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Großeltern und ihre Enkelkinder "Übertreibe ich, wenn ich Abstand halte?"

Großeltern und Enkel halten sich in der Coronakrise möglichst fern voneinander. Wie fühlt sich das an? Wie gehen sie damit um? Unsere Leserinnen und Leser erzählen.
Von Nike Laurenz

Zwei, drei Wochen ohne Besuch, okay. Aber vier? Fünf? Marianne und Reinhard Kopp aus Illerrieden bei Ulm fragen sich nun schon seit einiger Zeit, ob die Corona-Pandemie die Beziehung zu ihren beiden Enkelkindern nachhaltig verändern wird. In diesem Text erzählen sie von Videoanrufen, ultrakurzen Umarmungen und einem ungewohnten Gefühl: im selben Ort zu leben, sich aber nicht nahe sein zu können.

Genau das empfehlen Experten in Deutschland derzeit: Denn ältere Menschen gelten aufgrund ihres Alters als Risikokandidaten für eine Ansteckung mit dem Coronavirus. Bis September oder Oktober sollen Enkelkinder nicht mehr zur Oma-und-Opa-Betreuung gegeben werden, empfahl etwa der Virologe Christian Drosten Anfang März. Man solle stattdessen versuchen, Einkäufe für die Großeltern zu erledigen, damit diese nicht mehr in den Supermarkt müssten. "Das ist ein Dienst, der für alle schmerzhaft und unbequem ist."

Wie schmerzhaft und unbequem sich diese Zeit anfühlt, davon haben Großeltern dem SPIEGEL per E-Mail berichtet, nachdem wir gefragt hatten: Wie halten Sie den Kontakt zu Ihren Enkeln? Eine Auswahl emotionaler - und Mut machender - Nachrichten zeigen wir Ihnen hier.

Birgit S. erfüllt gerade mehrere Funktionen gleichzeitig - für die Familie:

"Wir leben seit drei Jahren (wohlüberlegt) im Mehrgenerationenhaus mit unserem Sohn, Schwiegertochter und drei Enkelkindern. Mit guten Regeln und offenen Gesprächen hat alles gut geklappt. Unsere Tochter mit zwei Kindern lebt in einem anderen Bundesland. 

Und dann kam Corona. Eine nicht zu erwartende Krise, mit der wir nie gerechnet hätten. Wie sollten wir uns verhalten?

Wir beschlossen, uns als einen Haushalt zu betrachten. So haben wir den Kontakt aufrechterhalten - aber drei kleine Kinder den ganzen Tag im Haus, der Sohn im Homeoffice und der Opa krank: eine Herausforderung.

Ich habe alle Qualitäten, die meine Mutter mir vermittelt hat, 'ausgepackt'. Ich bin jetzt Oma, Ehefrau, Hausfrau, Köchin, Bäckerin, Lehrerin, Erzieherin, Moderatorin, Krankenschwester. Mein eigentlicher Beruf ist Kinderärztin. Ich habe nur ein Ziel, den Kindern und Enkelkindern wieder ein (einigermaßen) normales Leben zu ermöglichen.

Das ist eine unglaublich intensive außergewöhnliche Zeit. Sie birgt viele Gefahren, aber auch Chancen."

Renate H., 60, fragt sich, ob sie übertreibt. Sie schreibt:

"Ich bin Oma zweier Enkel, die fünf und vier Jahre alt sind. Vor Corona bin ich jeden Morgen um 4.30 Uhr aufgestanden, habe von 6 bis 14 Uhr gearbeitet und die beiden dann von der Kita abgeholt, weil meine Tochter keine Ganztagsplätze für die beiden bekommen hat.

Kurz vor Corona wurde ich 60. Und plötzlich schrieb mir mein Arbeitgeber, ich sei Risikogruppe und müsse nun ins Homeoffice. Von einem Tag auf den anderen konnte ich die Enkel nicht mehr sehen, das war schon sehr schmerzhaft. Die Kitas blieben geschlossen, und meine Tochter hatte große Probleme mit der Betreuung. Denn es hieß ja: Großeltern sollten sich von ihren Enkeln fernhalten. Mich hat es geschmerzt, sie nicht unterstützen zu können.

Wir haben uns nach einer Weile ein paar Mal verabredet, um auf Abstand spazieren zu gehen, damit ich sie wenigstens mal sehen kann. Aber ich merke, dass meine Tochter nicht versteht, dass wir Abstand halten. Wir haben einen Dauerstellplatz für unseren Wohnwagen, und als ich sagte, wie schade es sei, dass die Kids nicht mal dort mit uns übernachten können, sagte sie nur: Warum nicht?

Ich bin hin- und hergerissen. Übertreibe ich, wenn ich Abstand halte? Wie lange soll nun dieses Kontaktverbot noch bestehen bleiben? Ich habe mir eine FFP2-Maske gekauft und wenn ich diese trage, dann kann ich die Kids auch mal drücken, wenn wir uns sehen."

Ein Paar, 67 und 71, sendet nur wenige Worte:

"Es tut schon weh, wenn man seine Enkelkinder nur per Skype sehen kann, aber wir wollen ja gesund bleiben und noch viel mit den Enkelkindern unternehmen."

Eva P. führt Straßengespräche mit ihren Enkelkindern:

"Plötzlich sind mein Mann und ich Risikogruppe als über 60-Jährige. Mit dem sogenannten Lockdown, dem Schließen der Geschäfte, der Schulen, ist auch der Kontakt zu den Kindern und Enkelkindern abrupt abgebrochen. Erster Gedanke: Angst um Familienmitglieder, die schwangere Tochter, die siebenjährige Enkelin und den zweijährigen Enkel.

Danach erst wird so nach und nach bewusst, dass wir ja selbst am meisten gefährdet sind. Der Sohn und die Tochter gehen für uns einkaufen, kommen nur noch bis zur Haustür, und ab jetzt ist Nähe zu den Liebsten plötzlich gefährlich. Die Enkelkinder sehen wir, wenn überhaupt, nur durch den Zaun. Ein Straßengespräch sozusagen. Der Zweijährige steckt den Kopf durch den Zaun und sagt kein Wort. Was muss er wohl denken? Haben mich Oma und Opa nicht mehr lieb? Die ganz Situation ist unwirklich!!!"

Barbara W. hofft, dass uns diese besondere Zeit in den Köpfen bleibt:

"Ja, auch wir sind als Großeltern betroffen von dieser unwirklichen Situation! Anfangs dachten wir noch, gerade wir als Großeltern könnten bei der Betreuung der Enkel helfen. Aber nein, wir können nicht nur nicht helfen, wir sollen besonders großen Abstand halten! Wie verrückt!

Unsere Enkel sind vier Jahre alt und wissen 'Bescheid'. Dadurch können wir sie schnell an den Abstand erinnern. Aber schön ist das nicht! Und die kommenden Enkel, die nun bald geboren werden - wann werden wir sie mal sehen, mal in den Arm nehmen können?

Wir alle wünschen uns, dass es bald wieder ist wie früher! Hoffentlich erinnern wir uns später auch noch daran und regen uns nicht wieder über unnütze Dinge auf!

Als Babyboomer-Oma habe ich mich in dieser kontaktlosen Zeit an die Möglichkeit der Aufnahmemöglichkeit auf Kassetten erinnert und angefangen, auf meinem Handydiktiergerät meinen Kleinen Geschichten vorzulesen! Es kam sofort sehr gut an und die 'Nachfrage' war groß!

So sitze ich nun wenigstens ab und zu bei unseren Enkeln im Wohnzimmer und schaffe mit meiner Stimme ein wenig Nähe, aber ich freue mich natürlich sehr aufs interaktive Vorlesen ganz nah auf einem Kuschelsofa!"

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