Enrico Ippolito

Weihnachten und Corona Wer gehört zur heiligen Familie?

Enrico Ippolito
Ein Kommentar von Enrico Ippolito
Für Weihnachten lassen Bund und Länder eine Ausnahme gelten: Sie erlauben Feiern im »engsten Familienkreis«. Und fördern damit ein überkommenes Verständnis von Verwandtschaft.
Was ist ein Familienfest? Kommt darauf an, welche Sichtweise man auf den Begriff »Familie« hat

Was ist ein Familienfest? Kommt darauf an, welche Sichtweise man auf den Begriff »Familie« hat

Foto: ArtMarie / Getty Images

Weihnachten ist gecancelt, also nicht so richtig, aber für einige schon. Am 16. Dezember beginnt der härtere Shutdown, darauf haben sich Bund und Länder geeinigt. Geschäfte zu, Schulen und Kitas möglichst dicht oder ohne Präsenzpflicht. Und Weihnachten? 

Auf der Seite der Bundesregierung  steht: »In Abhängigkeit von ihrem jeweiligen Infektionsgeschehen können die Länder vom 24. Dezember bis zum 26. Dezember 2020 Treffen mit 4 über den eigenen Hausstand hinausgehenden Personen aus dem engsten Familienkreis zuzüglich Kindern im Alter bis 14 Jahre zulassen.« Für alle andere gilt weiterhin die Fünf-Personen-aus-zwei-Haushalten-Regel.

Ein altes Familienmodell

Der engste Kreis ist dabei definiert, wie Familie seit den Fünfzigerjahren bestimmt wird, als ein christlich-bürgerliches Modell von Menschen, die als Paar in der gleichen Wohnung idealerweise mit Kindern zusammenleben (dazu dürfen dann noch ein paar mehr enge Verwandte, als Ausnahme, hinzukommen). Was heißt das für alle, die sich nicht in Partnerschaften befinden? Oder für Menschen, die keinen Kontakt zu ihrer direkten Verwandtschaft haben? Was bedeutet es für zwei Paare, die sehr eng befreundet sind, aber eben in mehr als zwei Haushalten leben?

Es geht nicht darum, sich über die Maßnahmen zu beschweren oder sie als falsch zu bewerten, es geht um die Diskrepanz: Politikerinnen und Politiker sind offenbar immer noch nicht im Jetzt angekommen, sie glauben offenbar an ein Ideal, das immer noch ein tradiertes, heteronormatives Familienmodell hochhält, während die Realität längst eine andere ist. Die Weihnachtsregel zeigt (einmal mehr), welche Schwerpunkte in Deutschland grundsätzlich gesetzt werden, was Familie aber auch Religion betrifft. Galten oder gelten die gleichen Lockerungen auch für Menschen, die das Zuckerfest oder Chanukka feiern? Nein.

Seit Anbeginn gibt es in queeren Kontexten das Konzept der Wahlfamilie, der chosen family, also von Menschen, die sich selbst Personen aussuchen, mit denen sie ihr Leben verbringen wollen: Manchmal geschieht das aus einer Not heraus, weil die eigenen Eltern nicht akzeptieren, dass die eigenen Kinder zum Beispiel homosexuell oder trans* sind; manchmal auch nur, weil es eben einen Unterschied macht, unter Personen zu sein, die gleich oder ähnlich fühlen. Sie dürften also rein praktisch dieses Jahr nicht gemeinsam Weihnachten feiern, weil sie in mehr als zwei Haushalten leben, und offenbar nicht als Familie angesehen werden – auch wenn sie sich selbst genau als das betrachten.

Gleiches gilt für die 17,6 Millionen Singles , die vielleicht mit ihren besten Freundinnen und Freunden die Feiertage verbringen wollen – etwa, weil sie keine eigenen Angehörigen haben, oder aber auch, weil Freunde nicht selten die angenehmere Familie sind, oder einfach nur, weil ihre Verwandten nicht im selben Land leben. De facto würde die Weihnachtsregelung sie ebenfalls ausschließen, wenn sie aus mehr als zwei Haushalten zusammenkommen würden.

Nur in Berlin nicht. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer schreibt auf Twitter , dass »queerer & Singlerealität Rechnung getragen« wird und ergänzt gleich, was er damit meint: »Das bedeutet, dass sich in Berlin vom 24.-26. auch bis zu 5 Menschen aus 5 Haushalten treffen können (aber nicht müssen!), die nicht im zivilrechtlichen Sinn enge Verwandte sind.«

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Worauf basieren eigentlich die Lockerungen zu Weihnachten?

Im Bundesland Berlin dürfen sich also auch fünf Personen aus fünf Haushalten treffen, während in anderen Bundesländern für Wahlverwandte weiterhin die Fünf-Personen-zwei-Haushalten-Regel gilt – wie bisher auch. Natürlich könnten sich dann also rein theoretisch weiterhin zwei Singles aus zwei Haushalten zu Weihnachten treffen. Warum genau die Regelung zu Weihnachten für den »engeren Familienkreis« gelockert wird und für alle anderen nicht, entbehrt aber jeder Logik. Es ist ja nicht so, dass eine »direkte Blutsverwandtschaft« uns vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2  schützen würde. Und weil es virologisch keinen Anhaltspunkt für dieses Prozedere gibt, insinuiert es einfach nur Folgendes: Die »klassische Familie« gilt mehr als alle anderen.

Die Feiertage üben schon in normalen Zeiten einen Druck auf Menschen aus, die nicht als Kernfamilie angesehen werden oder keine haben. An diesen Tagen steht alles still, reduziert sich alles auf das Familienleben, und sehr deutlich wird ihnen dann vor Augen geführt, dass sie nicht als Norm gelten. Die Geschäfte sind zu, die meisten Freundinnen und Freunde befinden sich zu Hause, und so kann sich in aller Ruhe die Einsamkeit einschleichen, in diesem Jahr aufgrund der Pandemie vermutlich noch leichter als sonst.  

Weihnachten ist also gerettet, aber nur für die Kernfamilie, für alle anderen kann diese Lockerung zu den Feiertagen nur als Ohrfeige verstanden werden, als ein Zeichen, dass ihr Modell, ihre chosen family, keinen Wert hat.

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