Alter! - Die Midlife-Kolumne Die tief empfundene Erkenntnis, dass verschwendete Tage nicht nachholbar sind

Gibt es eine Moral von der Geschicht' von der Seuche, die uns zu Stubenhockern macht? Aber ja, meint Frank Patalong - und hofft, dass die Seuche sie uns ins Hirn tätowiert.
Kolumnist Frank Patalong

Kolumnist Frank Patalong

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Victoria Jung

Wir alle, habe ich kürzlich beim Zukunftsforscher Matthias Horx gelesen, der auch schon 65 ist, erleben gerade eine Bifurkation. Das ist Schein-Latein aus der zweiten Vorhölle für Kongress-Redner: "bi" steht für zwei und "furca" für Gabel. Der Mann meint also Scheideweg, Weggabelung.

Im Augenblick reden viele so ein krauses Zeug. Blasen Begriffe auf, leihen sich fremde Wörter und belegen sie mit neuen Bedeutungen. Verniedlichen Bedrohliches und verschleiern Bedrückendes. Diesmal muss ich allerdings zugeben: So verhorxt das klingt, es ist so. Ich fühle mich am Scheideweg. So wie Sie auch, oder?

Denn das ist ja gerade das Erschreckende an der aktuellen Bifurkation (ersetzen Sie das Wort ganz nach Geschmack: gern auch durch Kraftausdrücke). Dass wir sie teilen, sie einsam, aber gleichzeitig mit allen anderen gemeinsam erleben. Das unterscheidet sie von all den anderen Weggabelungen unseres Lebens.

Und dass diese Bedrohung für die meisten von uns so seltsam diffus bleibt. Corona ist die Gefahr, die wir dann erleben würden, wenn wir uns normal verhielten. Deshalb zwingt uns die Seuche zu widernatürlichem Verhalten. Wir meiden Sozialkontakte. Wir kämpfen, wir fliehen nicht, wie wir es im Moment der Gefahr sonst tun würden. Wir sitzen still, tun nichts, warten. Wir haben gelernt, dass nur das richtig ist, aber es fühlt sich falsch an.

Am Anfang riefen die Freunde täglich an. Jetzt nicht mehr – keiner hat was Neues zu erzählen.

Nur für die Kranken ist Corona die ganz konkrete Katastrophe, von der wir anderen nur in den Medien hören.

Der Trauer fehlt das Miteinander

Anfang März starb die Mutter eines Schwagers an Covid-19. Sie war in einer einzigen Woche die Zehnte in ihrem Altenheim. Die Beerdigung, die sie ihr bieten konnten, war ein quälendes Zerrbild der alten Normalität: schwarze Kleidung, Blumen, getragene Musik. Aber Stehen auf Abstand. Kein Abschied von der Toten. Kein Miteinander in der Trauer. Manche nicht dabei, weil sie hätten fliegen müssen. Keine Feier am Ende der Zeremonie.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Die Seuche reduziert das Normale auf das unbedingt Notwendige, alles Soziale stirbt mit. Der erste Abzweig, auf den sie uns führt, ist der zu einer kühl bedachten Versachlichung in der Organisation des Alltags. Schließlich leben wir Fünfzigplusser an der Schwelle zur Risikogruppe. Was muss ich, was kann und darf ich noch, was nicht? Die Angst ist nicht groß, aber latent. Und dann fehlt am Ende nicht nur die Trauer miteinander, sondern auch der Spaß.

Den meisten von uns gibt Corona vor allem die tief empfundene Erkenntnis, dass verschwendete Tage nicht nachholbar sind.

In der folgenden Woche fuhr ich mit meiner Tochter und meinem Enkel die 100 Kilometer zu meiner Mutter. Wir standen auf der Straße, sie im Hauseingang. Eine bizarre Szene. Sie weinte, aber sie freute sich.

"Man weiß ja nicht", sagte sie später am Telefon, "wie oft man sich noch sieht".

Kaffee mit Abstand - das wär's

Stimmt, das weiß man nicht. Jeden Monat, machte ich mit meiner Tochter ab, fahren wir jetzt einmal hin, mit Baby. Vielleicht kann man mit Abstand gemeinsam spazieren? Zwei Thermoskannen, irgendwo nebeneinander Kaffee trinken? Ein neues Normal auf Zeit bauen, es drängt ja.

Denn ich spüre, wie die Isolation an meiner Mutter nagt. "Wie soll das weitergehen?", fragt sie, "wie lang noch?" Und dass ihre Freunde im Chor doch fast alle um die achtzig seien. Selbst wenn es im nächsten Jahr vorbeigehe mit Corona, wären dann doch viele nicht mehr da. Selbst ohne Seuche.

Ich würde sie gern trösten, ihr irgendwelche erleichternden Fantasiedaten nennen, an denen alles besser wird. Aber ich horxe nicht: Ich sage ihr klar, was ich glaube. Dass es Lockerungen geben wird, aber dass Menschen ihres Alters weiter und noch lange Zeit isoliert sein müssen, wenn sie das alles schadlos überstehen wollen.

Sie beginnt, über die Bedeutung des Wortes schadlos nachzudenken. Ihre Bifurkation, die sie kommen sieht: links geht es auf eine Straße, die im Wortsinn lebensgefährlich wäre. Rechts geht es in eine Sackgasse, in der sich das Leben auf Warten reduziert. "Am Anfang", sagt sie, "riefen die Freunde täglich an. Jetzt nicht mehr, wir reden immer dasselbe, keiner hat was Neues zu erzählen."

Das ist der ultimative, kollektiv gelebte Albtraum: Stillstand in einem Limbo ohne Ereignisse. Das Leben verlieren oder verpassen: Was ist schadloser?

Sie hofft auf das Gegenmittel, auf einen guten Impfstoff, bevor sie diese Entscheidung treffen muss. Das wäre jetzt eine willkommene Bifurkation.

Es wird ja auch passieren, irgendwann. Und dann? Zurück auf Spur?

Ich hoffe nicht, denn dann hätte sich der ganze Irrsinn nicht gelohnt. Ein Scheideweg verdient seinen Namen nur, wenn man die Wahl zwischen verschiedenen Wegen hat, eine Entscheidung trifft und diesen Weg dann verfolgt. Wendehammer oder Kreisverkehre gehören nicht zum Konzept. Welche Richtung ich mir wünsche, weiß ich.

Denn wenn ich mich frage, was ich in diesen Wochen der Isolation am meisten vermisse, dann ist da im Grunde unglaublich wenig. Dass Geschäfte wieder öffnen, ist volkswirtschaftlich sehr wichtig, mir ansonsten aber komplett egal. Es sind kleine, flüchtige Dinge, die mir wirklich fehlen. Wenig hat mit Haben zu tun, und vieles mit Sein.

Ich vermisse Menschen, Überraschungen, Witze, von Kellnern serviertes gutes Essen, Biergärten am Fluss, Musik im Freien, Tanz, Partys, Konzerte, Feiern, Feste. Ich vermisse es, Freunde und Verwandte zu sehen. Orte, an denen mein Herz hängt. Erlebnisse zu haben, die Geschichten produzieren, an die man sich in der Rückschau erinnern kann: "Weißt Du noch, wie…"

Und dann im großen Kreise zu sitzen, satt und von mir aus gern ein bisschen beschwipst. Und miteinander zu lachen, bis die Tränen laufen.

Und all das ganz bewusst sehr viel häufiger als vorher, vor Corona.

Ich hoffe, die Seuche tätowiert uns allen ein "Carpe Diem" ins Hirn, das uns abends auf die Straße treibt, hin zu anderen. Das unsere Prioritäten neu ordnet: mehr Sein, selbst wenn wir weniger haben. Das unsere Kultur öffnet, entspannt. Das Dolce Vita aufwertet, das Schaffe-Schaffe hinterfragt.

Das wäre meine Traum-Bifurkation. Und Ihre?