Kathrin Holzapfel mit Kindern Janna, Max: "Papa ist mit einer Rakete in eine andere Welt gegangen"

Kathrin Holzapfel mit Kindern Janna, Max: "Papa ist mit einer Rakete in eine andere Welt gegangen"

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Nike Laurenz/ DER SPIEGEL

Wenn ein Familienvater stirbt "Papa riecht nach Tod"

Weil er Krebs hat, verliert Kathrin Holzapfel, 37, ihren Mann – und ihre beiden kleinen Kinder verlieren den Vater. Nun steht die Familie vor der Frage: Wie soll das Leben weitergehen?
Aufgezeichnet von Nike Laurenz

Als ihr Mann starb, war Kathrin Holzapfel 35 Jahre alt und ab diesem Moment allein mit zwei Kindern. Janna* war ein Jahr alt, Max* war vier. 22 Monate lang hatte der Vater der Familie gegen den Tumor in seinem Kopf gekämpft – ein Glioblastom, das in seinem Sprach- und Bewegungszentrum wuchs. Medikamente, Bestrahlungen, Chemotherapien, nichts half.

Am 29. Dezember 2017 kam der Tod in die Familie, so formuliert Kathrin Holzapfel es heute. Wie lebt es sich weiter, wenn eine Frau ihren Mann und zwei Kinder ihren Vater verlieren? Kann man noch arbeiten? Sich mit Freunden treffen? Sich neu verlieben? In dieser Reihe erzählt Kathrin Holzapfel davon. Heute geht es um ihr Verhältnis zu Janna und Max – wie es sich verändert hat, seitdem die Familie nur noch zu dritt ist.

Max verhielt sich wie ein Wissenschaftler, nachdem sein Papa gestorben war. Mein Mann hatte seine letzten Wochen im Hospiz verbracht, und ich war für zehn Tage auch dorthin gezogen, während die Kinder bei meinen Eltern wohnten. Janna war erst 14 Monate alt, Max verstand mit vier Jahren schon mehr als seine Schwester, was da gerade passierte.

Wie ein kleiner Wissenschaftler lief Max im Hospiz um das Bett herum, in dem sein toter Papa lag. Max wollte wissen, was jetzt anders ist. Dass Papa sich kalt anfühlt, dass sich die Brust nicht mehr hebt und senkt, dass die Haut weiß wird. Max wollte auch wissen, wie es ist, in einem Sarg zu liegen, und bevor mein Mann in den Sarg kam, durfte Max Probe liegen. Gemütlich fand er es, aber auch komisch, mit dem Deckel.

Ich merkte erst nach seinem Tod, wie wenig ich mit Max über das Sterben gesprochen hatte. Wir hatten uns in den 22 Monaten voller Krankenhausaufenthalte immer wieder darüber unterhalten, wie schlecht es seinem Papa ging. Aber der Tod war kein Thema. Meine damalige Psychologin, zu der ich seit der Tumordiagnose ging, hatte mir empfohlen, das so spät wie möglich zu machen, damit Max unbeschwert bleibt. Ich hielt mich daran, ein großer Fehler.

Denn Max bekam alles mit. Dass sein Papa nach einer Operation eine große Narbe am Kopf hatte, dass er seine Haare verlor, dass er sich sehr veränderte. Der einst liebevolle Papa wurde immer öfter laut und aggressiv. Tumorbedingte Wesensveränderungen. Max merkte, dass sein Vater irgendwann nicht mehr in der Lage war, eine Gutenachtgeschichte vorzulesen oder das Zahnputzlied zu singen. Dass er am Ende nicht mehr wusste, wie die Klospülung funktioniert oder wie das Licht angeht.

Familienausflug im Sommer 2017: Ein wachsendes Glioblastom, gegen das nichts half

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Foto: privat

In den Wochen, bevor mein Mann starb, bekam Max Albträume. Er wachte mitten in der Nacht auf und sagte mit weit aufgerissenen Augen: "Mama, der Papa ist mit einer Rakete in eine andere Welt gegangen, und da ist alles ganz gruselig." Max hatte ständig Bauchschmerzen. Einmal, als mein Mann noch lebte, sagte Max: "Papa riecht nach Tod." Da wurde mir klar, dass es Zeit wurde, mit ihm darüber zu sprechen, dass sein Papa bald sterben würde.

Ich war zu der Zeit viel im Internet unterwegs, recherchierte: Wie spricht man mit Kindern über Tod und Trauer? Mit unserer Trauerbegleiterin redete ich über die Gespräche, die ich mit Max führte, und gemeinsam überlegten wir immer wieder, wie sich Antworten formulieren lassen konnten.

Seit Max solche Albträume hatte, haben wir uns viel unterhalten. Ich versprach ihm, dass ich immer für ihn da sein würde und all seine Fragen beantworten würde, so gut ich kann. Max wollte nicht immer reden, und Kinderbücher, in denen der Tod vorkam, lehnte er ab. Aber mit der Zeit hatte er immer mehr Fragen: Wo ist denn der Papa, jetzt, wo er tot ist? Kommt er uns bald besuchen?

Es tat Max gut, Antworten zu bekommen. Aber gleichzeitig merkte ich, wie wütend er wurde. Er war wütend darauf, dass seine kleine Schwester immer mehr Aufmerksamkeit bekam. Dass ich seinen Papa gehen lassen und ihn nicht festgehalten hatte. "Ich wünschte, Papa würde noch auf dem Sofa liegen", rief Max einmal. "Aber als Papa auf dem Sofa lag, ging es ihm sehr schlecht", entgegnete ich. "Er kann auch tot dort liegen, Hauptsache, er wäre noch da", sagte Max.

Da erklärte ich ihm, was mit dem Menschen passiert, wenn er stirbt, dass der Körper verwest: Dass das wie bei Äpfeln ist, die faulig werden und die man dann nicht mehr genießen kann. Max verstand: Papa kann nicht zurück aufs Sofa kommen.

Als Erzieherin in einem Erfurter Kindergarten ging ich vier Monate nach dem Tod meines Mannes wieder arbeiten. Janna hatte eine Tagesmutter, Max ging in denselben Kindergarten, in dem ich arbeitete. Ich meldete ihn zusätzlich in einer Trauergruppe für Kinder an.

Aber seine Wut blieb, bis heute. Manchmal brüllt er, schlägt um sich, macht Spielsachen kaputt, ärgert andere Kinder. Wenn ich auf ihn einrede, hört er mich oft gar nicht, was mich immer wieder an meine Grenzen bringt. Besonders kurz nach dem Tod meines Mannes hatte ich keine Energie für ein trauerndes Kind wie Max. Ich schimpfte ständig mit ihm, weil mir alles einfach zu viel wurde. Was das auf lange Sicht mit ihm macht? Ich kann es nicht sagen, und das macht mir Angst.

Ich suchte in dieser Zeit viel Kontakt zu Janna, weil die seltener laut war und stattdessen kuscheln wollte. Für sie war es normal, ohne Papa zu sein, sie war 14 Monate alt, als er starb und kannte ihn nur krank. Über unsere Familie sagte sie immer wieder: "Das ist meine Mama, das ist mein Bruder, und mein Papa ist ein Engel im Himmel."

Kathrin Holzapfel und ihr Mann während einer Party 2015: "Mein Papa ist ein Engel im Himmel"

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Foto: privat

Gelähmt in meiner eigenen Trauer bekomme ich auch heute, zwei Jahre nach dem Tod meines Mannes, vieles nur mit größten Anstrengungen hin. Jacken anziehen, zum Kindergarten und in die Schule fahren: Danach musste ich mich wieder hinlegen, weil es mich so kraftlos gemacht hat. Auch heute habe ich nach einfachen Erledigungen noch das Gefühl, ich würde gleich zusammenbrechen.

Von Juni bis September des vergangenen Jahres lebten meine Kinder und ich in einer psychosomatischen Klinik in Bayern. Gesprächstherapien, Boxen, Klettern, Entspannungsübungen. Max war mittlerweile sechs. Ich merkte in dieser Zeit, wie sehr die vergangenen Monate unsere Beziehung kaputt gemacht hatten. Ich war immer die Böse gewesen, die ihm erst den Papa weggenommen hatte und ihn dann ständig anmotzte. In der Klinik sprachen wir mehr als je zuvor miteinander. Hatten Zeit für gemeinsame Aktivitäten.

Als wir nach dem Sommer wieder zu Hause ankamen, dachte ich, wir seien alle ein wenig mehr geheilt. Das Gegenteil war der Fall. Der Alltag brach über uns herein, und zurück in den alten Strukturen wurde mir bewusst, wie wenig ich mich bisher mit meiner Trauer beschäftigt hatte. Ich hatte so viel verdrängt. Die Diagnose, und wie mein Mann und ich kurz darauf heirateten. Jannas Geburt, bei der mein Mann schon sehr krank, aber noch bei Kräften war. Wie er anfangs noch mit seinem Skateboard zu den Chemos fuhr, und wie er am Ende bei uns zu Hause die Treppe herunterstürzte.

In diesem Zuhause saß ich jetzt. Kurz nach dem Tod meines Mannes funktionierte ich noch einigermaßen. Nach der Klinik ging für einige Wochen gar nichts mehr. Ich war nur noch erschöpft, meine Eltern mussten oft kommen und helfen. Max war mittlerweile in der ersten Klasse, doch ich bekam es morgens kaum hin, seine Schulbrote zu schmieren. Ich ließ mir Antidepressiva verschreiben. Die nehme ich bis heute, und ich habe das Gefühl, dass sie ein bisschen helfen.

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Foto: privat

Neulich waren wir auf dem Spielplatz, und Janna zoffte sich mit einem fremden Kind. In diesem Moment ging Max dazwischen und sagte zu dem Kind: "Hey, das ist meine Schwester! Die darfst du nicht ärgern!"

Ich beobachtete die Szene von der Bank aus und war stolz. Dass die beiden sich haben und dass der Tod ihres Papas sie zu Verbündeten gemacht hat. Der Moment nahm mir die Sorge um die Frage, wie sehr die vergangene Zeit auch in Janna arbeitet. Ich dachte: Ohne euch hätte ich es nicht geschafft. Ihr sorgt dafür, dass ich nicht auch noch sterbe. Zusammen bekommen wir alles hin.

In diesem Moment sah ich mich zu Hause, schwanger mit Janna. Wir hatten gerade erfahren, dass im Kopf meines Mannes ein Tumor vor sich hinwuchs. Ich fragte mich damals, ob wir das Kind in meinem Bauch bekommen sollten, ich spielte es durch: Was passiert, wenn es ohne Vater auf die Welt kommt?

Ich wollte Janna, unbedingt, auch wenn ich kurz vor ihrer Geburt häufig dachte: Ach, Janna, wenn du nur noch ein bisschen in deiner kleinen, heilen Welt bleiben könntest, ich bin noch lange nicht bereit für dich.

Als sie geboren wurde, hatte mein Mann seit neun Monaten Krebs, aber er war noch bei Kräften. Ich fand die Geburt wunderschön. Ein Glück, dass wir unsere Janna bekommen haben.

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Wie hat es sich für Kathrin Holzapfel angefühlt, nach dem Tod ihres Mannes wieder arbeiten zu gehen? Das erzählt sie im kommenden Text.

*Name geändert.