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Julia Stanek

SPIEGEL-Familiennewsletter Die magischen Momente eines Kindergeburtstags – und was Eltern dafür tun

Julia Stanek
Von Julia Stanek, Ressort Leben

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Eltern,

mit einem Dutzend Drittklässler sollte ich an diesem Samstag eigentlich durch unseren Stadtteil wetzen, schweißgebadet, auf Schnitzeljagd, Kindergeburtstag eben. War zumindest so geplant, doch statt Fassbrause gibt’s nun Fencheltee. Einer meiner Söhne hat sich einen Magen-Darm-Infekt eingefangen. Diese Woche wurden meine Zwillinge neun Jahre alt. Und, Himmel, was sind das für aufregende Tage, wenn der Nachwuchs um ein Jahr altert!

Klar, für Kinder sowieso. Aber auch für Eltern, werden wir doch zu Partyplanern, Wunschlistenmanagerinnen, Quidditch-Spielfeld-Torten-Bäckern, Einladungskarten-Kreativdirektorinnen… Und von all dem manchmal ganz schön angestrengt, ja, auch überfordert. Kann ich zumindest von mir sagen. (Haben Sie etwa noch nie versucht, ein Eule-Hedwig-Origami zu basteln?)

Den Kopf in den Sand zu stecken, ist jedoch keine Option. Was also tun? Erst mal Geschenke kaufen.

Kindergeburtstag: Himmel, was sind das für aufregende Tage, wenn der Nachwuchs um ein Jahr altert!

Kindergeburtstag: Himmel, was sind das für aufregende Tage, wenn der Nachwuchs um ein Jahr altert!

Foto:

Flashpop / Getty Images

Der nächste kritische Punkt: die unvermeidliche Konsumschlacht. Wir zählen zu den privilegierten Familien, die es nicht in eine finanzielle Krise stürzt, wenn der Wunsch nach einem bestimmten Harry-Potter-Lego-Set gigantisch groß ist (das Preisschild übrigens auch) – und wir uns entscheiden, diesen zu erfüllen. Nicht mal, wenn gleich zwei Kinder »Haben!« schreien.

»Über Wünsche zu sprechen, lohnt sich eigentlich immer.«

Entwicklungspsychologin Mirjam Ebersbach

Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich bei der Beschaffung von Dingen – ja, auch von Geschenken – die Kleinanzeigen-App zücke. Mir geht es dabei nicht so sehr um den Preis, im Black-Friday-Unterbietungswettkampf ist Neuware ohnehin teils günstiger als Gebrauchtes.

Nein, ich liebe den Zweitmarkt-Spirit, finde es gut und ökologisch wertvoll, wenn Dinge aus Kunststoff meine Kinder zwar glücklich machen, aber gewissermaßen nicht extra für sie hergestellt wurden. Doch mit zunehmendem Alter meiner Söhne merke ich, dass die nicht so auf Vintage abfahren wie ich und ihr Lego, wenn’s geht, lieber in der versiegelten Originalverpackung hätten.

Finden Sie es absurd, für Geschenke bei Privatleuten einkaufen zu gehen? Oder stöbern Sie gern auf dem Secondhandmarkt, auch um anderen (vielleicht nicht nur Kindern) eine Freude zu machen? Schreiben Sie mir, wenn Sie mögen (an familie@spiegel.de , Betreff »Geschenke«) – es sind übrigens nur noch vier Wochen bis Weihnachten.

Als ich vor knapp einem Jahr die Kasseler Entwicklungspsychologin Mirjam Ebersbach fragte, welche materiellen Wünsche man Kindern erfüllen sollte und welche nicht , sprachen wir auch über Secondhandgeschenke: »Das ist doch ganz im Sinne der Nachhaltigkeit und fördert das ökologische Denken«, sagte Ebersbach. »Über Geschenke kann man den Kindern auch wunderbar Werte vermitteln – und über Wünsche zu sprechen, lohnt sich eigentlich immer.«

Meine Lesetipps

Einen besonders relevanten Wunsch hat meine Kollegin Anna Clauß diese Woche in ihrer Elternkolumne geäußert: Wie wäre es, wenn Finanzminister Christian Lindner »die Enkel von heute so durchs deutsche Krippensystem bekommt, dass sie als Rentner keinen Dachschaden haben? « Grund für ihre Wut ist die »qualitativ bankrotte Kleinkindbetreuung in Deutschland«, so nennt sie das, was ihr Sohn erlebt hat, bevor er in die Schule kam.

Beim Lesen erfährt man: Mehr als 150 Forschende sehen das deutsche Kitasystem vor dem Kollaps. Sie befürchteten »eine Beschleunigung der Abwärtsspirale der Qualität«. Kindertageseinrichtungen könnten »von Lern- und Lebensorten für Kinder und Familien wieder zu reinen Aufbewahrungsstätten werden«, warnte Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff vom Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Und auch die Kinderärzte sehen, dass Grundbedürfnisse von Kleinkindern  »unter den heutigen Bedingungen in der Krippe« nicht befriedigt werden könnten und zu Störungen der Persönlichkeitsentwicklung führten, unter anderem auch zu »motorischer Unruhe mit Aufmerksamkeitsdefiziten«.

Annas bange Frage: »Was, wenn da gerade eine verhaltensauffällige und vernachlässigte ›Generation Gratiskita‹ heranwächst? Hätten wir den Jungen besser gar nicht erst in die Krippe geschickt?‹« Trauriger Anlass für ihre Kolumne war die Meldung von Anfang der Woche, dass halb Deutschland zu wenig in Kitaplätze investiert. Der Investitionsrückstand bei Kitas summiert sich laut der staatlichen Förderbank KfW bundesweit auf 10,5 Milliarden Euro.

SPIEGEL WISSEN 2/2022

Eltern
Wie die erste Beziehung unser Leben prägt

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Konflikte: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen
Psychologie: So gelingen stabile Bindungen

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Was das Besondere an dem Tag vor einem Geburtstag sein kann, habe ich bei der Lektüre des aktuellen SPIEGEL WISSEN gelernt, das auf mehr als 130 Seiten die Beziehung zu unseren Eltern beleuchtet. In einem der vielen lesenswerten Texte erzählen vier Menschen, welche Traditionen es sind, die ihre weit verstreut lebenden Familien in all den Jahren zusammengehalten haben. Besonders schön fand ich, was die 77-jährige Katharina Ludolph berichtet.

Sie hatte vor vielen Jahrzehnten angefangen, ihrer Mutter am Vortag ihres Geburtstags eine simple Frage zu stellen: ›Wie alt bist du noch mal?‹ Die Mutter antwortete darauf zu gern, damals hatte sie beim Backen eines Kuchens für ihre Geburtstagsfeier nämlich festgestellt: ›Mein Gott, nie wieder werde ich sagen können, wie alt ich heute bin. Die Zahl ist unwiederbringlich vorbei.‹ Aus dem Spaß an der Rührschüssel sei dann ein lieb gewonnenes Ritual geworden, sagt Ludolph.

Als ich meine Zwillinge am Donnerstag fragte, wie alt sie seien – beim Frühstück, nach der Schule und schließlich vor dem Schlafengehen –, sagten sie ein letztes Mal in ihrem Leben: »acht.« Und grinsten.

Das jüngste Gericht

Unsere Kochkolumnistin Verena Lugert hat diese Woche ein Rezept vorgestellt, das sich prächtig für Familien eignet, unter anderem weil man sich sein Schälchen nach dem eigenen Geschmack zusammenstellen kann: Bibimbap.

Kommt aus Korea, heißt auf Deutsch »Reis umrühren« oder »gemischter Reis«. Verena schreibt: »Auf einem Bett aus weißem, heißem Sushi-Reis liegt – dargereicht wie ein Minibuffet – alles, was man sich vorstellen kann: feine Rindfleischstreifen oder Tofu, vor dem Braten wunderbar mariniert, dann ›Namul‹, wie die typischen koreanischen Gemüsebeilagen heißen: sautierte Shiitake-Pilze, Spinat mit Sesam, gestiftelte, leicht säuerlich eingelegte Minigurken, gebratene Möhrchen mit Frühlingszwiebel.«

Das Schöne: Es gibt keine Vorgabe, ins Bibimbap darf alles, was man gerade im Kühlschrank hat. Das einzig echte Muss beim Bibimbap sei Gochujang, »die scharfe Chilipaste, ohne die in der koreanischen Küche gar nichts geht«. Doch ich kann Sie beruhigen: Meine Schwägerin ist mit dem Bibimbap ihrer koreanischen Mutter aufgewachsen. Als ich ihr den Link zum Rezept per Textnachricht schickte, schrieb mir meine Schwägerin zurück: »Gochujang hatte meine Mutter aber leider nicht da, als sie einmal zum Bibimbap einlud.« Geschmeckt hat es allen trotzdem. Wie das so ist, wenn Mütter kochen.

Mein Moment

Worauf ich mich an diesem Wochenende freue? Auf gemütliches Lesen mit den Kindern. Ein kleiner Trost für die verschobene Geburtstagsparty. Ich gehöre ja zu den wahrscheinlich einzigen drei Menschen auf der Welt, die »Harry Potter« noch nie gelesen haben – und es nun zusammen mit den Kindern entdecken dürfen. Ich wurde dafür schon von Menschen beneidet.

Die Schauspielerin und preisgekrönte Hörspiel- und Hörbuchsprecherin Anna Thalbach nennt solche Situationen, in denen sie einen Text zusammen mit dem Publikum zum ersten Mal liest, einen »fairen Deal«. »Ich selbst bin dann neugierig, wie die Geschichte weitergeht, und ich denke, dieses Gefühl transportiert sich beim Lesen«, sagte Thalbach meiner Kollegin Silke Fokken in einem Interview, in dem es darum geht, wie man Kindern am besten vorliest .

Wir lesen übrigens gerade »Harry Potter und der Gefangene von Askaban« – hatte ich bereits erwähnt, dass meine Kinder Fans des wohl berühmtesten Zauberlehrlings der Welt sind? Da wir derzeit zu Hause vermehrt in Form von Zaubersprüchen kommunizieren (»Lumos!« heißt etwa »Mach bitte mal das Licht an!«), könnte es passieren, dass ich dieses Wochenende mit einem schwungvollen »Wingardium Liviosa« in einen Schwebezustand an die Zimmerdecke verbannt werde. Falls mich das doch zu sehr schlaucht, werde ich zur Not einen von Thalbachs Tipps beherzigen und heute Abend kein ganzes Zaubererkapitel lesen: »Es reicht auch, ein kleines Buch oder ein Gedicht*, wenn man mal müde ist.«

Herzlichst
Ihre Julia Stanek

* Falls jemand ein schönes Gedicht für mich hat – oder auch Kritik, Wünsche, Anregungen in Bezug auf diesen Newsletter –, schreiben Sie mir gern eine Mail an julia.stanek@spiegel.de .

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