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Die ersten Anhänger: "Das Christentum war subversiv und gefährlich"
Paolo e Federico Manusardi/ Electa/ Mondadori Portfolio/ Getty Images

Der christliche Glaube gilt meist als westliches Phänomen. Doch anfangs breitete sich die Lehre Jesu vor allem im Osten aus, sagt der Oxforder Historiker Peter Frankopan. Sogar im heutigen Afghanistan gab es Bischöfe.

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syracusa 22.04.2019, 11:03
1. zu wenig Wissenschaft

In den Äußerungen Herrn Frankopans vermisse ich sehr stark wirkliche wissenschaftliche, insbesondere kulturanthropologische Erkenntnisse, die uns heute mehr über die Entstehung von Religionen verraten können. Dass das Christentum so erfolgreich war, ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben, sondern sozioökonomischen und machtpolitischen Erwägungen. Dass der Islam so erfolgreich war, liegt eher daran, dass er nach dem Zerfall des römischen Reichs und des damit verbundenen Chaos Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit propagierte.

Religionen gibt es nicht, weil es Götter gibt, sondern weil religiös geprägte Gesellschaften in früheren Zeiten erfolgreicher waren als andere. Religionen rechtfertigen soziale Hierarchien, politische und soziale Regeln und das staatliche Machtgefüge, sie schaffen soziale Bindung nach Innen und Abgrenzung nach Außen. Und dabei sind in verschiedenen Zeiten unterschiedliche Religionen unterschiedlich erfolgreich.

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curiosus_ 22.04.2019, 12:02
2. Ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben?

Zitat von syracusa
In den Äußerungen Herrn Frankopans vermisse ich sehr stark wirkliche wissenschaftliche, insbesondere kulturanthropologische Erkenntnisse, die uns heute mehr über die Entstehung von Religionen verraten können. Dass das Christentum so erfolgreich war, ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben, sondern sozioökonomischen und machtpolitischen Erwägungen. Dass der Islam so erfolgreich war,..
Sicher nicht, eine krasse Fehlinterpretation. Denn das Christentum musste sich zuerst mal gegen "sozioökonomischen und machtpolitische Erwägungen" durchsetzen, denn es war ja das Neue das das Alte in Frage stellte und mit Absolutheitsanspruch (aber ohne Gewalt, dazu war es ja gar nicht in der Lage. Sondern durch persönliche Überzeugung) vertrat. Und da bestand das Wachstum an Kopfzahl nur und ausschließlich in freien "Entscheidungen einzelner Individuen", wie denn sonst? Was von außen auf die potentiellen Christen mit Druckpotential einwirkte war sicher nichts Christliches, ganz im Gegenteil. Im noch prosperierenden römischen Reich ist man da ganz schnell z.B. im Kolosseum vor den Löwen gelandet. Nicht umsonst ist bereits im neuen Testament an vielen Stellen von Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden oder dafür starben die Rede. Das Wort "Märtyrer" ist ein Christliches.

Also, noch mehr "Entscheidung einzelner Individuen" geht schlicht weg nicht. Das war eine typische Graswurzelbewegung.

Das war die primäre Ursache, dass das Christentum "erfolgreicher war als andere". Und ganz sicher nicht "sozioökonomischen und machtpolitische Erwägungen". Die kamen in einer Pervertierung der Entstehungsgeschichte und seines Inhalts erst viel später, als es dazu in der Lage war. Aber selbst dann galt noch, ganz offiziell im kanonischen neuen Testament festgelegt, die Trennung von weltlicher Macht und Religion (zentral: "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist", Matthäus 22,21). Die unselige Verquickung zwischen weltlicher Macht und Religion, wie sie z.B. in der Missionierung Amerikas zum Ausdruck kam, ist sicher nicht im Sinne des Religionsstifters (wie er im neuen Testament überliefert wird) gewesen.

In fundamentalem Gegensatz dazu der Islam: Er kennt diese Trennung nicht. Er kennt keine institutionalisierte Kirche (wie das Christentum mit dem Papsttum, den orthodoxen Kirchen etc.), er kennt nur den Sultan, den Herrscher, wie er im Koran definiert ist. Der hält die weltliche und religiöse Macht in einer Hand, da macht eine Kirche keinen Sinn. Das mag "nach dem Zerfall des römischen Reichs und des damit verbundenen Chaos" eine Art Antwort gewesen sein. Es ist aber nicht die christliche Antwort.

Das, worauf wir in der westlichen säkularen Welt zu Recht stolz sind, die Gewaltenteilung, hat ihren Ursprung genau darin: In "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist".

Wer hat`s erfunden? Sicher nicht die Aufklärung, da war z.B. Luther schneller. Und auch der hat sich nur auf die Basis bezogen.

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Die linke Kobra 22.04.2019, 12:05
3. Was ich in diesem Text vermisse,

ist die inhaltliche Ausrichtung des Christentums in dieser Frühzeit. Es ist nicht davon auszugehen, dass die heutige Bibel, insbesondere das neue Testament, so existiert hat und verbreitet war. Die Anmerkung der Dreieinigkeitslehre erstaunt, da dies doch eine reine Erfindung der katholischen und evangelischen Kirche ist, und sehr phantasievoll aus der Bibel abgeleitet wird. Ebenso die ganze Geschichte vom heiligen Geist, den Jesus in der Form nie erwähnt hat.

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ecnis 22.04.2019, 12:05
4.

Die Fragen sind vielleicht etwas schlicht. Mit "Monty" einzusteigen, ist von SPIEGELonline vielleicht etwas ungeschickt. Aber der Professor hält sich schon an Fakten. Über deren Interpretation mag man streiten. Doch modernen Wissenschaftlern wird schon klar, dass die westlichen, sehr stark ideologisch geprägten Ansichten über Religion und Glaube oft sehr verkürzt sind. Jedenfalls kein "wissenschaftliches" Ruhmesblatt.

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helmut.alt 22.04.2019, 12:09
5. Das Christentum wird hier sehr gut beschrieben

Die Galionsfigur Jesus war ein perfekter Mensch, der nur Gutes vollbrachte und mit dem "mörderischen" Alten Testament wenig gemein hatte. Seine Auferstehung verheißt auch uns ewiges Leben. Mehr Heilbotschaft kann man Menschen nicht in Aussicht stellen. Papst Benedikt hat das Phänomen Jesus aus allen Blickwinkeln in seinen Büchern beleuchtet und die christliche Nächstenliebe hervorgehoben, die eben nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn propagiert, wie im AT beschrieben und von anderen Religionen noch heute praktiziert. Das Christentum hat in der Vergangenheit leider auch Verbrechen begangen, das lag an schlechten Christen an Machtpositionen, aber nicht an der Botschaft von Jesus.

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st.peterording 22.04.2019, 12:35
6. Perfekter Mensch?

Zitat von helmut.alt
Die Galionsfigur Jesus war ein perfekter Mensch, der nur Gutes vollbrachte und mit dem "mörderischen" Alten Testament wenig gemein hatte. Seine Auferstehung verheißt auch uns ewiges Leben. Mehr Heilbotschaft kann man Menschen nicht in Aussicht stellen. Papst Benedikt hat das Phänomen Jesus aus allen Blickwinkeln in seinen Büchern beleuchtet und die christliche Nächstenliebe hervorgehoben, die eben nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn propagiert, wie im AT beschrieben und von anderen Religionen noch heute praktiziert. Das Christentum hat in der Vergangenheit leider auch Verbrechen begangen, das lag an schlechten Christen an Machtpositionen, aber nicht an der Botschaft von Jesus.
Ein perfekter Mensch, der Ungläubigen mit ewiger Verdammnis droht und sie mit einem Mühlstein versenken will?
Wann hat er sich denn für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder die universellen Menschenrechte eingesetzt?
Wie erklären Sie uns, dass dieser „perfekte“ Mensch am Ende die Hauptfigur beim finalen Massaker der Bibel ist und schlimmste Gewaltphantasien bedient?
Und wer glaubt diesen Unsinn heutzutage überhaupt noch?

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helmut.alt 22.04.2019, 13:17
7.

Zitat von st.peterording
Ein perfekter Mensch, der Ungläubigen mit ewiger Verdammnis droht und sie mit einem Mühlstein versenken will? Wann hat er sich denn für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder die universellen Menschenrechte eingesetzt? Wie erklären Sie uns, dass dieser „perfekte“ Mensch am Ende die Hauptfigur beim finalen Massaker der Bibel ist und schlimmste Gewaltphantasien bedient? Und wer glaubt diesen Unsinn heutzutage überhaupt noch?
Jesus hat mit Gleichnissen Botschaften überbracht, die sich in zwei Jahrtausenden immer wieder bewahrheitet haben. Gewalt hat er stets abgelehnt und immer zu Liebe und Barmherzigkeit aufgerufen. Was Sie mit dem finalen Massaker der Bibel meinen, erschließt sich mir nicht, aber vermutlich meinen Sie das Jüngste Gericht. Die heutige moderne Interpretation dürfte etwa so lauten: Wer sich im irdischen Leben den Mitmenschen gegenüber schlimm verhalten hat, der hat sich eine "soft ware" zugelegt, die mit der "master soft ware" (= Gott) nicht kompatibel ist und abstürzen wird (gemeinhin als Hölle bekannt). Ich sehe das als wichtigen Hinweis für ein ewiges Leben, in dem es keine Materiegesetze mehr gibt, und nicht als finales Massaker.

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f-rust 22.04.2019, 13:26
8. auch im Westen Chinas waren Christen!

Wer das Buch "Die Jesus Sutras" kennt, weiß, dass die sogen. Nestorianischen Christen bis Westchina kamen - und dort auch Kirchen bauten, Bischöfe hatten etc. Gefragt, wie sie ihre Religion denn nennen würden, sagten sie, "Religion des Lichts".

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licht_und_schatten 22.04.2019, 13:30
9.

Zitat von st.peterording
…. Wann hat er sich denn für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder die universellen Menschenrechte eingesetzt? ….
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind zwei Begriffe, die zu der Zeit kaum im Fokus eines Menschen stehen konnten.
Universelle Menschenrechte gibt es nicht. Der Begriff Menschenrecht ist ein künstlicher, von uns erfundener Begriff und hat mit der Natur, mit dem Universum oder mit einer kreationistischen Existenzform nichts zu tun.
Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge im Universum.

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