Markus Deggerich

Herr im Himmel, hilf! Der Kinderwunsch des Pontifex

Markus Deggerich
Ein Stoßgebet von Markus Deggerich
Franziskus tadelt Paare ohne Nachwuchs dafür, dass sie lieber Katzen statt Kinder hätten. Als fachfremder Mann sollte sich der Papst aus Fragen der Familienplanung raushalten.
Ihr Kinderlein kommet: Kirchenführer Franziskus hat alle lieb (Archivfoto)

Ihr Kinderlein kommet: Kirchenführer Franziskus hat alle lieb (Archivfoto)

Foto: Franco Origlia / Getty Images

Es gibt mehr als zweitausend Jahre später immer noch Zweifel, ob Jesus Geschwister hatte. Je nach Übersetzung, Interpretation und Interessenlage sind mehrere Deutungen im Umlauf: Mal gilt Jesus als Bruder mehrerer Geschwister, meist aber als besorgtes Einzelkind, das noch am Kreuze hängend seiner Mutter die Adoption seines treuesten Freundes ans Herz legte – demnach gründete er also mit seinem letzten Atemzug noch eine Patchworkfamilie.

Keinen Zweifel gibt es, dass die Katholische Kirche mit ihrer Sexualmoral, Familiendoktrin und angeblichen Sorge um Kinder im Laufe der Geschichte unzähligen Menschen das irdische Leben zur Hölle gemacht hat: vom Verhütungsverbot mit Kondomen selbst in schlimmsten HIV-Zeiten über die Misshandlung von Heimkindern bis hin zur Vertuschung der Straftaten Pädophiler. Die Kinder Gottes waren bei der Kirche nicht immer in guter Hand.

Der kinder- und ehelose, vermutlich zölibatär lebende Papst Franziskus hat nun in dieser unseligen Tradition all jene kritisiert, die keine oder kaum Kinder bekommen wollen. »So viele Paare haben keine Kinder, weil sie keine wollen, oder sie haben nur eins, weil sie nicht mehr wollen, aber sie haben zwei Hunde, zwei Katzen«, beschwerte sich der 85-Jährige zum Neujahrsauftakt in der vatikanischen Audienzhalle. Und, nein, er machte dabei nicht den Eindruck, als hätte er über Weihnachten und Silvester zu viel Messwein genascht.

Warum Franziskus sich auf diesen verbalen Kinderkreuzzug begibt, ist rätselhaft. Dass er als CEO jener Abteilungsleiter, die sich gerne an Kindern vergingen, nach mehr Kindern ruft, ist nicht nur aus PR-Sicht schwierig und eine Steilvorlage für Kabarettisten. Immerhin befürwortet er Adoption, also Umverteilung.

Aber, Herr im Himmel, niemand, der noch bei Trost ist, kann doch ernsthaft glauben, der Planet sei unterbevölkert. Der Garten Eden ist schon lange überdüngt, das Paradies ausgebeutet, die Schöpfung erschöpft. Wahrscheinlicher ist also, dass es Franziskus mit seiner frohen Fertilitäts-Botschaft gar nicht um alle Kinder unter Gottes weitem Himmel geht, sondern nur um die der Christen in den westlichen Wohlstandsgegenden, wo sich Geburtenraten an die Mitgliederzahlen seines Vereins anpassen: Beide sinken. Es geht also nicht um das Wohl der Welt und ihrer Menschen, eher um Kinder für den Kirchenführer, eine Exitstrategie aus dem drohenden Exodus. Im Prinzip: religiöser Rassismus.

Der Garten Eden ist schon lange überdüngt, die Schöpfung erschöpft.

Schon der Gründungsmythos der Kirche, in dem der allmächtige Vater seinen einzigen Sohn als Erlöser auf die Erde schickt, wissend, dass er ans Kreuz genagelt wird, zeugte von wenig empathischer Kompetenz bei der Familienplanung: Ertragen musste den Willen des Patriarchen ja der Junior. In dieser Logik fordert nun ein fachfremder Mann etwas, das nach allen Regeln der Natur ja erst mal wieder Frauen buchstäblich austragen müssten: Kinder, Küche, Kirche. Willkommen in den Fünfzigern.

Die höhere Lebenserwartung der Menschen bei niedrigeren Geburtenraten als »demografischen Winter« zusammenzufassen, klingt, nebenbei bemerkt, altersdiskriminierend. Wenn man das zu Ende denkt, könnte Franziskus die Pandemie auch als gerechte Strafe Gottes bezeichnen – zur Bereinigung der Alterspyramide. Er selbst sitzt dabei ja in einer sicher isolierten Arche.

Vielleicht findet Franziskus noch irgendwo in einer verstaubten Archivecke des Vatikans jene Originalplatten der von Moses in Stein gemeißelten zehn Gebote. In diesem Dekalog steht zwar, man solle Vater und Mutter ehren, aber nichts über Kinder statt Katzen oder gar eine satte Nachwuchsquote, um ins Himmelreich zu kommen.

Man(n) darf vermuten, aber das ist unschuldiger, naiver, kindlicher Glaube: Einer Päpstin wäre das nicht passiert.

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