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Alltag eines Dorfpfarrers: "Burn-out ist in meinem Beruf ein großes Problem"
DPA

Für das letzte Abendmahl die Elternzeit unterbrechen, mehr verwalten als predigen: Ein junger Dorfpfarrer erzählt von den Herausforderungen seines Berufs - und warum die Kirche moderner werden muss.

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LuBu 12.03.2019, 00:49
20.

@hellas16: Es ist "schlimm genug, dass Sozialarbeiter in Beratungsstellen [...] am Wochenende auf ihr Privatleben "pochen"", da es um Flexibilität geht, "die auch gut bezahlt wird"!?
Ist das Ihr Ernst? Ist Ihnen das durchschnittliche Gehalt eines Sozialarbeiters bekannt (dass dieser ein Studium und sehr häufig zuvor noch eine Ausbildung abgeschlossen hat mal völlig außer Acht gelassen)? Sind Sie weltfremd oder ignorant?

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dasfred 12.03.2019, 05:15
21. Seelsorger

Ich musste da an eine Begebenheit aus meiner Jugend denken. Es gab bei uns viele alte einsame Menschen, aber bei wem stand jeden Donnerstag das Auto vom Pastor vor der Tür? Bei einem alten kinderlosen Ehepaar mit stattlichem Vermögen. Als eine neue Glocke von einem anonymen Spender gestiftet wurde, bekam diese einen Namen, der mich doch stark an den Vornamen unseres Nachbarn erinnerte, war mir der Küster dann auch im Vertrauen bestätigt hat. Was dieses Ehepaar dem Pastor allerdings verschwiegen hat, war ihr Neffe und seine Familie im Ausland, die nach dem Tod der beiden zum Alleinerben wurden. Der Pastor soll sich sehr darüber aufgeregt haben, dass die ganzen Besuche nicht mehr als die Glocke gebracht haben.

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Wiggins 12.03.2019, 06:47
22. Genau

Zitat von hellas16
Ich kenne Ärzte, die keine Praxis übernehmen wollen, weil sie nur geregelte Arbeitszeiten suchen. Leider halten sich die Krankheiten nicht daran. Bei Geistlichen ist das ähnlich, denn Hilfe suchende Menschen schauen nicht auf Bürozeiten. Es ist schon schlimm genug, dass Sozialarbeiter in Beratungsstellen oder gerichtlich bestellte Betreuer für Demenzkranke am Wochenende auf ihr Privatleben "pochen". Es geht nicht um "aufopfern", wohl aber um Flexibilität, die auch gut bezahlt wird. Im Übrigen werden Feuerwehrleute und Polizisten auch nicht gefragt, ob sie Elternzeit haben, während ein Haus brennt.
Genau: weil sich Krankheiten, Brände und sonstige Unglücke nicht an Öffnungszeiten halten, muss immer jemand da sein. Kliniken, Polizei und Feuerwehren arbeiten deswegen im Schichtbetrieb, damit immer jemand da ist, während die anderen Freizeit haben und sich erholen können. Der Pfarrer ist im Grunde 24/7 im Einsatz, mit gteplanten, regelmäßigen Terminen, und mit spontanen bzw. Notfall-Aufgaben. Und wenn gerade nichts ansteht, hat er gewissermaßen Rufbereitschaft, weil er immer erreichbar sein muss. Pfarrer dürfen sich ohne Vertretung nur für wenige Stunden aus ihrem Gemeindegebiet entfernen, über Nacht nur nach Genehmigung aus dem Dekanat.
Was Sie "Flexibilität" nennen ist in Wirklichkeit Verfügbarkeit rund um die Uhr. Ob das mit A13 wirklich gut bezahlt ist, lassen wir mal dahingstellt sein.
Übrigens: Feuerwehrleute und Polizisten in Elternzeit werden erst gar nicht zum Dienst eingeteilt und sicher auch nur selten vom Bürger daheim aufgesucht mit der Aufforderung, tätig zu werden. Nur sind beim Pfarrer meistens Wohnung und Dienststelle im selben Haus. Da fällt es dann leichter, Grenzen zu überschreiten...

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Maria--Galeria 12.03.2019, 08:33
23. Seelsorger sagt alles

Pfarrer sind Seelsorger, sie bekommen sehr viel von dem Kummer und den Sorgen ihrer Gemeindemitglieder mit und versuchen zu helfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf Basis der Bibel, so zu sagen den Menschen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. In gewissen Sinn arbeiten sie eben auch als Psychologen, die allerdings in Supervisionssitzungen mit Kollegen ihre belastenden Erfahrungen aufarbeiten, was vermutlich bei Pfarrern nicht der Fall ist. Durch die Schweigepflicht gebunden, kann ich mir vorstellen dass die seelische Last bei Pfarrern durchaus eher zu einem Burnout führen kann als sonst in der Bevölkerung. Eine reine Vermutung

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theuwe 12.03.2019, 09:14
24. Artikel 140 Grundgesetz

Zitat von Pickle__Rick
Nun, das Gehalt der Pfarrer wird ja nicht nur aus den Töpfen der Kirchensteuer finanziert. So gesehen kommt auch bei sinkenden Mitgliederzahlen das Geld rein. Auch das Geld von Nichtchristen zahlt den Lohn der christlichen Seelsorger. Die Frage ist eher, wie lange dies politisch durch den Bürger noch akzeptiert wird.
Das Grundgesetz schreibt die strikte Trennung von Staat und Kirche vor.
Wann wird in D die Säkularisierung endlich wirklich konsequent vollzogen? Kein einziger Euro Steuergelder für Kirche und kirchliche Organisationen! Karitative Einrichtungen der Kirchen, die zu über 90% staatlich finanziert werden, sollten entweder von staatlicher Verwaltung übernommen werden oder zumindest sollten jegliche kirchliche Insignien und Sonderrechte kirchlicher Einflußnahme entfallen. Dies gilt besonders für Personalpolitik und Arbeitnehmerrechte! Religion (das gilt natürlich für alle) ist absolute Privarsache wie die Mitgliedschaft im Fußballclub.

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kajoter 12.03.2019, 10:07
25. @ #9

Haben Sie mal als Pastor oder Organist einen Gottesdienst gestaltet? Ich kann Ihnen versichern, dass man danach weiß, dass man gearbeitet hat. Denn man steht dabei - egal wie klein die Gemeinde ist - die ganze Zeit auf dem sog. Präsentierteller. Jeder Fehler, jedes Missgeschick fällt sofort auf einen zurück. Das heißt, dass man die gesamte Zeit über seine Konzentration sehr, sehr hoch halten muss. Und wenn danach noch ein zweiter Gottesdienst folgt, dann muss man schon ziemlich intensiv um diese Konzentration kämpfen. Was umso schwerer fällt, wenn man über eine gewisse Routine verfügt. Nichts wäre einfacher, als den Autopiloten anzuschalten, aber genau dann passiert irgendetwas.

Meine Erfahrungen mit Pastoren sind vielfältig, aber es gibt ein paar Wesenszüge, die bei sehr vielen festzustellen sind. Da gibt es zum einen ein gewisses Machtbewusstsein. Sie sind die offiziellen "Hirten" der Gemeinde und wollen sie auch dementsprechend führen. Daher gibt es kein Gebiet, das sie nicht ihrer Supervision unterstellt sehen, auch wenn sie darin alles andere als Fachleute sind. Daher können sie auch schlecht delegieren.
Ein zweiter Punkt: Viele Aufgaben werden von Ehrenamtlichen übernommen. Die Kirche ist ein sehr mieser Arbeitgeber, wenn es um die Entlohnung ihrer Arbeitnehmer geht - ausgenommen die Pastores natürlich. Daher werden Ehrenamtliche nicht nur gesucht, sondern - sofern man welche gefunden hat - sogar bis zur Grenze der Unverschämtheit ausgenutzt. Es ist ja für eine heilige Sache, für einen guten Zweck. Viele Pastoren beherrschen dieses Spiel mit der Moralkeule sehr virtuos und zeigen sich oftmals sehr egoistisch dabei. Denn es gibt natlürlich auch Ehrenamtliche, die von ihrer Aufgabe überzeugt sind. Die aber laufen Gefahr, über Gebühr beansprucht zu werden und tatsächlich einem Burnout nahe zu kommen.

Aber generell gilt für Pastoren und Kirchenmusiker: Der Arbeitsalltag ist sehr zerklüftet und er beinhaltet eben auch das Wochenende. Zum Beispiel: Morgens um 09 Uhr Besprechung, Pause, 11 Uhr Begräbnis, Pause, 14 Uhr Trauung oder Konfirmandenstunde, 15 Uhr Zeit für eigene Vorbereitungen, Pause, 19.30 Uhr Gesprächskreis mit Gemeindemitgliedern/Ehrenamtlichen oder Chorprobe etc., 22 Uhr Feierabend. Man muss permanent seinen Arbeitsplatz wechseln, das ständige Umziehen der Kleidung ist ebenfalls unangenehm - und überall, wo man erscheint, muss man mit klaren Vorstellungen oder Vorbereitungsergebnissen aufwarten. Wenn man dann nicht über ein gutes Organisationstalent verfügt, wird es sehr schwierig.

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mirage122 12.03.2019, 10:15
26. Sollen wir nun weinen?

Ich kenne einen Dorf-Pastor, den ich eigentlich sehr beneide. Abgesehen von dem Gehalt, dem kostenlosen Wohnen, dem Ansehen im Dorf und vielen anderen Privilegien habe ich nicht den Eindruck, dass er kurz vor dem Burn-out steht. Im Sommer abends, wenn normale Menschen noch in ihrem Garten werkeln müssen - und wenn es nur das tägliche Giessen ist -, radelt er fröhlich durch die Gegend. Denn sein Anwesen wird ja kirchlich versorgt! Und er hält gerne an und steht einem Plausch durchaus aufgeschlossen gegenüber, selbst wenn man darauf hinweist, dass man keine Zeit hat, weil man noch dies und das bis zum Dunkelwerden erledigen muss. Und er hat während der Schulferien wochentags frei, weil dann keine Konfirmanden da sind. Dann kann er in den Seniorenheimen mit den alten Herrschaften Kaffee trinken und ihre Beerdigung vorbereiten. Überall ist er willkommen und wird eingeladen. Das ist wie im Mittelalter mit der Abbitte, die man der Kirche gegenüber zu leisten hatte, damit man in den Himmel kommt. Und die Kirche ist nur an Weihnachten voll oder am Sonntag mit den Konfirmanden, die ihre Pflichtbesuche absitzen müssen.

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theuwe 12.03.2019, 10:48
27. Bitte die Kirche im Dorf lassen

Zitat von kajoter
Haben Sie mal als Pastor oder Organist einen Gottesdienst gestaltet? Ich kann Ihnen versichern, dass man danach weiß, dass man gearbeitet hat. Denn man steht dabei - egal wie klein die Gemeinde ist - die ganze Zeit auf dem sog. Präsentierteller. Jeder Fehler, jedes Missgeschick fällt sofort auf einen zurück. Das heißt, dass man die gesamte Zeit über seine Konzentration sehr, sehr hoch halten muss... ...das ständige Umziehen der Kleidung ist ebenfalls unangenehm...
Gottesdienst und das Anlegen folkloristischer Outfits: das sind doch alles Abläufe innerhalb eines Kirchen-Vereins ohne wirklich Signifikanz für die Gesellschaft als solche. Wenn ich da an die Arbeit von Polizei und Rettungsdienst, von Ärzten und Pflegepersonal denke!!! Diese Menschen erledigen unter wirklichem Stress Dienste, die für die Allgemeinheit absolut notwendig und in vielen Fällen sogar überlebensnotwendig sind. Ob ich im Trachtenjanker jodle oder an klerikaler Folklore teilhabe ist dagegen eine frei gewählte Betätigung, die keinen wirklich essenziellen Dienst an der Allgemeinheit darstellt

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kajoter 12.03.2019, 11:09
28. @ #26

Zitat von mirage122
Ich kenne einen Dorf-Pastor, den ich eigentlich sehr beneide. Abgesehen von dem Gehalt, dem kostenlosen Wohnen, dem Ansehen im Dorf und vielen anderen Privilegien habe ich nicht den Eindruck, dass er kurz vor dem Burn-out steht. Im Sommer abends, wenn normale Menschen noch in ihrem Garten werkeln müssen - und wenn es nur das tägliche Giessen ist -, radelt er fröhlich durch die Gegend. Denn sein Anwesen wird ja kirchlich versorgt! Und er hält gerne an und steht einem Plausch durchaus aufgeschlossen gegenüber, selbst wenn man darauf hinweist, dass man keine Zeit hat, weil man noch dies und das bis zum Dunkelwerden erledigen muss. Und er hat während der Schulferien wochentags frei, weil dann keine Konfirmanden da sind. Dann kann er in den Seniorenheimen mit den alten Herrschaften Kaffee trinken und ihre Beerdigung vorbereiten. Überall ist er willkommen und wird eingeladen. Das ist wie im Mittelalter mit der Abbitte, die man der Kirche gegenüber zu leisten hatte, damit man in den Himmel kommt. Und die Kirche ist nur an Weihnachten voll oder am Sonntag mit den Konfirmanden, die ihre Pflichtbesuche absitzen müssen.
Die Mär vom mietfreien Wohnen hält sich scheinbar hartnäckig. Fakt ist, dass es von Fall zu Fall unterschiedlich ist. Generell aber müssen Pastoren in ihren sog. Pastoraten wohnen. Dafür müssen sie generell Miete zahlen. Da aber diese Pastorate meistens für eine mehrköpfige Familie ausgelegt sind, kann es natürlich nicht sein, dass ein Single für diverse Quaratmeter ungenutzter Fläche Miete zahlen muss.
Aber generell bewegt sich die Kirche auf einen Mangel an Pastoren zu, bzw. befindet sich schon mittendrin. Daher versuchen viele Gemeinden, mit den Wohnmöglichkeiten zu ködern. Das würde z.B. in der Wirtschaft auch nicht anders geregelt werden.

Sie beschreiben den Freiraum, den jeder Pastor besitzt. Es gibt nur wenige Berufsgruppen, die ihren Arbeitsalltag und -aufwand derartig frei gestalten können wie Pastoren. Und die ihn auch derartig frei auslegen können. Einige werden den Plausch am Gartenzaun als Pflege der Nähe zu den Gemeindemitgliedern interpretieren, andere - so wie Sie - werten es als geschwätzige Freizeitgestaltung. Eines aber dürfte klar sein: So viel Appetit auf Kaffee und Kuchen, wie die Pastoren permanent zu sich nehmen müssen, kann kein Mensch haben. Und ein derartig offenes Ohr für fast alle Belange des normalen Lebens zu zeigen, wie es Pastoren bei diesen Gelegenheiten tun sollten, ist primär eine Last. Vor allem, wenn man an all den Unfug denkt, mit dem sie dabei konfrontiert werden.

Ich kenne einen Pastoren, der in der Nähe einer Jugendvollzugsanstalt arbeitet. Wann immer dort Entlassungstermine anstehen, macht er sein Sprechstundenbüro auf und ist für die Entlassenen viele Stunden ansprechbar. Dabei gehören sie noch nicht mal zu seiner Gemeinde.
Wie gesagt: Das ist der Gestaltungsfreiraum, über den jeder Pastor verfügt.

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SusiWombat 12.03.2019, 11:19
29.

Zitat von Fritz Godesberg
...ist einer der Vorteile des Zölibats: keine Familie, keine Elternzeit!
Genau, da heißt das dann nicht mehr Pfarrerfrau sondern Haushälterin - und wird von der Kirche bezahlt. Da ein 2-Personen-Haushalt wohl kaum eine Vollzeitbeschäftigung bietet, sind hier sicher auch Verwaltungsaufgaben mit abgedeckt.

Anspruch auf Elternzeit gibt es dann natürlich nicht - aber der Umgang mit Kindern im Pfarrhaus ist tatsächlich eine ganz andere Geschichte.

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