Familiennewsletter Oh ja, ich möchte auch krank sein!

Der Elternabend von Malte Müller-Michaelis

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, liebe Eltern,

Ist die Kita Ihres Kindes auch gerade geschlossen? (Symbolbild)

Ist die Kita Ihres Kindes auch gerade geschlossen? (Symbolbild)

Foto:

Kelly Knox / Stocksy United

die Themenwahl für diesen Newsletter hat mir das Leben abgenommen: Während ich schreibe, hüpft nämlich ein unausgelasteter Fünfjähriger um mich herum und fordert mich auf, mit ihm Fußball zu spielen. Im Wohnzimmer versteht sich. Jetzt sofort! Ich habe es bisher nicht geschafft, ihm das Konzept Geduld zu vermitteln. Für Tipps, wie man das macht, bin ich sehr dankbar.

Was dieser kleine Mensch hier macht? Die Kita ist geschlossen, weil weder ausreichend andere Kinder noch Erzieherinnen oder Erzieher zur Verfügung stehen, um ihn zu bespaßen. Alle krank!

Das geht nicht nur mir so: Kaum ein digitales SPIEGEL-Meeting, in dem sich nicht zwei bis acht Kolleginnen oder Kollegen mit kleinen Kindern auf dem Schoß vergebens um Multitasking bemühen. So wie ich gerade. (Zu dem Thema empfehle ich übrigens diesen schönen Text  meines Kollegen Stefan Weigel.)

Geschlossene Kitas und Krankheitswelle – das klingt so 2020. Ist die Pandemie schon wieder zurück? Kann sich die Welt nicht mal was Neues ausdenken?

Das aktuelle Virus

Sie wissen es sicher schon: Vor allem bei kleinen Menschen ist Covid-19 aktuell nicht das Hauptproblem. Das RS-Virus sorgt für dramatische Zustände in Praxen und Krankenhäusern. Meine Kollegin Milena Hassenkamp hat dazu einen lesenswerten Text geschrieben, in dem es auch um die politische Dimension des Problems geht. Überschrieben ist der Artikel mit einem Zitat des Berliner Kinderarztes Jakob Maske: »Da fängt man doch an zu heulen!«  Ich fühle das.

Meine Kollegin Kristin Haug hat über dasselbe Thema mit Karin Becke-Jakob gesprochen. Sie ist Chefärztin für Anästhesie, Kinder-Anästhesie und Intensivmedizin an einer Nürnberger Kinderklinik und beschreibt, dass es gerade – mal wieder – die Kleinsten besonders trifft: »Die Zuwendung zum Kind, die Anwesenheit am Bett, das Ablenken, das Spielen – all das wird weniger.« 

Sie gibt auch Ratschläge für den Umgang mit kranken Kindern. Auch wenn es schwerfällt, fahren Sie bitte nur in absoluten medizinischen Notfällen in die Notaufnahme. Dass ihre Kinderärztin oder ihr Kinderarzt gerade keine Zeit hat, ist nicht zwingend ein Notfall. Und glauben Sie mir, ich habe größtes Verständnis dafür, dass man gerade mit jungen Kindern eher einmal zu viel als einmal zu wenig ins Krankenhaus fährt.

Becke-Jakob empfiehlt den fachärztlichen Notdienst, erreichbar unter der Nummer 116117 . Und viele Krankheitssymptome lassen sich auch zu Hause bekämpfen. Selbst dann, wenn Sie gerade keinen Fiebersaft – bei uns nur »Zaubertrank« genannt – vorrätig haben, der im Moment kaum zu bekommen ist.

Meine Kollegin Marthe Ruddat, übrigens eine ausgebildete Kinderkrankenpflegerin, hat die wichtigsten Tipps  für Sie zusammengestellt. Ich rate Ihnen, diesen Artikel mit einem Lesezeichen abzuspeichern – selbst wenn Sie gerade Glück und kein akut krankes Kind haben.

»Nachholeffekte«

Wo ich gerade bei nicht akut kranken Kindern bin: Mein Sohn ist quietschfidel. Wenn auch gerade ein wenig sauer. Ich habe zwei Tore geschossen. So war das wohl nicht gemeint mit dem Mitspielen. Ich bin sozusagen das Costa Rica unseres Wohnzimmers. Und er ist wie Deutschland: raus, der Fußballzwerg . In seinem Fall aus dem Wohnzimmer. Beleidigt in sein Zimmer gestampft. Was Frustrationstoleranz bedeutet, konnte ich ihm bisher auch nicht erklären.

Tor gegen den Fußballzwerg: Links ich, in Gelb mein Sohn (Symbolbild)

Tor gegen den Fußballzwerg: Links ich, in Gelb mein Sohn (Symbolbild)

Foto: Christian Charisius / dpa

Am Wochenende wollten wir eigentlich Freunde besuchen. Die haben uns aber ausgeladen. Sie ahnen es: auch da – alle krank. Und was sagte mein Sohn, als er das hörte? »Aber wir können doch trotzdem hinfahren.« Ich daraufhin: »Das ist keine gute Idee, dann werden wir nämlich auch krank.« Darauf wieder er: »Oh ja, ich möchte auch krank sein.«

Denn Krankheit heißt für ihn: Ich muss nicht in die Vorschule. Die mag er zwar, aber Zuhausesein mag er noch lieber. Da bestimmt er, wo es lang geht. Meine Frau und ich haben vermutlich eine Menge falsch gemacht. Aber bestimmt auch irgendwas richtig. Denn es ist doch schön, dass es ihm bei uns ganz gut gefällt. (Sehr viel Kluges und Wichtiges zur Beziehung von Eltern zu ihren Kindern finden Sie übrigens in der aktuellen Ausgabe von SPIEGEL Wissen. Und wie Eltern ein Liebespaar bleiben können, hat sich mein Kollege Lenne Kaffka in diesem Podcast erklären lassen.)

Was die Aussage meines Sohnes auch verrät: Er weiß bisher einfach nicht, wie sich Kranksein anfühlt. Zu Beginn der Pandemie war er zweieinhalb, seitdem halten wir Abstands- und Hygieneregeln ein. Eigentlich wäre er also prädestiniert für die RS-Viruswelle. Und ich habe leichte Sorgen, dass sein junges Immunsystem gar nicht vernünftig vorbereitet sein könnte auf all das, was da kommen mag. Mein Kollege Julian Aé beschrieb kürzlich die sogenannten »Nachholeffekte«. Marthe Ruddat hatte das Phänomen bereits im vergangenen Sommer erklärt .

Und was macht man nun zu Hause mit dem Kind?

Das mit dem Fußball habe ich verbockt. Aber lesen geht immer. Mein Sohn bringt es sich gerade selbst bei und versucht sich an der »Kleinen Raupe Nimmersatt«. Bis »Nachts« ist er schon gekommen. Das ist ein Anfang. Zum Vorlesen habe ich die alte Ausgabe von »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« rausgekramt, die mir meine Mutter früher schon vorgelesen hat. Ich weiß, es gibt natürlich auch in diesem Buch Dinge, die man heute nicht mehr so schreiben würde. Ich lese es trotzdem nach wie vor gern. (Sie interessieren sich eher für Kinderbücher mit schwarzen Prinzessinnen und männlichen Meerjungfrauen? Hier haben wir Tipps zusammengestellt.)

In meiner Ausgabe sind die Illustrationen schwarz-weiß, aber die Geschichte ist dieselbe: Lukas (l.) »konnte noch etwas, und das machte ihm auf der ganzen Welt so leicht keiner nach: Er konnte nämlich einen Looping spucken«.

In meiner Ausgabe sind die Illustrationen schwarz-weiß, aber die Geschichte ist dieselbe: Lukas (l.) »konnte noch etwas, und das machte ihm auf der ganzen Welt so leicht keiner nach: Er konnte nämlich einen Looping spucken«.

Foto: Marijan Murat/ dpa

Etwas weniger angestaubt, aber ebenfalls empfehlenswert ist die »Juli«-Reihe von Jutta Bauer und Kirsten Boie. Wir sind eingestiegen mit »Kein Tag für Juli«. Das war schon ein kleines Erweckungserlebnis. Juli ist so etwas wie der realistische Gegenentwurf zu Conny. Bei ihm geht ganz viel schief. Und wenn etwas schiefgeht, wird Juli sauer. Wenn er sauer ist, boxt er schon mal andere Kinder. Manche boxen zurück und sind stärker als er, »und das hat Juli bisher nicht gewusst.« Dieser Satz ist bei uns zu einer stehenden Wendung geworden. Passt erschreckend oft.

Und was gibt’s zum Essen?

Ehrlicherweise Fischstäbchen mit Kartoffelbrei. Ich hätte Ihnen jetzt erzählen können, dass ich ein aufregendes Rezept von Verena Lugert nachkoche. Aber Sie und ich wissen, dass ich das nicht tue, wenn ich mit einem Fünfjährigen zu Hause arbeite. Aber beim Durchblättern der »Nervennahrung«-Reihe bin ich auf die schwedischen Zimtschnecken gestoßen. Die werden mein Sohn und ich mal machen. Plätzchen haben wir in diesem Jahr immerhin schon fleißig gebacken.

Von Wunderminuten und kleinen Momenten

Am Schluss dieses Newsletters steht eine Entschuldigung. Gerichtet an die vielen von Ihnen, die uns nach den ersten beiden Ausgaben geschrieben haben. Wir hatten gefragt, ob es in Ihrer Familie kurze, kleine Momente gibt, die Sie mit uns teilen wollen, die wir hier (auf Wunsch anonymisiert) veröffentlichen dürfen. Und ob Ihnen vielleicht ein Name einfällt, wie wir diese Rubrik nennen könnten. Ich fürchte, nicht alle haben eine Antwort bekommen. Das beschämt mich, da ich gesagt habe, dass ich mich darum kümmere, nicht ahnend, wie viele Zuschriften wir erhalten würden.

Wenn Sie also demnächst eine Mail vom SPIEGEL bekommen: Das bin nur ich, der Ihnen dankt. Und bitte seien Sie sicher: Auch wenn wir nicht sofort antworten, lesen wir doch alles und freuen uns.

Mein persönliches Highlight kam von der Leserin Jennifer M.:

Der Sohnemann, 6, sitzt an seinen Hausaufgaben. Im Augenwinkel sehe ich plötzlich, dass er sich an jede Mathematik-Aufgabe schwungvoll einen Haken malt. »Was machst du da?«, frage ich. Da schaut er zu mir hoch und meint: »Ich mache mir Häkchen.« »Ist das nicht die Aufgabe deiner Lehrerin?« Er grinst mich an und fragt: »Wieso, Mama? Ist doch alles richtig!«

Vielen Dank für diesen Moment und die vielen anderen, die uns erreicht haben. Bitte beteiligen Sie sich weiterhin so fleißig und schreiben Sie uns an familie@spiegel.de . Und ich setze mich an die Beantwortung der Mails. Sobald mein Sohn mich lässt.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!

Malte Müller-Michaelis

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.