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Autist und Spitzensportler: Der Mann aus dem Meer

Clay Marzo ist Autist, er leidet am Asperger-Syndrom. Er kann nicht unterscheiden, ob jemand vor Freude lacht oder vor Wut schäumt. Das Leben an Land überfordert ihn, doch im Wasser, auf dem Surfbrett, macht der Hawaiianer Dinge, die kein anderer kann.

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avollmer 30.12.2009, 12:46
1. Schublade auf

Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom.

Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom?

Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren?

Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.

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M.Clements 31.12.2009, 13:21
2. Interessant...

Zitat von avollmer
Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
So sehe ich das auch.Evt. ein Mutatiuonsversuch der Evolution.Entweder scheitert`s oder führt weiter.Auf jeden Fall auch nur zum Schmunzeln zu ernst.Fürchte, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug.Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.

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peterbruells 31.12.2009, 14:17
3. •

Zitat von M.Clements
, er hat es in einer konformitätsorientierten Gesellschaft schwer genug. Siehe die lange Dauer des Führerscheinerwerbs.
Ja, fies diese Anforderung, dass man beim führen eines menschenzermalmenden Geräts nachweisen muss, dass man nicht nur versteht, dass man bei Rot anhalten muss, sondern auch versteht, dass manche dass nicht tun.

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Schnurz321 31.12.2009, 14:26
4. ...

Zitat von avollmer
Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom. Vielleicht leiden alle Anderen an einem Konformitätssyndrom? An einem Emotionalitätssyndrom? An einem Wahrnehmungseinschränkungssyndrom? Ist es nicht für die Existenz der Menschheit wichtig, dass es auch extreme Ausprägungen von Eigenschaften gibt? Dass gerade die Vielfalt der Ausprägungen das Überleben als Art auf Dauer sichert? Ist es nicht an der Zeit, die Normabweichung als eigentliche Norm zu akzeptieren? Denn eines ist sicher, aus einer normkonformen Persönlichkeit erwachsen nur äusserst selten Spitzenleistungen.
Selbstverständlich geht man von der Norm aus. Und Normabweichungen sind eben keine Norm. Die Normabweichung Autismus sorgt naturgemäß für mehr Probleme im Alltag als bspw. die Normabweichung Homosexualität.

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kelcmatej 31.12.2009, 15:01
5. Andere Sicht der Menschheit

Meine Sicht der Dinge:
Die Definition der menschlichen Inteligenz ist längst überholt. Nach meiner Erfahrung gibt es keine pyramidenartige Einstufung der Menschen, sondern eher eine Flächenartige. Stellen wir uns ein Quadrat vor, welches wiederum in 10x10 Quadraten aufgeteilt ist, also 100 Felder, welche alle die verschiedenartigen Eigenschaften eines Menschen symbolisieren. Und auf jedem Feld zeigt uns ein Balken mit seiner Höhe die Intensität dieser Eigenschaft an. Die Verteilung dieser Balken, sowie deren Intensität, zeigt uns eine für jeden Menschen eine völlig individuelle Zusammenstellung an. In der Summe aller Eigenschaften/Balken sind wir jedoch wieder alle gleich. Also auch alle gleichwertig.
Der "normale" Mensch, oder der Durchschnitt, hat so von alllem etwas, ragt jedoch nirgends wirklich heraus. Hat jemand nun von einer Eigenschaft mehr als andere, so heißt das auch, daß ihm woanders was fehlt. Manch einer von uns beherscht eine Sache super, welche andere z. T. noch nicht einmal verstehen. Z. B. Vergleich Handwerker - Steuerberater. Wieder jemand anders ist ein wahres Multitalent - als Familienvater/Mutter jedoch ein totaler Versager. Was gut und was schlecht ist bestimmt letztendes die Gesellschaft. Doch real ist das nicht. Ich denke da auch an die Eltern mit mongoloiden Kindern. Diese Kinder gelten zwar als behindert und anstrengend - viele dieser betroffenen Eltern sagen jedoch daß sie nie und nimmer darauf verzichten könnten, einfach deshalb, weil diese Kinder ihnen etwas geben was ihnen kein anderer zu geben vermag.
Und so sehe ich auch den "Mann aus dem Meer". Er hat etwas was wir nicht haben - dafür haben wir was, was er gar nicht kennt. Oder andersrum - man kann halt nicht alles haben/können.

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spiegelreflex_zone 31.12.2009, 15:33
6. Interessante Sicht, aber...

Zitat von kelcmatej
Meine Sicht der Dinge: Die Definition der menschlichen Inteligenz ist längst überholt. Nach meiner Erfahrung gibt es keine pyramidenartige Einstufung der Menschen, sondern eher eine Flächenartige. Stellen wir uns ein Quadrat vor, welches wiederum in 10x10 Quadraten aufgeteilt ist,...usw.
Diese und andere Sichtweisen auf autistische und auf in irgendeiner Form behinderte Menschen ist sicher interessant, auch in großen Teilen nachvollziehbar- man sollte jedoch nicht negieren, dass manche Variante von Intelligenz in der Gesellschaft weniger erforderlich ist- und nur dies gilt letztlich. Manche Menschen glauben z.B. die Schule würde den0 Faktor IQ würdigen müssen- das ist Quatsch. Schule und Gesellschaft basieren auf Leistungsbewertung, bzw. -bezahlung.
Beispiel: Sie bezahlen den Klempner, der ihren Wasserrohrbruch reparieren sollte, sicher nicht, weil er intelligent ist und Heine zitieren kann, sondern wenn er seine Funktion/Reparatur ausführt, oder?
Daher sind viele gutgemeinte Standpunkte hier am Kern vorbei, der war in jeder Gesellschaft- so auch in unserer- bei der Betrachtung eines Individuums: Wie kann sich Derjenige einbringen. Und daher bleibt auch ein Autist in den meisten Gesellschaftsformen eine Person, die sich zumeist schwer integrieren lässt.

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Soubrette 31.12.2009, 15:43
7. Asperger

Zitat von avollmer
Wenn ein Mensch nicht dem üblichen Schema entspricht, kein so genanntes normgerechtes Verhalten zeigt, dann wird ihm eine Erkrankung oder Behinderung zugeordnet. Er leidet dann eben an einem Syndrom.
Ja, so ist das eben - und warum auch nicht?
Ich selbst bin Asperger-Autist, und seit ich die Diagnose habe, seit es überhaupt eine Überschrift für das gibt, was mir Schwierigkeiten bereitet, seit mir eine Taxonomie möglich ist und seit ich konkrete Verhaltenstipps erhalte, die mir den Alltag erleichtern und die sich natürlich aus den allgemein gewonnenen Erfahrungen bezüglich des Aspergerautismus speisen, ist mein Leben beträchtlich einfacher.

Mir ist es dabei völlig egal, ob sich das Ding nun 'Syndrom' oder sonstwie nennt. Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die den Zusammenhang der Symptome (die als solche zweifelsohne bestehen) sinnvoll erkennen und einem damit ganz konkret zur Seite stehen können.

Political correctness hat hier keinen Platz, sondern wäre nur kontraproduktiv. Ich möchte nicht 'verhaltenskreativ' genannt werden - ich bin einfach ein Aspie und ich bin froh, dass es solche hilfreichen Diagnosen gibt.

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mörk 31.12.2009, 16:08
8. ...

Zitat von spiegelreflex_zone
Diese und andere Sichtweisen auf autistische und auf in irgendeiner Form behinderte Menschen ist sicher interessant, auch in großen Teilen nachvollziehbar- man sollte jedoch nicht negieren, dass manche Variante von Intelligenz in der Gesellschaft weniger erforderlich ist- und nur dies gilt letztlich. Manche Menschen glauben z.B. die Schule würde den0 Faktor IQ würdigen müssen- das ist Quatsch. Schule und Gesellschaft basieren auf Leistungsbewertung, bzw. -bezahlung. Beispiel: Sie bezahlen den Klempner, der ihren Wasserrohrbruch reparieren sollte, sicher nicht, weil er intelligent ist und Heine zitieren kann, sondern wenn er seine Funktion/Reparatur ausführt, oder? Daher sind viele gutgemeinte Standpunkte hier am Kern vorbei, der war in jeder Gesellschaft- so auch in unserer- bei der Betrachtung eines Individuums: Wie kann sich Derjenige einbringen. Und daher bleibt auch ein Autist in den meisten Gesellschaftsformen eine Person, die sich zumeist schwer integrieren lässt.
Womit Sie im Kern aussagen, dass eine Gesellschaft Menschen nicht braucht, die Talente haben, deren Wert sich nicht in Geld messen lässt.

Zum Glück gibt es noch Menschen, die das anders sehen und der gänzlichen kulturellen Verarmung der Gesellschaft entgegenwirken.

"I've seen so many come apart
Shattered lifes and broken hearts
Victims of the endless routine

Brainwashed into believing that
The job and the money is where it's at
And you're just another cog in the machine"

-Chris Jones

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Yannick Dillinger 31.12.2009, 16:24
9. Ein einfach guter Text

Bei allem Verständnis und jeglicher Befürwortung für die inhaltliche Diskussion, möchte ich gerne auf etwas anderes hinweisen im Zusammenhang mit diesem Text: Er ist unfassbar gut geschrieben. Fakten werden häppchenweise, fast leicht serviert. Und das bei einem solchen Thema. Viel gewichtiger kommen Emotionen rüber. Weniger iist mehr. Ich finde es fesselnd, wie Maik Großekathöfer es versteht, einen Menschen via reinem Text eindrucksvoll zu beschreiben. Man kann mit dem Protagonisten fast eintauchen. Eintauchen in die Wellen Mauis, eintauchen in die Ängste, die er an Land durchlebt. Sicher kann ein Nicht-Autist niemals nachvollziehen, wie sich der junge Mann fühlt, wenn er nicht von seinem Element, dem Wasser, umgeben ist. Aber dieser Artikel schafft all das, was er schaffen kann: Er bringt einem den Menschen, er bringt einem das Schicksal näher. Wodurch? Durch bildliches Schreiben par exzellence, durch einen Schreibstil, der kurzatmig ist, durch Faktendosierung statt -überladung. Wenn ein Artikel diesem schwierigen Thema gerecht werden kann, dann ein solcher.

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