Alter! – Die Midlife-Kolumne Als ich einmal in meine Zukunft sah

An hohen Feiertagen kommen die einsamen Alten in gepflegten Hotels zusammen. Christina Pohl erinnert sich an eine solche Begegnung - und fragt sich, wie es den Menschen wohl jetzt gehen mag.
Kolumnistin Christina Pohl

Kolumnistin Christina Pohl

Foto: Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Es gab eine Zeit, da saßen und aßen wir gemeinsam in Restaurants. Ich vermisse die Geselligkeit jetzt schon, denke an warme Tellergerichte, die mir serviert wurden, und katapultiere mich in die Vergangenheit:  

Weihnachten. Ich bin mit Freunden zum Festessen in einem Landhotel verabredet. Der Einfachheit halber habe ich mich dort einquartiert. Wir wollen schließlich auch anstoßen, so jung kommen wir nicht mehr zusammen!  

Es ist das beste Haus am Platz, verfügt über vier Sterne, und die Küche verspricht eine "Sinfonie der Genüsse auf allerhöchstem Niveau". 
Es gibt auch einen Pool mit angegliederter "Wellness-Oase". Darauf freue ich mich: entspannen, gut essen und abhängen - eine Landpartie, fernab der Großstadt, très chic! 

Ich bin auch gar nicht skeptisch, als wir nach dem Check-in zum Dinner in einem kuscheligen Kaminzimmer platziert werden. Dort sitzen eine Mutter mit ihrer Tochter und ein Paar mittleren Alters. Wir speisen vorzüglich, es gibt Geschenke und "gepflegte Getränke", wie man auf dem Land sagt. Ich frage mich bei diesem Ausdruck immer, ob die jemand abstaubt oder streichelt.

Egal - zum ersten Mal wundere ich mich, als ich die Örtlichkeiten aufsuchen muss. Ich gehe durch den Schankraum, der riesig ist. Und da sitzen sie: 60 bis 70 Herrschaften aus der Generation "früher war mehr Lametta". Wir im Kaminzimmer können den Altersdurchschnitt nicht mehr rausreißen. Man hat uns, die "Jungen", also abgeschirmt, so viel kann ich in meinem angetüdelten Zustand noch kombinieren.  

An der Rezeption steht eine Dame, so um die 80, im Bademantel. Sie ist völlig verwirrt und fragt immer wieder, wo es denn langgehe. Glücklicherweise nimmt sich die Rezeptionistin der Dame an. Auf dem Weg zurück entdecke ich noch eine Kegelbahn und ein Raucherzimmer, im Flur riecht es streng nach abgehangener Zigarre.  
Doch ich denke mir nichts weiter, wir genießen noch einen Digestif und erzählen uns dazu den einen oder anderen Schwank aus unserer Jugend.  

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Mitten in der Nacht wache ich dann auf. Im Nebenzimmer hustet ein Mann. Es klingt nach einer schweren Lungenkrankheit: Asthma, COPD oder so. Weit über drei Stunden dauert das Röcheln. An Schönheitsschlaf ist überhaupt nicht zu denken.  

Völlig zerknittert tauche ich beim Frühstück auf und fühle mich verdammt alt. Doch ich bin mit Abstand die Gesichtsjüngste. Am Nebentisch sitzt ein Herr, so um die 80. Zwei Damen seines Alters nähern sich und flirten völlig ungehemmt mit dem einzigen Mann hier ohne Begleitung. Er lächelt nur in sich hinein, das ist wohl nichts Neues für ihn.  

Stimmt: Männer sterben im Durchschnitt früher als Frauen. Hilfe, muss ich das auch machen, wenn es soweit ist? 
 
Hinter mir fragt die Bedienung eine nicht mehr ganz rüstige Dame, ob sie beim Gang aufs Zimmer Unterstützung brauche. 
 
Erst da wird mir klar, dass ich in einem Altersheim für Betuchte gelandet bin. Sie verbringen die Weihnachtstage in einem Hotel. Klar, die Kinder sind aus dem Haus, vielleicht haben sie auch niemanden mehr.  

Panik steigt in mir auf. Ich renne los. Auf dem Weg zum Zimmer komme ich noch am Pool vorbei, auch dort ruhen sie wie Sardinen auf den Liegen. Sie sind überall. Wie habe ich das am Vorabend nur verdrängen können?  

Ich fliehe auf mein Zimmer und schaue mich im Badezimmerspiegel an. Wie werde ich in 20 Jahren aussehen? An der Wand hängt so ein fieser, runder Vergrößerungsspiegel mit Ringbeleuchtung. Ich schalte sie an, und da sind sie: Zwei Altersflecken mitten im Gesicht! Das Alter hat abgefärbt, die waren da vorher nicht, ich schwöre!  Muss ich mich ab sofort schminken? Ich habe mir nie Make-up ins Gesicht geschmiert. Ich dachte immer, es würde die Poren verstopfen. 

Let's face it, es ist soweit! Das sehen auch die anderen. Wie sonst bin ich in dieser Kolumne gelandet?  

Ein Angstschub überfällt mich, ich lege einen der schnellsten Check-outs meines Lebens hin und flüchte aus dem Hotel und vor meinem eigenen Vergehen. Die nackte Angst machte sich breit. Ich will noch nicht ins Altersheim. Ich muss dringend jemanden treffen, der jünger als 50 ist. Vielleicht verschwinden die Flecken dann wieder?

Das alles kommt mir jetzt so lächerlich und klein vor. Wie sich in diesen pandemischen Zeiten die Relationen verschieben! Ich kann diese Bilder aus den italienischen Krankenhäusern nicht vergessen: Diese vielen alten Menschen, die auf dem Bauch liegen und künstlich beatmet werden, die verzweifelten Ärzte und Pfleger und die Toten in den Särgen auf den Armee-Lastern.

Ich hoffe, dass es allen Gästen des Landhotels gut geht. Und hoffentlich ist der Mann, der so schlimm gehustet hat, in Sicherheit.