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Beschneidungen im Judentum: Unter die Haut
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Die Beschneidungsdebatte ist überfrachtet mit Vorurteilen, Unterstellungen - und manchmal himmelschreiender Unwissenheit. Die Gegner bemühen den Kinderschutz, dabei wird der nicht auf dem OP-Tisch bei der Entfernung der Vorhaut missachtet, sondern im deutschen Alltag. Schluss mit der Doppelmoral! Beschneidungen im Judentum: Kinderschutz und Doppelmoral - SPIEGEL ONLINE

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Grumbach 27.07.2012, 16:15
80. Was für ein Unsinn...

Zitate: "Weil die Eltern, beide Demokraten, offen und liberal, ihren Kindern einen Sinn dafür vermitteln wollen, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehören. Weil sie wissen, dass Kinder einen Rahmen brauchen, ein Wertesystem, eine Religion und Tradition. Die dreijährige Tochter spricht mit stolzem Gesicht den hebräischen Segen über dem Brot, der Sohn wird kurz nach der Geburt beschnitten. Damit zu warten, würde bedeuten, ihm eine wichtige Orientierung vorzuenthalten."

Das soll also bedeuten, dass OHNE Beschneidung gar kein Rahmen, kein Wertesystem und keine Orientierung vermittelbar ist? Mich würde auch mal interessieren wie der Junge "kurz nach der Geburt" nach der Bescheineidung denn die wichtige Orientierung eigentlich wahrnimmt? Ich wußte bisher nämlich gar nicht, dass einige Monate alter Kinder dazu in der Lage sind. Aber wahrscheinlich trifft das auch nur auf jüdische und muslimische Kinder zu, nicht wahr?

Und noch ein Zitat: "m letzten Jahr mussten im Durchschnitt jede Woche fast drei Kinder in Deutschland sterben, weil sich niemand um sie gekümmert hat oder sie direkter Gewalt ausgesetzt waren. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen hat um fast fünf Prozent zugenommen. Als diese Zahlen im Mai herauskamen, haben sich nur wenige Kommentatoren für das Wohl dieser Kinder interessiert. Warum haben nun alle etwas zur Beschneidung zu sagen? Mit 45 Prozent lehnt nahezu die Hälfte der Deutschen eine Beschneidung aus religiösen Gründen ab. Auch aus Gründen des Kinderschutzes. Merkwürdig."

Nee, ist klar. Ein größeres Übel rechtfertigt die Anwendung eines kleineren Übels. Mehr muss man dazu nicht sagen.

Alles in allem ist dieser Artikel ein unglaublicher Stuss, bei dem man nur den Kopf schütteln kann.

Gruß
Martin

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sprechweise 27.07.2012, 16:24
81.

Zitat von Tubus
Gerade für eine aufgeklärte liberale Gesellschaft ist deshalb ein Minimaleingriff bei Kindern zu tolerieren, wenn andererseits das Himmelreich auf dem Spiel steht..
Bitte was?
Ersten ist Beschneidung kein Minimaleingriff sondern eine Amputation.
Zweitens nehmen Juden auch Konvertiten auf die älter als 8 Tage sind.
Die können also nicht ins Himmelreich kommen und die unbeschnittenen jüdischen Frauen ebensowenig?

Zitat von Tubus
Leider gibt es bei uns aber nicht nur religiösen sondern auch vulgärrationalistischen Fundamentalismus.
Wer keine Argumente hat, versucht es mit Beleidigung. Es gibt geschicktere Versuche als dieser von Ihnen

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zhou2012 27.07.2012, 16:25
82.

Die bekennenden Christen sollten in der Debatte den Ball mal flach halten. Bis 1960 hat die heilige Roemische Kirche 8 Tage nach der Geburt des Herrn, an Neujahr/ Silvester, eigentlich die Beschneidung des Herrn gefeiert. Es wird nicht mehr zelebriert, aber die Bedeutung wurde beibehalten. ( mehr fehlt das Stueckchen auch )

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sarahmohn 27.07.2012, 16:25
83. Irrtum

Zitat von kratzdistel
art. 14 der kinderrechtskonvention der UN lautet: 1. die vertragsstaaten achten das recht des kindes auf gedanken-, gewissens- und religionsfreiheit 2.die vertragsstaaten achten die rechte und pflichten der.....
Sie irren gewaltig.

Denn wie auch die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu bedenken gab, könnte diese geplante voreilige, unreflektierte Gesetzesänderung mit dem Verfassungsschutz kollidierten.
Zu Recht, denn in Artikel 136 der Weimarer Reichsverfassung von 11.August 1919 ist zu lesen
„Niemand darf zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.“
Dieser Artikel ist als fortgeltendes Recht Bestandteil des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland geworden, nachzulesen in Artikel 140 GG. [..], ergänzend zum Grundrecht aller Bürger auf die Unversehrtheit an Leib und Seele.
Daher ist eine Beschneidung (gewaltsame Amputation der Vorhaut ohne Indikation) ohne die Einwilligung der Betroffenen Jungen, Säuglinge rechtswidrig und bedarf auch keiner Diskussion.

Ein gesetzliches Beschneidungsverbot, wie bisher strafrechtlich anhand der Grundgesetze verankert, hindert weder Moslems noch Juden an ihrer freien Ausübung ihrer Religionen. Auch kann hier nicht von Antisemitismus die Rede sein, was in den letzten Wochen der De-batte sehr häufig zu lesen war, denn keinem Staatsbürger, egal ob Hindu, Christ, Jude oder Moslem ist es erlaubt, seine Religion am Körper anderer Menschen auszuüben mittels Gewalt und Verstümmelung, Amputation - und dazu zählen auch Kinder - sogar die eigenen. Denn, die Freiheit der Eltern gilt nicht schrankenlos.

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StefanLuckau 27.07.2012, 16:25
84. Ein grundlos durchgeführter Eingriff in die körperliche Unversehrtheit kann kein religiöses Element sein

Ich bin nahezu vollständig frei von jeglicher religiösen Einflussnahme und Richtungsgabe aufgewachsen und darüber sehr glücklich. Ich konnte meine Sonntage mit allerlei Kinderbeschäftigungen verbringen, wurde gegenüber den Mädchen meiner Umgebung weder bevorzugt noch benachteiligt behandelt, musste mich keiner abstrakten religiösen Sitte beugen, deren Sinn ich nicht verstand und ich habe meine Vorhaut noch heute. Darüber bin ich froh und kann selbst mit der größtmöglichen intellektuellen Anstrengung keinen Zusammenhang zwischen einer Beschneidung und einem Symbol der Verbindung zwischen Gott und Judentum erkennen. Darüber hinaus vertrete auch ich die Ansicht, dass eine Beschneidung ein erheblicher irreversibler Eingriff in die Physis eines Menschen darstellt, der unter bestimmten medizinischen Voraussetzungen geboten sein mag, ansonsten aber zu unterbleiben hat. Warum? Weil eben genau das unseren zeitgenössischen und liberalen Vorstellungen von Humanität und Freiheit entspricht! Im Grunde kann man froh sein, dass man es in der Entstehungszeit des Judentums nicht als extraordinäres Zeichen der Verbundenheit mit Gott verstand, dass damals übliche Trinkgefäß nur mit den Fingern zu greifen und daher die Daumen rigoros entfernte, Gott zuliebe sozusagen. Kein Anhänger des Judentums könnte sich heute die Schuhe binden.
Sie mögen mir jetzt, ob des seltsam anmutenden Vergleiches von Vorhaut und Daumen Zynismus vorwerfen, doch dieser Vergleich ist nicht soweit hergeholt. Auch die Vorhaut hat,wenn sie sich das von einem Mann, der seine Vorhaut nicht missen möchte, sagen lassen wollen, ebenso wie der Daumen, einen physiologischen Sinn. Das ist eine Tatsache. Das ist unbestritten. Die Entfernung eines solchen Instrumentes mit physiologischem Sinn ist, und auch das ist unbestritten, ein erheblicher Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Menschen, der gegen dessen rechtsgültigen Willen nicht, niemals, unter absolut keinen Umständen ungestraft erfolgen darf, denn es griffe sein Recht auf selbstbestimmtes Handeln, seine Freiheit und nicht zu letzt seine Würde an.
Wenn jemand seinen Glauben in einer solchen Form präsentieren möchte, möge er das tun. Auch das wäre sein Recht. Ein Kind jedoch, kann seinen Willen noch nicht äußern, weil dieser sich erst ausbilden muss. Es ist die Aufgabe und Pflicht der Eltern, das Kind beschützt und behütet aufwachsen zu lassen und es in einem freiheitlich-humanitären Wertekanon zu sozialisieren. Dafür ist die irreversible Entfernung von Körperteilen und dergleichen nicht nötig!
Vielleicht betrachten Sie zukünftig die Bescheindungsdiskusion zunächst mit einem mehr rationalen Auge und überlegen sich ähnlich Vergleiche, wie jenen bereits geführten Daumenvergleich. Stellen Sie sich eine Davidsterntätowierung mitten auf der Stirn vor oder ein "Brandzeichen Gottes" an der selben Stelle. Beschneidung ist den Augen der von Ihnen genannten Kritiker mit Recht nichts anderes...

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petrapanther 27.07.2012, 16:26
85.

Dieser Artikel fasst so ziemlich alle Scheinargumente der Beschneidungsbefürworter zusammen. Im einzelnen:
Zitat von
Die Beschneidung ist nicht nur das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Juden, sondern auch das körperliche Zeichen, dass diese Verbindung von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Das ist genau das Problem! Es ist nicht Sache der Eltern zu entscheiden, ob das Kind mit irgendwelchen Göttern einen "Bund" eingeht. Dies zu entscheiden ist allein die Sache des Kindes, wenn es alt genug ist.
Zitat von
Weil sie wissen, dass Kinder einen Rahmen brauchen, ein Wertesystem, eine Religion und Tradition.
Kinder brauchen in der Tat einen Rahmen und ein Wertesystem. Was sie nicht brauchen ist Religion.
Zitat von
[...] der Sohn wird kurz nach der Geburt beschnitten. Damit zu warten, würde bedeuten, ihm eine wichtige Orientierung vorzuenthalten.
Was für eine "Orientierung" benötigt bitte ein acht Tage alter Säugling, Frau Trepp?

Zitat von
Die Beschneidung aber hat die Mehrzahl der Gelehrten nie in Frage gestellt. Wären die Risiken nicht zu verantworten gewesen, hätten spätestens die Reformrabbiner einen anderen Weg gefunden.
Ach so, die Reformrabbiner richten sich in ihren Entscheidungen also stets nach dem neuesten Stand der medizinischen Forschung?

Zitat von
Im letzten Jahr mussten im Durchschnitt jede Woche fast drei Kinder in Deutschland sterben, weil sich niemand um sie gekümmert hat oder sie direkter Gewalt ausgesetzt waren. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen hat um fast fünf Prozent zugenommen.[...]
Der übliche Versuch der Ablenkung - die katholische Kirche argumentiert genauso. "Seht her, anderswo werden auch Kinder missbraucht! Was wir machen, ist doch gar nicht so schlimm!"

Dieser Artikel ist wohl das bisher überzeugendste Plädoyer, religiöse Beschneidungen endlich abzuschaffen.

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hartmut koch 27.07.2012, 16:28
86. Wo bleibt die Aufklärung?

Juden müssen selbst entscheiden, ob es sich bei der Entfernung der Vorhaut bis zum achten Lebenstag eines Neugeborenen um eine zu bizarre göttliche Forderung handelt.im säkularen Staat ist jedoch klar, dass das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit Vorang vor einer religiösen Forderung hat.

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dulz 27.07.2012, 16:29
87. Keine Selbstreflexion?

Die Autorin Gunda Trapp schreibt:
"Die dreijährige Tochter spricht mit stolzem Gesicht den hebräischen Segen über dem Brot, der Sohn wird kurz nach der Geburt beschnitten. Damit zu warten, WÜRDE bedeuten, IHM eine wichtige Orientierung vorzuenthalten. "
"Würde ...ihm ..." : Jetzt frag ich Sie mal, ein Baby, bzw. später Kleinkind auf diese Art und Weise eine Orientierung geben? Meinen Sie das ernst was Sie da schreiben?
Wem geben Sie hier eine Orientierung? Wohl sich selbst erstmal, dem Kind wird der Glaube vorgelebt, das ist ja ok so.
Was hier passiert ist MACHT ausüben, die Kinder in das Lebens Glaubenschema durch die Beschneidung pressen. Warum vertraut das Judentum (und die Moslems ebenso) nicht auf die Stärke des gelebten Glaubens und warten auf den Zeitpunkt des jungen Erwachsenen bis er selbst reif für die Entscheidung des Beschneidens georden ist. Das wäre wahre Stärke! Da würd ich meinen Hut ziehen.

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Martin Chr 27.07.2012, 16:29
88. Sehr guter Vorschlag!

Zitat von di.fa
Da dieses Thema offensichtlich wegen der zu vielen mit hineinspielenden Meinungen und Sichtweisen nicht durch ein klares "ja" oder "nein" zu beantworten sein wird, schlage ich folgende Regelung vor: Da eine Beschneidung im Kindesalter rein technisch eine (wenn auch nicht zu schwerwiegende) irreversible Körperverletzung ist, ist sie prinzipiell strafbar, wird aber nur dann .....
So sind die Verantworter sauber in die Pflicht genommen.
Aus meiner Sicht wäre es dann aber noch nötig, minimale hygienische und humane Rahmenbedingungen der Beschneidung vorzuschreiben, wie: Nur von einem Arzt, nur in einem Krankenhaus bzw. einer dafür geeigneten Ambulanz, nur unter Betäubung etc.

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kl1678 27.07.2012, 16:30
89.

Zitat von sysop
(...)Die Gegner bemühen den Kinderschutz, dabei wird der nicht auf dem OP-Tisch bei der Entfernung der Vorhaut missachtet, sondern im deutschen Alltag. Schluss mit der Doppelmoral!(...)
Mir scheint der Verweis der Autorin auf andere missbrauchte Kinder letztlich das Eingeständnis zu sein, dass die Beschneidung kleiner Jungen analog zur Klitorisvorhautbeschneidung kleiner Mädchen ein Missbrauch ist.

Im Grunde braucht man ja darüber auch nicht mehr diskutieren. Geht es doch nur noch um evtl. Grundgesetz-Ausnahmereglungen für Kinder im Zugriff zweier Religionsgemeinschaften.

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