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Early Life Stress Frühe Belastungen, langfristige Folgen

Traumatische Erlebnisse als Baby oder in der Kindheit können lebenslang belasten und die Gehirnentwicklung behindern.

Im Januar 1989 fiel in Kanada an einigen Orten für bis zu 40 Tage der Strom aus – und das in der Provinz Quebec, die berüchtigt für ihre kalten Winter ist. Einige Jahre später untersuchten Psychologen fast 90 Kinder aus Quebec, deren Mütter während der stressigen Zeit des Stromausfalls mit ihnen schwanger gewesen waren. Sie nannten das Forschungsunterfangen »Project Ice Storm«. Es wurde eine der bekanntesten Studien, die untersuchen, welche Folgen Stress in der frühen Kindheit für das weitere Leben eines Menschen haben kann.

Der Fachbegriff für diese Art Stress lautet »Early Life Stress«, kurz ELS. Schädlich ist Stress, wenn er chronisch ist oder verschiedene Stressoren zusammenkommen, wie es in Krisenregionen oder in instabilen Familien oft geschieht. Gewalt, Vernachlässigung, traumatische Erlebnisse oder der Verlust einer Bezugsperson sind typische Beispiele für ELS.

Wer chronischen Stress früh erlebt, kann sein ganzes weiteres Leben anfälliger sein für Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Von den untersuchten Kindern aus dem »Project Ice Storm« zeigten viele kognitive Einschränkungen.

Darüber hinaus fand die Forschung mögliche Auswirkungen wie kleinere Gehirne, einen niedrigeren Intelligenzquotienten, die Wahrscheinlichkeit, nach einem traumatischen Erlebnis eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, bis hin zu Übergewicht oder Diabetes. Einige dieser Ergebnisse stammen aus Tierversuchen. Nicht immer ist klar, ob sie sich so auf den Menschen übertragen lassen.

SPIEGEL WISSEN 4/2020
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Wie die Kindheit uns prägt
Frieden mit der Familiengeschichte schließen, den eigenen Weg gehen

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»Early Life Stress« ist deshalb so prägend, weil er zu einer Zeit auftritt, in der sich das menschliche Gehirn entwickelt, also von der Zeit im Körper der Mutter bis in die frühen Erwachsenenjahre. Das Erleben von Stress in dieser Zeit beeinflusst die Entwicklung verschiedener Gehirnbereiche. Zum Beispiel die sogenannte HPA-Achse – manchmal auch Stressachse genannt –, die dafür sorgt, dass unser Körper mit hoher Energie und Konzentration reagieren kann, wenn wir in Situationen geraten, die besondere Aufmerksamkeit erfordern. Mitverantwortlich ist das Hormon Cortisol, das durch diese Achse bereitgestellt wird. Ein dauerhaft erhöhter Stresspegel in frühen Jahren kann die Funktionsweise der HPA-Achse beeinträchtigen.

Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt die Amygdala, jener Bereich im Gehirn, der für Emotionen wie Angst zuständig ist. Doch die Amygdala hat noch einen zweiten wichtigen Einsatzbereich: Sie ist eng mit dem Lernen und dem Erinnerungsvermögen verknüpft, weshalb sich zu viel Stress darüber hinaus auf die Gedächtnisleistung auswirkt.

Ein entscheidender Faktor bei ELS ist die emotionale Bindung zwischen einem Kind und seinen Bezugspersonen. Zum einen, weil emotionale Vernachlässigung und unsichere Bindungen einer der größten Stressfaktoren für Kinder sind. Und weil die Fürsorge durch die Mutter oder eine andere Bezugsperson dem Kind hilft, Stress zu regulieren, und somit mit darüber entscheidet, ob »Early Life Stress« langfristige Folgen hat.

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