Markus Deggerich

Mit Kindern über Krieg sprechen »Papi, müssen wir alle sterben?«

Markus Deggerich
Eine Elternkolumne von Markus Deggerich
Mein Vater hat als Kind Krieg erlebt und konnte nicht darüber reden. Ich habe als Reporter Krieg erlebt und wollte nicht darüber reden. Jetzt haben meine Kinder Fragen zum Krieg. Was antworte ich?
Verwirrende Welt: Wozu sind Kriege da?

Verwirrende Welt: Wozu sind Kriege da?

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Annette Bunch / Getty Images

Die Frage kam aus der Stille, dem Rückraum, vom durch und durch gesicherten Kindersitz. »Papi, müssen wir alle sterben?« Ich legte eine emotionale Vollbremsung hin, steuerte aber das Auto weiter. Ich war mit Kind 5 (4 Jahre) gerade auf dem Weg zur Kinderärztin, wir hatten in den vergangenen Wochen Omikron zu Besuch, mal mehr, mal weniger heftig im Verlauf, bei Kind 5 stand ohnehin die Vorsorgeuntersuchung an.

Deshalb war ich mir nicht sicher, worauf sich die Frage bezog: auf Corona und den anstehenden Medizincheck? Oder hatte er am Tag zuvor mitbekommen, wie ich mit den großen Kindern über die Krise in Osteuropa sprach und was sie für uns und unser Leben bedeuten könnte?

Krieg, Kriegsangst und Kriegsfolgen waren und sind ein Thema in meinem Leben, meiner Familie, in den verschiedensten Ausprägungen, aber immer im Hinblick auf Kindheit. Mein Vater, Jahrgang 1935, war Flüchtlingskind aus Schlesien, was er erlebte und was es aus ihm und mit ihm gemacht hat, legte sich wie ein Schatten auch über Folgegenerationen. Sein verschlossenes, stilles Wesen, die Unfähigkeit zu sprechen, prägte meine ganze Kindheit und quälte ihn sein Leben lang. 

Gemessen an dem, was er erlebt hatte, war meine Kindheit natürlich gemütlich. Dennoch empfand ich die Siebziger- und Achtzigerjahre im Kalten Krieg mit Nato-Doppelbeschluss zur Aufrüstung und der Angst vor einem Atomkrieg einerseits bedrückend, andererseits zu abstrakt, um zu sagen, wovor ich Angst hatte. Man sprach vom »Russen« und der roten Gefahr. In den Wäldern rund um unser Dorf wurden regelmäßig Manöver abgehalten, fasziniert blickte ich auf getarnte Panzer, mein Blick zum Himmel suchte die Düsenjäger. Als Kinder spielten wir Krieg, ich wurde dennoch ein Wehrdienstverweigerer.

Menschenskinder

Wer Kinder hat, hat was zu erzählen. Mal lustig, mal dramatisch, mal gestresst, immer liebevoll, also fast. In unserer Elternkolumne »Menschenskinder« verraten im Wechsel zwei Mütter und zwei Väter, wie sie mit ihren insgesamt zwölf Kindern gut durchs Leben kommen.

Alle bisher erschienenen Kolumnen-Beiträge finden Sie hier.

Wenn ich meine Mutter als Kind fragte, was passiert, wenn Krieg ist, zuckte sie zusammen, blickte unsicher zu Papa und sagte: »Die interessieren sich nicht für unser Dorf, die kämpfen dann weit weg, in Berlin, oder so.« Ich wusste nicht, ob Berlin nah oder weit weg ist, oder warum Berlin so wichtig sein sollte, war aber zufrieden mit der Antwort. Man könnte sagen, meine Mutter verlagerte für mich das mögliche Kampfgeschehen und ließ mich befriedet in einer Illusion leben. Man könnte aber auch sagen: Sie hat mich belogen.

Später lebte ich dann ironischerweise in genau jenem begehrten und vereinten Berlin und brach von dort als Reporter auf, auch in Kriegs- und Krisengebiete – aber die waren alle weit weg. Ich erlebte, nicht als Opfer oder Täter, eher als Zeuge, was Krieg anrichtet, und wenn ich zurück nach Deutschland kam, war ich gleichermaßen beruhigt und dankbar über unser Leben hier und entsetzt über die Diskussionen, die wir uns leisten (können).

Ich beendete diesen Teil meiner Arbeit als ich Vater wurde, weil ich Kriegsangst aus unserem Leben raushalten wollte.

Ich habe mich fürchterlich aufgeregt über diese Lehrerin, die die Kinder mit ihrer These dann allein ließ. Und die Eltern auch.

Tja, und nun lebe ich schon fast zwei weitere Jahrzehnte in diesem Berlin, und meine hier geborenen Kinder sind im Vergleich zu ihrem Großvater und Vater in einem noch mal viel friedlicheren und sichereren und wohlhabenderen Land aufgewachsen. Und vielleicht haben wir auch verlernt, darüber zu reden: Das Kern-Europa, in dem man sich regelmäßig gegenseitig die Köpfe einschlug, erlebt(e) die längste friedliche Phase seiner Geschichte, wenn man vom Tabubruch der Balkankriege absieht und von direkten und indirekten Beteiligungen an anderen Kriegen außerhalb Europas.

Und nun habe ich einen erwachsenen Sohn im, wie man sagt, wehrfähigen Alter und einen vierjährigen Sohn, der fragt, »müssen wir alle sterben?«, und dazwischen drei aufmerksame Töchter, denen ich nichts vormachen kann, so wie es meine Mutter tat. Eine kam aus der Schule, schon im Januar, und sagte, ihre Lehrerin meine, es stünde der dritte Weltkrieg bevor. Ich habe mich fürchterlich aufgeregt über diese Lehrerin, die die Kinder mit ihrer These dann allein ließ. Und die Eltern auch.

Ist es in ihrer Fantasie schon größer als in der Realität?

Ich habe keine klugen Antworten, schon gar keine allgemeingültigen. Aber ich erzähle Geschichten, die ihnen akute Angst nehmen, ohne mögliche Konsequenzen zu verschweigen, die sie erreichen. Die Geschichte ihres Großvaters zum Beispiel, meine eigene, und warum sie so gut und sicher leben und andere nicht und wir trotzdem auf dieser Erde mit allen Schicksalen verbunden sind. Ich versuche herauszufinden, was genau sie beschäftigt: eine konkrete Information oder Desinformation? Ist es in ihrer Fantasie schon größer als in der Realität?

Einige Antworten sind auch in ihnen, man muss sie nur gemeinsam finden. Sie kennen geflüchtete Kinder aus der Schule. Der Älteste war vor seinem Abitur für ein Jahr in Estland und weiß genau, wie groß dort die Angst ist vor Okkupation. Kind 2 hatte ich schon im Alter von sechs Jahren mal mitgenommen zu einer Recherche bei einer aus Afghanistan geflüchteten Familie, die für die Bundeswehr als Ortskraft gearbeitet hatte. Die Spuren des Zweiten Weltkriegs sind in Berlin immer noch zu sehen, sie wissen, dass wir Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung ablehnen, aber Deutschland selbst zum Beispiel nur mit Gewalt vom Faschismus befreit wurde. Sie wissen, dass sie im Kita-Garten nicht mit dem Recht des Stärkeren von anderen Sachen nehmen dürfen, dass sie sich aber wehren dürfen, wenn es umgekehrt geschieht und vor allem versuchen sollen, sich Hilfe zu organisieren. Sie wissen, was Deeskalation ist, was Provokation und was ein Kompromiss, das passiert ja schon beim Streit um das letzte Stück Schokolade.

Manchmal sind es Umwege, die beim Erklären helfen, die Künste sind immer ein Katalysator. »Russians« ist ein Lied von Sting, ein Hit in den Achtzigerjahren, als Nato und Warschauer Pakt sich belauerten. Vor zwei Jahren durfte ich Sting interviewen , er hatte das Stück jahrzehntelang nicht live gespielt und nun wieder in sein Repertoire aufgenommen. Warum? Weil er den Eindruck hatte, dass es wieder so ist, dass man uns erzählt, es gehe um gute und böse Menschen, wenn es eigentlich um Nationalismus geht. Und dann übersetze ich für meine Kinder, wie er darüber singt, dass die Mütter und Väter in Russland ihre Kinder genauso lieben wie wir hier oder die Menschen in der Ukraine oder wohl einfach überall. Dass die Kräfte, die Konflikte oder Krieg steuern, immer versuchen, den anderen zu dämonisieren und zu entmenschlichen, und dass wir da immer hellhörig sein müssen.

Und die Frage, wer hat angefangen, tja, die kennt jedes Kind, und jedes Kind weiß, dass man das endlos diskutieren kann, dass es leicht ist, mit dem Finger auf die anderen zeigen, im Prinzip immer zurück bis zu Adam und Eva. Und dass diese Frage deshalb manchmal zu sehr ablenkt von der vielleicht wichtigeren Frage: Wie können wir es denn beenden? Überhaupt wird gern unterschätzt, dass Fragen manchmal wichtiger sind und das Nachdenken einleiten, als so zu tun, als hätte man schon auf alles die eine richtige Antwort.

Ich weiß nicht, was davon hängen bleibt, ob der Nachwuchs mich seltsam oder pathetisch findet, jedes Alter hat ja auch eine andere Sprache, einen anderen Zugang. Was K3 in der Schule hörte oder in den Schlagzeilen am Kiosk liest, darüber sagte Kind 2 (15 Jahre) beim Frühstück »social läuft über von der Ukraine«. Ein Konflikt, der auf Twitter trendet, ist für Eltern doppelt herausfordernd, weil es dann praktisch keine Gedankenpause gibt, was nicht immer gut ist. Und manchmal spiegelt sich auch darin der Generationensprung im Erfahren von Wohlstand und Frieden: War es vor einigen Jahrzehnten noch eine das Land erschütternde Frage, ob die Bundeswehr nur »bedingt abwehrbereit« ist, so wäre aktuell bei vielen Jungen gefühlt die wichtigste Frage, ob sie divers genug ist.

Vielleicht ist es gut, wenn unsere Kinder am Beispiel dieses Konflikts lernen: Nur weil Kriege woanders stattfinden, bedeutet dies nicht, dass es nichts mit uns zu tun hätte. Und dass es bei aller eigenen Angst und Unsicherheit weiterhin ein großes, nicht selbstverständliches Glück ist, über Gefahren nur zu sprechen, die andere aber hautnah erleben und durchleiden. Empathie und Hilfe sind dann das Mindeste.

Was ich aber nicht mehr hören kann? Den klassischen Elternsatz »Du brauchst keine Angst zu haben«. Der war schon immer Quatsch. Hat noch nie geholfen, schlimmer noch, man fühlt sich zusätzlich zur Angst dann außerdem dumm, als hätte man nur irgendwas nicht verstanden.

Und was ich Kind 5 geantwortet habe, im Auto, auf die Frage: »Papi, müssen wir alle sterben?« Ich sagte: »Ja. Aber nicht heute. Und nicht wegen Corona oder wegen dieses Streits in der Welt. Wir sterben alle irgendwann, weil es das Leben sonst nicht gibt.« Danach wollte er einen Keks. Und ich musste kurz schlucken und zweimal blinzeln. Aber das lag gewiss nur an der tief stehenden Sonne an diesem für uns noch so friedlichen Tag.

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