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Mängel und Zukunft der Demokratie: "Die Wähler sind Hobbits"
Lexey Swall/ Grain/ DER SPIEGEL

Mehr Demokratie wagen? Bloß nicht, warnt der US-Politikwissenschaftler Jason Brennan, der den Wahlsieg von Donald Trump einen "Tanz der Trottel" genannt hat. Sein Vorschlag: Nur noch informierte Bürger wählen lassen.

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burgundy 05.04.2017, 12:19
50.

Zitat von held_der_arbeit88
Schon die alten Griechen sahen das ähnlich. Jede Staatsform könne entarten sobald der Souverän statt dem Gemeinwohl nur den Eigennutz verfolgt. Polybios nannte dies im Falle der Demokratie "Ochlokratie" - Pöbelherrschaft - und schon Aristoteles argumentierte, man solle das Wahlrecht an politische Bildung knüpfen. Es ist ein pessimistisches Menschenbild, aber ich fürchte, sie haben Recht. Volksabstimmungen wären, wenn wir ehrlich sind, kein Mittel zu mehr Demokratie sondern der Traum der Demagogen. Siehe Brexit. Die Zahl derer, die sich informieren können oder wollen wird zwangsläufig kleiner sein als die derer, die ihre Entscheidung vom Bauchgefühl abhängig machen, das Populisten zu steuern wissen. So können Angst- und Hasstriefende Lügenmärchen einiger weniger (siehe Trump, siehe zentrale, noch am Wahltag einkassierte Behauptungen der Brexiteers) gewaltigen Schaden anrichten; auch und grade bei den Menschen, die sie gewählt haben
Ja klar, weg mit der Demokratie für die Dummen, die sie ohnehin nicht brauchen. Ist doch die Demokratie nur was für die Reichen, Klugen, Schönen, kurz, was man heute das Establishment zu nennen pflegt. Dazu noch den armen Aristoteles bemühen, der ja nun wirklich nicht mehr aktuell ist - welche Hybris, aber auch welches Kennertum!

Und es hilft auch nicht weiter, immer wieder den Brexit zu zitieren. Die Briten haben hierzu ein viel unverkrampfteres Verhältnis, und der Brexit scheint sie grosso modo nicht besonders zu beunruhigen. In jedem Fall weint May der EU weniger hinterher (und dabei war sie doch ursprünglich eine Befürworterin des Verbleibs) als Tusk, der den Briten schluchzend Lebewohl sagt.

Lügenmärchen gehören übrigens zur politischen Kultur, in Demokratien wie Dikaturen, und werden mit schöner Regelmässigkeit vor den Wahlen hervorgeholt (derzeit sehr gut bei der SPD zu beobachten). Also keine Panik: Die Demokratie wird auch die Dummen verkraften! Die Reichen, Klugen, Schönen, die sich ihrer bedienen, kommen doch nicht schlecht weg dabei - oder?

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geando 05.04.2017, 12:20
51. Das ist eben nicht das Wesen einer Demokratie

Alarmierend: sobald die Wahlergebnisse einigen Leuten nicht mehr in den Kram passen, denken immer mehr Leute laut darüber nach, die Demokratischen Grundrechte erheblich einzuschränken. Was ist denn ein Staat, der nur eine Elite am politischen Prozess partizipieren lässt anderes, als eine Meritokratie? Merkwürdigerweise sollen die Bürger mit ihrer Entmündigung "vor sich selber geschützt" werden- so haben schon viele Diktaturen begonnen. Leute wie Herr Brennan sind nicht weniger als gefährliche Brandstifter, die ihre Fackeln an die Grundfesten unserer Freiheit halten.

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hup 05.04.2017, 12:27
52. Das Ergebnis seiner bemühten Ausführungen ist Quark

Das führt zu keiner "besseren" Demokratie, sondern zu einer Technokratie mit garantiertem Erhalt des Status quo. Diese Wahlen hätten keine Chance etwas zu ändern, weil ja gerade jede Abweichung über seine "Korrekturberechnungen" ins statistische Mittel bereinigt wird. Das kommt der Abschaffung von Wahlen gleich, zumindest was die Weiterentwicklung und Anpassungsmöglichkeit eines politischen Systems angeht.
Wer versucht Demokratie vom "guten" Ergebnis her zu denken, der hat schon verloren. Es ist nicht die Aufgabe der Demokratie ein gutes Ergebnis zu produzieren (zumal das eine vorherige Setzung der guten Norm bedeutet), sondern das Ergebnis, das dem Willen der Wähler entspricht.
Es ist korrekt: Sind die Wähler dumm, dann werden sie eher dumme Repäsentanten (= korrupte Bauernfänger) wählen die dummes tun (= keine langfristig guten Ergebnisse für ihre Wähler erzielen), sind die Wähler klug, dann werden sie Repräsentanten wählen die genau dies tun, auch wenn es kurzfristige Härten mit sich bringt.
Der Schlüsselpunkt hier ist aber nicht die Verbiegung des Wahlsystems und einen Informations-Zensus einzuführen (der mit einem Einkommens-Zensus gleich wäre, weil gebildet in der Regel auch reicher bedeutet), sondern Bildung für alle zu ermöglichen, insbesondere für Kinder aus sozial schwachen (= armen) Familien.
Nicht dumme Wähler ausschliessen, sondern intelligente Wähler bilden wäre hier der Schlüssel. Nicht das Wahlsystem muss "verbessert" werden, sondern die Wähler.
Aber wollen Eliten wirklich eine gebildete, informierte Masse, die meist auch kritischer ist? Eher nicht, denn dumme lassen sich einfacher manipulieren und sind weniger widerspenstig gegen eine Herrschaft von und eine Ausbeutung durch die wenigen.
Die Ausführungen von sind als Brennan sind also nicht nur auf den ersten Blick Quark, sondern auch auf den zweiten.

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enfield 05.04.2017, 12:36
53. Danke!

Zitat von geando
Alarmierend: sobald die Wahlergebnisse einigen Leuten nicht mehr in den Kram passen, denken immer mehr Leute laut darüber nach, die Demokratischen Grundrechte erheblich einzuschränken. Was ist denn ein Staat, der nur eine Elite am politischen Prozess partizipieren .....
Sie haben es sehr konkret auf den Punkt gebracht. Ich muss mich doch immerwieder sehr wundern, wie angebliche Demokraten solch gefährlichem pseudointellektuellen Geschwätz auf den Leim gehen. Ich habe den Artikel im Print-Magazin auch nicht mehr weitergelesen sondern nach dem Lesen des Teasers das Heft wütend ins Altpapier gehauen. Daher ist mir vielleicht auch entgangen, ob dieser Typ irgendeine Idee hat, wie er die Bevölkerungsschichten einbeziehen will, die über eingeschränkten Zugang oder Voraussetzungen zu Bildung, Medien und sozialem Leben haben. Interessiert mich aber auch nicht, weil die Grundidee im Ansatz widerlich und menschenverachtend ist.

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schwampf 05.04.2017, 12:38
54. Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit

In der Theorie gebe ich Jason Brennan in fast allen Punkten recht.
Nur: Wie soll so etwas ernsthaft umgesetzt werden ohne den gesellschaftlichen Frieden zu gefährden?
Mit dem genannten Losverfahren? Hm. ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemals passieren wird,
und wenn, dann nur, wenn die Bevölkerung die Erkenntnis auf die harte Tour gewinnt.
So wie es den Zweiten Weltkrieg brauchte, bis die Deutschen die Demokratie in Ihrer jetzigen Form akzeptieren konnten.
Und das will man ja dann auch nicht...

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gg0815 05.04.2017, 12:40
55.

Zitat von Llares
Viele hier schreiben überhaupt nicht verstanden zu haben, worum es geht und wie es funktionieren könnte, was die These, dass die Neusten gar nicht wissen worüber sie abstimmen, nur untermauert. Es steht jedem frei sich politisch zu informieren, .....
doch doch ich denke die meisten haben verstanden. Sie verstehen wie einige Andere hier aber das Grundproblem nicht.
Kurz und Knapp wer kontrolliert die Kontrolleure, wer prüft die Prüfer ... auf kurz oder lang wird es Missbrauch geben ... ich hoffe mehr Ausführungen braucht es nicht.

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constractor 05.04.2017, 12:55
56.

Zitat von geando
Alarmierend: sobald die Wahlergebnisse einigen Leuten nicht mehr in den Kram passen, denken immer mehr Leute laut darüber nach, die Demokratischen Grundrechte erheblich einzuschränken. Was ist denn ein Staat, der nur eine Elite am politischen Prozess partizipieren lässt anderes, als eine Meritokratie? Merkwürdigerweise sollen die Bürger mit ihrer Entmündigung "vor sich selber geschützt" werden- so haben schon viele Diktaturen begonnen. Leute wie Herr Brennan sind nicht weniger als gefährliche Brandstifter, die ihre Fackeln an die Grundfesten unserer Freiheit halten.
Es geht ja nicht darum, dass die Wahlergebnisse einem nicht nur einfach nicht in dem Kram passen sondern das brandgefährliche Leute im Moment gewählt werden und es über all auf der Welt einen aufschwung der Populisten gibt.
Dieses MUSS verhindert werden. Die Leute hetzen zB gegen Flüchtlinge und würden diese vermutlich lieber auf dem Mittelmeer ertrinken sehen als diesen armen Seelen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen. Für einen normalen Menschen mit Mitgefühl für seine Mitmenschen ist wäre dieses eine Selbstverständlichkeit.
Das menschliche Miteinander wird gerade zerstört durch solche Menschen wie Trump, Le Pen oder den Jüngern der AFD.

Wenn man durch einen kleine Änderung im Wahlrecht eine für gerechtere und bessere Zukunft schaffen könnte ist es das Wert.

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jtrch 05.04.2017, 12:56
57. Wahlbüchlein

In der Schweiz liegt jeder Wahl für Initiative etc. ein Wahlbüchlein bei, wo erklärt wird was die Argumente pro und contra Seite sind und um was es geht. Ich weiss nicht wie es in anderen Ländern läuft, daher erstaunt mich diese Forderung. Zumal ja das nicht informiert sein auch in Indiz für das Versagen der Politik sein kann. Klar nie wird sich die Mehrheit gross informieren, aber die meisten dürften nicht wählen gehen, wenn sie frustriert sind.

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enfield 05.04.2017, 13:22
58. Nichts

Zitat von constractor
... Wenn man durch einen kleine Änderung im Wahlrecht eine für gerechtere und bessere Zukunft schaffen könnte ist es das Wert.
Nichts wird besser und schon garnicht gerechter wenn man Menschen aus dem demokratischen Prozess ausschließt. Wenn solche Figuren, die Sie genannt haben, durch demokratische Wahlen in Regierungsverantwortung kommen, stimmen ganz andere Sachen nicht. Das kann man bestimmt nicht mit Arroganz und staatlich verordnete Menschenverachtung lösen. Nebenbei: Politiker (und Menschen generell), die ihr Volk nicht für mündig halten, sind ganz gewiss in einer Demokratie fehl am Platze...da beißt sich dann ohnehin die Katze in den Schwanz.

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Ketterich 05.04.2017, 13:27
59. Leicht angedudelt sagte Adenauer:

"Demokratie würde ohne Bürger viel besser klappen".

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