Mutter und Tochter (Symbolbild)
Mutter und Tochter (Symbolbild)
Foto: Oliver Rossi / Getty Images

Wenn Kinder von Helikoptereltern erwachsen werden »Bitte denk nicht, du wärst eine schlechte Mutter. Aber hör auf, mir zu helfen!«

Sie werden größer, doch es hört nicht auf: Echte Helikoptereltern begleiten ihre Kinder an die Uni, ins Büro – und suchen sogar nach einem passenden Partner. Einer Tochter reichte es irgendwann.

An Weihnachten fallen selbst viele Erwachsene plötzlich wieder in die Kinderrolle, heißt es. Was für einige Stunden im Jahr okay sein mag, geht erwachsenen Kindern von Helikoptereltern ständig so: Mama und Papa können einfach nicht loslassen. Bewerbung, Ausbildung, Studium, Job, Partnerwahl: Bei allem wollen sie mitmischen – und tun das auch, völlig ungeniert.

»Das Schärfste, was ich einmal erlebt habe«, erzählt der Geschäftsführer eines IT- und EDV-Unternehmens, »waren Eltern, die ihren 21-jährigen Sohn zu seinem ersten Ausbildungstag bei uns begleitet haben.« Nachdem er den jungen Mann begrüßt hatte, habe es geklingelt und die Mutter habe vor der Tür gestanden mit der Bitte, eintreten zu dürfen. »Ich war so perplex, dass ich sie hereingelassen habe. Sie hatte kaum Platz genommen, da klingelte es wieder, diesmal war es der Vater. Er entschuldigte sich wegen der Verspätung – die Parkplätze – und drängte auch ins Büro. Auf meine völlig hilflose Frage, was sie denn hier wollten, erklärten die beiden: ihren Sohn am ersten Arbeitstag unterstützen.«

Von Anekdoten wie diesen und Eltern, die es – von der Schwangerschaft bis zum Studium – mit ihrer Fürsorge maßlos übertreiben, handelt das neue Buch »Stellen Sie die Sirenen aus – mein Kind macht Mittagsschlaf!« der SPIEGEL-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg.

Anzeige
[Padtberg, Carola, Greiner, Lena]

Stellen Sie die Sirenen aus - mein Kind macht Mittagsschlaf!: Neue witzige Geschichten über Helikopter-Eltern | Die neuesten Spleens und Stunts von Helikopter-Eltern

Verlag: Ullstein Taschenbuch
Seitenzahl: 128
Erscheinungstermin: 30. November 2020
Für 10,99 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Selbst Unis und Unternehmen sprechen längst die Eltern an, um ihre Studiengänge und Ausbildungsmöglichkeiten anzupreisen: »Eltern haben bei der Studien- und Berufswahl ihrer Kinder eine wichtige Funktion. Wir sprechen deshalb auch Eltern von Studieninteressierten an und ermöglichen ihnen, eigene Fragen in Bezug auf ein Studium ihres Kindes zu klären«, teilt die Uni Göttingen mit – und verschickt sogar eine Pressemeldung zum Informationsabend für Eltern von Studieninteressierten.

Auch auf der Website der Deutschen Bahn heißt es: »Hier findet Ihr Kind eine Übersicht der Dualen Studiengänge« und »Egal ob Onlinebewerbung, Lebenslauf oder das Vorstellungsgespräch: Wir erklären Ihnen Schritt für Schritt, wie die Bewerbung Ihres Kindes aussehen sollte«.

Und was machen echte Helikoptereltern, wenn es bei der 24-jährigen Tochter offenbar nicht so recht klappt bei der Partnersuche? Dann schalten sie in einer großen Tageszeitung eine Anzeige, wie die »tz« berichtete :

»Liebe Eltern! Echter Münchner mit Familienunternehmen / Immob. möchte dem Glück seiner Tochter, 24 J., hübsch, 1,70 m, studiert, sportlich, unternehmungsfreudig, vielseitig interessiert, auf die Sprünge helfen. Gesucht wird: junger Mann bis 35 J., ab 1,78 m groß, gutaussehend, charmant, strebsam, NR, aus guter Familie / gerne Unternehmer / Handwerker / Akademiker. Bitte Bildzuschrift.«

»Ich war eine Helikopter-Mutter – bis ich diesen Brief von meiner Tochter bekam«

Auch eine deutsche Mutter, die mit ihrer Familie in den USA lebt, bevormundete ihre Tochter jahrelang, optimierte deren Leben und half überall, noch bevor sie darum gebeten wurde.

Erst als die Tochter für ein Praktikum das Land verließ, schaffte es die damals 22-Jährige, ihre Mutter in einer E-Mail darum zu bitten, sie selbstständiger werden zu lassen. »Ich war eine Helikopter-Mutter – bis ich diesen Brief von meiner Tochter bekam«, sagt die Frau heute und bat um Veröffentlichung, damit andere vielleicht daraus lernen könnten. Hier ist ein Auszug:

»Mama,

bitte hör mir gut zu, denn ich werde noch verrückt, weil ich nicht weiß, wie ich es Dir sagen soll, ohne gemein zu klingen oder Deine Gefühle zu verletzen. Das ist nicht meine Absicht, aber ich möchte auch nichts beschönigen, also sag ich es jetzt: Hör auf, mir zu helfen.

Ich frage Dich fast nie um Hilfe, aber Du machst es einfach. Mein ganzes Leben lang hast Du Dinge für mich getan, bevor ich sie selbst probieren konnte. Als ich hier ans College kam, musste mir meine Mitbewohnerin erst einmal zeigen, wie man Wäsche wäscht. Okay, ich war nicht die einzige, die das nicht konnte, und ich habe im Keller immer noch ein bisschen Angst, aber trotzdem.

Ich mag es, wenn ich Dinge allein hinkriege. Deshalb hasse ich es auch, wenn Du meinen Lebenslauf von Dutzenden von Leuten umschreiben lässt. Ich weiß, dass Du ihn Deinen Kollegen zeigst, weil sie intelligent und toll ausgebildet sind. Aber Mama, das bin ich auch! Ich hatte ein Seminar über Bewerbungsgespräche und Lebensläufe und bekam die Bestnote. Und im Abschlussjahr habe ich den Fortgeschrittenenkurs ›Business Communication Skills‹ belegt und bekam auch die Bestnote.

»Es reicht, wenn Du einfach da bist, und ich werde kommen und um Hilfe bitten, wenn ich sie brauche, aber zuerst muss ich Dinge allein versuchen.«

Erwachsene Tochter zur ihrer Mutter

Aber Du glaubst nicht daran, dass ich gut bin. Das behauptest Du zwar dauernd, doch Du stellst alle meine Fähigkeiten infrage und rufst lieber Deine professionellen Freunde an, bevor ich es wenigstens einmal selbst versuchen kann. Vielleicht zweifelst Du auch gar nicht an mir, aber hast so große Angst, ich könnte scheitern, dass Du mir jedes Problem aus dem Weg räumst. Aber ich habe keine Angst zu scheitern. Man muss auch mal scheitern, um erfolgreich sein zu können.

Bitte denk nicht, Du wärst eine schlechte Mutter. Du bist eine tolle Mutter und ziemlich cool und ich liebe Dich, aber ich wünsche mir, dass Du mit dem Helfen aufhörst. Es reicht, wenn Du einfach da bist, und ich werde kommen und um Hilfe bitten, wenn ich sie brauche, aber zuerst muss ich Dinge allein versuchen. Wenn ich jetzt wie ein schlechter Mensch wirke, tut es mir leid, aber das bin einfach ich, wie ich erwachsen werde, und das ist doch etwas Gutes!«

Sie habe sich erst kurz erschrocken über den Brief, sagte die Mutter, dann sei sie aber erleichtert gewesen. »Ich bin jetzt frei«, habe sie gedacht. Und sie weiß heute: »Das Leben meiner Tochter ist nicht perfekt durch meine Hilfe. Wie auch?«

Dabei sind die Spleens und Stunts der Mütter und Väter längst nicht nur Privatsache. Alle Menschen, die mit Kindern arbeiten, kennen das Phänomen. So berichten auch im dritten Band der lustigsten Anekdoten über Helikoptereltern wieder Erzieher, Lehrerinnen, Ärztinnen und Supermarktmitarbeiter von kuriosen Begegnungen und Erlebnissen.

So wie die Hebamme, die angerufen wurde, weil ein Baby Schluckauf hatte, und die Erzieherin, die in der Kita die Klobrille vorwärmen sollte. Oder die Lehrerin, die beobachtet, wie Mütter dem Schulbus hinterherfahren oder auf dem Schulhof herumlungern und dass Väter die Hausaufgaben für ihre Kinder machen. Auch vor Fake-WhatsApp-Accounts schrecken Eltern nicht zurück, damit sie – als Jugendliche getarnt – heimlich mit ihren Kindern chatten, um zu sehen, »wie unsere Töchter reagieren«.

cpa/lgr