Foto: Garage Island Crew / Stocksy United

Sexuelle Belästigung durch Catcalling Warum ich während der EM endlich ohne Angst joggen kann

Die Fußball-EM 2021 lockt endlich eine Spezies weg von der Straße, die Sachen grölt wie »Mach mal Rock hoch und zeig deinen Arsch«. Ach, ginge die Meisterschaft doch ewig weiter.
Von Celine Wegert

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Seit der diesjährigen Europameisterschaft bin ich Fußballfan. Nicht, dass ich mich dafür genug auskennen würde. Mein Wissen über Fußball schließt gerade so mit ein, dass es »auf Schalke« heißt und Manuel Neuer bei der DFB-Elf im Tor steht. Und doch ist mein Interesse an Fußball seit den Deutschlandspielen bei der EM deutlich gestiegen.

Während die deutsche Nationalmannschaft am vergangenen Mittwoch gegen die ungarische spielte, war ich gerade joggen. Das ist eher ungewöhnlich für mich, weil ich selten nach 21 Uhr laufen gehe. Ich wohne in einer Großstadt, da überlege ich mir als Frau dreimal, ob ich abends allein in Sportklamotten unterwegs sein will. Catcalling, also verbale sexuelle Belästigung durch Pfiffe, anzügliche Kommentare oder hupende Autos, ist hier keine Seltenheit.

Ich gehe gern joggen, das pustet den Kopf frei, gerade zu Coronazeiten. Doch Frauenkörper in Sportklamotten im öffentlichen Straßenbild gleicht Tickets fürs Public Viewing an Gaffer zu verschenken. Sich im Rücken fest bohrende Blicke? Geschenkt. Kommentare zur kurzen Sporthose? Hab ich beim Anziehen schon befürchtet und eine absichernde Nachfrage à la »Kann Frau so in der Stadt joggen gehen?« per WhatsApp an meine Freundin geschickt. »Kann sie.« War ihr Statement. »Und jeden wegboxen, der was anderes sagt!«. Nur, dass man catcallende Männer in dicken Autos nicht einfach so umhauen kann.

Obwohl gegen Abend das Unbehagen zunimmt, kennt Catcalling keine Uhrzeit. Mein bisher einprägendstes Erlebnis passierte vor einigen Wochen mitten am Tag. Ich war Joggen, Kopfhörer in den Ohren, als ein Auto an der Kreuzung auf meine Laufgeschwindigkeit herunter bremst. Die Scheibe vorne rechts ist unten, heraus lehnt sich ein Typ, der mir Dinge zuruft, die ich aufgrund meiner Musik Gott sei Dank nicht höre. Einen ganzen Straßenzug sind mir diese Männer gefolgt.

Je kürzer die Klamotten, je mehr Sommer, desto schlimmer

Und während ich versucht habe, diese grässliche Wut in mir herunterzuschlucken, sprang die Machtlosigkeit wie ein Pingpongball in meinem Kopf herum.

Ich hasse Männer, oh Gott, wie ich Männer in diesem Augenblick hasse.

Dabei macht es keinen Unterschied, welche Art Mann Grenzen überschreitet. Egal ob Mercedesfahrer, Bauarbeiter oder Raststättenbesucher. Ob allein unterwegs oder in der Gruppe, vor der Kneipe oder im Auto an der Ampel. Catcaller unterscheiden nicht. Nicht nach Tageszeit, nicht nach Alter oder Gehaltsklasse. Die einzige Faustregel: je kürzer die Klamotten, je mehr Sommer, desto schlimmer.

Klar, nicht alle Typen sind Täter. Dass Catcalling für fast alle Frauen in meinem Umfeld zum Alltag gehört, macht es jedoch nicht leicht zu differenzieren, wer einer von den Guten ist. Ob nun durch Pfiffe, übergriffige Kommentare, oder Männer, die fahrradfahrenden Frauen einen Platz in »ihrem Benz« anbieten – verbale sexuelle Belästigung passiert so häufig, dass Erlebnisse im Netz unter anderem auf Instagramseiten mit den Titeln »catcallsofmuc « oder »catcallsofberlin « geteilt werden.

Wer jetzt denkt, ich solle mich mal nicht so anstellen, hupende Autos oder im Vorbeifahren zugerufene Kommentare zum Sportoutfit seien doch ein Kompliment, ein Flirt – der weiß nicht, wie es sich anfühlt, ständig lüsternen Blicken ausgesetzt zu sein. Wie demütigend es ist, als Frau ständig bewertet und sexualisiert zu werden. Wie viel Angst es macht, darüber nachzudenken, was wohl passiert, wenn ich solchen Männern nachts allein auf dem Heimweg begegne.

Männer sind Sender ohne Empfänger

Der Unterschied zwischen Flirt und Grenzüberschreitung? Catcallende Männer degradieren Frauen zum Objekt. Hier zählt nur, was er denkt, es geht um sein Ego. Wie sich Frauen mit einem hinterhergerufenen »Ey Süße« fühlen, interessiert nicht. Männer sind Sender ohne Empfänger.

Catcalls sind Pfiffe, sind Rufe, sind ein Kussmund im Vorbeifahren, sind »Mach mal Rock hoch und zeig deinen Arsch«, wie kürzlich auf der Instagramseite »catcallsofcologne « zu lesen. Catcalls überschreiten Grenzen, sie erdrücken uns, führen uns täglich vor Augen, wie machtlos wir Frauen sind.

Sich dagegen zu wehren, ist nahezu unmöglich. Zeig den Mittelfinger vor Wut, und die Männer fahren eine Extrarunde an dir vorbei. Catcalling ist Ohnmacht. Manchmal so sehr, dass ich stundenweise zur verbitterten Männerhasserin werde, nur um mich aus diesem gefräßigen Gedankenloch dann allein wieder herauszuziehen, weil meine Wut an der Situation ja nichts ändert.

Kein Wunder also, dass mein Herz aufgeht, wenn Deutschland gegen England spielt und alle Männer sich auf dem Heimsofa oder im Biergarten versammeln. Public geviewt wird da nur Fußball. Dass Frauenbeine in kurzen Shorts durch die Innenstadt joggen, wird kaum jemanden interessieren.

Shoutout an die DFB-Elf also. Wäre toll, wenn ihr noch ein bisschen durchhaltet.

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