Opfer, Siege und Niederschläge, all das, was es auch lange vor MeToo schon gab. 

Und plötzlich war ich so froh und dankbar, dass diese selbstbewusste junge Frau sich noch nicht einmal vorstellen kann, dass man faule Kompromisse in Sachen Respekt eingeht. Dass sie wehrhaft ist und unerschrocken. Dass sie sich ihrer Rechte bewusst ist und sie durchsetzt. Und dass gesellschaftliches Engagement tatsächlich das Bewusstsein vieler verändern kann - auch wenn es, wie in meinem Fall, trotz besseren Wissens dauern kann, Stereotype zu überwinden.  

Kampf der Trägheit 

Wut ist dabei ein guter Motor. Allerdings tendiert der gerechte Zorn im Alter dazu, sich in Sarkasmus aufzulösen wie Zucker in Absinth. Und ich frage mich, wie wir Mittelalten unsere Sinne wieder schärfen können für notwendige Veränderungen, wie wir unsere Trägheit bekämpfen und nicht den Jungen die ganze Arbeit überlassen. Viele meiner Freunde entdecken gerade ihre alte Kampfeslust wieder – sie demonstrieren, schreiben Pamphlete, schalten Petitionen. Sie trösten und ermutigen zu Widerstand, sei es gegen Frauenfeindlichkeit, Rassismus oder wahnsinnige Despoten. Das finde ich großartig. Aber ich bin mehr so der Eye-to-eye-Typ. 

In letzter Zeit ertappe ich mich dabei, dass ich jeden, dem ich Ungerechtigkeit unterstelle, lautstark und öffentlich konfrontiere. Manchmal komme ich mir dabei vor wie die traditionelle Dorfschrulle, die jeder kennt und niemand so richtig für voll nimmt, wenn sie mal wieder ausrastet. 

So wie neulich beim Physiotherapeuten, einem hageren, asketisch wirkenden Marathonmann, der mich kurz begrüßte und zur Anamnese schritt: "Sitzende Tätigkeit?" Ich nickte. "Sport?", fragte er. "Bisschen Yoga", sagte ich. Er verzog das Gesicht. Als "Bildschirmmensch" könne ich nun selbst entscheiden, ob er mich nur ein wenig massieren oder mir konkrete Anleitung zum Muskelaufbau und zur Gewichtsreduktion geben solle. Subtext: "Du bist fett und faul und willst eh nur Wellness." 

"Ich lass mir meine Weiber nicht nehmen"

Ich entschied mich für das Training, spürte aber eine infantile Bockigkeit in mir aufsteigen, wie das immer so ist, wenn man von außen dazu getrieben wird, seine Komfortzone zu verlassen. Mein Körper hatte sich an Ausweich- und Vermeidungsbewegungen gewöhnt und weigerte sich standhaft, von diesen bequemen Automatismen zu lassen. Aber ich biss die Zähne zusammen und zeigte mich folgsam.

Nach getaner Arbeit stöhnte der Marathonmann, mit den Weibern und der Physio sei das ja immer so eine Sache. Weil ich diskoexzessbedingt inzwischen zur Schwerhörigkeit neige, beugte ich mich weit über den Tresen: "Haben Sie gerade Weiber gesagt?" Ja, sicher, antwortete er treuherzig. "Dieses ganze MeToo-Gequatsche, das ist doch alles total überzogen, oder?", fragte er in Richtung einer jungen Kundin, die kichernd nickte. Er sei jetzt über 60 und lasse sich seine Weiber nicht nehmen, das Wort finde man ja schließlich schon in der Bibel. 

Und siehe da, sie kehrte zurück – all meine jugendliche Wut. Und entlud sich in einem Wortschwall, der eigentlich eher an die verunsicherte Jasagerin als an den Marathon-Macho gerichtet war. Wie kann es sein, dass jemand jeden Tag seine müden Muskeln trainiert, aber im Denken so unfassbar ungeschmeidig ist? Dass er glaubt, ab einem gewissen Moment nur noch den Status quo bewahren und das Denken einstellen zu müssen?

"Weiber hin oder her", rief ich. "Alter ist keine Entschuldigung – für gar nichts." Und das gilt definitiv für uns alle.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.