Queer-Azadi-Pride-Parade im indischen Mumbai im Februar 2020
Queer-Azadi-Pride-Parade im indischen Mumbai im Februar 2020
Foto: Francis Mascarenhas / REUTERS

LGBT-Rechte »Es müssen neue Sündenböcke gefunden werden«

Russland, Mexiko, Indien: Der Journalist und Autor Mark Gevisser reiste um die Welt, um zu verstehen, wie es queeren Menschen geht. In seinem Buch »Die pinke Linie« erzählt er deren Geschichten – und seine eigene.
Ein Interview von Enrico Ippolito

SPIEGEL: Herr Gevisser, in Ihrem Buch erzählen Sie anhand von zehn Geschichten über Menschen, die an der »pinken Linie« leben – von Südafrika über Ägypten, Israel-Palästina, Indien, Russland bis Mexiko und den USA. Sie beschreiben darin Konflikte und Diskurse, die die Rechte und realen Lebenssituationen von queeren Menschen betreffen. Was ist die »pinke Linie« ?

Gevisser: Die pinke Linie ist meiner Meinung nach eine neue globale Menschenrechtsgrenze. Ich glaube, sie beschreibt, definiert und teilt die Welt in einer Art, die noch vor einer Generation unvorstellbar gewesen wäre. Für queere Menschen entspricht sie oft einem bewehrten Tor zwischen Angst und Verwundbarkeit auf der einen und Sicherheit und Bestätigung auf der anderen Seite. Ich vergleiche in meinem Buch in mehreren Ländern rund um die Welt die Gesetze auf dem Papier mit der Gewalt vor Ort. Ich schaue mir an, wie sie sich durch Familien, durch Gemeinden zieht. Und, ganz wichtig, wie das Internet einerseits Freiheit, Gemeinschaft und Informationen schafft, gleichzeitig aber auch neue Bedrohungen für die Menschen hervorrufen kann. Es ist kein besonders strenges Konzept. Die pinke Linie ist elastisch, sie verläuft im Zickzack.

SPIEGEL: Wie kamen sie darauf?

Gevisser: Der Begriff kam direkt aus meiner eigenen Erfahrung. Mein Partner und ich haben in Südafrika geheiratet, damit ich ein Ehegattenstipendium bekomme und wir zusammen nach Paris reisen konnten. Während wir nach der Hochzeit zusammen wegfahren konnten, las ich 2010 in den Nachrichten von einem Paar in Malawi namens Steven Monjeza und Tiwonge Chimbalanga, die eine öffentliche Verlobungsfeier abgehalten hatten. Ihre Verbindung war aber im Gegensatz zu unserer nicht legal, deshalb wurden sie am Ende durch einen schrecklichen Prozess gedemütigt und zu 14 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

SPIEGEL: Und wie kommt hier die pinke Linie ins Spiel?

Gevisser: Die pinke Linie war in diesem Fall die Grenze zwischen Malawi und Südafrika: Nach einer riesigen Kampagne für ihre Freilassung, in der westliche Hilfsorganisationen damit drohten, Gelder zu kürzen, und Madonna eine Petition startete, reiste Chimbalanga als trans* Frau nach Südafrika aus. An einen Ort, wo sie aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung den Flüchtlingsstatus erhalten konnte. Auf dieser Seite der pinken Linie, ich würde sagen, der besseren Seite, werden LGBTIQ-Rechte – zumindest auf dem Papier – respektiert und geschützt.

SPIEGEL: Und auf der anderen?

Gevisser: Auf der anderen Seite werden queere Menschen als ausländische Agenten gesehen, als Avatare eines dekadenten, westlichen, säkularen Neokolonialismus, der die kulturelle Souveränität und die traditionellen Werte dieser Länder bedroht. Das ist ein großer Diskurs in Afrika und auch in Mittel- und Osteuropa. Wir können das im Moment besonders deutlich in Polen beobachten und auch in Russland.

SPIEGEL: Nach der Lektüre Ihres Buchs bleibt der Eindruck bestehen, dass sich viele dieser weltweiten Kämpfe auf Religion zurückführen lassen.

Gevisser: Ich habe nicht aktiv nach Geschichten von Menschen mit Glauben gesucht. Aber als säkularer westlicher Liberaler vergesse ich auch leicht, dass in den meisten Teilen der Welt Menschen gläubig sind. Das ist wichtig, denn wenn dieser Glaube auf eine homophobe Art und Weise missbraucht wird, hat das selbstverständlich Auswirkungen auf die Betroffenen, wie zum Beispiel bei Zaira, einem Mädchen aus Mexiko, das in seiner Kindheit einen Exorzismus durchleiden musste.

SPIEGEL: Sie verwenden den Begriff der »moralischen Panik« in Ihrem Buch, auch um diesen religiösen Fanatismus zu beschreiben. Was genau meinen Sie damit?

Gevisser: Es ist ein Begriff, den der Soziologe Stanley Cohen definiert hat. Es geht um die Art und Weise, wie sich eine Gesellschaft auf ein Opfer oder einen Sündenbock stürzt, wenn es ein Unbehagen oder ein Problem gibt – etwa beim Schutz der Nation gegen Eindringlinge von außen.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Gevisser: In der McCarthy-Ära gab es eine moralische Panik in den Vereinigten Staaten, die als »lavender scare« bekannt ist: Demnach waren Homosexuelle in der Regierung besonders anfällig dafür, von den Sowjets erpresst zu werden, und deshalb musste man sie loswerden. Tausende von schwulen Männern wurden aus dem öffentlichen Dienst gefeuert.

SPIEGEL: Aber es gibt nun fast weltweit eine Verschiebung dieser Panik, so argumentieren Sie in Ihrem Buch – von Homosexuellen über Transgender zur »Gender-Ideologie«.

Gevisser: Die öffentliche Meinung hat sich generell zugunsten der Homosexuellen gewandelt, insbesondere zugunsten derer, die heiraten und Familien gründen. In den Teilen der Welt, wo viele Menschen schwule Männer und lesbische Frauen kennen und diese anerkannt werden, müssen also neue Sündenböcke gefunden werden: Diese neue Gefahr in den Köpfen sind trans* Personen und transgender Frauen im Besonderen. Was dieses Thema so komplex macht, ist, dass sich hier zwei scheinbar völlig konträre Gruppen in einem Punkt treffen: Die religiösen Konservativen arbeiten mit ähnlichen Feindbildern wie eine bestimmte Form von Feministinnen aus Großbritannien zum Beispiel, die schon immer transgender Identitäten als eine Bedrohung für die Weiblichkeit gesehen haben.

SPIEGEL: Und wie kommt der Hass auf die Gendertheorie dazu?

Gevisser: Es ist jetzt nicht mehr nur ein Kampf gegen Homosexuelle oder trans* Personen. Es ist ein Kampf gegen eine Ideologie, die angeblich unsere Kinder »kontaminiert«. Den Kindern wird, wie Papst Franziskus selbst gesagt hat, in den Klassenzimmern beigebracht, dass Männer Frauen und Frauen Männer sein können. Der Kampf um den Lehrplan soll dazu benutzt werden, Kinder davor zu schützen, sich mit diesen Gedanken zu »infizieren«. Es geht darum, sie von diesen vermeintlich widernatürlichen, antichristlichen Ideen fernzuhalten. Und wir sehen, wie mächtig diese Argumentation ist – man muss sich nur die großen »Familiendemos« in Frankreich, Mexiko, Kolumbien, Brasilien und dem Rest der Welt ansehen.

SPIEGEL: Sie sind für Ihr Buch um die halbe Welt gereist. Was haben Sie dabei über sich selbst gelernt?

Gevisser: Es gibt ein paar Erkenntnisse. Über eins schreibe ich ganz am Ende; es betrifft meine eigene Geschlechtsidentität: Ich saß in Indien im Kreis mit kothis, und wir mussten unsere Namen, Pronomen und Geschlechtsidentitäten sagen. Und als es um mich ging, sagte ich: »Ich bin Mark, meine Pronomen sind er/ihm/sein, und ich bin kothi«.

SPIEGEL: Kothi entspricht in etwa dem westlichen »feminisierten« Mann, der in Beziehungen zu anderen Männern oft die passive Rolle einnimmt. Warum hat sich das für Sie in dem Moment richtig angefühlt?

Gevisser: Ich habe wirklich sehr intensiv darüber nachgedacht, warum ich das getan habe. Einer der Gründe war, dass ich versucht habe, das zu etablieren, was wir vielleicht professionelle Empathie nennen. Ich saß als großer, weißer, Englisch sprechender Mann in einer Runde mit Tamil sprechenden Indern. Ich habe versucht, eine Verbindung herzustellen.

SPIEGEL: Und der andere Grund?

Gevisser: Ich habe es so empfunden, es fühlte sich richtig an. Das hätte ich am Anfang meiner Reise nie zugegeben, obwohl ich mich nie als konventioneller Mann verstand. Aber trotzdem wurden auch mir die ganzen Stereotype von Männlichkeit vermittelt – und das ist mein eigenes Bündel, das ich mit mir rumtrage. Jetzt kann ich akzeptieren, dass ich so etwas wie eine fluide Geschlechtsidentität habe, abseits vom Binären.

Anm. d. Red.: In der McCarthy-Ära wurde Homosexuellen in der Regierung nachgesagt, von den Sowjets erpressbar zu sein, nicht bestechbar. Wir haben den Fehler korrigiert.

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