Pendelkind Hanna: Wie geht es den Kindern, wenn sie zwischen den geschiedenen Eltern hin- und herpendeln?
Pendelkind Hanna: Wie geht es den Kindern, wenn sie zwischen den geschiedenen Eltern hin- und herpendeln?
Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

Wie das Wechselmodell funktioniert Eine Woche Mama, eine Woche Papa

Die Eltern von Luna und Hanna sind geschieden – so wie bei Millionen anderen Kindern auch. Allerdings gehören die beiden zu den wenigen Pendelkindern. Klappt das?
Von Rita Knobel-Ulrich

Luna hat zwei Zuhause, zwei Kinderzimmer, zwei Familien: Sie lebt eine Woche bei Papa, eine bei Mama. »Manchmal beneide ich die Kinder in meiner Klasse, weil die einfach eine schöne Familie haben. Ich habe sogar immer gehofft, dass meine Eltern wieder zusammenkommen«, sagt Luna, zehn Jahre alt.

Die zwölfjährige Hanna sagt: »Ich war manchmal sehr traurig, dass ich nicht immer bei meiner Mama sein konnte, aber auch bei meinem Vater, weil ich beide gleich doll lieb habe.«

Luna: »Ich habe sogar immer gehofft, dass meine Eltern wieder zusammenkommen«

Luna: »Ich habe sogar immer gehofft, dass meine Eltern wieder zusammenkommen«

Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

Luna und Hanna sind Pendelkinder, sie pendeln zwischen den Eltern. Ein knappes Drittel aller Ehen wird derzeit geschieden. Die überwiegende Zahl der Kinder wachsen bei der Mutter auf, viele sehen den Vater nur alle 14 Tage am Wochenende. Residenzmodell nennt sich das.

Nur wenige Kinder, gerade mal fünf Prozent, leben im sogenannten Wechselmodell, also abwechselnd bei beiden Eltern, so wie Luna und Hanna, sagte Miriam Hoheisel dem Deutschlandfunk , sie ist Bundesgeschäftsführerin des Verbandes der alleinerziehenden Mütter und Väter.

Luna wohnt in Dresden. Ihr Vater hatte sie schon als Säugling gewickelt, gefüttert, ins Bett gebracht. Als die Ehe scheiterte, waren sich die Eltern einig: Keiner wollte den Kontakt zum Kind verlieren, Luna sollte bei beiden aufwachsen.

»Warum könnt ihr euch nicht mal zusammenreißen?«

Luna, zehn Jahre

Anfangs sei das nicht leicht gewesen, räumt der Vater ein: Luna habe anfangs nicht verstanden, dass die Eltern nicht mehr zusammen sind. »Warum könnt ihr euch nicht mal zusammenreißen?« Luna sagt, manchmal habe sie so Phasen: Wenn sie bei ihrem Vater war, habe sie die Mutter vermisst. Und bei der Mutter dann den Vater. »Dadurch merkt man auch, dass es Kindern manchmal schwerfällt, das zu verstehen«, sagt sie.

Luna bei ihrem Vater: Das Modell sei vor allem für Eltern »eine Supersache«, sagt er

Luna bei ihrem Vater: Das Modell sei vor allem für Eltern »eine Supersache«, sagt er

Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

Luna hat einen Alltagspapa, keinen Bespaßungsvater, der am Wochenende sein Kind zum Eis essen und ins Kino ausführt. Lunas Vater kocht, wäscht, hilft ihr bei den Hausaufgaben. In beiden Wohnungen hat sie ein Zimmer, einen Schreibtisch, Bücher und Spielzeug. Jeder Elternteil ist für die Ausgaben seiner Woche selbst verantwortlich, bei größeren Anschaffungen sprechen sie sich ab.

Auch wenn der Vater die Vorteile des Wechselmodells sieht, weiß er: Er und seine Ex-Frau, sie muten Luna viel zu. Das Modell sei vor allem für Eltern »eine Supersache«: »Die haben das Kind immer alle zwei Wochen, können sich auch viel besser drauf einstellen.« Wechseln muss das Kind.

Also packt Luna. Jeden Sonntagabend. Schulbücher, T-Shirts, die Essenskarte für die Schulkantine. In der Mamawelt räumt sie alles wieder ein, dort leben auch der neue Mann der Mutter, der kleine Bruder, ihre Katze. Hat der Bruder schon ein neues Wort gelernt, geht's der Katze gut? Auch ihre Mutter will wissen, wie es vergangene Woche in der Schule gelaufen ist. Hat sie sich mit Papa verstanden? War es lustig beim Kindergeburtstag ihrer Freundin?

Luna bei ihrer Mutter: »Das Kind sieht: Ich habe Eltern, die gemeinsam agieren und nicht gegeneinander. Deswegen funktioniert das auch«

Luna bei ihrer Mutter: »Das Kind sieht: Ich habe Eltern, die gemeinsam agieren und nicht gegeneinander. Deswegen funktioniert das auch«

Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

Inzwischen habe Luna sich an das Leben in den zwei Welten gewöhnt, das sagen die Eltern – und auch Luna selbst. Aber das habe etwas gedauert, die Mutter erinnert sich an lange Gespräche und viele Tränen: »Am Anfang haben wir gesagt, wir haben uns getrennt, weil wir uns nicht mehr lieben.« Das habe Luna nicht beruhigt: Wenn sich die Eltern nicht mehr lieben, vielleicht würden sie irgendwann auch ihre Tochter nicht mehr lieben? »Dann habe ich gesagt: ›Luna, du bist ein Kind der Liebe. Wir wollten dich.‹ Ich denke, das war schön für sie. Wir sind nach wie vor Partner für das Kind. Wenn ich weiß, dass der Papa etwas nicht will, würde ich es nicht hinter seinem Rücken machen. Das Kind sieht: Ich habe Eltern, die gemeinsam agieren und nicht gegeneinander. Deswegen funktioniert das auch.«

»Hanna zuliebe hätten wir durchhalten müssen.«

Mutter

Auch die zwölfjährige Hanna haderte anfangs – natürlich – mit der neuen Situation. Und als der Vater wieder heiratete, lehnte die damals Sechsjährige die neue Frau in seinem Leben ab. Sie weinte, protestierte, wollte nicht mehr zu ihm. Doch der Vater bestand auf dem Wechselmodell, warf der Mutter vor, Hanna gegen ihn auszuspielen, und zog vor Gericht. Er bekam Recht, die Mutter klammere zu sehr, hieß es. Hanna fügte sich.

Hanna: »Wenn meine Eltern traurig oder sauer auf mich sind, dann bin ich auch traurig, weil ich Angst habe, dass ich sie verletzt habe«

Hanna: »Wenn meine Eltern traurig oder sauer auf mich sind, dann bin ich auch traurig, weil ich Angst habe, dass ich sie verletzt habe«

Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

»Ich hatte Papa immer allein für mich«, erinnert sie sich. Die Stiefmutter habe ein Kind mitgebracht, damit sei sie nicht klargekommen. »Papa war darüber traurig und sauer. Und wenn meine Eltern traurig oder sauer auf mich sind, dann bin ich auch traurig, weil ich Angst habe, dass ich sie verletzt habe. Dann traue ich mich nicht mehr, was zu sagen.«

War die Trennung wirklich nötig, überlegt die Mutter: »Hanna zuliebe hätten wir durchhalten müssen. Aber man weiß ja im Nachhinein auch nicht: Wäre sie vielleicht auch unglücklich gewesen, weil sie gespürt hätte, dass mit den Eltern irgendwas nicht stimmt? So lebt sie im Wechselmodell, hat aber einen glücklichen Papa und eine glückliche Mama.«

»Ich will nahe bei den Kindern sein, sie aufwachsen sehen und erleben.«

Vater

Es gibt auch Familien, da pendeln nicht die Kinder, sondern die Eltern, wie Patrick und Tanja aus Hamburg. Nach der Trennung wollten sie dem siebenjährigen Joshua und seiner fünfjährigen Schwester Charlotte nicht zumuten, ihre Koffer zu packen. Also fährt Patrick jeden Dienstag, Donnerstag und jedes zweite Wochenende in die Wohnung, in der er früher zusammen mit Frau und Kindern gelebt hat. Nestmodell nennt sich das.

Lange haben die Eltern überlegt: »Bleiben wir wegen der Kinder zusammen oder gehen wir für die Kinder auseinander?« Sie hätten immer das Beste für die Kinder gewollt, erinnern sie sich. Sie wollten ihren Kindern zeigen: »Wir sind immer noch als Mama und Papa für euch da. Wir wohnen zwar jetzt nicht mehr zusammen, aber trotzdem sind wir für euch da.«

Das Nestmodell zwingt beide Eltern, in Hamburg zu bleiben. Einen Traumjob in München würde der Vater auf keinen Fall annehmen, sagt er: »Ich gehöre nicht zu dieser Fraktion: Die Kinder gehören zur Mutter. Ich will nahe bei den Kindern sein, sie aufwachsen sehen und erleben.«

Auch beim Wechselmodell wohnen Eltern oft nah beieinander. Wobei es auch durchaus Kinder gibt, die quer durch die Republik reisen. Sie sind dann in der Regel noch nicht schulpflichtig und besuchen dann eben zwei Kitas.

In Joshuas Klasse gibt es noch mehr Kinder getrennter Eltern. Der Sechsjährige findet, er habe es besser als sie: »Bei drei Kindern ist das so: Die fahren zu ihrem Papa hin, dann wieder zu Mama, immer hin und her. Und sie haben so eine große Tasche. Da sind Klamotten drin und Spielzeug. Das finde ich irgendwie blöd. Und anstrengend.«

»Das ist anstrengend, aber ich glaube nicht, dass irgendein Modell einfach ist.«

Mutter

Mutter Tanja sitzt in der U-Bahn, ist gerade auf dem Weg ins »Nest«, neben ihr die vollgepackte Reisetasche. Sie wohnt inzwischen in einem anderen Stadtteil. Anfangs wechselten sich die Eltern wochenweise ab, jetzt meist tageweise. Sie sind sich einig: Das Nestmodell klappt nur, weil sie und ihr Ex-Mann nicht ständig streiten.

Nestmodell: Hier pendeln nicht die Kinder, sondern die Eltern Patrick und Tanja

Nestmodell: Hier pendeln nicht die Kinder, sondern die Eltern Patrick und Tanja

Foto: Dr. Rita Knobel-Ulrich / NDR

Ein bisschen schuldbewusst bekennt Tanja: »Wir haben's verbockt. Wir packen, haben die Reisetasche, nicht die Kinder. Ich habe zwei Wohnungen und muss immer überlegen, was nehme ich mit? Aber dafür müssen die Kinder nicht hin- und herpendeln. Das ist anstrengend, aber ich glaube nicht, dass irgendein Modell einfach ist. Für mich ist es das beste Modell, weil ich sehe, dass es den Kindern sehr gut geht damit.«

Patrick hat vor der Übergabe das Wohnzimmer aufgeräumt, Wäsche gewaschen, eingekauft.

Jetzt ist nur noch zu klären: Ist genug Milch da? Sind die Hausaufgaben gemacht? Dann klappt die Tür. Patrick geht. Tanja kommt.

Am Sonntag, 10. Januar, läuft in der ARD um 17.30 Uhr die Dokumentation »Pendelkinder – Eine Woche Papa, eine Woche Mama«.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.