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Worte an Kinder »Ich möchte euch um Verzeihung bitten«

Klimakrise, Pandemie, Krieg – wie finden Jungen und Mädchen sich in dieser Welt zurecht? Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort hat ihnen einen Brief geschrieben.

Liebe Kids,

die Welt war schon immer komplex. Nun ist sie noch schwieriger geworden. Unübersichtlich. Vielleicht auch bedrohlich und ängstigend.

Zur Person
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Nina Grützmacher

Michael Schulte-Markwort, Jahrgang 1956, ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er ist ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Marzipanfabrik und Gründer der Praxis Paidion-Heilkunde für Kinderseelen in Hamburg und Berlin. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben unter anderem über Magersucht und Kinderängste. Sein aktuellstes Buch »Seelenleben: Einblicke in die jugendliche Psyche« erschien im 2020 im Carlsen Verlag.

Und dabei hattet ihr eure Sache so gut gemacht: Ihr habt uns Erwachsenen gezeigt, wie man flexibel und widerstandsfähig mit einer Pandemie umgehen kann. Ihr wart belastet. Aber ihr habt den Lockdown, das Homeschooling und die Kontaktbegrenzung bravourös gemeistert.

Es tut mir leid, dass in der Presse so viel über eure Belastung gesprochen wurde. Ich hatte manchmal Angst, wir könnten euch krank reden.

Natürlich übersehe ich dabei nicht diejenigen, die es schwer hatten. Und natürlich gibt es für euch viel zu wenig Angebote, die euch unterstützen. Therapieplätze zum Beispiel. Aber das war auch schon vor der Pandemie ein Skandal.

Viele von euch haben zurückgemeldet, dass ihr zu Hause besser lernen konntet. Natürlich sind Schulklassen zu groß und viel zu laut. Wir haben es jetzt mal wieder verpasst, auf euch zu hören. Wir hätten mindestens Hybridmodelle beibehalten können. Entschuldigt, dass wir mal wieder über euch hinweg gehen.

Vor der Pandemie wart ihr es, die uns geduldig, nachhaltig und vehement darauf hingewiesen haben, dass wir unseren Planeten zugrunde richten. Es ist euer Planet, weil ihr länger darauf leben werdet.

Unser Planet gehört immer der nachfolgenden Generation. Und er ist immer nur geliehen. Von Generation zu Generation. Jetzt haben wir hoffentlich verstanden, was wir tun müssen, um zumindest die Umwelt so zu gestalten, dass alle überleben. Natur so zu schützen, dass weniger davon stirbt.

»Warum töten Menschen sich gegenseitig?«

Und jetzt: der Krieg in der Ukraine.

Auch vorher gab es weltweit immer zu viel Krieg. Als wollten wir euch endgültig beweisen, dass wir nicht friedensfähig sind. Schaut man sich die Kriege der vergangenen Jahrzehnte, Jahrhunderte an, dann kann man sich schon fragen: Warum töten Menschen sich gegenseitig? Denn diese Zerstörung richtet sich ja gegen uns selbst. Gegen unsere Liebe, unser Leben.

Und nun rückt der Krieg näher. Männliche Gewaltherrscher sorgen überall auf der Welt dafür, dass die Zerstörung des Menschen durch den Menschen nicht aufhört.

Krieg ist männlich. In den Panzern sitzen Männer. Junge Männer. Wir müssen dringend an alle Männer, Väter appellieren: Legt die Waffen weg! Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Stellt euch vor, wie cool das wäre. Jungens: Hört auf zu denken, dass Muskelkraft und Fitness das Wichtigste sind. Und lasst euch nicht in den Krieg schicken. Mädchen: Hindert eure Mütter daran, eure Brüder in den Krieg zu schicken. Und sucht euch andere Jungens.

Ihr seid natürlich nicht verantwortlich für das, was gerade geschieht! Sondern wir. Väter und Mütter. Männer und Frauen.

»Wir brauchen euch. Ihr seid unsere Zukunft. Dafür danken wir euch zutiefst.«

Am Ende brauchen wir uns gerade jetzt gegenseitig. Wir Erwachsenen müssen mehr übernehmen als ihr. Sehr viel mehr! Wir müssen die Welt so gestalten, dass ihr euch sicher und gehalten fühlt.

Wir brauchen euch. Ihr seid unsere Zukunft. Dafür danken wir euch zutiefst.

Und ich möchte euch aufrichtig um Verzeihung bitten. Um Verzeihung für die Zerstörung und den Tod, die überall sichtbar sind. Das allein genügt nicht, ich weiß. Aber wenn ihr weiterhin so nachsichtig mit uns seid, ist es vielleicht eine Basis.

Für eine bessere Welt. Für euch. Für uns.

Danke fürs Lesen.

Euer Michael Schulte-Markwort

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