Für ein Uni-Projekt hat Lina Plogmeyer ihre Mutter während der Wechseljahre fotografiert
Für ein Uni-Projekt hat Lina Plogmeyer ihre Mutter während der Wechseljahre fotografiert
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Lina Plogmeyer

Fotoprojekt über die Wechseljahre Wie eine Tochter auf ihre Mutter blickt

Die Fotografiestudentin Lina Plogmeyer erlebte mit, wie ihre Mutter unter Stimmungsschwankungen und Hitzewallungen litt. Statt darüber zu schweigen, starteten die beiden Frauen ein gemeinsames Projekt.

Alle weiblichen Personen erleben sie, kaum jemand spricht darüber – zumindest nicht im Job oder in der Öffentlichkeit, selbst innerhalb von Familien wird mit dem Thema selten offen umgegangen: die Menopause, der Zeitpunkt der letzten Menstruation einer Frau. Dabei ist diese Phase für die meisten mit Veränderungen verbunden, hormonell, körperlich, psychisch. Die Hamburger Fotografiestudentin Lina Plogmeyer hat mit ihrer Mutter offen über deren Wechseljahre gesprochen. Zusammen haben sie ein Fotoprojekt  auf die Beine gestellt, das diese sensible Phase im Leben ihrer Mutter – und damit für die ganze Familie – zeigen soll.

Ab etwa Mitte vierzig reduziert der weibliche Körper die Produktion des Hormons Östrogen, das eine wesentliche Rolle für den Zyklus spielt. Die Monatsblutungen werden erst unregelmäßiger und bleiben schließlich ganz aus – durchschnittlich mit etwa 50 Jahren, bei manchen tritt die Menopause jedoch wesentlich früher oder später ein. Lina Plogmeyers Mutter, die ihren Namen nicht im SPIEGEL lesen möchte, war 47 Jahre und 11 Monate alt, als ihre Menstruation ausblieb. Mutter und Tochter gaben daher der Fotoserie den Namen »47; 11«. Inzwischen ist sie 51 Jahre alt.

Nach der Menopause ist eine Schwangerschaft nicht mehr möglich. Viele Frauen erleben diesen Verlust der Fruchtbarkeit als etwas Negatives. Die durch die Hormonumstellung hervorgerufenen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen, die viele Frauen haben, machen den Prozess nicht einfacher.

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Lina Plogmeyer

Lina Plogmeyer überlegte sich gemeinsam mit ihrer Mutter Symbolbilder, die auf ästhetische Weise die körperlichen und mentalen Veränderungen abbilden sollten, die eine Frau während der Menopause durchmacht. Dieses Bild war eine ihrer ersten Ideen – das Ei ist seit jeher in vielen Kulturen ein Fruchtbarkeitssymbol.

Das Projekt »47; 11« war gleichzeitig Lina Plogmeyers Abschlussarbeit für ihr Fotografiestudium in Hamburg. Die 25-Jährige verbrachte das erste Coronajahr viel Zeit bei ihren Eltern in Osnabrück und bekam daher auch die Probleme ihrer Mutter mit, wie sie erzählt. »Meine Mutter war von vornherein sehr offen mit dem Thema, wodurch ich von ihren Umständen überhaupt erst erfuhr«, sagt sie.

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Lina Plogmeyer

Ein schmelzendes Eis, das rote Tropfen auf einer Hand hinterlässt – in Lina Plogmeyers Projekt wird es zur Metapher. Während einige Frauen das Ausbleiben der Periode als Verlust empfinden, freuen sich andere darüber, dass sie keine Menstruationsbeschwerden mehr haben und sich nicht mehr um die Verhütung kümmern müssen.

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Lina Plogmeyer

Probleme beim Ein- oder Durchschlafen sind eine häufige Begleiterscheinung der Wechseljahre. Die teils schlaflosen Nächte wollten Lina Plogmeyer und ihre Mutter mit diesem Foto zeigen: »Schlafstörungen waren für meine Mutter von Anfang an ein sehr extremes Problem«, sagt die 25-Jährige. Inzwischen habe sich das etwas gebessert. Die Tablets mit ihrem ungesunden Bildschirmlicht sollen zum einen die Schlafprobleme selbst symbolisieren. Zum anderen stehen sie für die typische Beschäftigung, der die Mutter nachgeht, wenn sie wieder einmal wachliegt: Sie liest stundenlang auf ihrem Tablet.

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Lina Plogmeyer

Frauen, die unter starken Beschwerden leiden, können eine Hormonbehandlung in Erwägung ziehen. Lina Plogmeyers Mutter probierte verschiedene Medikamente aus – oft erfolglos. Zum Höhepunkt habe sie teils sechs oder sieben verschiedene Präparate parallel zu sich genommen, erzählt die Tochter.

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Die Mammografie, eine Methode zur Früherkennung von Brustkrebs, ist nicht allein eine Sache der Wechseljahre. Jedoch wird sie Frauen ab 50 im Abstand von zwei Jahren empfohlen, um mögliche Tumoren im Frühstadium zu erkennen. »Wir wollten das Thema aufgreifen, da es ebenfalls in diesem Lebensabschnitt stattfindet«, sagt Lina Plogmeyer. Ihre Mutter hatte eine Woche, bevor das Foto entstand, ihren ersten Termin gehabt.

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Lina Plogmeyer

Die Mutter-Tochter-Beziehung spielte für die Fotoserie in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. »Mich beschäftigt das Thema viel intensiver als etwa meinen Bruder«, sagt die Fotografin – wohl auch, weil sie selbst einmal davon betroffen sein wird. Ihr gutes Verhältnis sei die Voraussetzung für das intime Projekt gewesen. Der Küchentisch, an dem die beiden sitzen, sei der zentrale Diskussionsort der Familie. »Genau in diesen Sitzpositionen haben die meisten unserer aufgeladenen und hitzigen Auseinandersetzungen stattgefunden – daher fanden wir den Ort so passend«, sagt Lina Plogmeyer. Sie hätten mehr als die Hälfte der Fotos wieder löschen müssen, da sie immer wieder in Gelächter ausgebrochen seien. »Es war für uns beide eine neue Erfahrung, auf diese Art zu fotografieren, und wir hatten extrem viel Spaß«, erzählt Lina Plogmeyer.

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Lina Plogmeyer

Auch die Partnerschaft kann durch die Wechseljahre beeinflusst werden. Die Libido nimmt ab, Stimmungsschwankungen machen so manche Situation schwierig. Lina Plogmeyers Mutter beschreibt den Stress auf der Arbeit, einen zu hohen Lärmpegel oder auch das Zuhören als einige der Hauptprobleme, die sie während ihrer Wechseljahre hatte. »Ich wollte in Ruhe gelassen werden«, sagt sie.

Ihre Tochter sagt, die Eltern führten eine ziemlich gute, enge Beziehung. »Da meine Mutter eher die Hosen anhat im Haus, ist es vor allem während der letzten Jahre ganz gut gewesen, dass mein Vater bei den meisten Sachen recht entspannt bleibt und zur Stelle war, wenn es ihr psychisch alles etwas zu viel wurde.«

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Lina Plogmeyer

Die Mutter im Planschbecken: Dieses Foto ist das Lieblingsbild der Fotografin. »Diese Aufnahme ist für mich ein absoluter Glückstreffer, da das Wasser so perfekt über den roten Badeanzug fließt und alles auf ganz eigene Art den Aspekt der Weiblichkeit und des Treibens darstellt«, sagt Lina Plogmeyer. Eigentlich war das Shooting anders geplant gewesen. Sie habe ihre Eltern gemeinsam beim Herumalbern im Pool fotografieren wollen, weil das »eigentlich ein wichtiger Teil unserer Familie ist«. Aber als Lina Plogmeyer dieses Foto sah, stand fest, dass es mit ins Projekt musste.

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Ein Wäschehaufen symbolisiert das Thema Hitzewallungen – Lina Plogmeyer wollte nicht einfach das Offensichtliche, den Schweiß selbst, zeigen.

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Lina Plogmeyer hatte mit dem Gedanken gespielt, auch die Großmutter in die Fotoserie mit einzubinden. »Allerdings war mir ein Porträt zu direkt.« Also habe sie ihre Oma besucht, die Hefeklöße für sie machen wollte – ein Gericht, das alle drei Generationen verbindet, weil sie es alle sehr mögen. Doch für die Fotografin hat das Bild noch eine andere Symbolik: »Hefeteig verkörpert etwas Organisches, Wachsendes.«

kry
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