Forum: Blogs
Bei der Wahrheit bleiben

 

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ericschreyer 28.05.2013, 19:41
1.

Hallo Sven, Carmens Blogbeitrag liest sich leider recht überzeugend. Auch ich bin darauf hereingefallen. Als ich mir heute früh den aktuellen SPIEGEL holte und Deinen Artikel gelesen habe, war mir klar: Der größte Teil der Gegenöffentlichkeit kann Deinen Text nicht gelesen haben. Du hast Dir absolut nichts vorzuwerfen. Die einzige Kritik, die erlaubt wäre: Dein Beitrag kann als zu wenig kritisch empfunden werden.

Ich vermute, Carmen nutzt die SPIEGEL-Reportage, um Kunden zu gewinnen. PR-Arbeit eben. Anders kann ich mir ihre Reaktion nicht erklären. Aber der Schuss geht wohl nach hinten los. Gute PR-Arbeit ist glaubwürdig!

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Matthias Lehmann 28.05.2013, 20:43
2.

"Als Leser muss man denken, dass sie - gegen ihren Willen - mit Berliner Akzent zitiert wird."

Ich bin ein Leser und habe das nicht gedacht, denn Carmen schrieb, dass Sven Becker die Zitate vorab zur Genehmigung schickte und diese für den Abdruck des Zitats im Berliner Akzent von Carmen nicht erhielt.

Darüber hinaus gibt Herr Becker zu, dass das dem Spiegel zur Verfügung gestellte Bild ohne Absprache grafisch bearbeitet wurde. Dass das Dekollete mehr ins Auge springt, wenn man das Gesicht der Person verdunkelt, steht m.E. außer Frage.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier jemand Sorge hat, dass potentielle Interviewpartner_innen sich in der Zukunft weniger auskunftsfreudig als Carmen zeigen werden. Das ist zu hoffen und zu erwarten, hätte aber mit einem besseren Artikel leicht vermieden werden können.

Davon, dass Carmen versucht hätte, Herrn Becker vorzuschreiben, wie er zu berichten habe, kann überhaupt nicht die Rede sein. Als Vorbedingung hatte Herr Becker akzeptiert, dass sie nicht bereit sei, sich „zur Projektionsfläche jedweder Klischees“ machen zu lassen. Diese Abmachung hat Sven Becker klar verletzt und dafür könnte er auch einfach um Entschuldigung bitten, als nun gleich auf die Pressefreiheit zu pochen. Ein sehr zweifelhafter Berufsethos, aber der Rest der Titel-Story ist nicht besser.

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Courtisane Carmen 28.05.2013, 21:57
3.

Sven, die Wahrheit (aus meiner Sicht) ist, dass ich mehrfach betont habe, dass ich keinen Artikel über meine Person, sondern einen über meine Politik möchte. Du hast dich mit meinen Bedingungen einverstanden erklärt, aber gesagt, man müsse auch ein bisschen was über meine Person schreiben. Ich sagte, ein bisschen was sei okay, aber es solle primär um die Argumente gehen. Das betonte ich mehrfach, immer wieder, in diversen Mails, während des Interviews und beim Telefonat und du nicktest und erklärtest dich mit meinen Bedingungen einverstanden.

In dem Artikel, den ihr letztlich veröffentlicht habt, fallen 582 von 719 Wörtern auf Beschreibungen meiner Person und meines Äußeren. Lediglich 137 Wörter fallen auf politische Argumente und Arbeit. In meinem Universum ist "ein bisschen was" nicht über 50% des Gesamtgehalts. Natürlich bist du frei, zu tun und zu lassen, was du willst - aber wenn du deine Quellen derart täuschst, vor den Kopf stößt und ihre Wünsche ("ich präferiere das andere Bild") ignorierst, dann ist das einfach kein guter Stil. Selbst wenn du dich auf Mißverständnisse rausredest, weil du vielleicht geglaubt hast, es ginge mir lediglich darum, meine Privatsphäre zu schützen (was ich dir nicht abnehme, weil du ja weder dumm, noch als Journalist ungelernt bist), ist das nichts, was dich für andere vertrauenserweckend macht. Die Konsequenz ist: Deine Quellen werden sich gut überlegen, in welcher Weise sie dir das nächste Mal begegnen oder ob sie überhaupt je wieder mit dir zusammenarbeiten.

Ich bin aber auch nicht mehr sauer und will hier auch nicht eine Gegendarstellung nach der nächsten schreiben. Denn die ganze Geschichte hatte ja nun doch auch positive Seiten: So viele Besucher hatte ich noch nie zuvor auf meinem Blog. Noch nie haben sich so viele Interessierte meine Argumente angehört. Danke dafür!

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b.obrist 29.05.2013, 00:27
4.

Ich als ehemalige Sexarbeiterin, die sich Ende der 90er Jahre auch in der "Hurenbewegung" (so nannten wir das damals) engagiert hat und mehr als 10 Jahre viel als Expertin in den Medien war (auch mal im Spiegel) gewundert, dass sich ein Journalist rechtfertigt, weil seine Arbeit von einer Berufskollegin kritisiert wird.
Es hatte gute Gründe, warum ich damals schon eine Zeitlang nur Journalistinnen für Printmedien interwiewen liess.
Männer ihr seid nun mal potentielle Freier. Und ihr habt einen anderen Blick auf dieses Gewerbe als Frauen. Auch Eure Faszination ist anders geartet.
Es braucht viel Distanz, um die eigene Moral nicht in einen Artikel über das Thema einfliessen zu lassen und viel Professionalität, um das eigene "Freier sein können" auszublenden.
Das Thema -gerade wenn es eine politsche Dimension hat - ist ein Machtthema. Ist Sexarbeit doch eine Tätigkeit, in der Frauen Macht und Kontrolle über Männer haben. Und das betrifft dann jeden Mann irgendwie. Und das macht die Berichterstattung über das Thema schwierig. Das ist verzeihlich, aber wenn sich einer von Euch anfängt öffentlich zu rechtfertigen, hinterlässt das einen schalen Beigeschmack. Freier haben uns dafür bezahlt, dass wir ihnen das Gefühl vermittelt haben, sie seien u.a. immer und überall im Recht. Leserinnen sind dazu da, um Journalisten ein gutes Selbstwertgefühl zu geben. So gesehen Herr Becker vermitteln sie mir als Leserin mit ihrem Blog das Gefühl, ich sei wieder bei der Arbeit
Brigitte Obrist, Schweiz, ehemalige Sexarbeiterin

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don_p. 29.05.2013, 09:38
5.

Der Blog der Courtisane liest sich vielleicht deshalb Überzeugend, weil er näher an der Wahrheit liegt. Den Kern ihrer Vorwürfe konnte nicht entkräftet werden. Sich auf 2 nebensächliche Details zu stürzen finde ich doch recht entlarvend.

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b.jungblut 29.05.2013, 09:41
6.

Der hier diskutierte Beitrag hat meinen schon seit einiger Zeit bestehenden Eindruck bestätigt, dass mittlerweile Springer-Printmedien, wie Bild und BZ, im Mittel höheren journalistischen Standards entsprechen, als viele Spiegel Artikel. An Stelle von neutraler Information wird in hohem Maße ebenso suggestiv, wie unsubstantiiert vorgetragen, scheinbar einzig mit dem Focus auf einen vermeintlich auflagensteigernden "Empörungsjournalismus" und unter Missachtung von Persönlichkeitrechten, zugegebenermaßen unterhalb justiziabler Schwellen. Das macht es zwar rechtlich unbedenklich, ethisch aber m.E. verwerflich.

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Robert_Rostock 29.05.2013, 09:42
7. Worüber wird hier diskutiert?!

Zitat von sysop
 
Da mir das neuerdings öfter vorgekommen ist:

Worüber wird hier diskutiert?
Üblicherweise gibt es bei SPON bei jedem Diskussionsstrang oben eine Einleitung samt Verweis auf einen Artikel.
Neuerdings immer öfter nicht mehr.
Gibt es jetzt Geheimdiskussionen zu speziellen Themen, die nur Eingeweihte kennen, an denen nur Auserwählte teilnehmen dürfen?

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xyzleser 29.05.2013, 09:48
8.

Wieso bin ich bloss geneigt eher Carmen zu glauben als dem Journalisten vom Spiegel? Vielleicht weil seine Einleitung über die Gegenöffentlichkeit trotz seiner Beteuerung des Gegenteils so klingt als ob er es verdammt blöd findet das man nun nicht mehr jeden tendenziösen Artikel ungestraft in die Welt setzen kann ohne Widerspruch fürchten zu müssen.
Oder vielleicht doch weil es anscheinend mittlerweile ein 'Qualitätsmerkmal' des Spiegels ist das man sich mehr an der Person des Gegenübers abarbeitet anstatt auf die Argumente einzugehen - nunja, wer weiß.

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_muskote 29.05.2013, 09:51
9.

Verletzte Gefühle gemischt mit dem Abo auf die Opferrolle und die Idee aus all dem mittels Empörung Aufmerksamkeit zu generieren.
Mir wäre das ja zu unangenehm, einige Frauen scheinen damit weniger Probleme zu haben. :)
Carmen -- haben Sie sich wirklich hingesetzt, die einzelnen Wörter gezählt und in verschiedene Schüsseln gelegt?
Ansonsten kann ich Herrn Reißmann da nur zustimmen.
Viele Grüße

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