Forum: Blogs
Früherer Erzbischof von Mailand: Die Abrechnung des Kardinal Carlo Martini
DPA

Es war sein letztes Interview. Kurz vor seinem Tod hat Kardinal Carlo Maria Martini heftige Kritik an der katholischen Kirche geübt. "Unsere Bräuche sind aufgeblasen, unsere Kirchen groß und leer", sagte der Mann, der 2005 für das Amt des Papstes gehandelt wurde. Kardinal Carlo Martini rechnete im letzten Interview mit Kirche ab - SPIEGEL ONLINE

Seite 1 von 13
h.hass 01.09.2012, 19:52
1.

Der Mann hat völlig recht, die RKK entfernt sich immer weiter von der heutigen Lebenswirklichkeit und hat längst sektiererische Züge angenommen. In den Kirchen sitzen Leute über 60, Pfarrer müssen aus Afrika importiert werden, und die katholische Sexualmoral ist in der gesellschaftlichen Realität nicht mehr relevant.

Auf die Frage, wie eine moderne, hoch differenzierte Gesellschaft organisiert sein soll, reagiert die RKK mit antiquierten Verboten, Tabus, Ausgrenzungen. Das ganze wird von alten Männern in pompösen Gewändern gepredigt, angeführt von einem alten Studierbruder, den die meisten Leute nur als Freak wahrnehmen.

Ich halte jede Wette, dass eine Menge Geistlicher so denken wie Martini. Da er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er es aussprechen.

Beitrag melden
atech 01.09.2012, 19:53
2.

Zitat von sysop
Es war sein letztes Interview. Kurz vor seinem Tod hat Kardinal Carlo Maria Martini heftige Kritik an der katholischen Kirche geübt.
dass es auch innerhalb der katholischen Kirche Kritiker am Kurs der Kirche und an den scheinbar unveränderlichen Dogmen gab und gibt, ist seit den Tagen von Hans Küng, Uta Ranke-Heinemanns und Leonard Boffs fast völlig in Vergessenheit geraten. Die RKK hat einen ihrer ganz Großen verloren. Er wird vermutlich außerhalb der Kirche mehr vermißt werden als in der Kirche, die unter Ratzinger stramm nach rechts driftet...

Beitrag melden
GibtsJaNet 01.09.2012, 20:02
3. Nun

ihm wird klar gewesen sein, daß ihm für seine Kritik niemand mehr an den Karren fahren kann.
Und das Ratzinger Papst geworden ist, ist auch nicht weiter verwunderlich, da er der Chef der Glaubenskongregation war (...hiess in früheren Zeiten "Inquisition", Razinger war also der Großinquisitor / Glaubensbewahrer der konservativen katholischen Kirche), während Martini als progressiver Reformer bekannt war, was im krassen Gegensatz zu Ratzingers Linie stand!

Beitrag melden
jörg seifert 01.09.2012, 20:21
4. Ratlos

Zitat von h.hass
Der Mann hat völlig recht, die RKK entfernt sich immer weiter von der heutigen Lebenswirklichkeit und hat längst sektiererische Züge angenommen. In den Kirchen sitzen Leute über 60, Pfarrer müssen aus Afrika importiert werden, und die katholische Sexualmoral ist in der gesellschaftlichen Realität nicht mehr relevant. Auf die Frage, wie eine moderne, hoch differenzierte Gesellschaft organisiert sein soll, reagiert die RKK mit antiquierten Verboten, Tabus, Ausgrenzungen. Das ganze wird von alten Männern in pompösen Gewändern gepredigt, angeführt von einem alten Studierbruder, den die meisten Leute nur als Freak wahrnehmen. Ich halte jede Wette, dass eine Menge Geistlicher so denken wie Martini. Da er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er es aussprechen.
Die Zerfallserscheinungen der kath. Kirche sind offensichtlich (die der evangelischen erst recht!). Allerdings ist es mit einer Anpassung an die Moderne nicht getan - denn die Moderne weist ja exakt die gleichen Zerfallserscheinungen auf: Vergreisung, moralischer Zerfall, aufgeblähte Bürokratien die wachsen wie Krebsgeschwüre, mangelnde Glaubwürdigkeit eines (politischen) Führungspersonals das sich in seinem Elfenbeinturm immer weiter der Lebenswirklichkeit entfremdet.

Die Krise der Kirche ist in Wahrheit ein Ausschnitt einer viel größeren gesamtgesellschaftlichen Krise. Seien wir ehrlich: Niemand hat eine Antwort oder Lösung für diese Krise; wir sind komplett ratlos.

Beitrag melden
frankanord 01.09.2012, 20:38
5. Aussitzen

Ich glaube, die werden das Problem aussitzen im guten Glauben, dass sie in den letzten zweitausend Jahren schon ganz andere Sachen durchgetanden haben ohne sich wesentlich ändern zu müssen. Die Zeiten werden sich viel eher ändern in den nächsten 20, 50 oder 100 Jahren (das stehen die locker durch) und wer wird dann als leuchtender Stern am Himmel, als Fels in der Brandung, als Hoffnungsträger und Trostspender dastehen? Richtig. So sind die Menschen.

Beitrag melden
sanctum.praeputium 01.09.2012, 20:56
6. Denken jenseits von Religionen

Zitat von jörg seifert
Die Zerfallserscheinungen der kath. Kirche sind offensichtlich (die der evangelischen erst recht!). Allerdings ist es mit einer Anpassung an die Moderne nicht getan - denn die Moderne weist ja exakt die gleichen Zerfallserscheinungen auf: Vergreisung, moralischer Zerfall, aufgeblähte Bürokratien die wachsen wie Krebsgeschwüre, mangelnde Glaubwürdigkeit eines (politischen) Führungspersonals das sich in seinem Elfenbeinturm immer weiter der Lebenswirklichkeit entfremdet. Die Krise der Kirche ist in Wahrheit ein Ausschnitt einer viel größeren gesamtgesellschaftlichen Krise. Seien wir ehrlich: Niemand hat eine Antwort oder Lösung für diese Krise; wir sind komplett ratlos.
..."wir sind komplett ratlos" ...
Gläubigen aller Religionen ist eines gemeinsam: Sie können sich kein Leben/ Denken jenseits einer Religion vorstellen. Diese künstliche Grenze verhindert, dass sie sich nach evolutionären Lösungskonzepten umschauen. Das kausale Denken, dessen Ausdruck u.a. die Frage nach einer "Lösung" ist, hindert das An-/Erkennen oder Konstruieren komplexer Denksysteme. Gedankenwege, die eindeutig auf Nicht-Teleologisches abzielen, können von Gläubigen nicht honoriert werden.
Ein Nicht-Gläubiger kann nachvollziehen, dass und wie es passieren konnte, dass geglaubt wird, was einem Gläubigen logisch verwehrt ist, da er im Glauben lebt, sich also nicht außerhalb des Glaubens aufstellen kann. Wer sich aber nur im Glauben aufstellen kann, leitet letztlich alles zu Gott hin, bzw. von ihm ab; ihm erscheinen andere Denksystem als undenk- bzw. unlebbar. Ab dieser Grenze sind Gläubige "komplett ratlos".

Beitrag melden
tobo5824 01.09.2012, 21:08
7. Mut und Glaubwürdigkeit

Zitat von GibtsJaNet
ihm wird klar gewesen sein, daß ihm für seine Kritik niemand mehr an den Karren fahren kann.
Das ist sicherlich richtig. Trotzdem ist ihm hoch anzurechnen, dass er das vor seinem Tode noch zu Protokoll gebracht hat.
Es mag vielleicht gegen seinen Mut sprechen, dass er es nicht früher so deutlich ausgesprochen hat. Aber es spricht allemal für seine Glaubwürdigkeit.
Und natürlich hat er in allem Recht.

Beitrag melden
tomasl 01.09.2012, 21:18
8. Der immense Reichtum der Kirche ist das Problem

die Kirchenoberen in Europa haben sich mit den schwindenden Mitgliederzahlen längst abgefunden, denn das Geld bleibt bei der Kirche, und ermöglicht den Bischöfen ein sagenhaftes Luxusleben. Nur das Beste ist gut genug, Massivgold, Platin, Paläste, usw.

Beitrag melden
wwwwalter 01.09.2012, 21:58
9. Habe keine Hoffnung mehr

Wenn es nur ein paar mehr Personen wie Martini in der katholischen Kirche gäbe, die wenigstens ein klein wenig Hoffnung auf Reformen und Anpassung an die Erfordernisse der heutigen Zeit machen würden - ja dann wäre ich nicht aus der Kirche ausgetreten.

Beitrag melden
Seite 1 von 13
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!