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Behinderung und Sprache: Inklusion, wie sie sein sollte

Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen. Silke Burmester über Behinderten-Witze und Inklusion - SPIEGEL ONLINE

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vonwoderwestwindweht 08.12.2013, 10:54
20. ***

Wie weit es mit der Humorebene her ist bei den meisten Leuten, die lautstark postulieren, Behinderte gehörten erst dann dazu, wenn man auf ihre Kosten möglichst richtig schlechte Witze machen darf, merkt man spätestens dann, wenn man es mal umgekehrt handhabt und beispielsweise als Autist das oft sehr eindimensionale Denken neurotypischer Menschen durch den Kakao zieht: Inklusion sozusagen mal umgekehrt. Das hatten wir hier im Forum schon ein paar Mal, und das hat richtig Krawall gegeben. Denn die Leute, die gerne Witze über Behinderte machen haben es meist mit einem deutlich angeschlagenen Selbstbewusstsein zu tun, wobei das "wir müssen doch nicht immer politisch so korrekt sein" oft nur vorgeschoben ist, denn meist sind sie bei anderen Gruppierungen dann doch wieder extrem pc. Da hängt es halt immer sehr davon ab, mit welcher medialen Gegenwehr zu rechnen ist, oder anders ausgedrückt: Bei Schwulen machen Journalisten wie Frau Burmeister eher nette Witze (wenn überhaupt), denn diese wehren sich kraftvoll. Bei Behinderten (die zahlenmäßig übrigens weit größere Gruppe), wird dann aber schon mal reingesemmelt bis hin zum töften "Man sollte Euch alle wegsperren, hihih, huhuhu, war doch nur ein Witz, hahaha, jetzt hab dich doch nicht so usw. usw.". Sowas kann man auch regelmäßig hier im Forum lesen, wobei ich mir gar nicht ausmalen möchte, was da im Filter so alles hängenbleibt. PS: aus meinem Blickwinkel sind neurotypische Menschen total behindert, weil sie ihre Hirnhälften nicht so gut vernetzt haben, aber ich mache darüber aus Respekt über diese Behinderung keine Witze mehr, weil ich gemerkt habe, dass diese Menschen darauf ganz empfindlich reagieren. Ich finde es im Übrigen toll, dass der SPIEGEL diesen vielen behinderten neurotypischen Menschen wie Frau Burmeister ein Einkommen sichert, dass sie unabhängig macht von staatlicher Hilfe. (Ist das jetzt ein Behinderten-Witz?).

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Newspeak 08.12.2013, 10:56
21. ...

Abgesehen davon, dass vor allem viele Menschen ohne Behinderung sich aufregen, frage ich mich langsam: Leute mit Behinderung, was wollt ihr eigentlich?

Das Problem könnte darin bestehen, daß es keine Standardantworten gibt, weil es die "Leute mit Behinderung" nicht gibt. Das ist bei den "Normalen" doch auch nicht anders, was den Einen aufregt, lässt den Zweiten kalt, und der Dritte findet es witzig. Das Problem liegt dann viel eher darin, daß man in dieser Gesellschaft offenbar so wenig lernt, auf jeden Menschen individuell, ja situationsabhängig einzugehen. In beide Richtungen. Menschen mit Behinderung müssen sich auch daran gewöhnen, daß sie nicht überall willkommen sind, daß sie mißachtet, übergangen, mehr-als-notwendig eingeschränkt werden, aber nicht aus Diskriminierung, sondern weil auch Menschen ohne Behinderung so gegenübergetreten wird. Das kann man bedauern, aber die Launen seiner Mitmenschen wird man in Maßen immer ertragen müssen.

Inklusion ist jedenfalls eine "Modeerscheinung", an sich gut, aber eben wie alles politisch korrekte wie prädestiniert dafür ins Gegenteil umzuschlagen. Vielleicht gibt es sogar Menschen mit Behinderung, die gar nicht inkludiert werden wollen. Sowas wird dann aber vermutlich in Zukunft auch pathologisiert, gerade als Deutscher will man ja gerne und oft den Mitmenschen zu seinem Glück zwingen, und wenn man dafür Gewalt anwenden muß.

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vectorius 08.12.2013, 10:56
22. Hat es nicht

Zitat von dr.u.
Jeder ist irgendwie in irgendwas eine Minderheit. Und warum sollte ausgerechnet eine Minderheit vor (schlechten) WItzen verschont bleiben. Auch das hat etwas mit "Alle Menschen sind gleich" zu tun.
Ein Witz kann für das "Opfer" des Witzes durchaus verletzend sein. Und ob er es ist entscheidet nicht derjenige der ihn macht.

Diesen Witz als integrative Maßnahme verkaufen zu wollen, ist schon ziemlich dreist.

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asperix 08.12.2013, 11:07
23. Danke Silke

Auch bei uns im Forum werden in letzter Zeit die vermehrt auftretenden Euphemismen aus Teilen der "Behinderten-Community" mit Grausen wahrgenommen und entsprechend kontrovers diskutiert.

Der Hinweis aus den anderen Kommentaren über den Opferstatus scheint da sehr zutreffend. Allerdings stecken wir noch mitten in dem Prozess von der alleinigen Sicht auf die Einschränkung seitens der meisten Nichtbehinderten (man denke da 50 bis 100 Jahre rückwärts) hin zu einer Akzeptanz des "anders Seins". Leider wird als Gegenpol zum Blick auf die Einschränkung ebenfalls ein Extrem bemüht, nämlich der benannte Blick auf die "Besonderheiten".

Political Correctness ist hier ebenso wie eine euphemismustretmühlerische Sprachverrenkung völlig fehl am Platz und verhindert, sich auf das "anders" zu einigen. Kommt aber vielleicht noch, wenn "Opfer" nicht mehr als "Status" wahrgenommen wird.

Gruß
Lasse
(Autist, nicht "Mensch mit Autismus")

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vectorius 08.12.2013, 11:08
24. Der Punkt

Zitat von großwolke
Sie verfehlen den Punkt. Dieser Hobbysportler wäre ohne seinen Sport niemals Ziel dieser Spöttelei geworden.
Genau das ist das Problem. Der Spott wird benutzt um ihm die Fähigkeit "Blinden"-Fußball zu spielen abzusprechen.

Zitat von großwolke
"Blinder Fußballspieler", das kann man in sich schon komisch finden, ohne überhaupt Namen und Fakten zum Thema zu kennen.
Umgekehrt wird ein Schuh draus.

Man kann es nur lustig finden, wenn man nichts darüber weiss und nicht willens oder fähig ist auch nur für 5 Pfennig drüber nachzudenken.

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doubledamage 08.12.2013, 11:15
25. Wider der schlechten Witze...

Irgendwie läuft das Essay am Thema vorbei...statt Witze auf Kosten anderer zu machen, sollte man lieber schlechte Witze verbieten.

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carla4 08.12.2013, 11:37
26. Euphemismen und Opfer

Liebe Frau Burmester,
guter Artikel, das ist doch mal eine gute Diskussionsgrundlage.

Wenn ich in der Straßenbahn sitze und die Durchsage höre "Sehr geehrte Fahrgäste, bitte lassen Sie die Plätze für Menschen mit eingeschränkter Mobilität frei", beschleicht mich ein sehr ungutes Gefühl. Ich bin stark sehbehindert und stelle klar, dass ich niemanden jemals darum gebeten habe, für meine Behinderung alberne Euphemismen zu verwenden.
Meine Haltung ist es, mein Handicap nicht mehr vor mir herzutragen als ich es durch den Langstock ohnehin schon tue, und nur dann von anderen Leuten erwarte, dass sie sich darauf einstellen, wo es nicht anders geht. Das vermisse ich bei einigen Mit-Behinderten durchaus. Allerdings sind wir hier beim Opfer-Thema, ich stimme den entsprechenden Kommentaren zu und ergänze, dass es hier nicht nur um Aufmerksamkeit geht, sondern auch um Geld.
Wünschenswert wäre in der Tat eine öffentliche Infrastruktur und gesellschaftliche Haltung, die diese ermüdenden Diskussionen endlich überflüssig machen.

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califactor 08.12.2013, 11:52
27. Würde

Zitat von doubledamage
Irgendwie läuft das Essay am Thema vorbei...statt Witze auf Kosten anderer zu machen, sollte man lieber schlechte Witze verbieten.
Ja, es ist schon eine Frage von Würde und Erbärmlichkeit. Sich über die Obrigkeit lustig zu machen, wie es gute Satire macht, find ich persönlich fruchtbarer. Andererseits wie wäre der Behinderte ohne seine Behinderung? Auch nicht besser. Lassen wir unsere Gnostikerinnen walten.

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Autist 08.12.2013, 11:57
28. ...

Ach Frau Burmester, wo fange ich nur an.

"Dass man nicht "Behinderte" sagen soll, sondern "Menschen mit Behinderung", das kann ich nachvollziehen."

Bitte sagen Sie "Behinderte" und nicht "Menschen mit Behinderung", denn der zweite Begriff ist diskriminierend, nicht der erste. Wenn Sie ja verstanden haben, daß wir nicht behindert werden wollen, würde mich sehr interessieren, wie Sie dazu kommen die zitierte Haltung "nachzuvollziehen", denn das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich das weiterspinne sagen Sie vermutlich auch "Mensch mit Rassismus" zu jemandem, der rassistisch diskriminiert wird? Oder "Mensch mit Betrug" zu jemandem, der betrogen wurde?

(Beispiel: Enthinderungsselbsthilfe von Autisten für Autisten (und Angehörige) 7 allgemeine Distanzierungen | Auties e.V. )

"Aber es hört auf, wenn etwa aus Menschen, die ohne fremde Hilfe nicht zurechtkommen, "Menschen mit besonderen Fähigkeiten" gemacht werden. Denn wenn man ehrlich ist, fehlen ihnen auch Fähigkeiten."

Das Problem ist doch, daß diese Denkweise von einer Normdefinition ausgeht, die es in der Natur so nicht gibt. Ja, als in dieser Hinsicht Teil der Bevölkerungsmehrheit mag man es ja nicht merken, aber wenn man anderen unterstellt ihnen würde etwas fehlen, dann erhebt man sich selbst zum Maßstab für andere Bevölkerungsgruppen. Mittlerweile ist die Zivilisation immerhin soweit fortgeschritten, daß man es in Bezug auf Religion oder Migrationshintergrund eher nicht mehr macht.

Ergo: Unsere Gesellschaft ist kein Bestandteil irgendwelcher Naturgesetze. Wenn jemand innerhalb dieser Gesellschaft nicht zurechtkommt, dann sollte man zuerst nach den tatsächlichen Ursachen suchen, statt diesen Schritt einfach zu überspringen und dann doch wieder die Behinderung sachlich falsch zur Personeneigenschaft zu machen.

"Sie haben einen Anspruch darauf, nicht geschont zu werden. Und auch in Sachen Witz nicht anders behandelt zu werden als Ostfriesen und Blondinen. Oder Schotten und Katholiken, die im Zweifelsfall auch nichts für ihre Herkunft, ihre Haarfarbe oder Religion können, die dem Scherz zum Anlass dient."

Wer bestreitet denn, daß man Witze über Behinderte machen darf, außer vielleicht Betreiber von Internierungslagern, also Verbänden die gut von der bestehenden Exklusion leben, zu denen Sie ja offenbar beruflichen Kontakt pflegen? Ich mach auch mal einen Witz:

Frau Burmester schreibt eine neue Kolume: "Blgrms mgelnsssghe kjetebdn."

Witzig oder?

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Schäfer 08.12.2013, 12:00
29. köstlich

Zitat von doubledamage
Wider der schlechten Witze...
Ein Beispiel für "Behinderung und Sprache" in vier Wörtern. Naja, Frau Burmester muss man zugute halten, dass sie an den Zeilen verdient. Solche Pointen sind da kontraproduktiv.

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