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Berlinale: In deutschen Adern Eiswasser

Kalt wird es, wenn Deutsche sich an Kunst versuchen, das zeigt sich wieder auf der Berlinale. In den Beiträgen des Gastgeberlandes werden Langeweile als Triumph der höheren Kunst und schlechte Laune als tieferer Sinn gefeiert. In solchen Werken wohnt die Angst einer traumatisierten Generation. Berlinale: Georg Diez über die Kälte der deutschen Kunst - SPIEGEL ONLINE

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wieeinspatz 16.02.2013, 13:12
70.

Zitat von Ekkehard Grube
OHNE Mühe könnte ein deutscher Nationalist darauf hackenknallend schnarren: „Jawolllll, wir Deutschen müssen endlich wieder den Kopf hochtragen und anderen zeigen, was eine deutsche Harke ist.“ Dass dies vom Autor NICHT INTENDIERT war unterstelle ich. Entsprechend MISSBRAUCHT werden kann es TROTZDEM.
Wenn ich den Artikel recht verstanden habe, ist das Thema des Herrn Diez nicht das Kino, wie viele Foristen es meinen, aber ein Versuch, die deutsche Identität zu definieren. Anders gesagt, was bedeutet, ein Deutscher zu sein?
Dieses Thema (und die Ähnlichkeit finde ich merkwürdig) ist seit Jahren viel zu viel in Griechenland diskutiert. Was heißt, wenn es wirklich etwas bedeutet, ein Grieche zu sein?

Ist die vielleicht die Frage der Europäer unserer Zeiten?
Mich interessierte sehr eine Diskussion über dieses Thema.

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Fred Clever 16.02.2013, 13:32
71. Was für ein Vergleich

Wenn ich die Wahl habe, zwischen bodenständigen, deutschen Filmen und dem völlig überzogenen, psychoreaktionären Trash von einem Tarantino (dies Kunst zu nennen ist eine Beleidigung für jeden Künstler), wähle ich lieber den deutschen Ansatz. Lieber "Die Manns" mit Eiswasser als "Kill Bill" mit heißen Blutfontänen => 100 % Kassenerfolg, 0 % Anspruch.

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homunculix 16.02.2013, 13:45
72. Ins Herz getroffen

Zitat von sysop
Kalt wird es, wenn Deutsche sich an Kunst versuchen, das zeigt sich wieder auf der Berlinale. In den Beiträgen des Gastgeberlandes werden Langeweile als Triumph der höheren Kunst und schlechte Laune als tieferer Sinn gefeiert. In solchen Werken wohnt die Angst einer traumatisierten Generation.
Es ist diese sehr seltene Mischung aus Mut und Sensibilität, die diesen Text (u.a) so großartig macht, oder besser: diese Abrechnung –
Aber auch etwas, das man nicht kaufen und auch nicht stehlen kann: Talent und Genie!

Bravo, Herr Diez!

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klartext22 16.02.2013, 14:00
73. Klasse Analyse, aber...

... ich finde auch, dass die Alternative nun auf keinen Fall ein Kino-Kino-Nerd wie Tarantino sein kann!! Während sie hier immer noch zu oft Ernsthaftigkeit und Langatmigkeit mit Kunst verwechseln, ist für ihn doch alles nur eine Lachnummer: WW2, Sklaverei, Nazis, Gewalt gegen Frauen. Große Leinwand - und dann mit viel Blutrot drauf rumschmieren und alle superschlau palavern lassen. No thanks, davon brauch ich kein Quentchen mehr. Gut, dass wir Leute wie Doris Dörrie haben - da stehen sich Leben und Kino nie im Weg. Und die Menschen benehmen sich noch wie solche - nicht wie Gedanken im Künstlerkopf.

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caledonian2010 16.02.2013, 14:36
74. Klamotte oder latente Schwermut der Menschheitsschuld

Zitat von pantokrator
Regisseure und Buchautoren in Deutschland können nicht das drehen oder schreiben was sie möchten. Wenn bei allen ernsteren Werken immer wieder auf "Auschwitz" Rücksicht genommen werden muß, leidet natürlich die Freiheit der Kunst. In Deutschland muß man sich entscheiden: entweder der Regisseur dreht einen geistig unterbelichteten Blödelfilm oder, wenn es ein etwas "ernsterer" Film werden soll, darf dem Unterbewusstsein der Hinweis auf unsere Menschheitsschuld nicht entgehen. So entsteht dann diese politisch gewollte Schwermut die fast jeden deutschen Film ausserhalb der Kokowäähs beseelt.
So ist es. Und schon haben wir das dipolare Schema.

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caledonian2010 16.02.2013, 14:37
75. der deutsche Denksumpf

"... wie tief man damit selbst im deutschen Denksumpf steckt: Es gibt nur Gut oder Böse, es gibt nur Kultur oder Schmutz, es gibt nur Qualität oder Quote, das ist immer noch das Mantra eines Landes, das den Schock, die Tat, das Unheil von 33/45 nicht verwunden hat."

Da ist viel Wahres dran. Unzweifelhaft! Das Resultat ist ein verklemmtes Gut Böse Schema, Täter-Opfer-Schema. Aber Hr. Dietz, waren Sie mit Ihrem Artikel "Im Land der seifigen Zoten" nicht auch dieser klassifizierenden Polarisierung erlegen: Ächtung der primitiv anspruchslose Niederungen der Volkseele (hinter dem Feigenblatt der Sexismuskritik...) contra kulturelle oder anderweitig geistige Überlegenheit. Ich muss gestehen, dass ich mich in Anbetracht der extremen "kulturellen Widersprüche" die DL zu bieten hat, hin und wieder zu ähnlichen Polarisierungen hinreißen lasse ..... schwierig schwierig.

"Im Land der seifigen Zoten"
Georg Diez über Karnevalssendungen auf ARD und ZDF: Seifige Zoten - SPIEGEL ONLINE

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caledonian2010 16.02.2013, 14:41
76. sehr anschaulich beschrieben

Zitat "Er ist so deutsch wie die Willkür, mit der Menschen in eine Geschichte gezwängt werden, die nicht ihre ist, immer noch nicht, wie auch."

Sag ich doch.

Zitat "Irgendwo in diesem Film und vor allem in diesen Songs steckt etwas, das in diesem Land fehlt, das den deutschen Filmen oft fehlt, den deutschen Romanen, vielleicht sogar dem deutschen Theater und der deutschen Kunst. Ein Ton, eine Wachheit, eine Poetologie des Alltäglichen, ein Gespür für Genauigkeit, eine Selbstreflexion, die sich nicht dafür schämt, dass sie bis an den Rand des Narzissmus geht, eine Direktheit der Sprache und auch der Empfindungen, die aus dem Verständnis entsteht, wie interessant das Leben ist, das man beschreiben kann."

Stichwort "Enkelkinder der Schulddeutschen". Und daher kommt u.a. auch diese spezielle deutsche Verklemmtheit, deren Gegenpart Sie hier, sozusagen konterkarierend, sehr anschaulich (!) beschreiben. Zum anderen rühren diese Eigenschaften daher, dass sie unter dem Dogma überlieferter preußischer Kardinaltugenden unterdrückt wurden und werden.

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caledonian2010 16.02.2013, 14:50
77. Qualität

Zitat von deutsch_er
Leider hat er ja Recht Der letzte gute deutsche Film war "Das Leben der Anderen".
Qualität eben. Die unter deutschen Filmen in der Tat äußerst rar gesät ist. Was völlig unabhängig vom Thema gilt. Scheint einfach nicht so in den mentalen Fähigkeiten deutsch sozialisierter Regisseure zu liegen.

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ernstjüngerfan 16.02.2013, 14:59
78. Wo sind die?

Wenn man das aufgeregte Geschwafel des Hernn Dietz über eine "traumatisierte Generation" von Schulddeutschen (interessante, neue Wortschöpfung) liest, fragt man sich unwillkürlich, wo er diese Spezies verortet. Im normalen Alltag jedenfalls fällt die nicht auf. Vielleicht in Antifa-Klüngeln?

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christian simons 16.02.2013, 15:57
79.

Zitat von Fred Clever
Wenn ich die Wahl habe, zwischen bodenständigen, deutschen Filmen und dem völlig überzogenen, psychoreaktionären Trash von einem Tarantino (dies Kunst zu nennen ist eine Beleidigung für jeden Künstler), wähle ich lieber den deutschen Ansatz. Lieber "Die Manns" mit Eiswasser als "Kill Bill" mit heißen Blutfontänen => 100 % Kassenerfolg, 0 % Anspruch.
Anläßlich des Oscars für "Inglorious Basterds" hat der Krimispartensender von SKY vor ein paar Jahren mal einen ganzen Abend deutschsprachigen Produktionen gewidmet, in denen Christoph Waltz zu Gast war.
Wer sich das zu Gemüte geführt hat, dem wurde erst so richtig klar, aus welcher prätentiösen und moralinsauren Ödnis dieser Ausnahmeschauspieler von Quentin Tarantino erlöst wurde.
Dass der "bodenständige" Deutsche Tarantino nicht leiden kann, ist keine Überraschung.
Einer, der virtuos und verspielt mit den Versatzstücken des Exploitationkinos kokettiert, hat auf der Berlinale nichts verloren und soll gefälligst sein Dasein in der Schmuddelecke der nächsten Bahnhofsvideothek fristen.
Wenn man so einen in eine Pressekonferenz mit der Creme de la Creme des deutschen Feuilletons steckt, dann kann es passieren, dass plötzlich ein Loblied auf den Edgar Wallace-Regisseur Alfred Vohrer gesungen wird.
In einem Land, in dem die Kunst und das Triviale so sauber und präzise voneinander getrennt sind, ist das ein Skandal erster Kajüte.

Christoph Waltz hat das alles endlich hinter sich und kann sich heute einen Dreck um die Schmallippigkeit seines ehemaligen Leichenbitterbiotops scheren. Ich verfolge die Karriere dieses Mannes schon seit circa zwanzig Jahren, und ich habe ihn noch nie so glücklich erlebt. Und allein das schon ist ein Affront gegen den Geist der deutschen Kultur....

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