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Landgericht Köln: Beschneidung aus religiösen Gründen ist strafbar

Es ist ein Urteil mit großer Wirkung: Das Landgericht Köln hat entschieden, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen strafbar ist. Es handelt sich um eine Körperverletzung, auch wenn die Eltern des Kindes einwilligen. Bislang agierten die Mediziner in einer rechtlichen Grauzone. Religiös motivierte Beschneidung von Jungen ist laut Gericht strafbar - SPIEGEL ONLINE

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antonerdnusscreme 26.06.2012, 19:03
80. Recht zwo

@Rechtskenntnisse

Schöne Ausführung, könnte ich fast teilen, obwohl ich in einem Punkt widersprechen möchte:
Der Einwilligung und somit der Eingriff ist nach meinem Empfinden nicht nur dann nicht gerechtfertigt, wenn der das Kindeswohl gefährdet (das halte ich, zumindest bei den hier gültigen Regeln der ärztlichen Kunst und der Hygiene wie Sie für unwahrscheinlich), sondern der Eingriff (rein tatbestandlich eine Körperverletzung) ist meiner Meinung nach seitens der Eltern auch dann nicht einwilligungsfähig, wenn der dem Kindeswohl nicht dienlich ist, und genau das möchte ich ausdrücklich in Frage stellen.
Dass die WHO diesen Eingriff empfiehlt, erschreckt mich ein wenig, wenn dem so sein sollte, hygienische Gründe würde ich diesen Eingriff in Ländern mit ausreichend Wasser und Seife als absurd abtun. Meiner Einschätzung nach fußt diese Empfehlung zu einem großen Teil auf einem Kniefall vor den verschiedenen Weltreligionen. Und seitens der Eltern wird er auch offen fast ausschließlich religiös begründet.
Mithin bin ich mir nicht so sicher wie Sie, dass diese Entscheidung so leicht in seine Einzelteile zerbröselt werden würde, insbesondere da es sich bei den, das Thema seit Jahren diskutierenden Parteien ja auch nicht nur um Laienjuristen wie meinereiner handeln wird.

Das Kind kann sich später, wie gesagt selbst entscheiden, ich denke, wenn es ausreichend indoktriniert wurde, wird es sich ohnehin beschneiden lassen, aber jetzt werd' ich doch zu bös'.

@gunnarqr
Die Beschneidung von Mädchen wird hier nicht diskutiert, weil hier ein konkretes Urteil Gegenstand der Debatte ist, dass sich mit der Beschneidung des männlichen Genitals befasst. Ich glaube nicht, dass böser Wille dahintersteckt, wenn dies im Artikel keine Erwähnung fand. Darüberhinaus glaube ich Ihre Einstellung zur weiblichen Genitalverstümmelung (ja, ist mit einer gewissen Intention wertend formuliert) zu erfassen und kann mich nicht laut genug als Ihr Bruder im Geiste bezeichnen.

So Long, and Thanks For All the Fish...
(:

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ines7 26.06.2012, 19:03
81. @ Privatier

Zitat des Artikels zu einer früherer Urteilsbegründung: "Durch sie werde einer drohenden Stigmatisierung des Kindes entgegengewirkt" - also gleiche Argumentation - zweierlei Maß. Und obwohl ich nur begrenzt mitreden kann, halte ich es für lebensfremd davon auszugehen dass Jungens nicht über das Thema reden und auch bisweilen entsprechende Vergleiche anstellen ;-)

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Wildes Herz 26.06.2012, 19:04
82.

Zitat von a.vomberg
Die Senkung des Aids Risikos wird bei heterosexuellen Männern auf bis zu 66 Prozent eingeschätzt.
Hmm... dieses Argument ist in diesem Zusammenhang aber ziemlich unsinnig, denn als Kind hat man üblicherweise keinen Geschlechtsverkehr, und deshalb sowieso kein Risiko einer HIV-Infektion.

Außerdem gibt es auch für geschlechtsreife Menschen ja wohl wesentlich bessere und zuverlässigere Methoden, eine HIV-Infektion zu vermeiden, als eine Beschneidung. Und um diese seinem Kind beizubringen, muss man es gewiss nicht beschneiden.

Zitat von a.vomberg
Dass sich unsere Richter anmaßen eine, sinnvolle von der WHO empfohlene Routineoperation zu verbieten, lässt das tief blicken. Das Recht sein Kind beschneiden zu lassen braucht keine Religionsfreiheit als Argument.
Haben Sie die Urteilsbegründung gelesen?

Zitat von a.vomberg
Dagegen ist das Verbot eindeutig religiöse Diskriminierung.
Äh... nein, das ist KEINE religiöse Diskriminierung. Denn auch wer ein Kind aus nicht-religiösen Gründen beschneidet, macht sich ja nach diesem Urteil strafbar... wo soll da also eine religiöse Diskriminierung vorliegen?

Zitat von a.vomberg
Im Gegensatz zur Beschneidung, besser gesagt zur Verstümmlung bei Mädchen geht es hier nicht um eine Volkstradition, sondern um das direkte Wort Gottes. Dahinter stehen Jahrtausende positiver Erfahrung! Davor habe selbst ich als Atheist Respekt.
Als Atheist glauben Sie an ein "direktes Wort Gottes"?! Interessant, was heutzutage alles als Atheist durchgeht ;-)

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think_tank 26.06.2012, 19:04
83.

Zitat von cobaea
Eigentlich sollte man also diese Mini-OP für kleine Buben allgemein durchführen. Würde auch (umstrittene) Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs für vorpubetäre Mädchen überflüssig machen.
Und warum genau sollen die 'Buben' das nicht erst mit 14 selbst entscheiden, ob Ihnen die Vorhaut amputiert wird?

Und ja - die Beschneidung kann Sex in einigen Fällen tatsächlich sehr erschweren, mal abgesehen von dem traumatischem Eingriff.

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blickpol 26.06.2012, 19:05
84. überfällig

Die Richter sind nicht zu beneiden, aber sie haben endlich ein großes Problem angefasst. Dieses Urteil war überfällig. Im Übrigen ist kulturelle Vielfalt sehr schön, aber bitte nach den hier herrschenden Sitten. Ich gehe mit den Richtern völlig einig, dass die religiöse Erziehung nicht an einer fehlenden OP scheitert, sonst findet sich darin kein Glaube sondern nur Tradition. Und dafür einen Menschen ungefragt zu verstümmeln darf nicht hingenommen werden. Und zwar weder bei Mädchen noch bei Jungen. Denn angenäht werden kann es ja nicht mehr. Aber bei einer bewussten eigenen Entscheidung sehr wohl entfernt. Natürlich wird ein Aufschrei durch gewisse Verbände gehen. Aber es ist auch eine Tatsache, dass gerade diese Richtungen in den letzten Jahren dazu übergegangen sind, uns (Ureinwohner dieses Landes) zu verspotten, gerade weil wir alle fremden Bräuche willig geduldet haben. Und es gibt immer mehr hier in Deutschland geborene Migrantenkinder, die mit dem Verständnis ihrer Eltern nichts anfangen können und/oder wollen. Und für eine erwachsene Frau ist es auch schöner, einen Mann zu haben, der es gelernt hat sich zu waschen! Zu behaupten, diese Jungs würden nichts an Lebensqualität einbüßen halte ich für mehr als gewagt, aber sie haben doch gar keine Option als das Beste aus ihrem Leben zu machen. Als vor ca 100 Jahren in China noch Frauen die Füße abgebunden wurde war man sich hierzulande einig, dass dem Einhalt geboten werden soll.

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mischamai 26.06.2012, 19:05
85.

Perfekt auf Erden ist nur die Natur,alles andere wie Glauben,Rituale und andere zwanghafte Verhalten berechtigen nicht einen menschlichen Körper zu schädigen.Wäre ein solcher Schritt von Seiten der Natur nötig,so hätte die Evolution schon längst daran etwas verändert.

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Rechtskenntnisse 26.06.2012, 19:06
86. Wie süß

Zitat von count_zer0
...ist nicht korrekt. Es ist eine gerechtfertigte Körperverletzung, legitimiert durch medizinische Indikation, und vor allem, in der Regel mit Zustimmung des Patienten. Was man vom religiösen Wahn der Eltern und deren "göttliche" Verfügung über den Körper des Kindes nicht gerade behaupten kann. Das Urteil war längst überfällig, der bisherige Zustand war skandalös.
Jeder ärztliche Heileingriff stellt tatbestandlich eine Körperverletzung dar. Das gilt nicht nur für chirurgischen Eingriffe, sondern auch für Therapien mittels Medikamenten oder eine einfache Röntgenuntersuchung. Die Rechtswidrigkeit kann allenfalls durch die Einwilligung des Patienten beseitigt werden (RGSt 25, 375, 380; BGHSt 11, 111).

Das ist schon seit 1894 gesicherte Rechtsprechung. Medizinische Indikation mag im französischen Recht oder im englischen Recht eine Rolle spielen, hier ist es nicht so.

Aber klären Sie mich doch bitte auf, vieleicht habe in den 9 Semstern die ich Jura studiert habe, oder während meiner Disseratation an einem Lehrstuhl für Medizinrecht über eine medizinrechtliche Fragestellung etwas verpasst. Komisch, auch in meinem LLM. in Medizinrecht haben wir sowas gelernt.

Für diejenigen, die wissen wollen wie man das Problem auf Grundlage der Verfassung löst:

Fateh-Moghadam, Bijan (2010): Religiöse Rechtfertigung? Die Beschneidung von Knaben zwischen Strafrecht, Religionsfreiheit und elterlichem Sorgerecht, in: Rechtswissenschaft, Heft 2/2010, S. 115-142, Nomos Verlag, Baden Baden (freier Download unter: Zeitschrift für rechtswissenschaftliche Forschung–Nomos ).

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abwaschhilfe 26.06.2012, 19:06
87. Wir leben hier in Deutschland

Zitat von wago
Dieses Urteil scheint mir geradezu ein Ausdruck für den Kampf der Kulturen zu sein. Wir westlichen erheben unsere Vorstellungen zur einzigen Wahrheit. Anderen Kulturen wollen wir einfach jahrtausende alte Traditionen verbieten. Dummerweise triff das Beschneidungsverbot nicht nur die Moslems, sondern auch die Juden. Ein solches Verbot hätte eher ins Dritte Reich gepasst, als in die Bundesrepublik des 21. Jahrhunderts. Setzen wir das Gedankenspiel fort, dann ist auch die Taufe, die Zwangs-Erstkommunion und die Zwangs-Konfirmation zu verbieten, denn auch sie dokumentieren die Zugehörigkeit zu einer Religion, ohne dass die Kinder meist selber darüber bestimmen können. Ob das wohl ein deutsches Gericht ähnlich sieht wie im Fall des Stückens Vorhaut?
und im 20. Jahrhundert ! Da ist kein Raum für "jahrtausende alte Traditionen" wenn es sich dabei um Körperverletzung an hilflosen Kindern handelt. Einen Hund darf man in Deutschland nicht mehr koupieren ohne mit dem Tierschutzgesetz in Konflikt zu geraten und das ist richtig so. Weshalb sollten Kinder bei uns weniger Rechte haben als Hunde.

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Death666Angel 26.06.2012, 19:06
88.

Leider wird es trotzdem Beschneidungen geben, denn eine medizinische Begründung findet sich leicht genug. Oder es wird einfach in Nachbarländer gefahren, wo dies erlaubt und erwünscht ist.
Zitat von gunnarqr
Aber die grausame Beschneidung von Mädchen aus religiösen Gründen wird hier mit keiner Silbe erwähnt... Oder wer glaubt das dies nicht auch hier passiert, wenn die Eltern fanatisch genug sind?
Die Beschneidung von Mädchen ist schon geächtet in der öffentlichen Debatte und wird wohl von keinem praktizierenden Mediziner in Deutschland durchgeführt. Dafür gibt es dann die "Onkel", die es im Wohnzimmer machen oder das Mädchen woanders hin fahren.

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jenzy 26.06.2012, 19:06
89.

Zitat von PublicTender
Blödsinnige Entscheidung. Mal abgesehen vom religiösen. Eine Beschneidung ist meiner Meinung nach ein sinnvoller Eingriff. Habe ich selber vor Jahren (aus nicht-religiösen Gründen) machen lassen und nie bereut. Bei unserem Sohn überlegen wir das auch.
da sie diese entscheidung anscheinend als erwachsener getroffen haben sollten sie ihrem sohn das gleiche recht zubilligen.
wer weiß ob ihr sohn ihnen das nicht ein leben lang vorwirft?!

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