Juno Vai

Kiffen und Corona Was, wenn der Rausch zum Ritual wird?

Juno Vai
Eine Midlife-Kolumne von Juno Vai
In der Pandemie wird viel gekifft auf Deutschlands Balkonen. Cannabis gehört zur Popkultur – aber mit dem Alter kommt die Sorge um die eigenen Kids. Unsere Kolumnistin findet: lieber legalisieren als bagatellisieren.
Junge Kifferin (Symbolfoto)

Junge Kifferin (Symbolfoto)

Foto: Lucas Ottone / Stocksy United

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Am Dienstagabend war es wieder so weit: Als ich mich gerade mit einem Buch ins Bett verziehen wollte, rappelte es unter meinem Schlafzimmerfenster. Stühle wurden verrückt, leises Gekicher im Hof, das Knistern von Rizla-Blättchen. Kurz darauf stiegen fette Skunkwolken auf, wanderten durch meinen Flur ins Wohnzimmer, wo sie sich mit einer zweiten Haschischwolkenfront aus der Eckkneipe vereinten. Meine Wohnung stank wie eine Teenagerbude, nach billigem, aufdringlichem Kiff.

Kein neues Phänomen, auch keins, das mein Blut besonders in Wallung brächte. Aber eines, das sich gefühlt häuft. Ob ich zum Discounter gehe oder spazieren – überall wird »gebufft«, was das Zeug hält. Die Pandemie hat den Cannabis-Konsum befeuert, vermute ich. Tatsächlich griffen Konsumenten und Konsumentinnen laut einem Uno-Bericht im Coronajahr 2020 häufiger zu Cannabis und Beruhigungsmitteln, während Partydrogen seltener genommen wurden. Allein zu Hause macht Ecstasy wenig Sinn, das leuchtet irgendwie ein.

Schon immer haben Krisen den Wunsch nach Eskapismus, Exzess oder Beruhigung gefördert. Haschisch ist in Deutschland günstig, en masse und fast so leicht zu haben wie legale Drogen.

Aber ich stehe als mittelalte Mutter von zwei Teenager-Kids vor einem Dilemma. Zwar habe ich in meiner Jugend selbst das eine oder andere probiert. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass meine Kinder nur bedingt von dieser »Expertise« profitieren können. Der Reiz des Verbotenen besteht nun mal darin, dass man es selbst probiert und Eltern in der Regel die letzten sind, die man daran teilhaben lassen will.

Verharmlosung in Endlosschleife

Ich mache mir Sorgen. Mich nervt zusehends die Verharmlosung durch Cannabis konsumierende Eltern, die in Endlosschleife betonen, kiffen sei um Längen besser als saufen, medizinisch hilfreich noch dazu. Und deshalb was?, frage ich dann. Können sich die Kids bedenkenlos diese THC-Bomben reinziehen, die derzeit auf dem Markt sind? Oder das mit synthetischen Cannabinoiden versetzte Zeug, das laut Europäischem Drogenbericht 2021  schon Tote gefordert hat?

Panikmache, ach wirklich? Laut Uno-Drogenbehörde UNODC hat sich der Gehalt der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) in Cannabis in den vergangenen 20 Jahren in Europa verdreifacht.

Schon die softeren Varianten meiner Jugend haben Spuren hinterlassen. Ich habe Leute in versifften Kiffer-WGs durch jahrelangen Hardcore-Konsum buchstäblich vor die Hunde gehen sehen. Ich habe Freunde, die durch notorisches Rauchen so antriebsschwach wurden, dass sie nie einen Beruf erlernten und ein Leben lang in den Seilen hingen. Nicht dramatisch, aber auch nicht schön. Ich kenne Eltern, die jahrelang dabei zugesehen haben, wie ihr Sohn in der Schule Drogen aller Art vertickt hat, hilflos, vielleicht auch nur ratlos, wer weiß.

Rappertrip mit Hustensaft

Hier geht es nicht um den Joint ab und zu, ich frage mich, was passiert, wenn der Rausch zum Ritual wird, sich verstetigt, all die Leerstellen füllt, die die Pandemie zusätzlich in das Leben Jugendlicher gerissen hat. »Die sitzen die ganze Zeit nur rum, rauchen, daddeln und schweigen sich an«, erzählt meine 17-jährige Tochter. Klar hat sie selbst auch schon mal gekifft. Sie findet es aber derzeit noch lustiger, sich zu bewegen und Leute kennenzulernen, als in einem Sessel vor sich hinzudösen.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Jungsein ist ja selten kohärent oder logisch. Deshalb ist auch vieles, was diese Generation auf sich vereint, komplett widersprüchlich. Auf der einen Seite militanter Veganismus, Klimaschutz und Yogaübungen, auf der anderen Seite kiffen und sich wegbeamen. Hier Feminismus und #MeToo, dort frauenfeindlicher Rap und das Loblied auf Xanax, Percocet oder Kodein – Medikamente, deren Missbrauch Stars wie den US-Musiker Lil Peep mutmaßlich umbrachten.

Mein 15-jähriger Sohn hört dessen Musik, und ich bemühe mich, immer mal wieder möglichst unaufdringlich einzuwerfen, wie dumm es ist, sich mit Benzodiazepinen oder Hustensaft das Gehirn weich zu dämpfen. »Gute Beats, bescheuerte Texte«, sag ich dann. Er quittiert das mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln. Er macht Sport, raucht nicht und trinkt auch keinen Alkohol (glaube ich). Für ihn sind die Lyrics bisher einfach Teil der Rapkultur.

Aber in seiner Klasse gibt es bereits die ersten Kiffer. Und im multitoxischen Universum der Jugendlichen im Jahr 2021 ist Cannabis nur eine Droge von vielen auf dem Markt.

Und wer reibt sich die Hände?

Die organisierte Kriminalität hat gewohnt schnell auf die durch Corona verursachten Verwerfungen reagiert. Schärfere Grenzkontrollen oder -schließungen zu Beginn der Pandemie wurden durch verstärkte Nutzung des Seewegs umgangen. Die Dealer änderten Schmuggelrouten, nutzten verstärkt Post- und Heimzustelldienste für die Lieferung. Und wie die meisten Unternehmen setzen auch die großen kriminellen Organisationen auf Digitalisierung.

Will man solche mafiösen Netzwerke unterstützen, indem man Geld in Drogen investiert? Natürlich nicht. Aber das ist eine Erwachsenen-Argumentation. Jugendliche hält das trotz möglicherweise politisch korrekter General-Attitude nicht vom Kiffen ab.

Ich bin für eine Legalisierung von Cannabis und den kontrollierten Verkauf, nur so kann man den Kartellen wenigstens eine Einnahmequelle nehmen. Die Kids vorm Abusus zu bewahren, bliebe aber auch bei einer Legalisierung Aufgabe.

Wir reden in unserer Familie über Drogen, klar. Ich berichte von Horrortrips und vernichteten Existenzen, von vielfach teuer bezahlter Hemmungslosigkeit auf den Techno-Raves der Neunziger. Ich erinnere an die in meiner Familie vererbte Lungenschwäche. Verweise auf die Wirkung von THC auf das jugendliche Gehirn.

Aber schon während ich das schreibe, finde ich das Deklamatorische meiner Warnungen selbst unfassbar öde.

Letztlich müssen die Kids selbst dem Druck standhalten – in der Gruppe, der Schule, in sich selbst. Ich kann nur sehr genau hinschauen, zuhören, aufpassen und die Verbindung halten. Und im Ernstfall möglichst rechtzeitig intervenieren. Ob das gelingt, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Und falls es misslingt, sollte man vorsichtig sein mit Urteilen. Aber ich verstehe es zumindest als meine Pflicht.

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