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Noteninflation: Was ist eine Eins noch wert?
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Immer mehr Absolventen verlassen die Uni mit Bestnoten. Laut einer Untersuchung spielt das Alter der Professoren eine Rolle - und ihr Geschlecht.

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doskey 23.06.2017, 11:48
30. Aktuelles Beispiel...

In Bildungswissenschaften bin ich mit einer 1,3 so gut (oder schlechter) wie 70% meiner Vergleichsgruppe. In Anglistik mit einer 1,9 aber so gut / schlechter wie 20% meiner Vergleichsgruppe.

Die Note in Biwi war geschenkt (Aufwand eines Arbeitstages, eine Prüfung), für Anglistik habe ich kumulativ locker 6 volle Monate geschuftet.

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Newspeak 23.06.2017, 11:50
31. ...

Doch, klingt vertraut :)

Mal ehrlich, Noten sind, waren und bleiben groesstenteils sinnlos, weil sie aus Prinzip nicht das leisten koennen, was sie sollen, naemlich einen objektiven Vergleich herstellen. Es kommt aber, wie viele andere hier schon bemerkt haben, auf so viele andere Dinge an. Die Auswahl des Faches bedingt eine voellig unterschiedliche Kultur der Leistungspruefung und Benotung. Hier gibt es Klausuren, dort gibt es muendliche Pruefungen, hier gibt es Theorie, dort praktische Anforderungen (z.B. Praeparate in der Chemie oder Protoypen bei den Ingenieuren), hier eher weiches Diskutieren, dort hartes Faktenabfragen. Hier ist die Kultur so, dass der Durchschnitt bei 2 bis 3 liegt, dort liegt er bei 3 bis 4. Dann kommt es auf die persoenliche Auffassung der Professoren an. Der eine meint "Eine 1 kriegt nur der liebe Gott", der andere meint "Fuer eine 2 muss man schon schlecht sein". Bei Promotionen ist das noch abhaengiger von den Persoenlichkeiten der Profs. Ausserdem kommt ja auch noch die unterschiedliche Zeit dazu, die man dafuer braucht. Ob ein Thema leicht gewaehlt wurde, man schnell zu Ergebnissen kommt, die aber eher nur Routineniveau haben, oder ob man dicke Bretter bohrt, vielleicht daran sogar scheitert, tatsaechlich aber mehr dabei gelernt hat. Wie will man all das in einer einzigen Zahl ausdruecken, zumal bei der bildungsmaessigen Kleinstaaterrei in Deutschland? Es gibt sicher auch "globale" Dinge, z.B. dass Universitaeten bestrebt sind, einen bestimmten Schnitt "zu produzieren". Kenne ich aus eigener Anschauung als Assistent, wo es in einem Semester ploetzlich "zu viele" gute Studenten gab. Da wurde aber nicht gefragt, ob das nicht natuerlicherweise auch mal sein kann, sondern da wurde global der Schnitt entsprechend angepasst, so dass die relativen Noten immer noch alle stimmten, aber alle Guten, im Vergleich zu den gleich Guten des Vorjahrs, ein bisschen zu schlecht abgeschnitten haben. Ich kenne auch die Situation, wo man klare Regeln aufgestellt hatte...das zaehlt soundsoviel Prozent und dies jenes, nur um dann spaeter, als man merkte, man kann die Noten so nicht sinnvoll verteilen, alles in einem diffusen Nichts der Diskussion ausgekungelt wurde. Denn es gab sinnvollerweise immer mindestens einen "weichen" Notenfummelfaktor, den man hemmungslos zur Feinabstimmung benutzen konnte, um Dinge auszugleichen, die man nicht vorhergesehen hat.

Ich glaube, man kann am Ende nur nach zwei Massstaeben gehen. Ein summa cum/mit Auszeichnung ist normalerweise immer noch so selten (und damit bedeutsam) wie ein rite. Und zweitens, man muss sich die Leute eben persoenlich anschauen und die Details kennen, bzw. eine Weile mit den Leuten zusammenarbeiten, dann erkennt man, was die koennen oder nicht. Dafuer ist nebenbei das Bewerbungsgespraech wie die Probezeit da. Wer nach 3 Monaten Zusammenarbeit noch nicht weiss, wen er vor sich hat, dem kann auch keine Note mehr was helfen. Dieses Risiko muss man als Arbeitgeber eben eingehen, denn umgekehrt tut das der Bewerber ja auch, und der hat noch den Nachteil, dass Arbeitgeber nicht benotet werden.

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gneitzel 23.06.2017, 11:53
32. Das kommt auf die Uni an...

Wer z.B. in Tübingen Rechtswissenschaft studiert kann mit einer 4 höchst zufrieden sein. 80% der Prüflinge im 1. Staatsexamen bestehen mit der Note 4! Auch potentielle Arbeitgeber wissen, dass Tübingen wirklich hart ist und dass dort eine 4 mehr "wert" sein kann als eine 1 aus Hamburg.
Konkreter Fall: Eine Kommilitonin meiner Frau hat sich eine Hausarbeit von dem Freund ihres Vaters, einem Professor der Rechtswissenschaft in Hamburg schreiben lassen und ist damit durchgefallen!
Ebenso Psychologie in Tübingen. In diesem Fach ist Tübingen dafür bekannt, dass die Mathematischen Anforderungen sehr hoch sind, höher als sonst wo im Bundesgebiet. Psychologie-Absolventen aus Tübingen haben also das Mathematische Handwerkszeug für die Forschung und haben entsprechend Chancen, weltweit!
Oder nehmen wir Physik. - Die Fakultät für Physik in Tübingen ist dafür bekannt, dass die theoretischen Physiker Mathematisch vorgehen. - so hat dann laut aussage eines Mathematik-Professors ein spanischer Professor für Theoretische Physik eine Dozentenstelle in Tübingen abgelehnt, weil ihm die theoretischen Physiker in Tübingen zu theoretisch sind....
Oder nehmen wir die FH für Elektrotechnik in Aalen, von dort werden die Absolventen von Daimler-Benz angeworben, noch bevor die Absolventen ihre Abschlussnote kennen werden sie von Daimler-Benz eingeladen.
So gibt es in andern Fächern und anderen Hochschulen sicherlich noch massenhaft Beispiele.

Man kann und darf nicht Pauschalisieren!

Außerdem kommt es noch darauf an, was die Studenten während des Studiums sonst noch leisten. Wer eine HiWi-Stelle hat kommt wenn er es geschickt anstellt automatisch in das "Fahrwasser" der Forschung und der "Publikation" und steht bis zu seiner Promotion bereits in einigen Fachbüchern mit drin. - So ein früherer Band-Kollege und Freund, der nur aufgrund seiner vielen Beteiligungen bei Fachpublikationen eine Dozentenstelle in Japan angeboten bekam, noch bevor seine Promotion durch war... - Die Promotion war dann "summa cum laude", weil er es einfach drauf hatte und von seiner "Verteidigung" schwärmte, dass die Professoren tatsächlich daran interessiert waren was er ihnen vorgetragen hatte.
Er hatte seine 1 mit absoluter Sicherheit hoch verdient! - Das war übrigens auch in Tübingen im Fach Physik... - also eine 1 die wirklich etwas wert ist! - Er bekam dann auch seinen Traumjob :-))

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Newspeak 23.06.2017, 12:01
33. ...

Zitat von tomrobert
Wissen ist beinahe für alle verfügbar. Die Technik macht es möglich. Wissen wird aber durch ständig neu gewonnene Erkenntnisse der Forschung entwertet. Insofern ist vielen Menschen das durchaus auch bewusst. Die Halbwertzeit verringert sich ständig. Was ist heute schon eine Promotion wert-. Vergleicht das mal mit den Verhältnissen vor fünfzig Jahren.
So schnell wird Wissen nun auch nicht entwertet. Wer glaubt, eine Promotion sei heute nichts mehr wert, der kann ja mal selber eine schreiben, um das auch wirklich beurteilen zu koennen. Man muss schon auf einem sehr heissen Thema arbeiten, oder eher schlecht sein, damit die eigenen Forschungsergebnisse innerhalb der eigenen vollstaendig Lebenszeit entwertet werden. Und in manchen Faechern, wie Mathematik, wird gar nichts entwertet, in keinem Zeitraum, wenn es nicht glatt als falsch erkannt wird.

Das Problem frueher versus heute ist nur, dass der Durchschnitt der Bevoelkerung kaum noch etwas ueber Technik und Wissenschaft weiss, vor allem nicht, wie die wirklich betrieben wird. Die Leute sehen CSI Irgendwas und glauben so arbeiten Forensiker. Sie sehen Lesch und halten das fuer state-of-the-art Physik. Dabei werden da Sachen wiederhgekaeut, die vielleicht 1920 topaktuell waren, immer wieder auf's Neue. Wo gibt es die Wissenschaftssendung, die ueber topologische Phasen berichtet, erst kuerzlich mit dem Nobelpreis geehrt (fuer die jahrzehntealte Theorie dazu)? Wo findet man etwas zu RNA interference oder CRISPR/Cas? Heinz Haber hat noch Spektralanalyse in seiner Sendung erklaert, auf Erstsemesterniveau. Wo findet sowas heute noch statt? Alles muss Edutainment sein, je trivialer, desto besser.

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Kerze der Freiheit 23.06.2017, 12:12
34.

Dafür war die Durchschnittsnote in Mannheim im Diplom in VWL in der Gegend um 3,0. Falls sich das nicht geändert hat, sollte man von Mannheim eher Abstand halten, da man sehr intelligente Mitstudenten hat, die es schwierig machen, überdurchschnittlich abzuschneiden.

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vitalik 23.06.2017, 12:16
35.

Zitat von stozk
Vor allem das Uni-Ingenieursstudium ist auf das Aussieben ausgerichtet. Höhere Mathematik 1-3 hat die ersten 3 Semester massiv die Reihen gelichtet, Thermodynamik 1/2 im dritten und vierten. Technische Mechanik 1-4 genau so. Und wer im ersten Semester schon rausgeflogen ist, weil Matrizenrechnen zu schwer war, ist dann einfach an die FH gegangen und hat dort locker flockig sein Studium absolviert.
Warum sollte die FH so locker flockig sein? Gibt es dort keine Mathe 1-3 Module? Von einem Bekannten (Studiengang Informatik an einer FH) habe ich gehört, dass die Mathe Prüfungen eine Durchfallquote von 60% hatten. Am Ende haben von 80 Studenten nur ca. 15 den Studiengang geschafft.
Wobei es ja auch, wie bei den Unis sowohl gute als auch schlechte FHs gibt. Übrigens jemand, der die Matrizen nicht versteht, wird wohl nirgendwo bestehen.

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Kerze der Freiheit 23.06.2017, 12:17
36.

Zitat von gneitzel
Wer z.B. in Tübingen Rechtswissenschaft studiert kann mit einer 4 höchst zufrieden sein. 80% der Prüflinge im 1. Staatsexamen bestehen mit der Note 4! Auch potentielle Arbeitgeber wissen, dass Tübingen wirklich hart ist und dass dort eine 4 mehr "wert" sein kann als eine 1 aus Hamburg. Konkreter Fall: Eine Kommilitonin meiner Frau hat sich eine Hausarbeit von dem Freund ihres Vaters, einem Professor der Rechtswissenschaft in Hamburg schreiben lassen und ist damit durchgefallen! Ebenso Psychologie in Tübingen. In diesem Fach ist Tübingen dafür bekannt, dass die Mathematischen Anforderungen sehr hoch sind, höher als sonst wo im Bundesgebiet. Psychologie-Absolventen aus Tübingen haben also das Mathematische Handwerkszeug für die Forschung und haben entsprechend Chancen, weltweit! Oder nehmen wir Physik. - Die Fakultät für Physik in Tübingen ist dafür bekannt, dass die theoretischen Physiker Mathematisch vorgehen. - so hat dann laut aussage eines Mathematik-Professors ein spanischer Professor für Theoretische Physik eine Dozentenstelle in Tübingen abgelehnt, weil ihm die theoretischen Physiker in Tübingen zu theoretisch sind.... Oder nehmen wir die FH für Elektrotechnik in Aalen, von dort werden die Absolventen von Daimler-Benz angeworben, noch bevor die Absolventen ihre Abschlussnote kennen werden sie von Daimler-Benz eingeladen. So gibt es in andern Fächern und anderen Hochschulen sicherlich noch massenhaft Beispiele. ...
Na ja, in VWL oder BWL in Mannheim wird auch behauptet, eine Drei entspräche einer Eins an normalen Unis. Trotzdem sind die Arbeitgeber nicht grundsätzlich scharf auf Dreierabsolventen aus Mannheim.

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Mister Stone 23.06.2017, 12:18
37. Sekundäre Auswahlkriterien

Wenn unterschiedliche Leistungen gleich bewertet werden, kann man sorglos auf "sekundäre Auswahlkritierien" (Parteizugehörigkeit, Herkunft, Vorstellungsgespräch, ......) ausweichen, ohne sich einem konkreten Klüngelvorwurf auszusetzen. In der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Dienst. Das ist Sinn und Zweck der Methode.

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yyl033 23.06.2017, 12:29
38.

Auf kurz oder lang sollte evaluiert werden, ob es überhaupt noch angemessen ist, sämtliche Nicht-Juristen und -Mediziner als Studenten zu bezeichnen. Da dieser Begriff eben auch für Juristen und Mediziner im Rahmen der Hochschulausbildung verwendet wird, findet hier eine Verwerfung statt. Man könnte in diesem Fall gar von Blasphemie sprechen. Ich empfehle daher, für Teilnehmer anderweitiger akademischer Ausbildungen einen neuen Sammelbegriff einzuführen, wie z.B. Hochschüler oder "Studentchen".

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cs01 23.06.2017, 12:29
39.

Zitat von gneitzel
Wer z.B. in Tübingen Rechtswissenschaft studiert kann mit einer 4 höchst zufrieden sein. 80% der Prüflinge im 1. Staatsexamen bestehen mit der Note 4! Auch potentielle Arbeitgeber wissen, dass Tübingen wirklich hart ist und dass dort eine 4 mehr "wert" sein kann als eine 1 aus Hamburg.
Juristen Schreiben Staatsexamen, d.h. egal an welcher Uni man war, alle im Jahrgang in einem Bundesland schreiben die gleiche Klausur. Und derjenige der korrigiert, weiß auch nicht, wessen Arbeit er vor sich hat. Aussagen, wie hart die Note ist, können allenfalls anhand des Bundeslandes getroffen werden. Und eine 1 bekommt man auch in Hamburg nicht hinterhergeworfen

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