Hassan Houseini: »Wir mögen Feste, sie geben uns ein gutes Gefühl«
Hassan Houseini: »Wir mögen Feste, sie geben uns ein gutes Gefühl«
Foto: Hassan Houseini

Nichtchristen über Heiligabend »Weihnachten hat mir geholfen, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen«

In diesem anstrengenden Pandemiejahr hat ganz Deutschland dem Weihnachtsfest entgegengefiebert – oder? Hier erzählen Nichtchristen, was ihnen Heiligabend bedeutet.
Von Heike Klovert

Wochenlang hat sich Deutschland gefühlt nach Weihnachten verzehrt, all die Sehnsucht war auf das Fest ausgerichtet, die politischen Maßnahmen sowieso.

Wirklich ganz Deutschland?

Immerhin gehört den beiden mit Abstand größten christlichen Glaubensgemeinschaften, der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche, zusammen nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung an. Was bedeutet Weihnachten den anderen Millionen Menschen hierzulande, die nicht Jesu Geburt feiern, die nicht christlich erzogen wurden, die nicht in den Gottesdienst gehen – auch nicht nur einmal im Jahr?

Wir haben mit sechs Menschen über Weihnachten gesprochen. Hier erzählen unter anderem ein afghanischer Koch, eine türkischstämmige Autorin, eine atheistische Schulmanagerin und der MMA-Kämpfer Djibril Dulatov, was sie mit dem Fest verbinden.

Cigdem Toprak, 33, Autorin und Journalistin

Weihnachten, das ist für mich Familie, gutes Essen und Geschenke. Ich schenke meinen Eltern und Geschwistern immer noch etwas, und sie mir. Meine Mutter backt auch noch jedes Jahr Vanillekipferl, mein Vater mag sie so gern. Und wir gucken jedes Jahr »Kevin allein in New York« und andere Weihnachtsfilme.

Mein Vater war 15 Jahre alt, als er aus der Türkei nach Deutschland kam, meine Mutter 23. Als wir in den Kindergarten kamen, fingen sie an, mit uns Weihnachten zu feiern, weil sie uns damit eine Freude machen wollten.

Einmal organisierten meine Eltern sogar einen Baum, da war ich fünf oder sechs Jahre alt. Der hat dann so genadelt, dass meine Mutter keinen Nerv mehr zum Staubsaugen hatte. Ich fand das schade, ich hätte gern wieder einen Weihnachtsbaum gehabt. Einen Plastikbaum wollten sie nie – nicht authentisch und zu schädlich für unsere Umwelt, fanden meine Eltern.

»Ich wusste, meine Wunschliste kommt beim Weihnachtsmann nicht an.«

Als meine Mutter versuchte, die Bescherung am Heiligabend nach dem Essen einzuführen, protestierten wir Kinder. Wir wollten unsere Geschenke weiterhin schon am 24. morgens auspacken. Wir fanden: Wir sind keine Christen, deshalb brauchen wir nicht bis zum Abend zu warten.

Mir war immer klar, dass meine Eltern die Geschenke besorgen. Ich wusste, meine Wunschliste kommt beim Weihnachtsmann nicht an, und auch das Christkind schaut nicht bei uns vorbei, denn wir gehören nicht dazu. Deshalb habe ich dem Weihnachtsmann gar nicht erst geschrieben. Aber es war gleichzeitig auch ein schönes Gefühl, trotzdem teilhaben zu können an diesem Fest. Weihnachten kann jeder feiern, man braucht dafür keine Eintrittskarte.

Im Kindergarten durfte ich einmal einen Engel im Krippenspiel spielen. Ich musste nur einen Satz aufsagen und war so aufgeregt, dass ich in der Nacht vorher nicht schlafen konnte. Ich profitierte danach jahrelang davon, dass ich diese Rolle bekommen und meine Eltern mir erlaubt hatten, sie zu spielen. Es machte mich stolz und förderte mein Selbstwertgefühl.

Nichtchristliche Familien sollten ihren Kindern erlauben, an den hiesigen Festen und Bräuchen teilzuhaben – sofern die es wollen. Die Eltern brauchen keine Angst haben, ihre Kinder dadurch zu verlieren. Im Gegenteil: Ich habe das als Bereicherung empfunden.

»Ich hätte gern mal mit meinen christlich geprägten Freundinnen gefeiert.«

In meiner Jugend waren die Weihnachtstage dann die langweiligsten Tage im Jahr: Es gab keine Party und damals auch noch keine Shishabars, in die wir nach der Feier im Familienkreis hätten gehen können, die Cafés und Geschäfte hatten geschlossen. Zu Hause besuchte mich höchstens mal eine Freundin.

Rückblickend hätte ich gern auch mal mit meinen christlich geprägten Freundinnen gefeiert. Doch sie haben sich an Weihnachten immer zurückgezogen. Ich weiß, dass solche Familienfeste oft mit Stress verbunden sind, und vielleicht ist es zu viel erwartet, jemanden dazu einzuladen, der nicht zur Familie gehört. Aber vielleicht hätten wir auch etwas voneinander gelernt.

Es kam vor, dass ich mir den Weihnachtsschmuck auf öffentlichen Plätzen anschaute und dachte: »Ob das Land nicht zu sehr an seine christlichen Bürgerinnen und Bürger denkt, und uns Nichtchristen jedes Jahr im Dezember vergisst?« Der Gedanke verflog aber schnell wieder, weil ich weiß, dass die Mehrheit in diesem Land eben christlich ist. Und Weihnachten war auch für mich nie eine verschlossene Welt. Ob als Kind oder als Erwachsene: Ich muss keine Christin sein, um Weihnachten feiern zu dürfen. Ich liebe Weihnachten. Auf meine Art.  

Cigdem Toprak arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Sie promoviert in München in Identitätspolitik und hat gerade das Buch »Es ist auch unser Land!« veröffentlicht.

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Arik Platzek, 39, politischer Referent

Meine Eltern waren nie religiös, und auch ich, meine Geschwister und meine Partnerin führen ein glückliches Leben ohne Religion. Natürlich feiern wir trotzdem Weihnachten. Auch um – wie die Natur um uns herum – zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen für das nächste Jahr.

Wir stellen einen Weihnachtsbaum auf und singen Weihnachtslieder. Meine Mutter ist eine Meisterin darin, eine Gans vom Bio-Bauernhof zuzubereiten. Geschenke gibt es auch, aber sie spielen bei uns keine zentrale Rolle. Den Tannenbaum sehe ich nicht als Produkt des Christentums, denn er wurde von älterem Brauchtum übernommen, wie andere Weihnachtstraditionen auch.

»Weihnachten könnte von mir aus gern zwei Tage früher beginnen.«

In Gottesdienste geht niemand aus meiner Familie. In den vergangenen Jahren besuchte ich regelmäßig kurz vor Heiligabend eine Vorstellung im Berliner Zeiss-Planetarium. Das ist mein persönliches spirituelles Pendant, mit dem ich meinen Blick gern über das Hier und Jetzt hinaus erweitere.

Die Weihnachtsfeiertage könnten von mir aus gern zwei Tage früher beginnen, das gäbe noch mehr Zeit, sie wirklich entspannt und besinnlich zu gestalten. Dass jetzt während der Pandemie, aber auch sonst, so viel auf Weihnachten ausgerichtet ist, hat wohl mehrere Gründe: Familien möchten zusammenkommen, die Einzelhändler sind auf Konsum aus – und ab dem 22. Dezember werden die Tage wieder länger. Die dunkle und kalte Jahreszeit ist gefühlt zur Hälfte geschafft, das ist für ganz viele eine frohe Botschaft, nicht nur für Christen.

Arik Platzek ist politischer Referent und Redakteur bei der Humanistischen Vereinigung , die sich auch als Interessenvertretung nichtreligiöser Menschen versteht.

Froghuddin Sayedy, 23, Koch

Ich komme aus einem afghanischen Dorf, bis nach Kabul waren es früher zwölf Stunden Fahrt auf schlechten Straßen, und wir hatten kein Auto. Bevor ich nach Deutschland floh, hatte ich von Weihnachten noch nie gehört. 

Im August 2015 kam ich in Köln an, ein paar Wochen später lud eine deutsche Familie mich und einen Freund für den 24. Dezember zu sich nach Hause ein. Sie machten bei der »Aktion Neue Nachbarn« mit, die Flüchtlingen helfen sollte, sich einzuleben.

Wir konnten damals kaum Deutsch und kannten uns mit der Kultur noch nicht so gut aus. Im Internet las ich, dass man nicht mit leeren Händen kommen soll, wenn man eingeladen wird, deswegen kaufte ich vorher einen großen Strauß Blumen.

Neun Gäste waren außer uns eingeladen, eine Oma, ein Kind, alles Familie. Wir setzten uns an einen Tisch und ein Mann erklärte uns auf Englisch, wie man Raclette isst. Ich verstand nicht alles, aber ich notierte mir viel, um es hinterher zu Hause in Ruhe zu übersetzen. Ich schrieb auf: Heiliger Abend, Raclette, Klöße, Gans.

Ich fragte auch nach dem Baum, der im Zimmer stand. Erst dachte ich, das sei eine normale Zimmerpflanze, doch sie war zwei Meter groß und geschmückt mit Licht und Kugeln. Nach dem Essen schaute ich genauer hin und sah, dass der Baum gar keine Wurzeln hatte. Ich fand das sonderbar.

»Meine afghanischen Freunde lieben Gänsebraten, Rotkohl, Klöße und Maronen.«

Inzwischen bin ich ein großer Fan von Weihnachten. Ich habe zwei Jobs als Koch, spiele Fußball in einem Verein, laufe regelmäßig und engagiere mich ehrenamtlich beim Verein »Über den Tellerrand«. Ich habe sehr wenig Zeit, deswegen bin ich froh, dass es Weihnachten gibt. Ich mag es, wenn ich es mir an Heiligabend mit Freunden in meiner WG gemütlich machen kann. Sie kommen aus Berlin, Göttingen und Hamburg zu mir, und wir kochen weihnachtliches Essen.

Meine afghanischen Freunde lieben Gänsebraten, Rotkohl, Klöße und Maronen. Anfangs wollten sie den Rotkohl nicht probieren, den kannten sie nur als Salat und nicht gekocht. Jetzt mögen sie das Gericht so sehr, dass ich es auch im Sommer kochen sollte, aber ich habe gesagt: »Das geht nicht.«

Ich besuche an Weihnachten auch sehr gern meine deutsche »Schwester« und meine deutschen »Eltern«. Ich habe sie im Chor und bei meiner ehrenamtlichen Arbeit kennengelernt und nenne sie so, weil sie mir so nahestehen. Es spielt keine Rolle, dass sie Christen sind und ich Muslim. Weihnachten ist ein Fest für die Familie, und ich fühle mich bei ihnen, als wären sie meine Familie.

Froghuddin Sayedy hat in Köln eine Ausbildung zum Koch absolviert und arbeitet für den Verein »Über den Tellerrand e.V. « ehrenamtlich als Übersetzer, Koch und Koordinator.

Ulrike von Chossy, 51, Schulmanagerin

Weihnachten war für mich immer eine hübsche Märchenwelt. Mein Bruder ist einige Jahre älter, ich konnte schon deswegen nicht ans Christkind glauben, weil er mir immer wieder sagte, dass unser Vater die Geschenke unter den Baum legt und unsere Mutter das Glöckchen klingelt.

Ich wuchs in Bayern auf, und obwohl meine Eltern nicht religiös sind, ließen sie mich taufen, weil meine Oma darauf beharrte. Sie hatte Sorge, dass ich als Nichtchristin ausgegrenzt werden könnte. Später schwänzte ich die Schulgottesdienste und wunderte mich über die merkwürdigen Sachen, die meine Religionslehrerin erzählte. Als ich Kirchensteuer zahlen sollte, trat ich aus der Kirche aus.

»Wir wissen immer schon, wer die Kekse backt und wer den meisten Teig wegfuttert.«

Trotzdem halten wir bis heute an lieb gewonnenen Ritualen fest: Wir backen an Heiligabend Kekse und erzählen uns Anekdoten aus dem Jahr, an dem sie alle im Ofen verbrannten. Wir stellen einen Baum auf und streiten darüber, wer ihn mit welchen Kugeln schmücken darf – und lachen gleichzeitig, weil wir jedes Jahr über dieselben Sachen zanken.

Wir wollen uns Zeit füreinander nehmen, uns an früher erinnern und darüber freuen, dass wir an Weihnachten ein eingespieltes Team sind: Wir wissen immer schon, wer die Kekse backt und wer den meisten Teig wegfuttert. Es sind die vertrauten Abläufe, die Weihnachten so gemütlich machen. 

Ich habe mit dem Weihnachtsfest nie etwas Religiöses verbunden. Dass andere das tun, fand ich als Kind höchstens befremdlich, aber wirklich gestört es hat mich nie. Solange niemand aus seiner Gläubigkeit Pflichten ableitet, die für alle gelten sollen, finde ich Feste spannend, egal welcher Herkunft. Wenn andere Religionen und Kulturen ebenfalls stärker auf ihre Rituale aufmerksam machen wollen, fände ich das völlig in Ordnung.

Ulrike von Chossy leitet die Humanistische Grundschule im bayerischen Fürth.

Djibril Dulatov, 26, Kampfsportler und Model

Ich weiß noch nicht, was ich dieses Jahr an Weihnachten mache, aber es wird nicht besonders sein. Meine Eltern wohnen in der Nähe, die sehe ich sowieso fast täglich. Vielleicht gehe ich joggen oder mache ein paar Übungen zu Hause mit Gummibändern und Gewichten.

Als Kind habe ich mich gefreut, wenn ich an Weihnachten hin und wieder Geschenke bekommen habe. Meine Eltern haben mir nichts gegeben, weil sie das Fest nicht kannten. Aber in unseren ersten zwei Jahren in Deutschland lebten wir in einem Flüchtlingsheim. Dort hat sich ein Sozialarbeiter um mich und meine Brüder gekümmert.

Er war so ein lieber Mensch und so geduldig. Wir konnten noch kein Deutsch und er hat versucht, sich in Zeichensprache mit uns zu unterhalten. Er ist mit uns Kuchen essen gegangen oder auf eine Kirmes gefahren, und er hat uns zu Weihnachten etwas geschenkt, Legofiguren und Spielzeugautos zum Beispiel. Wir kamen aus einem Kriegsland, hatten dort nicht einmal Spielplätze. Seine Geschenke waren so schön für uns, ich werde sie nie vergessen.

Deswegen schenke auch ich meinen beiden jüngsten Geschwistern in den Tagen vor oder nach Heiligabend etwas. Sie sind jetzt acht und neun Jahre alt und verstehen es noch nicht, wenn alle anderen etwas bekommen und sie nicht.

Doch für mich ist Heiligabend einfach nur ein Tag. Und es hat nichts damit zu tun, ob jemand integriert ist oder nicht, wenn er keine Weihnachten feiert. Ich wurde an Heiligabend schon öfters von deutschen Freunden zum Essen eingeladen, so wie ich zu unseren islamischen Festen auch nicht nur Muslime einlade. Doch warum sollte ich es selbst feiern? Christen feiern ja auch kein Bajram.

Djibril Dulatov floh mit seiner Familie vor dem Krieg in seiner Heimat Tschetschenien nach Düsseldorf, als er 13 Jahre alt war. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern  Sulumbek, Tamerlan und Islam Dulatov trainiert er die Kampfsportart Mixed Martial Arts und arbeitet als Model.

Hassan Houseini, 36, Fotograf

Ich kam im Juli 2015 hierher und teilte mir anfangs in einem Flüchtlingsheim ein Zimmer mit sechs anderen Männern. Das war eine schwierige Situation, wir waren alle oft deprimiert. Dann fing die Weihnachtszeit an, die Einkaufszentren waren geschmückt, viele Menschen wirkten fröhlich und erwartungsvoll – auch unsere Stimmung besserte sich.

Eine christliche Gemeinde lud mich ein, hier in Kelsterbach Heiligabend mit ihnen zu feiern. Ich ging mit zum Gottesdienst, und danach saßen wir im Gemeindehaus an einer langen Tafel, zur Hälfte Geflüchtete, zur Hälfte Deutsche. Es gab Truthahn, Kartoffeln, Plätzchen und Getränke, wir haben gelacht, gegessen und getanzt. Ich vermisste meine Familie damals sehr, aber dieses Weihnachten hat mir geholfen, mich hier zu Hause zu fühlen und zur Ruhe zu kommen.

Vor zwei Jahren durften meine Frau und meine sechsjährige Tochter nachkommen. Seither feiern wir unser eigenes Weihnachten. Wir stellen einen Tannenbaum auf und dekorieren ihn, ich kaufe Geschenke für die beiden ein. Es macht nichts, dass wir keine Christen sind. Wir mögen Feste, sie geben uns ein gutes Gefühl.

Hassan Houseini hatte in Iran ein eigenes Fotostudio. Nun lebt er mit seiner Familie im hessischen Kelsterbach und arbeitet am Frankfurter Flughafen.

Anmerkung der Redaktion: Die Protokolle beruhen allein auf subjektiven Erinnerungen und Erfahrungen. Biografische Eckdaten haben wir, wo möglich, nachgeprüft. 

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