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Alltag eines Dorfpfarrers: "Burn-out ist in meinem Beruf ein großes Problem"
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Für das letzte Abendmahl die Elternzeit unterbrechen, mehr verwalten als predigen: Ein junger Dorfpfarrer erzählt von den Herausforderungen seines Berufs - und warum die Kirche moderner werden muss.

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ruhepuls 11.03.2019, 13:20
1. Beruf oder Berufung?

Es gibt einige Berufe, an die werden (alte) Erwartungen gestellt, obwohl sich die Gesellschaft sonst verändert hat. Seelsorger, Ärzte und Therapeuten sind da besonders im Fokus, denn von ihnen erwartet man, dass sie aus Berufung handeln - und das bedeutet auch den Verzicht auf - sonst allgemein übliche - Dinge wie Urlaub, Feierabend - oder eben Elternzeit. Wer kennt nicht die Geschichte von dem alten Hausarzt, der noch um Mitternacht zu einem Kranken ans Bett kam - und die Klage über seine Nachfolger, die man außerhalb der Sprechzeiten ja nie zu Gesicht bekäme und die auch sonst keine Zeit mehr für einen hätten. Bei Priestern ist das vermutlich noch einmal eine ganz andere Sache, denn die arbeiten ja vor allem für "Gottes Lohn".
Ganz nebenbei sollen heute Seelsorger und Therapeuten oft auch das ersetzen, was dem allgemeinen Egoismus vielmals bereits zum Opfer gefallen ist: Familie und Freunde, die für einen da sind, wenn es einem schlecht geht - aber gerade dann meist auf einer Feier oder im Urlaub sind - und daher unabkömmlich.

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kaltschale 11.03.2019, 14:37
2. Nun dann von der eigenen Medizin schlucken

Von der Kirche hört man dann immer, dass der Herr einem nur das aufbürdet was man auch tragen kann.

Dem Beitrag bei #1 kann ich so nicht zustimmen. Ja, die Gesellschaft hat sich geändert und die Berufsbilder auch, aber gerade Pfarrer, Lehrer, Ärzte waren eigentlich schon immer für soziale, psychische und physische Gesundheit zuständig und gerade auf dem Dorf auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendig.

Ich will jetzt hier nicht in eine Kritik an Kirche und Religion anstimmen (an unsichtbare Freunde glaubte ich nicht mal als Kind), aber Pfarrer und Priester haben eine wichtige Aufgabe und geben manchen Menschen Halt. Daher sollte man schon sehen, dass diese primäre Aufgabe auch erfüllbar bleibt und die Leute nicht im Verwaltungs-KleinKlein aufgerieben werden. Es gibt sowieso nicht genug Nachwuchs für Geistliche, die restlichen noch in die Resignation zu treiben ist sicher nicht im Sinne der Volksgesundheit.

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ruhepuls 11.03.2019, 15:25
3. Das mit der "eigenen Medizin" kann man auch anders sehen...

Verantwortungslosigkeit und "Individualismus" ist heute das Übliche. Warum also sollten bestimmte Berufe hier ausgenommen sein.
Wie heißt es doch: "Die Menschen sind so egoistisch. Alle denken nur an sich, keiner denkt an mich - nur ich."

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Frietjoff 11.03.2019, 15:32
4. In vielen Branchen ein Problem

Tja, dass hochqualifizierte und vergleichsweise hoch bezahlte Mitarbeiter einen Großteil ihrer Zeit mit Verwaltungskram verplempern müssen (den moderat bezahlte, aber entsprechend ausgebildete Mitarbeiter viel effizienter erledigen könnten), ist in vielen Branchen ein Problem. Meiner Frau (Uni-Prof) geht es genau so. Warum sie einen Großteil ihrer Zeit mit stupidem Papierkram verbringen muss, den eine Verwaltungsangestellte mit einem Drittel des Gehalts genau so machen könnte, werde ich nie verstehen -- vor allem nicht, was das mit der immer vorgetragenen Entschuldigung »Wir müssen sparen« zu tun haben soll.

Ansonsten hält sich ich meine Entrüstung über Pfarrer-Burnout einigermaßen in Grenzen. Gemeindepfarrer arbeiten doch in hohem Maße selbstbestimmt (d.h. sie haben keinen direkten Vorgesetzten direkt im Gebäude, der ihnen jeden Tag ein nicht zu schaffendes Pensum aufgibt). Wenn sie ausgebeutet werden, ist das also vor allem Selbstausbeutung. Auch ein (potentielles) Problem, aber eben nicht wirklich dasselbe wie bei Arbeitssklaven, über denen der Antreiber jeden Tag die Peitsche schwingt.

Übrigens kenne ich mehrere PfarrerInnen, die sehr relaxed, glücklich und ausgeglichen erscheinen und das mit der Work-Life-Balance anscheinend gut hingekriegt haben.

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leasingnehmer 11.03.2019, 15:35
5. Stellenteilung als zeitgemäße Alternative der alten Pfarrfamilie

4.300 brutto für einen Berufsanfänger (ohne Sozialversicherungsabgaben, da mit Beamtenversorgung) sind sehr auskömmlich, weil man dann auch noch im -ebenfalls subventionierten- Pfarrhaus lebt. Und wenn dann auch noch der Partner hinzuverdient, können sich Pfarrerinnen und Pfarrer nicht wirklich beklagen.
Ob aber langfristig die Landeskirchen diese A 13/A 14- Stellen noch zahlen können?

Zumutbar und für die Gemeinde, aber auch für die Pfarrerinnen/Pfarrer besser) wäre aber eine Stellenteilung, so dass sich das Pfarrerinnenehepaar eine Stelle teilt. Dann ist genügend Zeit dafür da, die traditionellen Aufgaben des ev. Pfarrhauses zu bewältigen und trotzdem zeitgemäß die Aufgaben in der Familie zu teilen.

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Pickle__Rick 11.03.2019, 15:56
6.

Zitat von leasingnehmer
4.300 brutto für einen Berufsanfänger (ohne Sozialversicherungsabgaben, da mit Beamtenversorgung) sind sehr auskömmlich, weil man dann auch noch im -ebenfalls subventionierten- Pfarrhaus lebt. Und wenn dann auch noch der Partner hinzuverdient, können sich Pfarrerinnen und Pfarrer nicht wirklich beklagen. Ob aber langfristig die Landeskirchen diese A 13/A 14- Stellen noch zahlen können?(...)
Nun, das Gehalt der Pfarrer wird ja nicht nur aus den Töpfen der Kirchensteuer finanziert. So gesehen kommt auch bei sinkenden Mitgliederzahlen das Geld rein. Auch das Geld von Nichtchristen zahlt den Lohn der christlichen Seelsorger. Die Frage ist eher, wie lange dies politisch durch den Bürger noch akzeptiert wird.

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nobody_incognito 11.03.2019, 15:57
7.

Zitat von ruhepuls
Verantwortungslosigkeit und "Individualismus" ist heute das Übliche. Warum also sollten bestimmte Berufe hier ausgenommen sein. Wie heißt es doch: "Die Menschen sind so egoistisch. Alle denken nur an sich, keiner denkt an mich - nur ich."
Na ja, das ist mal eine Offenbarung falsch verstandener Spiritualität. Der individuellen Verantwortung für das eigene Seelenheil kann sich gar niemand entziehen. D.h. alle Probleme resultieren aus dem Fehlen solchen Bewusstseins, dem aber die Vorstellung, dass allein ein Glaubens(lippen)bekenntniss ausreicht, um das Seelenheil zu erlangen, auch nicht sonderlich zuträglich ist.

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MissMorgan 11.03.2019, 19:18
8. Ja, tatsächlich

hätte ich auch kein Verständnis dafür, wenn ein Pfarrer aus der ELTERNzeit heraus keine Beerdigung machen will. Wir reden von einem anwesenden Menschen, nicht jemandem der aus dem Urlaub zurück kehren muss. Wenn man sich so wenig auf einen Seelsorger verlassen kann - dann tut's eben auch der Friseur.
4300 ist sicherlich kein schlechter Lohn in einem Doppelverdienerhaushalt und natürlich muss der/die Partner/in nicht unbezahlt mitarbeiten. Für Verwaltung sollte jemand eingestellt werden, denn hier werden Prioritäten falsch gesetzt. Vielleicht sind hier ncohmal zwei Gründe genannt worden, weshalb die Kirche nicht so viele Anhänger mehr hat.

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Newspeak 11.03.2019, 19:36
9. ...

Klagen auf hohem Niveau. Der Verdienst ist bei den sonstigen Privilegien SEHR gut, das mit dem Uebermass an Verwaltung stimmt sicher, aber auch dafuer haben Pfarrer ja ihre Helfer bei den Pfarrverwaltungen, die anderen kirchlichen Aufgaben sind dann doch sehr ueberschaubar. Wie oft muss denn jemand auf dem Dorf beerdigt oder getraut werden? 2 Gottesdienste am Tag sind auch nicht besonders viel, wobei einer ja sowieso Standard sein sollte, bei einem dazu berufenen Gottesdiener? Da ist 8:30 auch nicht besonders frueh, im Vergleich zu frueheren Zeiten. Burn-out? Wovon? Die psychische Belastung mag zeitweise hoch sein, ok, und wenn man dafuer keinen Mechanismus entwickelt hat, damit umzugehen, dann kann ich mir eigentlich nur das als Grund vorstellen. Aber das Problem haben Aerzte auch, bei, wie ich finde, bedeutend mehr Stress im alltaeglichen Beruf.

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