Familie im Lockdown Was gegen den Corona-Koller hilft

Die Tochter schminkt Papas Wangen und pflanzt Tonpapier-Blumen: Langeweile im Corona-Alltag setzt kreative Prozesse in Gang. Porträt einer ganz normalen Familie in einer nicht ganz normalen Lage.
Von Julia Stanek

Der Zehnjährige bekommt sein lang ersehntes Smartphone, die Fünfjährige reitet dem Corona-Alltag auf dem Spielzeugpferd davon: Irgendwie müssen derzeit alle Menschen - ob klein, ob groß - Wege finden, die viele freie Zeit zu Hause zu nutzen. "Es ist eine unsichere und unwägbare Phase", sagt Helena Tebroke-Martin, Mutter von Fritz und Lotte. "Aber inzwischen finden wir uns in der Situation gut zurecht." Und das nicht nur dank der Spielekonsole, sondern auch, weil die Familie mit Zuversicht durch die Coronakrise geht.

Fotostrecke

Ausritt im Wohnzimmer: Was gegen den Corona-Koller hilft

Die 41-Jährige lebt zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann Pierre im nordrhein-westfälischen Bocholt. Die Familie versucht so gut wie möglich, auf Kontakte zu anderen Menschen zu verzichten - Ausnahmen sind nur Tante Carina und deren Lebensgefährte Theodor Barth.

Er ist Fotograf und hatte die Idee, das zu porträtieren, was derzeit in vielen Wohnungen in ganz Deutschland zu betrachten ist: Eltern sind mit ihren Kindern den ganzen Tag zu Hause. Sie erledigen mit ihnen die Schulaufgaben, kochen Essen, räumen auf, lesen Bücher - und versuchen, so gut wie möglich, ihre Arbeit im Homeoffice zu erledigen.

"Natürlich sind die Kinder auch mal frustriert", sagt Fotograf Barth. Vor allem Lotte scheine sich isoliert zu fühlen, sie vermisse ihre Kita-Freunde. "Sie sucht viel meine Nähe", sagt ihre Mutter.

Doch die Familie hat eine gute Ausgangslage - und den nötigen Platz für die lebhaften Kinder. "Wir haben einen Garten, das ist ein großes Glück", sagt Tebroke-Martin. Der Rasen gleiche zwar inzwischen einem Acker, weil Sohn Fritz dort nun stundenlang allein Bälle kickt und Fußballtricks übt. Aber wen kümmert das schon derzeit? "Wenn das hier alles vorbei ist, säen wir neues Gras."

Gemeinsame Zeit zu Hause - ein Mehrwert

Zwar ist es auch für Tebroke-Martin und ihren Mann Pierre eine Herausforderung, Kinderbetreuung, Homeschooling und Arbeit zu vereinbaren. Doch sie weiß, dass viele Familien in Deutschland schlechtere Bedingungen haben, den Corona-Alltag mit all seinen Hürden gut zu überstehen. Tebroke-Martin arbeitet als Heilpädagogin und betreut Kinder mit innerfamiliären Problemen. "Der Bedarf ist seit Corona auf jeden Fall gewachsen", sagt sie. Doch wenn sie zu Hause ist, schaltet sie ab - und ist ganz bei ihren Kindern.

Die Coronakrise ist für die Familie zeitweise auch belastend. Natürlich könne es nerven, wenn man gerade etwas zu tun hat und das Kind dann verlangt, mit ihm zu spielen, sagt Helena Tebroke-Martin. Insgesamt aber sieht sie "einen Mehrwert darin, dass wir nun so viel Zeit gemeinsam verbringen". Sie habe ganz neue Seiten an ihren Kindern entdeckt.

Was in vielen Situationen helfe: der Langeweile Raum zu geben. "Daraus entstehen unheimlich kreative Prozesse", sagt Tebroke-Martin. "Wenn meine Tochter minutenlang aus dem Fenster guckt, dann fällt ihr schon mal ein, dass es ein wenig Farbe vertragen könnte." Sie bastelt dann Blumen aus Tonpapier und klebt eine bunte Wiese.

Auf den Alltag, wie er vor der Coronakrise war, freut sich Tebroke-Martin dennoch - und zwar "nicht nur für uns Erwachsene, sondern auch für die Kinder", sagt die Mutter. "Irgendwann ist das Ganze hier vorbei."