Jan Kalbitzer

Kitastreik in Deutschland Wie lange noch sind uns die Kleinsten lieb und billig?

Jan Kalbitzer
Ein Gastbeitrag von Jan Kalbitzer
Ein Gastbeitrag von Jan Kalbitzer
Das Kitapersonal demonstriert für mehr Geld. Eltern, die deshalb der Gewerkschaft Ver.di grollen, haben nach zwei Jahren Pandemie den Ernst der Lage nicht begriffen – genauso wenig wie die Grünen.
Ver.di-Streik in Kita: Wenigstens mehr Geld für absurde Anweisungen aus den Behörden und Ministerien

Ver.di-Streik in Kita: Wenigstens mehr Geld für absurde Anweisungen aus den Behörden und Ministerien

Foto: Cavan Images / IMAGO

Die Ankündigung der Gewerkschaft Ver.di, dass ab diesem Mittwoch bundesweit Kitas bestreikt werden, mag bei einigen Eltern zu Genervtheit führen: Ist in den letzten zwei Jahren durch Corona nicht schon genug Kita weggebrochen? Muss gerade jetzt, wenn sich die Lage nach der Omikron-Welle einigermaßen zu stabilisieren beginnt, gleich schon wieder die Betreuung ausfallen? Doch wer so denkt, liegt falsch. Und dass das Personal in Kitas jetzt für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen streiken muss, ist nicht nervig, sondern vor allem eine Schande, für die wir Eltern mitverantwortlich sind.

Menschen, die in der Kinderbetreuung arbeiten, haben zwei Jahre lang unter Gefährdung der eigenen Gesundheit und der Gesundheit ihrer eigenen Familien große Verantwortung für unsere jüngsten Mitmenschen übernommen. Viele Kinder, deren Eltern gestresst waren, fanden dort einen Ort, an dem sie gelassen und unbefangen spielen konnten und stabile soziale Beziehungen zu anderen Erwachsenen hatten, wenn zu Hause mal wieder der Segen schief hing. So gut es für das Personal unter den schwierigen Bedingungen und mit den sich ständig ändernden und teilweise absurden Anweisungen aus den Behörden und Ministerien eben möglich war.

Die Arbeit, die die Menschen in Kitas in den letzten Jahren – und auch schon lange davor – für die nachwachsende Generation geleistet haben und leisten, kann man deshalb gar nicht hoch genug schätzen. Und auch die Bedeutung dieses Ortes, an dem Kinder im Idealfall nicht nur geschützt sind vor einer Erwachsenenwelt im Dauerkrisenmodus. Sondern an dem Ängste und Sorgen auch noch aufgefangen und Kinder auf die Herausforderungen dieser Welt altersangemessen vorbereitet werden.

Neben all diesen verantwortungsvollen Aufgaben musste das Personal in Kitas in den Pandemiejahren auch noch für das überforderte politische Spitzenpersonal in die Bresche springen und den Eltern immer wieder neue Regeln erklären. Und diese in den Kitas durchsetzen und sich dann mit erregten und teilweise aggressiven Eltern beider Lager rumschlagen: den einen, denen jede Maskenpflicht zu viel war – und den anderen, die sie gern so radikal wie möglich hätten. Bis hin zu absurden Szenen, bei denen Erzieher:innen auf Elternabenden Impfausweise und Testnachweise der Erwachsenen kontrollieren sollten.

Die, die jetzt streiken gehen, sind diejenigen, die trotz der schlechten Löhne und schwierigen Arbeitsbedingungen und Belastungen der vergangenen Jahre geblieben sind. Die sich keine vernünftiger bezahlten Jobs mit weniger Stress gesucht haben. Und die sich auch von zynischen Eltern nicht davon haben abbringen lassen, jenen etwa, die Krankheitssymptome oder positive Tests bei Angehörigen verschleierten, damit ihre Kinder betreut werden, während sie selbst oft deutlich besser bezahlten Jobs nachgingen.

Die Erzieher:innen, die geblieben sind und jetzt streiken, machen das in der Regel, weil sie ihren Job und die Kinder, für die sie verantwortlich sind, gernhaben. Und sich ihrer großen Verantwortung nicht nur für die ihnen anvertrauten Menschen, sondern auch die mit ihrer Entwicklung verbundenen Zukunft unserer Gesellschaft bewusst sind. Und auf diese Erzieher:innen kommt nun schon wieder die nächste große Herausforderung zu, wenn flucht- und kriegstraumatisierte Kinder aus der Ukraine, die oft kaum Deutsch sprechen, in den Kita-Alltag integriert werden müssen. Häufig ohne, dass für zusätzliches und speziell geschultes Personal gesorgt wird. Durch eine angemessene Bezahlung etwa.

Angesichts dieser Herausforderungen stände es gerade den Grünen, die sich gern selbst Coronaboni zahlen und über die eigene Mehrfachbelastung klagen, gut zu Gesicht, vom Familienministerium aus eine bessere Kitapolitik zu betreiben. Aber auch wir Eltern müssen endlich mehr tun – wir sind schließlich eine der wichtigsten Zielgruppen dieser Partei, die die Familienpolitik jetzt nachhaltig zum Besseren prägen will.

Wir sehen die Belastung derer, die für unsere Kinder sorgen, jeden Tag und hätten uns schon seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen sollen. Das Mindeste aber wäre, sich diesen Mittwoch freizunehmen, die Kinder mitzunehmen und die Streiks nach besten Kräften zu unterstützen. Als Zeichen unserer Dankbarkeit. Und in unserem ureigensten Interesse.