Margrit Stamm

Erziehung »Der Hype um neue Väter trifft das wirkliche Problem nicht«

Margrit Stamm
Ein Gastbeitrag von Margrit Stamm
Ein Gastbeitrag von Margrit Stamm
Männer werden zu oft als defizitäre Mängelexemplare und Frauen als überlastete Opfer dargestellt. Beides ist falsch. Aber wie kann gleichberechtigte Elternschaft wirklich gelingen?
Ziehen und zerren, loslassen und (gemeinsam) halten: Vater und Mutter suchen nach der richtigen Balance mit Kind

Ziehen und zerren, loslassen und (gemeinsam) halten: Vater und Mutter suchen nach der richtigen Balance mit Kind

Foto: A.J. Schokora / Stocksy United

Väter haben Defizite. Sie drücken sich vor dem Haushalt und tun zu wenig in der Kinderbetreuung. Wenn das Kind krank ist, sind es die berufstätigen Mütter, welche zu Hause bleiben müssen. Nach wie vor ist der Standardvorwurf unüberhörbar, Väter seien das faule Geschlecht. Doch neuerdings nehmen sich auch Männermagazine des Themas an. Dabei geht es dann aber eher um Superdaddys. Noch nie sind Männer so polarisierend porträtiert worden wie heute.

Tennisstar Roger Federer mit seinen Doppel-Zwillingen gilt als Superdaddy, ebenso Schauspieler Chris Hemsworth, der den harten Superhelden spielt und als einer der Sexiest Men Alive gilt. Beide sind Weltstars, privat aber auf dem Boden gebliebene Männer, bei denen Kinder und Familie an erster Stelle stehen. »Neue« Väter also? Offenbar gelingt es ihnen bestens, die Praxis als Vater mit Glücksanspruch und Beziehungslust zu verbinden. Sie sind immer voller Energie, gut gelaunt und je nach Anlass schick oder lässig angezogen. Damit erwecken sie den Eindruck, neue Väter seien etwas Spektakuläres und Einmaliges.

Stimmt nicht. Denn achtzig Prozent der Männer mit kleinen Kindern bezeichnen sich selbst als neue Väter. Wie kommt das? Entweder gibt es zwischen der tatsächlich gelebten Vaterschaft und dem Rollenbild im Kopf von Männern eine markante Kluft. Oder der neue Vater ist nur eine Worthülse. Zwar hat ein bemerkenswerter Wandel insofern stattgefunden, als Männer deutlich engagierter sind als ihre eigenen Väter. Sie wechseln Windeln, erzählen den Kindern eine Gutenachtgeschichte und wissen, wie man den Grill anwirft und ein gutes Nackensteak zubereitet.

»Wir sollten vorsichtiger mit dem Begriff der neuen Väter umgehen.«

Doch ist dies nur Rosinenpickerei? Muss Mann auch Teilzeit arbeiten, wenn er ein neuer Vater sein will? Wohl kaum. Denn es ist eine empirische Tatsache, dass nicht das Ausmaß der väterlichen Berufstätigkeit dafür entscheidend ist, ob Männer engagierte Väter sind. Wer beruflich eingespannt ist, kann im Vergleich zu einem desillusionierten Teilzeitler den Kindern ein feinfühligerer Vater sein und die Partnerin in Fürsorge und Hausarbeit aktiv unterstützen. Wir sollten somit vorsichtiger mit dem Begriff der neuen Väter umgehen.

Jenseits des Labels, als neuer Vater oder gar als Superdaddy zu gelten, haben viele Väter ganz andere Sorgen. Neben den Problemen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie müssen sie permanent gegen Vorurteile ankämpfen. Zwei Vorurteile halten sich besonders hartnäckig: dass eine hohe häusliche Präsenz aus Männern bessere Väter macht und dass die Mutter von Natur aus die fürsorglichere Person ist.

Vorurteil Nummer eins ist Ausdruck der Überzeugung, dass ein Optimum an zeitlicher Verfügbarkeit des Vaters die Belastung der Mütter automatisch reduziert, die Entwicklung der Kinder fördert und die Partnerschaft glücklicher macht. Bisher hat sich dies mehrheitlich nicht bewahrheitet. Jenseits der häuslichen Präsenz der Väter spielen offenbar auch andere Faktoren eine wichtige Rolle.

Weshalb nimmt man dies nicht zur Kenntnis? Und warum gilt das Stereotyp des präsenten Vaters als quasi einziges Qualitätsmerkmal? Vor allem deshalb, weil die Perspektive auf das väterliche Engagement einem Tunnelblick gleicht, der Forschungserkenntnisse nicht berücksichtigt – weil wir sie nicht hören wollen. Denn männliche Erwerbsarbeit gilt auch als eine Form von Fürsorge. In den deutschsprachigen Staaten Europas agiert die Mehrheit der Väter als Haupternährer, die drei Viertel des Haushaltseinkommens erwirtschaften.

Das zweite Vorurteil besagt, dass sich Frauen besser um Säuglinge und Kleinkinder kümmern können als Väter. 60 Prozent der Paare vertreten diese Ansicht, obwohl solche Annahmen wissenschaftlich widerlegt sind. Frauen sind nicht von Natur aus dazu bestimmt, Kinder optimaler als ihre Partner betreuen zu können. Obwohl die Mutter aufgrund von Schwangerschaft und Stillfähigkeit eine größere biologische Nähe zum Kind hat, führt dies nicht automatisch zu einer intensiveren Beziehung. Zwar zeigen Mütter oft eine höhere Sensibilität und Reaktionsbereitschaft. Doch dies ist vor allem darauf zurückführen, dass sie meist mehr mit ihrem Baby zusammen sind. Es sind somit nicht biologische Gebote, sondern soziale Konventionen, die uns glauben machen, dass die Mutter bedeutsamer für die kindliche Entwicklung ist als der Vater.

Selbstverständlich lässt sich einwenden, Frauen würden stark daran gehindert, sich beruflich zu entfalten. In den letzten Jahren und auch während der Pandemie haben sie ihr familiäres Mikromanagement deutlich verstärkt und tragen immer noch die Hauptverantwortung. Doch der springende Punkt ist der, dass drei Viertel der Paare, welche das Hauptverdienermodell praktizieren – er arbeitet durchschnittlich achtzig, sie vierzig bis fünfzig Prozent – diese Entscheidung in gegenseitigem Einvernehmen getroffen haben. Auch deshalb, weil Mütter mehr Zeit mit den kleinen Kindern verbringen wollen.

Die Ideologie der guten Mutter

Warum traditionalisiert sich das Familienleben so gewaltig, sobald das erste Kind da ist? Unter anderem deshalb, weil Männer durchschnittlich mehr als die Partnerin verdienen und die volle Lohntüte am Ende des Monats für die junge Familie eine neue Bedeutung bekommt. Deshalb unterliegt das Familiensystem einer vorher nicht da gewesenen Asymmetrie. Männer werden zu Finanzministern, welche das Geld nach Hause bringen, während Frauen beruflich kürzertreten und die Verantwortung für Haushalt und Familie übernehmen. Verstärkt wird diese Traditionalisierung durch die Ideologie der guten Mutter. Bringt der Vater die Tochter am Morgen ungekämmt in den Kindergarten, gilt dies nicht als seine Unterlassung, sondern als die der Mutter. Und wenn das Kind verhaltensauffällig wird, ist es die mütterliche Berufstätigkeit, die dafür verantwortlich ist. Deshalb müssen Frauen beweisen, dass sie auch als Berufstätige gute Mütter sind. Und gut heißt nichts anderes als intensiv. Eine intensive Mutter hat eine innige Verbundenheit zum Kind, investiert in den Nachwuchs viel Qualitätszeit und stellt seine Bedürfnisse immer über die eigenen. Zudem orientiert sie sich an Ratgebern, um das Kind bestmöglich zu fördern und nichts dem Zufall zu überlassen.

Die Ideologie der guten Mutter bringt mit sich, dass Frauen auch die innerfamiliäre Entscheidungsmacht übernehmen. Dieses Ungleichgewicht kann zu Kompensationsmechanismen führen und dazu, dass sich nicht alle Mütter den unermüdlichen Einsatz vom Partner wünschen. Etwa jede dritte Mutter wehrt sich offen oder verdeckt gegen zu viel Engagement. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt, oder gibt ihm vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat. »Maternal Gatekeeping« heißt dieses Phänomen in der Wissenschaft. Das Ergebnis einer solchen Türsteher-Beziehung ist meist ein Verhältnis wie zwischen einer Chefin und einem Praktikanten. Doch hinter solchem Verhalten steckt kaum eine Absicht, sondern die Überzeugung, dass die Fehler beim Partner liegen. Frauen sagen mehrheitlich, sie würden gern die Arbeit mit ihm teilen. Aber sie seien eben Glucken und mit dem Familienmanagement überladen, weshalb es viel einfacher sei, alles selbst zu erledigen, als sich mit ihm hinzusetzen und das Ganze zu diskutieren.

»Männer sollten alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie auch tatsächlich verwirklichen wollen«.

Sind Mütter, die sich als Glucke bezeichnen, automatisch Türsteherinnen? Keineswegs! Eine Glucke behütet die Kinder zwar im Übermaß, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türsteher-Mutter definiert sich vor allem in der Abgrenzung zu ihm und fühlt sich für das Wohlbefinden des Kindes allein verantwortlich. Zwar akzeptiert sie den Mann als Haupternährer, aber nicht als gleichberechtigte väterliche Figur. Männer wiederum verweisen oft auf ihre zwei linken Hände. Ist die Partnerin zu Hause federführend, warten sie nach getaner Berufsarbeit auf Instruktion. Werden sie stets kritisiert oder können sie ihren Erwartungen kaum genügen, schränken sie ihr Engagement ein oder bleiben länger im Büro. Dieses Verhalten erinnert an eine erlernte Hilflosigkeit, welche als bewusste oder unbewusste Selbstausgrenzungsstrategie definiert wird. Auch Männer, die CEO einer Firma sind, trauen sich dann privat kaum mehr etwas zu.

Mütter als Zünglein an der Waage

Was folgt daraus? Dass der Hype um neue Väter das wirkliche Problem nicht trifft. Es geht genauso um Mütter, die das Zünglein an der Waage spielen. Auch wenn es unabdingbar ist, die öffentliche Unterstützung für Kinderbetreuung, Elternzeit, für Tagesschulen sowie Teilzeit- und Homeoffice-Arbeit zu systematisieren respektive auszubauen, geht es im Kern um Grundlegenderes: dass neue Familienstrukturen andere Haltungen und Einstellungen erfordern. Das gilt sowohl für den Mythos, dass Frauen aufgrund ihrer Natur für Familie und Haushalt prädestiniert sind und deshalb die Definitionsmacht in der Familie innehaben müssen, als auch für die Überzeugung, Männer könnten nur dann neue Väter sein, wenn sie eine maximale Familienpräsenz zeigen.

Gefragt ist ein neues Emanzipationsbündnis zwischen den Geschlechtern. Männer sollten sich der Veränderung von Männlichkeit stellen, alte Machtansprüche aufgeben und mehr Engagement in der Familie auch tatsächlich verwirklichen wollen. Frauen sollten sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur erstreiten müssen, sondern ebenso die Bereitschaft entwickeln, die eigenen Weichen neu zu stellen. Eine andere Anerkennungsordnung der Paare würde den Vätern ermöglichen, sich nicht nur ins Familienleben einpassen zu müssen, sondern sich auch als autonome Väter entwickeln zu können.

Unsere Zukunftsaufgabe ist die Objektivierung der Frage, welche Leistungen Väter in, für und neben der Familie erbringen sollen und welche Rolle die Partnerinnen spielen. Deshalb sollten wir uns von den problematischen Seiten der gegenwärtigen Gleichstellungspolitik freistellen, welche nach wie vor Männer mehrheitlich als defizitär betrachtet, während Mütter als überlastete Opfer gekennzeichnet werden. Nur so können die einseitigen und mit zu großer Selbstverständlichkeit postulierten Vorstellungen dessen gesprengt werden, was Väter und Mütter zukunftsfähig macht.