Foto: Philipp Schmidt/ DER SPIEGEL

Besuchsverbot im Pflegeheim "Kommt ihr denn morgen?"

Ausgerechnet zu Beginn des Lockdowns muss eine alte Frau mit Demenz ins Pflegeheim. Ihre Kinder dürfen wochenlang nicht zu ihr. Die Geschwister beginnen einen Kampf - auf dass ihre Mutter sie nicht vergisst.
Von Nike Laurenz

Bis zu diesem einen Tag Mitte März läuft alles wie geplant. Ole, Katja und Maria Bernsdorf* haben den Umzug ihrer Mutter in ein Kieler Pflegeheim organisiert, das Zimmer ist gemütlich, erzählen sie, da steht eine Kommode, an der Wand ein Spiegel, die vier gehen noch einmal spazieren.

Hilde Bernsdorf ist 85 Jahre alt, sie ist an Demenz erkrankt. Sie ist eine Frau, die gern auf den Beinen ist, die Blumen mag und die Kieler Förde, sagen ihre drei Kinder. Ausgerechnet, als sich das Coronavirus in Deutschland immer schneller ausbreitet, kann sie nicht mehr ohne ständige Hilfe leben. Ihre drei Kinder sind berufstätig, haben Wohnungen mit vielen Treppenstufen oder kleinen Badezimmern, sie können die Mutter nicht bei sich aufnehmen. Hilde Bernsdorf muss in ein Pflegeheim.

Eine Wohnung ausräumen, ein Leben in einen Kofferraum stopfen. Dieses Leben auf ein paar Habseligkeiten reduzieren, in einem Heimzimmer. Viermal schläft Hilde Bernsdorf hier, vier Tage und Nächte zum Ankommen, da ordnen die Ministerpräsidenten der Länder ein Besuchsverbot in Pflegeheimen an.

Welche Ausnahmen davon möglich sind, können die Länder und ihre Gesundheitsämter mitbestimmen. In Schleswig-Holstein, und damit in Kiel, gilt: Betretungsverbot - aber, in Ausnahmefällen und unter Schutzmaßnahmen, maximal ein Besucher pro Tag und Bewohner.

Im Fall der Familie Bernsdorf entscheidet das Pflegeheim: Die Kinder dürfen ihre Mutter nicht mehr sehen. Für wie lang, das kann ihnen keiner sagen. Wie soll die Mutter, die noch nicht einmal Bilder an der Wand hängen hat, wie die Kinder erzählen, das psychisch schaffen? Und die Kinder?

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: Wie soll die Mutter das schaffen - und die Kinder?

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: Wie soll die Mutter das schaffen - und die Kinder?

Foto: Philipp Schmidt/ DER SPIEGEL

Drei Monate später, im Juni, haben sie eine Zeit hinter sich, die sich für sie wie "eine seelische Grausamkeit" anfühlte, so fassen die drei Geschwister die Wochen zusammen, die hinter ihnen liegen. Wochen, in denen Ole, Katja und Maria Bernsdorf, zwischen 55 und 61 Jahre alt, Angst hatten, dass ihre demente Mutter sie vergisst. Dass sie sie nicht wiedererkennen wird.

Es sind Wochen, die Heimbewohner, Pflegekräfte und Angehörige in ganz Deutschland wohl erst im Laufe der kommenden Zeit, vielleicht erst nach der Coronakrise, verstehen und aufarbeiten werden. Inzwischen wurde das Besuchsverbot gelockert. Doch wie sehr haben Pflegefälle und deren Angehörige, die viele Wochen der Heimisolation hinter sich haben, gelitten? Hat diese Zeit sie verändert?

"Unserer Mutter hat das den Boden unter den Füßen weggerissen", sagt Ole Bernsdorf. "Sie hat es nicht verstanden, dass wir plötzlich nicht mehr kamen." Jedes Mal, sagt er, wenn die Geschwister ihre Mutter in den ersten Tagen der Isolation anriefen, habe sie gefragt: "Kommt ihr denn morgen?" Schrecklich habe sich das angefühlt, sagt Maria Bernsdorf, nicht zu wissen, was man antworten solle. "Das war, wie amputiert zu werden."

Tage vergehen, mit der Mutter wird telefoniert, aber es ist nicht dasselbe wie sich zu sehen, zu umarmen, in Fotoalben zu blättern. Ole Bernsdorf und seine Schwestern fassen einen Entschluss: Dass sie ihre Mutter nicht sehen dürfen, das wollen sie nicht hinnehmen.

Die drei Geschwister bitten Heimleitung und Pflegekräfte, eine Ausnahme zu machen. Nur einmal, nur in diesem Fall? Die Mutter ist doch gerade erst da – die Mutter ist doch ein Härtefall?

Nein, meint das Heim. Man habe sich an die gesetzlichen Vorgaben und Empfehlungen des Robert Koch-Instituts halten müssen, sagt eine Sprecherin des Pflegeheims dem SPIEGEL. Besuche seien nur unter Einhaltung einer Vielzahl ungewohnter Schutzmaßnahmen möglich gewesen. Man habe sie nur in besonderen Einzelfällen umsetzen können, etwa "Sterbebegleitung, akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes".

Das ist das Dilemma: Es gibt, auch schon im März, Pflegeheime in Deutschland, in denen Covid-19 zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner tötet. Die Pflegekräfte wollen – und müssen – alles tun, um solche Dramen im eigenen Heim zu verhindern. Ausnahmen von den Vorgaben sind möglich, Hilde Bernsdorf wird in ihrem Kieler Heim allerdings nicht als eine gehandelt, sie hat nur Demenz.

Nur? Wie schlecht muss es einem Menschen gehen, damit er als Ausnahme gilt?

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: Wie schlecht muss es einem gehen, damit er als Ausnahme gilt?

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: Wie schlecht muss es einem gehen, damit er als Ausnahme gilt?

Foto: Philipp Schmidt/ DER SPIEGEL

"Wir haben verstanden, dass das Heim sich schützen muss", sagen alle drei Geschwister Bernsdorf. Aber sie sagen auch: "Man hätte ja kreativ werden können. Besuche am Fenster. Mit viel Abstand. Im Freien. Irgendwas. Corona macht krank, aber Einsamkeit auch."

Nach "schlaflosen Nächten" schreibt Ole Bernsdorf eine E-Mail ans Sozialministerium:

"Abgesehen davon, dass (…) kein Angehöriger ins Haus kommt, kommt auch keine Fußpflege, kein Friseur, nichts ins Haus. Was passiert mit den Alten in den Heimen? Gibt es für Härtefälle (frisch im Heim) keine Möglichkeit, in das Pflegeheim zu kommen? Was halten Sie von desinfizierenden Besucherschleusen (wie im Pharmabereich), um wenigstens ausgewählten Angehörigen den Besuch zu ermöglichen?"

Das Team Bürgeranfragen antwortet. Es erwähnt, dass ein registrierter Besucher pro Bewohner und Tag für eine Stunde mit Schutzmaßnahmen zugelassen werden darf. "Sie sehen, dass es zwar sehr starke Einschränkungen für Besuche geben soll, aber kein totales Besuchsverbot", steht in der Nachricht. Und ein Rat an Ole Bernsdorf: Er solle sich noch mal an das Pflegeheim wenden.

Das macht er, schreibt an die Leitung des Heims, in dem seine Mutter lebt, die er seit zwei Wochen nicht gesehen hat:  

"Gerne treffen wir uns auch am Hintereingang oder vorne im Garten in 2 m Abstand zu unserer Mutter. Die soziale Isolation kann nicht gesund sein und in jedem weiteren Telefonat (wenn überhaupt eins zustande kommt) merken wir den weiteren drastischen Abbau unserer Mutter."

Die Heimleitung sieht, das schreibt sie drei Tage später in einer Antwort, die dem SPIEGEL vorliegt, noch immer "keine Veranlassung, in Ihrem Fall eine Ausnahme zuzulassen". Man nehme die Verantwortung für den Schutz der Mitarbeitenden sehr ernst.

Verzweiflung, Ungeduld bei den drei Geschwistern. Sie hören nicht auf, bei jeder Gelegenheit um ein Besuchsrecht zu bitten. Es ist nichts zu machen. Sie telefonieren mit ihrer Mutter, jeden Tag, zwischenzeitlich geht das Telefon verloren, dann sind die Hörgeräte nicht da. Ole Bernsdorf besorgt ein neues Telefon, bringt es beim Heim vorbei, darf nicht rein, nur kurz das Telefon abgeben.

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: "Keine Veranlassung, in Ihrem Fall eine Ausnahme zuzulassen"

Geschwister Ole, Katja, Maria Bernsdorf: "Keine Veranlassung, in Ihrem Fall eine Ausnahme zuzulassen"

Foto: Philipp Schmidt/ DER SPIEGEL

Es ist Ostern, vier Wochen kein Besuch, als die drei Geschwister beschließen, zum Heim zu fahren, ein Osterpaket für die Mutter abgeben. Als sie ankommen, bleibt die Tür verschlossen, das Paket dürfe sie nicht annehmen, sagt eine Pflegerin. Oben, am Fenster, steht die Mutter und schaut hinunter, auf ihre Kinder. Winken, rufen, hallo Mutti, und wieder Verzweiflung. "Wie begossene Pudel standen wir da", sagt Maria Bernsdorf. Die drei ziehen wieder ab, mit dem Paket.

Es ist dasselbe Wochenende, an dem Ole Bernsdorf, der Musiker ist, überraschend die Erlaubnis bekommt, mit seinem Bandkollegen auf der Terrasse des Pflegeheims aufzutreten. Die Bewohner sitzen drinnen, die Tür steht offen, draußen sitzen Bernsdorf und sein Kollege, spielen Akkordeon und Percussion und singen "Tulpen aus Amsterdam". Hilde Bernsdorf sitzt auch im Publikum, doch als ihr Sohn näher herantritt, um mit ihr zu reden, kommt gleich eine Pflegerin, erzählt er: zu wenig Abstand.

Konzert ja, Einzelbesuche am Fenster nein? Neues Telefon abgeben dürfen, Ostergeschenk nicht? Das Konzert habe unter Einhaltung der Regeln stattgefunden, ein direkter Kontakt zu den Bewohnern sei leider nicht möglich gewesen, erklärt die Heimsprecherin dem SPIEGEL.

Aber die individuell empfundene Ungerechtigkeit, die durch die Auslegung der behördlichen Empfehlungen entsteht, ist für die Betroffenen nun kaum noch auszuhalten. "Es hat uns richtig zerrissen", sagt Maria Bernsdorf. Abends laufen Corona-Talkshows im Fernsehen, in denen Psychologen erklären, dass die extreme Vereinsamung während der Coronakrise bei manchen Menschen zu Depressionen führen kann.

Es ist Anfang Mai, sechs Wochen kein Besuch. Die Ministerpräsidenten der Länder verkünden, man dürfe Angehörige in Heimen unter Auflagen sehr bald wieder besuchen. Und endlich, am 13. Mai, soll es so weit sein: Einer darf die Mutter besuchen. Maria Bernsdorf soll es machen, die Älteste, 15 Minuten Zeit soll es geben, unter Aufsicht, mit Mundschutz und Plexiglaswand.

Doch einen Tag vorher stürzt Hilde Bernsdorf beim Aufstehen aus dem Bett, erzählen die Kinder. Sie bricht sich das Schienbein und muss ins Krankenhaus, mindestens zehn Tage. Ein Tiefpunkt, der allertiefste Punkt, sagen die Geschwister. Im Krankenhaus kann man die Mutter doch erst recht nicht sehen?

Doch die Ärzte machen möglich, worauf drei Menschen seit zwei Monaten hoffen. Ole Bernsdorf darf ins Krankenhaus. Ihm wird Fieber gemessen, er bekommt Schutzkleidung, fragt sich, warum das im Pflegeheim nicht auch so hätte gehen können, und dann sieht er sie.

Der Raum ist voller Ärzte und Schwestern, erzählt er, die Mutter liegt im Bett, schaut ihren Sohn an. Erkennt ihn. "Da kommen mir gleich wieder die Tränen", sagt Ole Bernsdorf. Während die Mutter im Krankenhaus liegt, bekommt sie jeden Tag von einem ihrer Kinder Besuch. "Was das mit einem Menschen macht. Sie hatte Farbe im Gesicht", sagt Maria Bernsdorf.

Die drei Geschwister organisieren einen Platz in einem neuen Pflegeheim, sie wollen nicht, dass ihre Mutter in das alte zurückkommt, und die Frau selbst will es auch nicht, sagen die Kinder. Sie wollen keine E-Mails mehr schreiben und empfangen, sie wollen ihre eigenen Ostergeschenke nicht wieder mit nach Hause nehmen, sie wollen sich nicht fragen, wo das Hörgerät ist, und sie wollen sich nicht fragen, wann es einer suchen geht.

"Wir wollen nicht ausschließen, dass bei rückblickender Betrachtung möglicherweise Ausnahmen von den Handlungsempfehlungen vertretbar gewesen wären", sagt die Sprecherin des Pflegeheims. Für die Familie kommt diese Erkenntnis zu spät.

Kurz nachdem Hilde Bernsdorf aus dem Krankenhaus entlassen wird, zieht sie wieder um, in das neue Heim. Hier sind Besuche unter Schutzmaßnahmen erlaubt - aber das sind sie im anderen Heim mittlerweile auch. Aber das Gefühl ist anders, besser, sagen die drei Geschwister. Es ist das Gefühl im Bauch, das wohl jeder kennt, der Angehörige in Pflegeheimen hat. Selbst, wenn die Besuchsregeln wieder verschärft würden: "Ich bin mir sicher, dass wir, alle vier, mit diesem Heim durch einen zweiten Lockdown kämen, ohne dass wir noch mal solche Angst haben müssten", sagt Ole Bernsdorf.

Als die drei den Umzug organisieren, zum zweiten Mal in diesem Jahr, wieder ein Leben in einen Kofferraum, machen sie ihrer Mutter eine Überraschung, erzählen sie.

Hier, im Auto, auf dem Weg zwischen zwei Pflegeheimen, gibt es keine Verbote. Nur die vier. Hilde Bernsdorf und ihre Kinder. Sie schützen sich mit Masken.

Sie fahren zur Kieler Förde, dort halten sie. Damit Hilde Bernsdorf noch einmal das Wasser gesehen hat, falls die zweite Welle kommt.

*Alle Namen in diesem Text wurden von der Redaktion geändert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.