Kind mit Smartphone: Jugendämter sind gerade bundesweit praktisch handlungsunfähig
Kind mit Smartphone: Jugendämter sind gerade bundesweit praktisch handlungsunfähig
Foto: Jan Håkan Dahlström/ plainpicture/Jan Håkan Dahlström

Trennungskinder in der Coronakrise Vaterlos auf Zeit

Jedes zweite Wochenende zu Papa, das ist eigentlich weiterhin erlaubt. Trotzdem leiden gerade bundesweit Kinder unter dem Verlust eines Elternteils.
Von Heike Klovert

Daniel Henkel hätte seine Tochter gern noch einmal gesehen, bevor er wieder arbeiten geht. Denn dann, so glaubt er, wird deren Mutter erst recht keinen Kontakt mehr erlauben. Der 36-Jährige ist Krankenpfleger auf einer orthopädischen Intensivstation in Rheinland-Pfalz. Es wird dort bald wohl auch Menschen betreuen, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Vielleicht wird er sich anstecken.

Doch gerade hatte er zwei Wochen Urlaub. Die meiste Zeit war er zu Hause. Er fühlt sich nicht krank. Und eigentlich war abgemacht, dass seine Tochter ihn für eine Woche besuchen kommt. Sie ist fünf Jahre alt und lebt mit der Mutter in einem Dorf in Niedersachsen, mehr als 500 Kilometer entfernt.

Henkel, der eigentlich anders heißt, hat seine Tochter zuletzt Ende Februar gesehen. Wann er wieder mit ihr spielen und sie in den Arm nehmen kann, weiß er nicht. Die Mutter habe ihm gesagt, er müsse warten, bis sich das Leben normalisiert habe. Henkel ist sich sicher, dass das noch Monate dauern wird.

So wie Henkel und seiner Tochter geht es gerade sehr vielen Menschen. Bundesweit gibt es rund 1,5 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern . Meistens sind das Mütter - und viele von ihnen hatten mit den Vätern oft mühsam feste Umgangsregelungen gefunden. Die hebelt die Coronakrise nun in vielen Fällen aus.

Zunächst keine einheitlichen Vorgaben für Eltern

Betroffen sind Zehn-, wenn nicht Hunderttausende Kinder und Jugendliche in der ganzen Bundesrepublik, die ihre Väter auf unbestimmte Zeit nicht treffen können. Was heißt das für sie? Und was können Eltern tun, damit die Beziehung zum Nachwuchs nicht leidet?

Es war zunächst recht unklar, wo und wann persönliche Treffen noch erlaubt ist. Der Kontakt zu Menschen außerhalb der eigenen vier Wände soll vermieden werden, wenn es keinen guten Grund dafür gibt. Doch ist der Besuch beim anderen Elternteil, der in einem anderen Viertel oder gar in einer anderen Stadt wohnt, ein solcher Grund?

Berlin  hatte die Wahrnehmung des Sorge- und Umgangsrechts sofort ausdrücklich erlaubt. In Bayern  und Niedersachsen  hingegen zählte - zumindest laut Allgemeinverfügung - nur das gemeinsame Sorgerecht zu den triftigen Gründen, wegen derer Bürger ihre Wohnung verlassen dürfen.

"Es wäre schön, wenn die Länder genauer definieren könnten, wie das ausgestaltet werden soll", sagte Sigrid Andersen vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter . "In allen unseren Landesverbänden melden sich gerade verunsicherte Eltern."

Inzwischen haben mehrere Länder und auch die Bundesregierung klargestellt , dass Eltern ihr Umgangsrecht auch in der Coronakrise wahrnehmen dürfen.

Die stehen dann jedoch vor praktischen Problemen. Daniel Henkel wäre zum Beispiel gern mit dem Auto zu seiner Tochter gefahren, nachdem ihre Mutter abgelehnt hatte, dass sie zu ihm kommt. Doch die Betreiber der Ferienwohnung, die er sonst angemietet hatte, wiegelten ab. "Ich dachte, wer einen guten Grund hat, darf weiter woanders übernachten, auch wenn er nicht auf Geschäftsreise ist", sagt er. "Doch ich fand keine Unterkunft."

Sie hätte ihm auch nichts gebracht. Denn letztendlich, so erzählt es Henkel, habe die Mutter seinen Besuch bei der Tochter ebenfalls abgesagt. Das Infektionsrisiko fürs Kind sei zu hoch. Henkel fühlt sich ausgegrenzt. Schließlich spiele das Mädchen noch mit dem Nachbarskind, und die Mutter gehe noch einkaufen, sagt er. Dann müsse er als Vater doch auch sein Kind sehen dürfen.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Jürgen Rudolph war früher Familienrichter, jetzt arbeitet er als Anwalt und Dozent in Koblenz. Und er hat in den vergangenen Tagen beobachtet: "Viele Eltern, denen nicht daran gelegen ist, dass ihr Kind einen guten Kontakt zum Ex-Partner hat, haben im Coronavirus einen willkommenen Grund gefunden, um den Umgang auszusetzen." Wehren können sich betroffene Väter und Mütter dagegen gerade kaum: Sowohl Gerichte als auch Jugendämter sind bundesweit praktisch handlungsunfähig.

Doch egal ob die Sorge vor dem Coronavirus begründet oder vorgeschoben ist: Für Kinder, da sind sich Experten einig, kann fehlender Kontakt zum Vater oder zur Mutter gravierende Folgen haben. "In einer ohnehin unsicheren Situation verunsichert es sie noch mehr, wenn sie einer Bezugsperson, die sie bisher regelmäßig gesehen haben, nicht mehr nahe sein können", sagt Paar- und Familienpsychologin Anne Milek von der Universität Münster.

Wenn Kinder bisher in einem Loyalitätskonflikt steckten, weil sich die Eltern nicht mehr gut verstehen, führe die Zeit ohne Umgänge sehr wahrscheinlich auch dazu, dass sich die Kinder vom fehlenden Elternteil entfremden, warnt Familienrechtsexperte Rudolph.

"Versuchen Sie, so präsent wie möglich zu sein"

Was können Eltern jetzt tun, die sich um die Beziehung zu ihren Kindern sorgen? "Versuchen Sie, so präsent wie möglich zu sein", sagt die Pädagogin Annette Habert, die die Initiative "Mein Papa kommt " gegründet hat, welche getrennt lebende Eltern unterstützt. "Schicken Sie Postkarten oder Päckchen und telefonieren Sie mit Ihrem Kind, am besten mit Kamera, damit auch das Kuscheltier dabei sein kann, und zu festen Zeiten, damit es die Verbundenheit zwischen Ihnen spürt."

Selbst das ist in der Praxis allerdings oft schwierig. Eine Mutter aus einer deutschen Großstadt, die nicht erkannt werden möchte, erzählt davon, dass ihr Ex-Mann den gemeinsamen siebenjährigen Sohn früher oft gedrängt habe, bei ihm anzurufen. "Ich hatte das Gefühl, dass ihn das unter Druck setzt", erzählt sie. "Wir hatten deshalb vereinbart, dass unser Sohn ungezwungen selbst entscheiden soll, wann er bei ihm anruft. Dann redet er gern und entspannt mit ihm."

Auch dieser Vater, der in einem anderen Bundesland wohnt, möchte sein Kind nun trotz Coronakrise sehen. Doch die Mutter ist dagegen. "Ich möchte mich und mein Kind und die Gesellschaft schützen", sagt sie. Sie hat den Vater deshalb per Anwaltsbrief gebeten, auf die Umgangswochenenden bis Ende April zu verzichten. Doch der lehnte ab.

Nun wartet die Mutter ab, ob ihr Ex-Mann am Freitag bei ihr klingelt, um ihren Sohn wie gewohnt abzuholen. "Wenn er sieht, dass sein Papa vor der Tür steht, wird er mitwollen", sagt die Mutter.

Ob sie ihn dann gehen lassen wird, weiß sie noch nicht. Sie hat Angst, dass der Vater das Kind am Sonntag nicht zurückbringt. Er habe schon angedeutet, sich vorzubehalten, selbst zu entscheiden, wo der Junge am sichersten aufgehoben sei.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben nachträglich die Klarstellung mehrerer Länder und der Bundesregierung ergänzt, wonach das Umgangsrecht nicht von den Kontaktbeschränkungen betroffen ist.  

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.