Frau mit Kind (Symbolbild)
Frau mit Kind (Symbolbild)
Foto: Stanislaw Pytel / Getty Images

Corona-Maßnahmen »Die neue Shutdown-Regel versetzt Alleinerziehende in Quarantäne«

Menschen aus einem Haushalt dürfen nur noch eine Person treffen – und Kinder zählen nun vielerorts mit. Was die neue Maßnahme zur Pandemieeindämmung für Einelternfamilien bedeutet.
Ein Interview von Julia Stanek

SPIEGEL: Spätestens ab Montag sind in den meisten Bundesländern nur noch private Treffen zwischen einem Haushalt und einer Person erlaubt. Neu ist, dass Kinder unter 14 Jahren nun als volle Person mitgezählt werden sollen – anders als bei den bisherigen Corona-Regeln. Ist das nicht besonders für Alleinerziehende ein Problem?

Daniela Jaspers: Ja. Alleinerziehende leben von Netzwerken. Sie sind angewiesen auf die Hilfe von Verwandten, Freundinnen und Freunden, von Menschen aus Kollegium und Nachbarschaft. Wenn man nun nur noch eine Person außerhalb des Haushalts treffen darf, fallen wichtige Kontakte weg. Denn andere Haushalte, zum Beispiel befreundete Familien, müssten ja entscheiden, ob sie das alleinerziehende Elternteil oder dessen Kind treffen.

SPIEGEL: Bekanntschaften und Freundschaften bestehen nicht nur, aber häufig gerade wegen der Kinder. Sie entwickeln sich oft aus Kita und Schule heraus. Kleinere Kinder treffen ihre Spielfreunde aber noch nicht allein.

Jaspers: Genau, darum versetzt die neue Shutdown-Regel Alleinerziehende in eine Art Quarantäne.

SPIEGEL: Zumindest in Bezug auf Verabredungen in der Eltern-Kind-Kombination.

Jaspers: Richtig. Wer seinen Kindern ermöglichen möchte, weiter ein anderes Kind zu treffen, der muss es allein dorthin schicken. Und Alleinerziehende haben auch nicht mehr die Möglichkeit, sich mit anderen Erwachsenen zu treffen, zum Beispiel mit einer Freundin, weil sie schließlich ihr Kind nicht allein lassen können. Dabei ist gerade der Austausch mit Gleichaltrigen wichtig, und zwar nicht nur für die Kinder in Einelternfamilien, sondern auch für Mutter oder Vater selbst. So schön die Zeit mit den Kindern ist – ab und zu braucht es auch ein Gespräch mit einem Erwachsenen.

SPIEGEL: Kann ein Telefonat mit einer Bekannten oder einem Bekannten da helfen?

Jaspers: Sicher ist es wichtig, überhaupt in Kontakt zu bleiben – ob nun telefonisch oder per Videoanruf. Aber die Nähe, die man spürt, wenn man eine vertraute Person im gleichen Raum trifft, wenn man sich bei einem Gespräch in die Augen schauen kann, die ist durch keinen Anruf zu ersetzen. Es ist jetzt wichtig, dass Alleinerziehende psychosozial stabil bleiben, dass sie mitten in der Pandemie mit ihren Kindern nicht allein gelassen werden. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen Kontakte – und wenn es auch wenige sind.

SPIEGEL: Und das Coronavirus braucht Kontakte zwischen Menschen, um sich auszubreiten.

Jaspers: Es ist absolut nachvollziehbar, dass man die Ausbreitung des Virus eindämmen muss. Schwer nachvollziehbar aber sind Maßnahmen, die dazu führen, dass Alleinerziehende noch mehr auf sich allein gestellt sind. In Berlin hat die Politik glücklicherweise einen Sonderweg eingeschlagen: Hier werden Kinder in Einelternfamilien bei den Kontaktbeschränkungen weiter nicht mitgezählt. Darüber bin ich sehr froh – nicht nur, weil ich als Alleinerziehende in Berlin lebe. Vielleicht wurde hier auch an Einelternfamilien gedacht, weil es in keiner anderen Stadt in Deutschland so viele Alleinerziehende gibt.

SPIEGEL: Auch Bundesländer wie Sachsen und Bremen weichen von der neuen Regel ab und wollen Kinder von der maximalen Personenzahl ausnehmen. In Hamburg dagegen gilt für Alleinerziehende keine offizielle Ausnahme. Dafür hat Sozialsenatorin Melanie Leonhard gesagt, Familien mit Kindern dürften sich schon auch auf dem Spielplatz über den Weg laufen – und es sei »wahrscheinlich nicht angemessen, die Kinder auseinanderzuzerren«. Was machen solche Ansagen mit Eltern?

Jaspers: Im Zweifel haben sie auch noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Regeln nicht 100-prozentig einhalten und ein bisschen erfinderisch sind. Oder sie müssen Angst haben, auch noch denunziert zu werden. Besser als nett auf Grauzonen hinzuweisen, wäre es, wenn alle Bundesländer Kinder bei den Kontaktbeschränkungen nicht als volle Person mitzählen.

SPIEGEL: Würden Sie die Corona-Politik hierzulande als familienfeindlich bezeichnen?

Jaspers: Ja, diese neue Regel zeigt wieder einmal, dass Alleinerziehende einfach nicht bedacht werden. Auch anfangs, beim ersten Corona-bedingten Shutdown im Frühjahr 2020, gab es sehr schräge Situationen. Alleinerziehende, die mit ihren Kindern einkaufen gehen wollten, wurden von Supermärkten abgewiesen, weil sie in Begleitung waren. Die Spielplätze waren geschlossen. Das ist dieses Mal nicht mehr so. Es gibt Lichtblicke.

SPIEGEL: Welche noch?

Jaspers: Die Kinderkrankentage für Alleinerziehende sollen von 20 auf 40 Tage ausgeweitet werden. Allerdings ist noch nicht klar, wie hoch die Hürden eigentlich sind, um daran zu kommen, also wer etwa die Bescheinigung ausstellt – und der Arbeitgeber muss auch mitmachen. Ein Gesetz dafür gibt es noch nicht, und wir haben bald Mitte Januar. Alleinerziehende brauchen viel Planungssicherheit. Im Zweifel reichen sie nun voreilig Urlaubstage ein, um mit Homeschooling und unbetreuten Kitakindern den Shutdown zu überstehen. Aber Erholung, die brauchen sie vor allem dann, wenn das alles hier vorbei ist.

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