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Behinderung und Sprache: Inklusion, wie sie sein sollte

Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen. Silke Burmester über Behinderten-Witze und Inklusion - SPIEGEL ONLINE

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dr.u. 08.12.2013, 10:05
10. Hut ab

Zitat von sysop
Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen. [...] Natürlich wäre es schön, Witze würden nicht auf Kosten von Minderheiten gemacht oder von Defiziten.
Jeder ist irgendwie in irgendwas eine Minderheit. Und warum sollte ausgerechnet eine Minderheit vor (schlechten) WItzen verschont bleiben.
Auch das hat etwas mit "Alle Menschen sind gleich" zu tun.

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vonwoderwestwindweht 08.12.2013, 10:09
11. ***

Mag ja sein. Trotzdem muss ein Behinderter nicht jeden total beknackten Witz jetzt töfte finden, um gnädigerweise das Gefühl gestattet zu bekommen, "dazuzugehören". Es wäre sozusagen "Inklusion" (grauenhafter Sonntagsreden-Trash ohne jegliche Verbesserung der Lage, das nebenbei gesagt...), wenn man als Behinderter sagen kann "Der Witz ist vollständig kacke", ohne dass der Nicht-Behindert gleich gestanzt von sich gibt "Jetzt macht euch doch mal locker, ihr Doofis werdet von uns erst richtig töfte gefunden, wenn wir auch total beknackte Witze über euch machen können, hahaha, hihihi, schenkelklatsch". Nebenbei machen Behinderte genauso Witze über Behinderungen wie Schwule über Schwule usw. Kommt halt auf den Witz drauf an - ist doch eigentlich selbstverständlich. Ich habe ehrlich gesagt auch schon deutlich bessere Witze gehört als den, wo ein Blinder gegen Gegenstände latscht. Dieser Witz fällt eher in die Kategorie, wo ich sehe, dass ein mittelmäßig veranlagter Mensch sein verletztes Selbstbewusstsein zu "heilen" versucht, indem er sich über jemand, der es schicksalsmäßig härter getroffen hat zu erhöhen versucht. Man muss jetzt nicht so tun, als ob in unserer pc-Gesellschaft sowas tabu ist. So einen Witz registriere ich mindestens ein Mal am Tag, so gesehen müsste das - nach Frau Burmeister - mit der Inklusion ein totaler Erfolg sein. Ist es aber nicht. Woran könnte das liegen?

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Schäfer 08.12.2013, 10:13
12. Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Zitat von sysop
Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen.
Ausgerechnet Beucher, jemanden mit Humordefizit, zum Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes zu machen, ist sicher überraschend - man erwartet von Behinderten eher physische Einschränkungen -, aber trotzdem ist es keinen Artikel wert. Es gibt wahrhaftig bessere Gründe, das taz-Abo zu kündigen.

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freiheitandersdenkender 08.12.2013, 10:14
13. Wahrheit

Hallo Frau Burmester,
was die Behinderten und Inklusion betrifft, haben Sie recht.
Den Text über den Fussballer halte ich aber doch etwas für unlustig, da er seine „Komik“ auf Kosten der Behinderung bezieht und das ist nun mal nicht lustig..
Was aber gefährlich ist, und wieder in diesem Text offenbar wird, ist der Versuch der Manipulation, oder Gegenmanipulation durch Wortschöpfungen. Letztlich bleibt beides Manipulation.
Zitat dazu aus Wikipedia über George Orwells " Neusprech" : " „Neusprech“ bezeichnet die vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache. Das Ziel dieser Sprachpolitik ist es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation der Bevölkerung in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden. Durch die neue Sprache bzw. Sprachregelung soll die Bevölkerung so manipuliert werden, dass sie nicht einmal an Aufstand denken kann, weil ihr die Worte dazu fehlen.
Das subjektive Empfinden zum Ausdruck bringende Wörter (wie „wunderbar“, „erstklassig“) sollen durch anscheinend objektive Wendungen wie gut—plusgut—doppelplusgut abgelöst werden, schlecht wird ersetzt durch ungut, um Sprechen, Denken und Empfinden voneinander abzukoppeln. Die Wörter verlieren außerdem Teile ihrer ursprünglichen Bedeutung. Es gibt in Neusprech zwar noch das Wort „frei“, jedoch nicht mehr im Sinne von „politisch frei“, sondern nur noch in der Bedeutung von „ohne“ (z. B. „Der Hund ist frei von Flöhen“)."
Das kennen wir auch aus anderen gesellschaftlichen Bereichen. Ausländer zu Migranten (wenn das Wort einen zu bedrohlichen Klang bekommt, findet sich sicher jemand, der sich ein neues ausdenkt; wobei ich mich immer frage: Wer sind eigentlich diese Leute ?), bildungsferne Schichten, usw..
Wir kennen ja alle diese Entwicklungen.
Dann werden Passagen aus Texten gestrichen, die die Schwierigkeiten im Umgang mit behinderten Menschen beschreiben.
Wie will man denn Schwierigkeiten lösen, wenn man sie nicht mehr benennen und öffentlich machen darf ?
Kommt es vielleicht so weit, daß man bestimmte Sachverhalte bei Strafandrohung nicht mehr öffentlich nennen darf (es gibt angebl. Europäische Länder in denen es schon so weit ist !) ?
Wir haben ja jetzt schon eine Schere im Kopf, die das abschneidet, was man öffentlich nicht äußern darf ohne Haus, Hof und Stand zu verlieren.
So werden wir die aktuellen Probleme und Herausforderungen unserer Zeit nicht lösen.

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Nabob 08.12.2013, 10:15
14. Infantile Schlussfolgerungen

Zitat von sysop
Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen.
Was in dem hier besprochenen Essay benannt wird, brauchte die Verfasserin offenbar, um sich bestimmte Zusammenhänge selbst zu erklären - wir doofen Foristen sind oftmals schon weiter und uns langweilt die Nabelschau von Essayisten im Entwicklungsstadium.

Man kann es drehen wie man will: an macht generell keine Witze auf Kosten jener, welche zum einen wehrlos sind und - davon sollte man ausgehen - im Hinblick auf ihre Behinderung eine emotionelle Wunde haben, de man dann träfe.

So etwas ist unerzogen.

Um dem Behinderten das Gefühl zu geben einbezogen zu sein, auch in die Gruppe der unter der Beachtungsdefizit leidenden Behinderten, gibt es Tausende von positiven Möglichkeiten.

Dem Behinderten hinterhertreten ist natürlich einfacher, weniger proletenhaft und anspruchsvoller hingegen ist es auf diese Leute so zuzugehen, dass sie eben nicht das Gefühl des Besonderen empfinden, sondern sich als normal akzeptiert fühlen. Das aber hieße persönlich handeln und dort beginnen wieder die Grenzen aus der Gruppe der Behinderung des Beachtungsdefizits, weil es - dreimal raten - nicht cool ist.

Aberzogene Sensibilität, voranschreitende Infantilisierung und einfache Verblödung sind erbitterte Gegner von sozialverträglicher Umgangskultur, Frau Dingsbums (Namen nicht präsent).

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jujo 08.12.2013, 10:25
15. ...

Zitat von zursachet
Frau Burmester, ich bin gespannt auf die Reaktionen. Alls jemand ohne ersichtliche körperlichen und sinnlichen Einschränkungen finde ich Ihren Standpunkt gut und logisch schlüssig. Aber Inklusion geht über körperliche Beinträchtigungen hinaus. Was ist mit anderen Minderheiten (auch so ein Wort...)? Dürfen diese auch mit den gleichen schlechten Witzen bedacht werden? Ich weiss nicht.
Menschen mit Behinderung haben unseren Respekt und die nötige Hilfe, wobei auch immer, verdient.Respektlos hingegen finde ich das Verhalten von Behinderten eine Klaviatur zu bedienen sich immer und überall Vorteile zu verschaffen, mit der Begründung , das stehe einem zu, schliesslich ist man ja behindert.
Ich habe kein Problem damit 2 Damen mit Rollator, die entspannt sich unterhaltend, Aus-und Eingänge blockieren anzusprechen. Ein Rollstuhlfahrer muss auch nicht den Eingang blockierend seine Geldbörse suchen!

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großwolke 08.12.2013, 10:28
16.

Zitat von theresarain
der Witz war trotzdem extrem geschmacklos. Genauso, als würde man sich über rote Haare, helle/dunkle Hautfarbe, Augenfarbe etc. lustigmachen. Sich über Merkmale eines Menschen lustig zu machen, für die er nichts kann, geht einfach nicht. ...
Sie verfehlen den Punkt. Dieser Hobbysportler wäre ohne seinen Sport niemals Ziel dieser Spöttelei geworden. "Blinder Fußballspieler", das kann man in sich schon komisch finden, ohne überhaupt Namen und Fakten zum Thema zu kennen.

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sfb 08.12.2013, 10:32
17.

Sehr guter Artikel!

Zitat von sysop
Jungs, die sich blöd verhalten, müssen es hinnehmen, blöd gefunden zu werden - auch wenn sie im Rollstuhl sitzen. Sie haben einen Anspruch darauf, nicht geschont zu werden. Und auch in Sachen Witz nicht anders behandelt zu werden als Ostfriesen und Blondinen.
Bei Kollege Fleischhauer kann man erfahren, warum es damit Probleme gibt:
"Der Opferstatus sichert Aufmerksamkeit und Anteilnahme, das ist sein zweiter Vorteil. ...
Die eigentliche Herausforderung am Opferstatus ist, ihn sich zu erhalten, wenn man ihn einmal gewonnen hat. ...
Das proklamierte Ziel ist ja nicht, sich als Opfer in der Gesellschaft einzurichten, sondern sich zu emanzipieren und zur Mehrheit aufzuschließen; mit der Normalität geht aber unweigerlich der Verlust der Sonderrolle einher, die einen heraushebt und besonders macht, auch besonders bedauernswert. Die Kunst besteht darin, sich zu befreien und trotzdem Opfer zu bleiben, als Benachteiligte oder Benachteiligter mithin die Benachteiligung zu beenden, ohne den Kreis der Benachteiligten zu verlassen."

Die Erfindung des Opfers

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süßkartoffel 08.12.2013, 10:43
18. Auf den ersten Blick...

Zitat von großwolke
"Blinder Fußballspieler", das kann man in sich schon komisch finden, ohne überhaupt Namen und Fakten zum Thema zu kennen.
Ja, auf den allerersten Blick mag die Vorstellung eines blinden Fußballspielers vielleicht erheiternd wirken. Aber wenn man länger als nur eine Minute darüber nachdenkt wird man erkennen, dass sich hier ein Mensch einer Herausforderung gestellt hat, die halt etwas weiter reicht als Briefmarken zu sammeln oder Sudokus zu lösen. Die "humoristische" Seite dieser Geschichte wäre m.E. nicht das geringste Problem, wenn im gleichen Atemzug auch die Leistung gesehen würde, die dahintersteckt...

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vectorius 08.12.2013, 10:48
19. Oh Boy

Zitat von sysop
Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen.
Und genau das darf man ja auch. Michael Ringel kann den lieben langen Tag darüber schreiben, dass Robert Warzecha blind ist.

Niemand hat etwas dagegen.

Sich über die Blindheit von Robert Warzecha lustig zu machen ist etwas völlig anderes.

Dann auch noch so zu tun, als hätte sich Ringel aus Respekt vor Robert Warzecha über dessen Blindheit lustig gemacht ist der Gipfel der Dreistigkeit.

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