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Protest: Traktate der schlechten Laune

Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums.

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garfield 04.12.2010, 09:25
1. Immer noch kein Titel

Zitat von sysop
Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums.
Was war das jetzt? Die große Verteidigungsrede der aktuellen Zustände?
Danke für den Artikel. Sonst hätte man nie erfahren, dass der Kapitalismus hilfreich, edel und gut ist und die Demokratie nur an der schlechten Laune der Leute krankt (ich habe übrigens schallend gelacht über so einen blühenden Blödsinn). Dann ließe sich ja alles mit ein paar Aufmunterungspillen wieder ins Lot bringen.

Übrigens Herr Autor: Auch schlechte Laune hat ihre Ursachen. Und es sind ausnahmsweise mal nicht nur die miesepetrigen Deutschen, die in Europa "schlechte Laune" haben.
Aber was soll's? Jemandem, der die Wirkungen zur Ursache erklärt, würde ich nie einen Gebrauchtwagen abkaufen - sei es in guter oder in schlechter Laune.

Bleibt nur noch eine Frage: Wie hießen die Aliens, die in der Geschichte für alle Revolutionen verantwortlich zu machen sind (für die französische Revolution, die russische und die Wende in der DDR)?
Denn wie der Autor behauptet, können es die Bürger nicht gewesen sein, da sie ja selber das System sind.
Ich glaube er sollte fest beten, dass seine Aliens noch eine Weile still halten.

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Djonzo 04.12.2010, 09:33
2. Repressive Toleranz

Diesen Trick kennt man ja jetzt auch schon: Man setzt Antikapitalismus mit Antimodernismus und Technophobie gleich und erklärt diesen Brei zum feuchtwarmen Ekel der Bourgeosie. Der Autor nimmt den Rotwein als Metapher fürs Bürgerliche, weil er selbst Rotweintrinker und Bürgersöhnchen ist. Kann nicht anders sein. Derweil findet da draußen der Aufstand schon statt. Erst brennen SUVs und dann entdecken immer mehr Menschen die Schönheit der Sabotage. Und dann sitzen solche Schreibfinken immer noch in den warmen Stuben und machen sich lustig...

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H. Hipper 04.12.2010, 09:37
3. Früher war alles besser?

Jetzt wollen wir mal nicht so tun, als ob die kulturpessimistische "Wirtschaftsreform-Literatur" der früher 2000er Jahre sehr viel intelligenter gewesen wäre (das betrifft auch G. Steingarts "Deutschland — Der Abstieg eines Superstars").

Das waren Überlegungen, die sich - vorsichtig formuliert - als nicht besonders nachhaltig erwiesen haben: Ja, einige dieser Betrachtungen muten heutzutage sogar unfreiwillig komisch an.

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jot-we 04.12.2010, 09:37
4. einen Titel

Hmmm.
Sollte sich Georg Dietz den "Wutbürger" nur deshalb so genüsslich vorgeknöpft haben, weil er in all seiner Oberflächlichkeit des Autors ungeliebtes Pendant ist?

Eine weitere Geschichte demnach aus der unendlichen Reihe "Die Kritiker und ihre Elche" ...

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Topf00 04.12.2010, 09:38
5. Schlechte Laune...

Ein kollektiver Angst-Zustand ist also für das neue "wutbürgerliche" Gebaren in Deutschland verantwortlich.

Wichtiger als diese Analyse wäre aber die Frage, woher diese Angst kommt und was sie bedeutet!

Woher kommt es, dass große Teile der Mittelschicht mittlerweile ein diffuses Angstgefühl teilen; woher kommt es, dass selbst vergleichsweise banale Aufhänger zum kollektiven Aufschrei führen?

Wir erleben aktuell einen völligen Paradigmenwechsel, der aus dieser kollektiven Angst resultiert. Es geht neuerdings um "das System" an sich - aber ist die Angst vorm System weniger relevant, weil man Teil des Systems ist?

Eine mögliche Antwort:
Das fragile Gleichgewicht zwischen Arbeit und Kapital, welches die soziale Marktwirtschaft Nachkriegsdeutschlands hervorgebracht, ist dahin. Die "kritische Masse" derer, denen das System Sicherheit, Wohlstand und Freiheit GARANTIERT. Wer früher Teil des Systems war, weiß heute nicht, ob ers morgen noch ist.
Die früheren Profiteure regen sich, weil ihre Privilegien dahin sind - die Mittelschicht schrumpft, die Mittelschicht hat Angst.

Mit schlechter Laune hat das relativ wenig zu tun.

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thomas bode 04.12.2010, 09:47
6. Wer hat hier schlechte Laune?

Wie hier alles, was sich kritisch mit unserer Gesellschaft befasst, übellaunig in einen Topf geschmissen wird, dreht einem den Magen um. Man muss und darf das aber auf sich beruhen lassen. Denn all die Verallgemeinerungen, Überspitzungen, und schlichten Denkfehler zu widerlegen ist schier unmöglich, da sie zu zahlreich sind.
Da Gesellschaften immer im Fluss sind (da immer alles im Fluss ist) muss man selbstverständlich zu erkennen suchen, wo man steht und wohin die Reise geht. Dass man nicht einfach alles Technokraten wie Merkel, die nur das "weiter so" managen, und Lobbyisten der Privilegierten wie Westerwelle überlassen darf, ist klar. Dass hinter der Fassade unserer herausgeputzen Innenstädte und Discounter-Regale sich ein immer größeres, geistiges Loch auftut, auch.
Dass es ein wenig gärt, viel zu wenig übrigens, beunruhigt natürlich die Mehrheit der arrivierten Bürger. Die zwar auch gern Rotwein trinken und dabei räsonieren, aber ihre kleine Insel des Wohlstands glauben verteidigen zu müssen. Nicht nur gegen die da oben, wie Banker und Konzerne, sondern nun auch gegen eine neue Linke. Aber keine Sorge, das Hauptproblem unserer Gesellschaften, das Aufkündigen der Solidarität mit den "unteren" 30%, wird auf Generationen nicht gelöst werden. Dafür werden die Steuern auch nicht um 10% steigen. Denn die Mehrheit in der Mitte, inklusive der Medien- und Meinunungsmacher, ist keineswegs getrieben von Veränderungswillen, sondern hält sich selbst für Systemgewinner.

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T_G 04.12.2010, 09:48
7. Wenn wir mal ehrlich sind...

...verdienen diese diffusen Beobachtungen keinen weiteren Kommentar. Vor den Erfahrungen der eigenen Lebenswelt den Kanon innerhalb "gesellschaftskritischerer" Literatur als Selbstzweck, Heuchlerei zu verurteilen ist anmaßend. Es geht auch reflektierter.

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Magentasalex 04.12.2010, 09:48
8. Ja, wenn ich mit offenen Augen ....

Zitat von sysop
Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums.
"Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums."

Ja, wenn ich mit offenen Augen eine Stunde lang durch unsere Innenstadt laufe (Frankfurt am Main), bekomme ich auch immer Wut.

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DummeNuss 04.12.2010, 09:49
9. Zurück in die 50er: Futurismusutopien und die Hegemonie der eigenen Überheblichkeit

Zitat von sysop
Der Kapitalismus ist ein Monster, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft führt in die Depression - viele Sachbücher dieses Herbstes erklären unsere Gesellschaft für krank. Es sind die Wutbücher eines aufgebrachten Bürgertums.
Ritalin fürs Volk - und dann zurück an den Schreibtisch: Produktiv sein.

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