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Alter! – Die Midlife-Kolumne Wie ich langsam zum Blockwart werde

Ich schreie Kinder an und fantasiere von Anrufen bei der Polizei. Ist es wirklich nur die Angst vor Corona - oder eine Alterserscheinung?
Kolumnistin Christina Pohl

Kolumnistin Christina Pohl

Foto:

Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Der Stadtwald grünt, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Ich jogge auf gut gedämpften Nadelholzwegen. Es könnte so schön sein. Doch plötzlich rast ein Fahrradfahrer an mir vorbei, mit höchstens drei Zentimeter Abstand. Ich kann das Waschmittel in seinen Klamotten riechen. Aus Reflex schreie ich dem potenziellen Angreifer auf mein Leben hinterher: ABSTAND HALTEN!!! 

Im selben Moment bereue ich es aus zwei Gründen: Ich habe von einer Studie gelesen, nach der niemand weiß, wie ansteckend das Ausatmen Millionen winziger Tröpfchen aus der Sportlerlunge sein kann. Der Wind kam aus Nordost, ich lief in Luv des Radfahrers, also auf der windzugewandten Seite. Wenn der jetzt gerade in dem Moment ausgeatmet hat, als ich ihn anschrie und ich hatte den Mund auf und… das will ich mir nicht vorstellen. 

Der zweite Grund: Es war ein etwa zwölfjähriger Junge mit schmalen Schultern, der nach meiner gebrüllten Anordnung die Flucht ergriff und plötzlich doppelt so schnell fuhr. Vielleicht hat er Angst vor mir bekommen? Oh Gott, ich schreie plötzlich Kinder an!  

Ich verhalte mich zunehmend seltsam in diesen pandemischen Zeiten. 
Wenn irgendwo Menschen zusammenstehen und offensichtlich nicht eine Familie oder eine häusliche Gemeinschaft sind, stelle ich mir vor, wie ich dort hingehe und so überwachungsmäßig frage, was sie da wohl machen. Ich habe Fantasien, die damit enden, dass ich die Polizei rufe, damit diese verbotenen Versammlungen sofort aufgelöst werden. 

Seit Tagen frage ich mich, warum ich plötzlich den Wunsch hege, Menschen zu denunzieren oder sie zur Ordnung zu rufen. Ist das die Angst vor Corona, oder ist es das Alter, das mich zum Blockwart macht? 

Ich gehöre zwar zur Risikogruppe. Doch da ist plötzlich ein tiefer Wunsch nach klaren Regeln in mir, den ich mir nicht erklären kann. Es soll sich nichts verändern, und vor allem soll nichts schlimmer werden. Es geht schließlich um Leben und Tod. 

Auf einem vier Meter breiten Waldweg laufen drei Spaziergänger mit jeweils zwei Meter Abstand. Preisfrage: Wie viel Platz bleibt zum Überholen? Richtig: 0,0 Zentimeter.  

Ich habe mir vorgenommen, fortan niemanden mehr anzuschreien. Also schlage ich Haken wie ein Hase und laufe durchs Unterholz im Cross-Modus. Es ist ein Hindernislauf, die Hürden bestehen aus potenziell infektiösen Menschen. 
 
Ich wünsche mir einen Corona-Knigge. In meiner Vorstellung gehen dann alle brav hintereinander, Gleichschritt Marsch! 

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Dieser übergroße Wunsch nach Ordnung ist mir eigentlich fremd. Ich gehöre zu den Menschen, die nur putzen, wenn es unbedingt sein muss. Diesen Marie-Kondo-Hype habe ich nicht verstanden. Warum die Zeit mit Aufräumen verschwenden? 

Und jetzt verhalte ich mich wie jemand, den ich bis vor kurzem verabscheut hätte. Ich hege plötzlich Sympathien für die Kanzlerin und ihre mahnenden Worte. Einen Moment lang fand ich sogar Markus Söder dufte, wie er so in seinem Bayern durchregiert. Ich hänge an den Lippen von Professor Christian Drosten und habe im Moment gar nix gegen eine Totalüberwachung einzuwenden. 

Dann fällt mir ein, dass ich mal gegen die Volkszählung unterschrieben habe. Lächerlich! 

Bin ich plötzlich konservativ geworden oder einfach nur un poco loca? In fünf Wochen zum Gehweg-Nazi - das muss man auch erstmal hinkriegen.  

Ich kann nicht nachvollziehen, warum so viele nach Lockerungen schreien. Die Forscher der Helmholtz-Gemeinschaft sagen, dass wir nur noch drei bis vier Wochen durchhalten müssten, dann könne man über echte Lockerungsmaßnahmen nachdenken.  

Was finden die Menschen witzig daran, sich ein Six-Pack Corona-Bier zu kaufen und damit eine gleichnamige Party zu feiern? Wollen die sich und/oder andere vorsätzlich umbringen? Warum schieben sich wieder Menschenmassen durch die Fußgängerzonen? Sie sehen aus wie Konsum-Zombies auf dem Weg zur Hölle. 

Ich überlege ernsthaft, ins virusfreie Rostock zu übersiedeln. 

Denn überall ist es plötzlich wieder voll. Eine Kollegin hat mal einen Selbstversuch gemacht und festgestellt, dass Männer in der Regel nicht ausweichen, wenn ihnen eine Frau entgegenkommt. Mit der Coronakrise ist das noch schlimmer geworden. Im Stadtwald beim Joggen halten die männlichen Wesen direkt auf mich zu. Doch: Die Klügere gibt nach. Sie wissen schon, wegen der Tröpfcheninfektion. 

Unglücklicherweise habe ich eine Schwäche für einen Ort, an dem viele Männer sind. Baumärkte üben eine ungeahnte Anziehungskraft auf mich aus. Gerade im Moment suche ich nach Bauprojekten, die die Kontaktleere im Leben ein wenig ausgleichen. Ich könnte stundenlang die richtigen Spax-Schrauben aussuchen, Motorsägen begutachten und riesige Spaltäxte bestaunen.  

Doch die Ansagestimme mahnt mich wegen Corona, meinen heißgeliebten Heimwerkermarkt so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Aber wie denn? Die zumeist männlichen Besucher lassen mir keine Chance. In den engen Gängen stehen sie in aller Seelenruhe vor den Regalen und vergessen wie kleine Jungs die Welt um sich herum. Beneidenswert.

Mit einem Einkaufswagen kann man nicht gut Haken schlagen. So muss ich viele Umwege in Kauf nehmen, um die Jungs vor den Regalen zu umschiffen. In mir sammelt sich immer mehr von dieser passiven Aggression. Dann habe ich eine Idee: Ich muss für die Reparatur meines Gartentors Holz besorgen. Ich bewaffne mich mit einem drei Meter langen Stück einer Douglastanne, und plötzlich machen alle Platz. Ich überlege kurz, noch eine Latte quer zu nehmen, aber dann passe ich nicht mehr durch die Gänge. Mein innerer Blockwart-Boomer tagträumt von einer Hula-Hoop-Konstruktion, die mir nach allen Seiten hin zwei Meter Abstand zu den Lebensmüden verschafft. 

Ich glaube, es ist nicht das Alter. Es ist wohl die Angst vor dem Virus, die mich in die Arme der Konservativen treibt.  

Und dann brennt die Sonne dazu so gnadenlos vom Himmel. Das gute Wetter erscheint surreal. Es ist wie auf dem Holodeck von Raumschiff Enterprise: Jeden Moment könnte die Projektion in 3D zusammenbrechen. Und man findet sich, nach Luft schnappend, auf der Intensivstation wieder.