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Krank in der Leistungsgesellschaft: Wie der Kapitalismus den Stress privatisiert
Corbis

Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen. Mark Fisher: "Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?" - SPIEGEL ONLINE

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Iggy Rock 16.10.2013, 16:52
10. Kauf dich gesund

Zitat von wind_stopper
Die Ironie dabei ist, dass wir zwar immer mehr haben, es uns dabei aber immer schlechter geht. Für die meisten sind halt ein dickes Auto und das neuste Smartphone ein Zeichen für gute Lebensqualität und Wohlstand. Wenn es einem mal schlecht geht, dann gibt es ja Prozac und Aspirin und weiter rennt der Hamster im Rad herum.
So weit braucht man doch gar nicht zu denken. Welchen Zweck hat der Konsum in einer Leistungsgesellschaft? Er dient dem Leistungserhalt, in allen Belangen. Wir arbeiten um weiter arbeiten zu können, hat uns die Arbeit kaputt gemacht, haben wir die Folgekosten schon erarbeitet.

Selbst diejenigen, die ihr Smartphone nur privat nutzen, tun das einerseits für Unternehmen, um diesen Arbeit abzunehmen, primär wohl aber auch als Kommunikationsmedium. Viele positive soziale Kontakte sind die bestmögliche Depressionsprävention, ein Smartphone oder Pad bräuchten wir dazu trotzdem nicht, das verlangen leider die Anforderungen der heutigen Leistungsgesellschaft, in der viele Menschen dauerhaft über große Distanzen "unterwegs" sind.
Der Kapitalismus schafft Probleme und löst sie mit seinen Mitteln, er suggieriert Individualismus und fordert Uniformität, er fördert Egoismus und verleugnet, dass wir alle durch ihn voneinander abhängig sind, der Mensch und sein Wohlergehen sind ihm trotzdem völlig gleichgültig.

Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass selbst diejenigen, die sich als "Superreich" bezeichnen, dem Zwangskonzept nicht entfliehen können. Die sind auch nicht frei, nicht vor Depressionen sicher und genauso abhängig vom Rest der Menschheit. Sie können lediglich körperlich bequemer Leben, was sie mit Ängsten bezahlen dürfen, die alle anderen in der Ausprägung nicht kennen.

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carolane 16.10.2013, 17:08
11. Schnell weg aus der Schule

Dass ein ehemaliger Lehrer über das Eindringen der Leistungsgesellschaft in den Schulbetrieb lamentiert, ist ja all zu verständlich. Es ist ja soo schlimm dass nicht nur Schüler dauernd gemessen werden, jetzt wird auch noch der Erfolg der Lehrer gemessen, mit dem Resultat dass alle Lehrer furchtbar leiden. Auch dass Unis Kaderschmieden für Unternehmen sind und dort eine Kosten Nutzungsrechnung stattfindet, kann nur aus der Feder eines vom Leistungsgedanken befreiten Beamten kommen.

Wozu sind Schulen und Unis denn da? Zur Ausbildung und Vorbereitung fürs Erwerbsleben, und zu sonst nichts. Und da will man so effizient und schnell wie möglich durchkommen. Dort rumzuhängen und Zeit zu vergammeln, ja sogar die Schule nur als alleinigen Lebenszweck zu sehen, kann nur von einem weltfremden und realitätsverweigernden Träumer kommen. Das gibt es nur im von Studiengebühren befreiten Deutschland. Vor lauter Angst vor dem Sprung ins kalte Wasser der realen Berufswelt, verklärt man die Schule und Uni zur alleinig seeligmachenden Daseinsberechtigung. Ja Hilfe, es gibt Stress im Kapitalismus. Oh weh, das merkt man erst jetzt in der Schule.

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Raschelsack 16.10.2013, 17:15
12. Was für ein Spaß!

Zitat von spon-facebook-10000283853
Einfach mal außerhalb der "kapitalistischen Gesellschaft" in einen Wald (und meinetwegen als Vorschuss) in eine Hütte setzen. Am nächsten Tag, ohne Chef und "Ausbeuter" aufwachen ... Wer "versklavt" einen......
Auf der Hütte ist es niemals langweilig. Aber ganz im Ernst: Was hat eine Speziallackierung für ein paar tausend Euro eigentlich mit dem Erleben (Sie schreiben: Bewältigen) der Natur zu tun? Vor allem, wenn dafür erhebliche Kompromisse einzugehen sind? Tatsache ist, dass die meisten Bringertypen in unserem System brutal verheizt werden, während sich überall Poser breit machen und Schamesröte verbreiten. Der Aufruf: Zurück zur Natur könnte natürlich auch lauten: Zurück zu besserer Literatur statt ständig nur Fachlektüre. So gelingt doch wenigstens die nächste Kurve: Mit mehr Sinn und Überlegung statt Pawlowscher Reflexe, mit mehr Tiefgang statt allein mit Oberfläche.

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ruhepuls 16.10.2013, 17:16
13. Eine Frage der Konsequenzen...

Alles auch eine Frage der Konsequenzen bzw. Alternativen. Wir hätten gerne "Hochleistungs-Konsum" klagen aber über die Anforderungen der "Hochleistungs-Arbeitswelt". Man bekommt aber nur beides zusammen.

Die einfachste Sache wäre ja, einige Schritte kürzer zu treten (was nicht für jeden, aber viele machbar wäre). Aber dann wäre ja das nächste Auto kleiner (und nicht größer) als das jetzige. Und der nächste Urlaub ging nicht nach Übersee sondern nach Balkonien. Und man wäre dann vielleicht nur noch "Herr oder Frau Sachbearbeiter" statt "Herr oder Frau Abteilungsleiter" usw. usw.

Wir haben uns so an den hohen Grad an materiellem Wohlstand gewöhnt, dass uns jeder "Rückschritt" als unzumutbar erscheint. Und dafür zahlen wir den Preis - auch in Form von Überforderung, Dauerstress, Burn-out.

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UweZ+ 16.10.2013, 17:17
14. Och nö, nicht schon wieder die ewig-gestrig sozialromantischen Gewerkschaften...

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.
Alternativ scheint sich statt "ewig gestrig" kollektivistischer Lösungen (Gewerkschaften) ja mittlerweile ein supidupi individualistisches Korrektiv dadurch einzustellen, dass im Kapitalismus ausgebrannt-depressiv gewordene Suizidgefährdete ihre vermeintlichen Peiniger auf der eigenverantwortlich geplanten Reise ins finale Nirwana ganz unkapitalistisch-kostenlos mitnehmen.

Dass man genannt individualistischen Mitnahme-Trend doch noch mittels einer "zero-tolerance" Strategie durchbrechen könnte, indem man genannt kostenlose Peinigermitnahme beim suizidalen Akt unnachgiebig mit der Todesstrafe für den seinen vermeintlichen Peiniger suizidal Mitnehmenden sanktioniert, ist eine der letzten grossen Überlebenshoffnungen des real existierenden Kapitalismus...

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klaus meucht 16.10.2013, 17:22
15. Persoenliche Risiken werden durch Privatisierung wieder erhöht

Zitat von spon-facebook-10000283853
Einfach mal außerhalb der "kapitalistischen Gesellschaft" in einen Wald (und meinetwegen als Vorschuss) in eine Hütte setzen. Am nächsten Tag, ohne Chef und "Ausbeuter" aufwachen ... Wer "versklavt" einen dann wohl? Der Existenzdruck. Man muss etwas zu essen finden, man muss sich gegen die Kälte schützen, gegen Tiere und Organismen, die einem das Essen streitig machen - man muss Vorräte schaffen, damit man nicht verhungert, wenn auf die schnelle kein Essen zu bekommen ist (Winter, Unwetter, Krankheit). DA kommt der Druck her und nicht aus dem "Kapitalismus" - der freie Markt hilft einem diesen Druck zu mindern und nicht andersrum.
Zunächst einmal bedeutet Kapitalismus nicht freier Markt. Sie scheinen sich sogar auszuschließen. Wir werden beherrscht von Konzernen, freien Wettbewerb gibt es nur noch in den Nischen.

Menschen haben den Druck der Risiken der freien Natur bis zu einem gewissen Grade überwunden, weil sie sich zusammengeschlossen haben und gegenseitig helfen. Die persönlichen Risiken wurden vergesellschaftlicht.

Werde ich in der Natur verletzt und kann meine Nahrung nicht mehr suchen, werde ich von der Gesellschaft aufgefangen. Das Dorf bringt mir Nahrung bis ich wieder gesund bin. Und wenn ich schon als Kind behindert geboren bin

Die heutige Ideologie bekämpft wieder die Solidarität. Jeder ist seines Glückes Schmied. Und damit steigen auch wieder die Risiken. Bin ich in Not wird mir unterstellt ich war ungebildet, leichtsinnig und nütze die Solidarität nur aus. In vielen Einzelfällen mag es ja auch stimmen. Und der Sicherheitsgurt im Auto kann Leichtsinn erzeugen - aber trotzdem hat er sich als sinnvoll erwiesen.

In Deutschland bekommen auch diejenigen eine Krankenversicherung die sich diese nicht leisten können. In Amerika wird dies als Kommunismus betrachtet. In Amerikaner können leicht behandelbare Krankheiten die Existenz bedrohen. In Deutschland ist dieses Risiko weit weniger groß.

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vogtnuernberg 16.10.2013, 17:27
16.

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.
Jeder hat es selber in der Hand!

Wenn ich sehe, welche Autos Nachbarn leasen, oder wenn Kollegen Probleme bekommen, wenn ihre 40h Woche auf 35h reduziert wird - sie aber ihre Kreditraten für das Haus mit dem Einkommen aus 40h kalkuliert haben - dann frage ich mich schon:

Warum macht Ihr so einen Unsinn und begebt Euch in Abhängigkeit?

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Winnie Puh 16.10.2013, 17:33
17. interessanter, nobler Ansatz...

Psychische Leiden in unserer heutigen Zeit in den gesellschaftlichen Strukturen und dem vermeintlichen Versuch alle Lebenssphaeren durchzuökonomisieren zu suchen.
Als frischer Absolvent, der mom. auf Jobsuche ist und seit ca. 5 Monaten keine "echte" Aufgabe hat, kann ich die These am eigenen Leib nachvollziehen:
Arbeit, besser eine Aufgabe zu haben (die im besten Fall den eigenen Werten & Talenten entspricht), ist in unserer heutigen "modernen" Gesellschaft essentiell für das Wohlbefinden. Am Anfang meines Studiums haette ich mir nie traeumen lassen können, dass ich den vorherigen Satz jemals werde schreiben müssen. Ich dachte damals: Job ist mir nicht wichtig. Glück, materielle Sicherheit, Freunde, soziale Integration sind mir viel wichtiger.
Die Krux ist jedoch: Durch die im Artikel sehr schön beschriebene "Ökonomisierung unseres Lebens" haengen (vermeintlich) alle anderen menschlichen Bedürfnisse (soziale Kontakte, Anerkennung, Identitaet, Selbstverwirklichung) vom "Eingebunden sein" in das kapitalistische System (zuvorderst in Lohn und Arbeit) leider & offensichtlich ab.
Was ich damit sagen möchte: In mir hat sich in den letzten Wochen/Monaten nach meinem Abschluss das Gefühl entwickelt, dass Herr Fisher mit seiner Diagnose leider der mom. Lebenswirklichkeit sehr nahe kommt.
Meine praegnante These lautet daher:
"Kein Job" --> "mangelnde (Grund-)Bedürfnisbefriedigung" --> "psychisches Leiden".
Man scheint einfach den Kontakt zur Gesellschaft zu verlieren -und sei es deshalb, weil die Menschen/Freunde um einen herum im vielzitierten "Hamsterrad" laufen und man selbst außen vor zu sein scheint.
Daher mein derzeitiger Lösungsvorschlag: Job finden, mit dem man glücklich (extrinsisch und v. a. intrinsisch) wird, um aus dem "Hamsterrad" eine "persönliche Kuschelzone" zu machen. Mir waere allerdings viel lieber, das eigene Wohlbefinden hinge nicht so sehr davon ab, ob man einen Job hat oder nicht. Diese Zeiten scheinen offensichtlich und leider vorbei zu sein...

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hesse 16.10.2013, 17:35
18. Wenn ein tüchtiger Mann....

Zitat von sysop
Wer trägt die Kosten, wenn das Wirtschaftssystem krank macht? In seinem Essay "Kapitalistischer Realismus" fordert der britische Wissenschaftler Mark Fisher: Die Gewerkschaften müssen die politische Dimension von Burnout und Depression erkennen.
....nach Anhäufung eines Vermögens letztendlich sterben muss, warum gestattet die Gesellschaft die Übernahme dieses Vermögens durch die Erben ? Verständlich in vieler Hinsicht ist das nicht, auch wenn Vorteile aus dieser Erbschaft nur geringfügig versteuert werden müssen.

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canUCme 16.10.2013, 17:35
19. Wile. E. ....

... ist ein Fanatiker. Er verdoppelt seine Anstrengungen, wenn er den Sinn dafür vergessen hat. In der Tat, auch der Kapitalismus ist zum Selbstläufer geworden. Es gibt kaum noch eine Reflexion darüber, ob das, was die Menschheit hier global veranstaltet, noch in irgendeiner Form sinnvoll und nachhaltig ist. Alternativvorschläge werden sofort als radikale Strömungen geächtet. Dabei reden auch diejenigen dem Raubtier-Kapitalismus das Wort, die letztlich am meisten darunter leiden. Ständige Arbeitsverdichtung, Entfremdung, Stress in allen Varianten, Aushöhlung der betrieblichen Mitbestimmung, unternehmerische Willkür: Daraus resultierende physische und psychische Krankheiten werden als von der eigenen, mangelhaften Konstitution verursacht eingeschätzt. Der weltweit zur Manie entwickelte 'Sparzwang', die ständige Forderung nach höherer Produktivität, permanent verschärfte Arbeitskontrollen, dazu ein sich laufend verstärkender Bürokratismus: All das ist verwoben in einem Netz, das hauptsächlich dem Erhalt und Ausbau eines Systems dient, das immer mehr Menschen eigentlich nicht wollen - worüber sie sich aber selbst das Nachdenken verbieten. So verdient am Kapitalismus dieser Tage eine bestimmte Kaste, nämlich die der Geldlenker. Dort, wo die virtuellen Geldströme dieser Welt gesteuert und umgelenkt werden, induziert scheinbar die Intensität der Ströme weiteres Geld. Die großen Banken sind das Hauptagenz dieser globalen Wirtschaftsstruktur und in ihnen ist gleichfalls die Virtualisierung am weitesten fortgeschritten. Die Hybris selbst von Experten nicht mehr zu durchschauender Investment-Modelle und abstrakter Geldgeschäfte hat die Welt schon einmal nahe an den Abgrund gebracht. Das nächste Mal gibt es kein Entrinnen.

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