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Leben als Sozialhilfeempfänger Irgendwas musst du doch wollen

Wer wirklich will, der findet Arbeit. Oder? Ein neuer Dokumentarfilm über eine Sozialhilfe beziehende Familie rüttelt an alten Vorurteilen. Was richtig ist, entscheiden allein die Zuschauerinnen und Zuschauer.
Von Nike Laurenz

Nichts, gar nichts gibt es zu genießen an diesem Tag, in dieser Woche, egal. Claudia sitzt auf dem Sofa, Handy auf Lautsprecher, der Anrufer sagt: "Jetzt bist du 21", und Claudia, die Geburtstag hat, sagt ins Handy: "Ja, beschissen." Sie sagt: "Ich will am liebsten noch ein Kleinkind sein. Von der Welt nichts mitkriegen und so. Das wäre meins."

Es gibt keine Party, es gibt keine Torte, und wenn der Fernseher nicht läuft, dann ist es fast ganz still, genau wie gestern schon, genau wie morgen. Was soll dieses Leben noch bringen?

Claudia hat keinen Schulabschluss, hat noch nie gearbeitet, wurde mit 14 schwanger. Mit dem Baby blieb sie zu Hause wohnen, in einer Sozialwohnung im Wiener Stadtteil Simmering. Eine Wohnung, in der keiner einen Beruf hat und alle Sozialhilfe bekommen, Claudia, Claudias Mutter, Claudias Bruder. Drei Leute plus Kleinkind, die wohnen und essen können, weil der Staat es ihnen bezahlt.

Claudia, mittlerweile 21, in der Doku: "Am liebsten noch ein Kleinkind sein"

Claudia, mittlerweile 21, in der Doku: "Am liebsten noch ein Kleinkind sein"

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Takacs Filmproduktion

Das ist die Familie, die die österreichische Filmemacherin Lisa Weber für ihren neuen Dokumentarfilm "Jetzt oder morgen" begleitet hat. Es ist ein Film, der fragt, ob ein solches Leben noch mehr zulässt außer Wohnen, Essen, Schlafen. Es sind Szenen, die ein in vielen westlichen Gesellschaften tief verankertes Vorurteil in Zweifel ziehen: Wer keinen Job findet, obwohl er arbeiten könnte, ist selbst daran schuld – und asozial.

Über drei Jahre besuchte Lisa Weber die Familie mit ihrer Kamera, an insgesamt 81 Drehtagen, zwischen 2016 und 2019. Ein Team aus fünf Leuten betrat dann die Wohnung mit wenigen Zimmern, die Regisseurin, die Tonfrau, der Produktionsleiter, Kamerafrau und - assistenz.

Ohne zu kommentieren, ohne viel zu erklären, erzählt der Film in langen Einstellungen von den vier Leben. Es geht um Claudia, rote Haare, bauchfreie Shirts, die ein Kind bekam, als sie selbst noch eine Teenagerin war. Es geht um ihren Sohn, Daniel, mittlerweile im Kindergarten. Es geht um Claudias schul- beziehungsweise arbeitslosen Bruder Gerhard und um deren beider Mutter Gabi, eine Frau, die viel Computer spielt, viel raucht und die anderen häufig tröstet.

Der Film zeigt, wie sich das Dasein in der Sozialbausiedlung für die vier anfühlt. Aufwachen, im Bett oder auf dem Sofa, rauchen. Zähne putzen in der Küche, da ist die Arbeitsplatte noch voll mit benutztem Geschirr. Anziehen, Jogginghose, rauchen. Den Kleinen in die Kita bringen, dann schnell zurück ins Warme. Zocken, YouTube gucken, rauchen. Mit den anderen quatschen, jammern und auch lachen, über Fitnessstudios, Jobcenter, den Sommer. Aus dem Fenster schauen, auf leere Wege im Hof, oder ins Zimmer, wo die Katze behutsam auf der Lehne balanciert. Nochmal rauchen, später spielen, wenn der Kleine aus der Kita zurück ist.

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Es gibt nicht immer Worte, aber, das verblüfft, es gibt auch kaum Streit. Es ist nicht nur langweilig, es ist auch behaglich.

Wenn Claudia "When You Believe" von Mariah Carey und Whitney Houston singt, dann stehen alle andächtig dabei und hören mit geschlossenen Augen zu. Wenn jemand weinen muss, ist immer ein anderer da, der versteht. Wenn doch mal jemand lauter wird, ist immer einer da, an dem sich Wut entladen kann. Viel häufiger aber passiert es, dass jemand aufsteht und sich minutenlang an einen anderen schmiegt. Dann schmusen sie und streicheln sich. Sie dösen gemeinsam weg. Eine Steppe mit vier Lebewesen, mittendrin in der Menschheit.

Wie viel Lethargie kann ein Individuum aushalten? Und wenn es stimmt, dass jeder selbst für sein Glück verantwortlich ist, haben die vier dann nicht einen Haufen zu tun?

Lisa Weber ist nah dran an der Familie, und damit eine von wenigen, die sich für sie interessiert. Weber, 30 Jahre alt, wuchs in Wien im selben Bezirk auf – dort, wo auch Claudia aufwuchs und wo die Familie auch jetzt noch lebt. Trotzdem stamme sie selbst aus einem ganz anderen Milieu, sagt Weber. Als Kind eines Gärtners und einer Gärtnerin startete sie ins Leben, absolvierte später ein Regiestudium an der Wiener Filmakademie.

An einem Tag, Weber war erst 19 Jahre alt, entdeckte sie Claudia in der Nachbarschaft. Claudia war zwölf und schon am Rauchen. "Sie gehörte zu den coolen Mädchen", sagt Weber im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Sie hat mich sehr fasziniert, ich hatte eine Affinität zu ihr, ohne wirklich sagen zu können, warum."

Aus der Beobachtung sei Annäherung geworden und daraus so etwas wie Freundschaft, sagt Weber. "Ich habe Claudia und ihre Familie kennengelernt, habe viel Zeit bei ihnen verbracht. Ihr Zuhause war für mich wie eine Höhle, abseits der eigenen Familie. Dort wurden nicht die üblichen Fragen gestellt, kein 'Was hast du gemacht?', 'Was gibt es Neues?'. Es geht gar nicht um Leistung. Man ist einfach da, verbringt Zeit."

Als Lisa Weber noch während des Studiums beschloss, die Familie für einen Film zu begleiten, habe diese sofort zugestimmt, sagt Weber. Sie seien auch die Ersten gewesen, die den fertigen Film gesehen hätten. "Die Familie fand, dass ihr Leben sehr echt rüberkommt." Als der Film im Februar bei der Berlinale uraufgeführt wurde, waren alle mit dabei. Claudia, Claudias Freund, das Kind, Gabi und Gerhard reisten von Wien nach Berlin. "Sie waren urstolz", sagt Lisa Weber. "Und deswegen war ich es auch."

Als das Filmfest rum war, ging es für die Familie zurück in die Sozialbausiedlung. Immer noch dieselbe, bis heute. Vier Leben auf Kosten des Staats. Warum gehen sie nicht endlich los, Arbeit suchen?

Claudia mit Bruder Gerhard in der Doku: Ein Zuhause wie eine Höhle

Claudia mit Bruder Gerhard in der Doku: Ein Zuhause wie eine Höhle

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Der Film gibt keine konkrete Antwort, stellt dafür noch mehr Fragen. Wie soll man denn eine Arbeit finden, die man selbst sinnvoll findet, wenn die beim Jobcenter immer sagt, es sei bloß was an der Kasse zu haben? Wenn man immer das Gefühl hat, dass draußen niemand wartet? Dann kann man auch drinnen bleiben.

Drinnen ist Lisa Weber da, wenn Claudias Bruder Stunden vorm Rechner verbringt, virtuell Lkw fährt, und dazwischen sagt: "Ich hab so viel Zeit und kein Leben." Sie ist da, als die drei Erwachsenen über Politik reden, als Gabi sagt, sie finde es ungerecht, dass Muslime im Land kein Weihnachten feierten, in ihren Jobs aber Weihnachtsgeld bekämen. Claudia und ihr Bruder dazu: "Aber es gibt so viele Asylanten, die Hilfe brauchen, weißt?" Und Lisa Webers Kamera ist auch an, als Claudia an ihrem Geburtstag ohne Gäste dasteht und leise sagt, dass sie jetzt heulen will.

Es braucht Geduld, um den Film zu sehen, die eintönigen Bilder, die totale Abstinenz von Energie. Claudia, die am meisten zu sehen ist, will man schütteln, ihr sagen: Irgendwas musst du doch können. Irgendwas musst du doch wollen! Aber es gibt auch Momente, die diesem Impuls widersprechen: "Bei allen Defiziten, die es in der Familie gibt, gibt es andere Dinge, die wiederum sehr gut funktionieren", sagt Lisa Weber. "Liebe."

Szene aus "Jetzt oder morgen": Das Gefühl, dass draußen niemand wartet

Szene aus "Jetzt oder morgen": Das Gefühl, dass draußen niemand wartet

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Im Laufe der Dreharbeiten entstand so viel Vertrauen, sagt die Filmerin, dass die Familie der Regisseurin einen Wohnungsschlüssel gab. An manchen Tagen betraten Weber und ihr Team die Wohnung und bauten ihr Equipment auf, während die Familie noch schlief.

Das sind die intimsten Momente des Films. Wenn es Morgen wird und die Sonne ein bisschen auf das Sofa scheint, das gleich wieder besetzt wird, auf die Küche, in der die Zahnbürsten liegen. Einmal ist zu sehen, wie Claudia und ihr Sohn sich an den Händen halten, während sie schlafen, die Gesichter der beiden sind einander zugewandt. Zusammen träumen, bevor alles von vorn beginnt, Kippenfrühstück, Kita, schmusen. Die tägliche Frage, ob es für immer so weitergeht, das schmerzliche Gefühl: Wenn ich nicht relevant bin fürs System, dann ist das System vielleicht nicht relevant für mich.

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