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Krank in der Leistungsgesellschaft: Wie der Kapitalismus den Stress privatisiert
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Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen. Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" - SPIEGEL ONLINE

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wind_stopper 16.10.2013, 15:49
1. Ironie

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.

Die Gesellschaft beruht auf zwei großen Lügen:

1) Wirtschaftlicher Wohlstand = Hohe Lebensqualität
2) Wirtschaftliches Wachstum = Wirtschaftlicher Wohlstand

Die Ironie dabei ist, dass wir zwar immer mehr haben, es uns dabei aber immer schlechter geht. Für die meisten sind halt ein dickes Auto und das neuste Smartphone ein Zeichen für gute Lebensqualität und Wohlstand. Wenn es einem mal schlecht geht, dann gibt es ja Prozac und Aspirin und weiter rennt der Hamster im Rad herum.

Der Kapitalismus nutzt nur einer kleinen Clique, der Rest schuftet sich für deren Mrd. ab. Wenn man dabei noch Glück hat bleiben auch ein paar Kruemmel übrig und man kann sich das neuste Pad kaufen.

Unter dem Deckmantel des Kapitalismus hat es eine kleine Gemeinde geschafft, die Mehrheit unter das Joch zu legen. Warum lässt die Mehrheit das mit sich machen?

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glen13 16.10.2013, 16:17
2.

Jetzt ist also bewiesen, dass alle Menschen den Krankenkassen zur Last fallen.
Da sind die Alkoholsäufer, da sind die Dicken, da sind die Raucher und wir dachten, die Gesundheitsbewussten und Jogger retten die Statistik. Aber nun erfahren wir, dass die beruflich Burn Out und Depressionen haben. Also ist die Solidarität gegenüber den Krankenkosten wieder hergestellt. Alle kosten Geld.

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klaus meucht 16.10.2013, 16:21
3. Wachstum und Wohlstand

Zitat von wind_stopper
Die Gesellschaft beruht auf zwei großen Lügen: 1) Wirtschaftlicher Wohlstand = Hohe Lebensqualität 2) Wirtschaftliches Wachstum = Wirtschaftlicher Wohlstand
Punkt 1 sehe ich überhaupt nicht ein. Wirtschaftlicher Wohlstand bedeutet ja nicht dass ich mir ein dickes Auto leisten muss. Es ist aber gut zu wissen dass ich bei Bedarf mir ein dickes Auto leisten kann.

Ich gehöre zu den Menschen die bewusst auf extremen Luxus verzichten, da ich auch meine dass dieser eher belastet. Wirtschaftlicher Wohlstand bedeutet aber dass ich freiwillig darauf verzichte. Ohne wirtschaftlichen Wohlstand bin ich aber gezwungen darauf zu verzichten. Es gibt nun mal Lebenssituationen da ist ein Auto wirklich ein Segen. Wenn ich z.B. behindert wäre, wäre ein behindertengerechtes umgebautes Auto ein wahrer Segen.

Es ist ja richtig dass materieller Wohlstand ab einer gewissen Höhe mehr belastet als hilft. Aber ich muss ja nicht jeden Konsumterror mitmachen. Wem es gut geht, kann ja auf z.B. Arbeit verzichten. Dieses Downsizing geht nur bei materiellen Wohlstand.

Ihre Haltung ist gerade denjenigen die einen geringen Wohlstand haben sehr zynisch.

Punkt 2 bringt mich auch zum Nachdenken: Wir haben zur Zeit eine Wirtschaftsform die Wachstum benötigt. Der Kapitalismus funktioniert ohne Wachstum nicht. Und da werden wir früher oder später, falls es uns nicht gelingt Ressourcen von anderen Planeten zu holen, massive Probleme bekommen. Nur gibt es viele Wirtschaftsformen, ggf. welche die wir noch gar nicht kennen.

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WBöhme 16.10.2013, 16:24
4. "Glücklich ist wer vergisst was doch nicht zu ändern ist"

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.
"Glücklich ist wer vergisst was doch nicht zu ändern ist" heißt es in Johann Strauss Fledermaus.
Ich glaube diese Haltung erklärt die beklagte Apathie vieler Menschen angesichts eines allgegenwärtigen "Kapitalistischen Realismus".
Weil der Gegner unsichtbar und "unlokalisierbar" geworden ist, oder einfach systemisch geworden ist scheint die klassische Konfrontation mit einem Gegner - etwa, wie einst im sog. "Klassenkampf" mit Institutionen wie "Gewerkschaften" - jeder Widerstand von vornherein aussichtslos.

Man resigniert mit der bei Strauss besungenen Haltung des Vergessenwollens und zieht sich ins verbliebene Private zurück.

Dieses "Privatisieren" anstelle von Weltrettung treibt die neoliberale Individualisierung aller Probleme zugleich voran. Die Psychologen wissen davon zu berichten und sind doch zugleich Kollaborateure dieser Entwicklung, weil sie im Unterschied zu Soziologen nur das Individuum betrachten wollen und es - etwa bei Burnout oder Depression - therapieren sollen. Damit jedoch geraten die eigentlichen und ursächlich wirkenden veränderten gesellschaftlichen Institutionen, Werteordnungen und Normen, die dazu führen, dass immer mehr Menschen an ihnen scheitern, verzweifeln oder sich einfach nur "onthologisch" unwohl fühlen aus dem Blickfeld.

Wir brauchen einen neuen und intensiveren Diskurs auf Feld Kulturkritik und Soziologie und nicht den zehntausendsten (Selbsthilfe-)Ratgeber im Sinne von "Wie finde ich meinen Traumjob", "Wie werde ich endlich erfolgreich" etc. etc.
Im Rahmen dieses Diskurses über unsere Kultur und unsere Institutionen müssen wir zugleich eine neue Begrifflichkeit entwickeln, die uns schließlich hilft "den Gegner" endlich wieder schärfer zu erkennen, um nicht bloß wolkig vom "Kapitalismus", "Mediengesellschaft" oder "Neoliberalismus" daher zu labern.

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habnichviel 16.10.2013, 16:30
5. Sag ich doch.......

Deutschland AG. Jeder soll sich Mühe geben, um mit seinem Job ausreichend Geld zu verdienen und damit die privatisierten Dinge im Leben zahlen zu können. Jeder ist seines Glückes Schmied selbst, habe ich schon seit meiner Kindheit gehört. Aber jetzt hat das eine überragende Bedeutung erlangt. Die Menschen haben das verinnerlicht, es gibt kaum noch einen Schuldigen. Phantastische Zeiten für Politiker, die sind an nichts mehr schuld. Fehlt bloß noch, das dann alles auf den lieben Gott geschoben wird, auch das Ausgebranntsein. Wo leben wir denn?

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___wegwerfaccount___ 16.10.2013, 16:32
6. Teil des Problems

Zitat von wind_stopper
Unter dem Deckmantel des Kapitalismus hat es eine kleine Gemeinde geschafft, die Mehrheit unter das Joch zu legen. Warum lässt die Mehrheit das mit sich machen?
Vielleicht deshalb, weil viele sich in der Opferrolle wähnen und gar nicht begreifen, daß sie Teil des Problems sind. Kapitalismus ist Mist, man kann es schön an den USA sehen, wo das Prinzip konsequent auf die Spitze getrieben wird. 1% Superreiche führen ein dekadentes Leben losgelöst von den Lebensrealitäten der anderen 99%, die aber stillhalten, weil ihnen der Amerikanische Traum verheißt, in Kürze selber zu den 1% zu gehören (wenn man sich nur doll genug anstrengt).

Ich will in einer Gesellschaft leben, wo die Dienstleistungen und Produkte, die ich in Anspruch nehme, von Leuten erbracht werden, die ordentlich bezahlt und behandelt werden. Wo bei der Herstellung auf Nachhaltigkeit geachtet wird. Also nehme ich durch mein Kaufverhalten gezielt Einfluß.
Allen (werdenden) Kapitalismuskritikern lege ich "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" von Michael Moore an's Herz.

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spon-facebook-10000283853 16.10.2013, 16:33
7. Versuch.

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.
Einfach mal außerhalb der "kapitalistischen Gesellschaft" in einen Wald (und meinetwegen als Vorschuss) in eine Hütte setzen.
Am nächsten Tag, ohne Chef und "Ausbeuter" aufwachen ...

Wer "versklavt" einen dann wohl? Der Existenzdruck.
Man muss etwas zu essen finden, man muss sich gegen die Kälte schützen, gegen Tiere und Organismen, die einem das Essen streitig machen - man muss Vorräte schaffen, damit man nicht verhungert, wenn auf die schnelle kein Essen zu bekommen ist (Winter, Unwetter, Krankheit).

DA kommt der Druck her und nicht aus dem "Kapitalismus" - der freie Markt hilft einem diesen Druck zu mindern und nicht andersrum.

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kurtliberal 16.10.2013, 16:49
8.

Der Staat kontrolliert mittlerweile alles. Nicht nur wo man sein Geld verdient, sondern auch wo man es ausgibt (wenn man etwas steuerlich absetzen will, muss man das ja angeben). Das Bildungssystem ist staatlich und diesem Lehrer fällt nichts besseres ein dem "Kapitalismus" die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Die privaten Unternehmen, und damit natürlich die ganzen Angestellten, schuften zu 50% für den Staat. Die bürokratischen Kosten die der Staat im Unternehmen erzeugt sind da noch gar nicht mit eingerechnet.
Aber natürlich haben wir ein neoliberales Problem mit dem Kapitalismus. Selten so gelacht.

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ginthos 16.10.2013, 16:52
9. Korrekt

Zitat von WBöhme
"Glücklich ist wer vergisst was doch nicht zu ändern ist" heißt es in Johann Strauss Fledermaus. Ich glaube diese Haltung erklärt die beklagte Apathie vieler Menschen angesichts eines allgegenwärtigen "Kapitalistischen Realismus". Weil der Gegner unsichtbar und "unlokalisierbar" geworden ist, oder einfach systemisch geworden ist scheint die klassische Konfrontation mit .....
Absolut korrekt.

Ein zielführender Weg könnte sein, das Fach "Glückslehre" in der Schule einzuführen.
Versuche gibt es bereits. dabei geht es natürlich nicht darum, wie man im Lotto gewinnt, sondern welche Regeln (wissenschaftlich fundiert) man im Leben anwenden soll, um möglichst viel Glück und möglichst wenig Leid im Leben zu erleben und zu verursachen.

Mit Neoliberal wäre dann schnell Feierabend.

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