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Psychologie: Programmiert auf Unheil

Warum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären.

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Boone 24.04.2010, 22:49
1. Trauma

Ich kann mir vorstellen, dass diese Menschen ein emotionales Trauma erleiden, dessen sie sich selbst nachher nicht mehr bewußt sind und das von Außenstehenden nicht bemerkt oder fehlgedeuted wurde. Die mit diesem Trauma verbundenen Gefühle sind so schrecklich, dass sie sich vollkommen von ihren Gefühlen abschotten und über Jahrezehnte hinweg dann eine Persönlichkeit entwickeln, die keinen Zugang mehr zu ihrer eigenen Emotionalität hat. Nur noch in Extremsituationen sind sie in der Lage sich selbst zu fühlen, sich selbst als real und lebend wahrzunehmen. Sie haben einst den ultimativen emotionalen Vernichtungsschmerz erfahren und sich dann ultimativ davor geschützt und nun können sie nur noch fühlen, wenn sie den Schalter auf volle Leistung drehen.
So schrecklich die Bilder auch sind, ich glaube in Wahrheit hat das mit böse nichts zu tun.

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Arne11 24.04.2010, 22:55
2. Falsche Frage

Zitat von sysop
Warum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären.
IMHO ist das die falsche Frage. Vergewaltigung und Mord tritt in der Natur praktisch ständig auf (Z. B. Mord unter Affen) und sowohl Vergewaltigung als auch Mord haben grosse evolutionäre Vorteile. Für mich wäre die Frage eher wieso Mitleid oder ein schlechtes Gewissen auftritt obwohl der 'Vorteil' eines unentdeckten Mordes enorm sein kann. z. B. bricht in Kriegen und Krisensituationen in denen Verfolgung unwahrscheinlich ist dieses Verhalten regelmässig durch. Rote Armee in Deutschland oder auch die Deutschen in Russland - im Angesicht dessen muss ich Advokat des Teufels spielen und sagen dass dieses Verhalten den Standard darstellt der lediglich durch Sanktionen verhindert wird.

Grüsse,

Arne

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Autist 24.04.2010, 22:58
3. Emotionaler Hintergrund eines Autisten?

"In den Vereinigten Staaten werden keine geistig Behinderten hingerichtet. Wir exekutieren auch keine Jugendlichen. Was aber ist, wenn ein Psychopath den emotionalen Hintergrund eines Autisten hat? Sollten wir ihn dann wirklich töten?"

Herr Kiehl, ich vermute mal, Sie haben keine Ahnung, was sie da für ein dummes Zeug verbreiten.

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Asirdahan 24.04.2010, 23:00
4. Alles nur Illusion?

Ein sehr interessanter Artikel. Ich frage mich schon lange, ob wir nicht ohnehin nur einer Illusion unterliegen, wenn wir glauben, selbst für etwas verantwortlich zu sein. Kein Mensch hat sich selber gemacht. So wie ein Psychopath ein zu kleines limbisches System hat, so hat jeder Mensch ein anderes Gehirn, das ihn zu einem bestimmten Handeln veranlasst, was nur ihm zu eigen ist.

Vielleicht sind Psychopathen aber nur extrem gesteigerte Egomanen, denen ihr eigenes Wohlbefinden, die Befriedigung ihrer Gelüste das Wichtigste auf Erden ist und sie darüber das Leiden der anderen nicht sehen (wollen), weil ihnen das die Lust an der Sache verderben würde. Denn was Grausamkeiten sind, das wissen sie sehr gut, das sieht man daran, dass sie diese für sich selbst gern vermeiden möchten.

Auf alle Fälle müssen solche Menschen für immer weggesperrt werden, ob sie nun schuldig sind oder nicht, weil sie eben allein durch ihr Dasein eine Gefahr für andere sind.

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einstellung 24.04.2010, 23:05
5. Interdisziplinär

Vielleicht ein einzigartiger Feldversuch, neu ist das nicht, in der Kriminologie wird ja schon länger mit diesen Ergebnissen gearbeitet. Siehe auch Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, der sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Roth_%28Biologe%29

Die scheinbare Radikalität in den Ausagen zum Thema Willensfreiheit ist natürlich für unser christlich geprägtes Menschenbild erst einmal provozierend. Wir hätten gerne alle Menschen gleich schuldfähig, sonst werden alle Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt. Tatsächlich sollte man sich (wie im Artikel auch gesagt) darauf konzentrieren, was diese Untersuchungsergebnisse für Chancen bergen, Straftaten gefühlsarmer Menschen zu verhindern.

"Unablässig fragen sich Eltern von Psychopathen, was sie falsch gemacht haben; dabei können sie wenig mehr tun, als hilflos zuzuschauen, wie ihre Kinder zielstrebig einem Pfad egozentrischer Befriedigung folgen." Ist das denn immer so?

Das Problem von manchen Neurologen wie z. B. Roth (über Kiehl weiß ich nicht mehr als im Artikel steht) ist m. E. die Abkopplung ihrer Untersuchungsergebnisse von den Ergebnissen anderer (empirischen) Wissenschaften (z. B. der Psychologie). Ich bin überzeugt davon, dass genetische Veranlagung UND Umwelteinflüsse immer zusammenspielen und letzendlich den Menschen formen. Laut Roth ist der letztere Anteil gering. Darüber kann man sich sicher streiten. Ich sehe die Möglichkeiten der Psychologie mit den neurologischen Erungenschaften der letzten Jahre eher wachsen.

Ich persönlich kann sowieso mit dem Gedanken besser leben, dass manche Menschen "böse" Dinge aufgrund ihrer Biografie, genetischen Anlagen und Hirnbeschaffenheiten (mir an-) tun und eben nicht aus Böswilligkeit (was ist das?).

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Diana Simon 24.04.2010, 23:49
6. Die Psychopathen sind ÜBER uns

Der Artikel bringt nicht wesentlich Neues. Interessanter sind die Bücher von Robert Hare und anderen, die sich mit SOZIAL ANGEPASSTEN Psychopathen befassen.

Psychopathen können sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und daher kein Mitgefühl entwickeln. Es macht ihnen nichts aus, Tausende von Menschen "freizusetzen". In merkwürdigem Gegensatz dazu können sie aber genau erkennen, was andere Menschen gerne hören wollen und dies genau vorspielen. Deshalb werden kriminelle Psychopathen auch schneller aus Haftanstalten entlassen als Nicht-Psychopathen und machen schneller Karriere.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/m...603559,00.html

Psychopathen sind auch bedeutend risikofreudiger als der Normalmensch und sie sind begnadete Lügner. Sozial angepaßte Psychopathen sorgen ohne Gewissen und ohne Angst vor dem Risiko für den maximalen Gewinn.
"Sitzen in unseren Vorständen etwa Psychopathen? Der Psychoanalytiker Arno Gruen (Photo) hat einige Indizien dafür gefunden. Denn Menschen, die das Gefühl aus ihrem Leben, verbannt haben, entsprechen unserem Bild von Stärke. Damit wachsen ihre Aussichten auf Karriere..."
(Manager Magazin 4/1992 vom 01.04.1992, Seite 280-286)

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JDR 24.04.2010, 23:56
7. Interpretationen

Zitat von sysop
Warum vergewaltigen und töten manche Menschen ohne das geringste Anzeichen schlechten Gewissens? Der amerikanische Neurowissenschaftler Kent Kiehl unternimmt einen einzigartigen Feldversuch, um den rätselhaften Geisteszustand von Psychopathen zu erklären.
Interessant wäre, ob die Zahl der psychopathischen Frauen in der Gesellschaft tatsächlich niedriger ist, oder sich die Prägung hier nur anders zeigt. Die klassische "femme fatal" zeigt sehr stark die Eigenschaften des "Psychopathentestes", richtet ihren Schaden aber auf andere Weise an.

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Zephira 25.04.2010, 00:38
8. Hinweis

Auch bei vermeintlich unauffälligen sozialen Herkünften offenbaren sich bei näherem Hinsehen gravierende Missstände. Ted Bundy etwa wurde von seinen Großeltern in dem Glauben erzogen, sie seien seine Eltern und seine eigentliche Mutter somit bloß seine Schwester; erst Mitte Zwanzig hat er wohl die Wahrheit erfahren. Wie auffallend viele Serienkiller wuchs er ohne seinen leiblichen Vater auf; andererseits wiederum neigte sein vermeintlicher Großvater zu Gewalttätigkeit und Misshandlungen, so dass sich bis heute Spekulationen darum ranken, ob er nicht womöglich tatsächlich Ted Bundys leiblicher Vater war.

Bei solchen familiären Zuständen ist es nebensächlich, ob der Lebensstandard und die Gesellschaftsschicht als bürgerlich zu bezeichnen sind. Kein Geld der Welt könnte den angerichteten seelischen Schaden kompensieren.


Ich will die Bedeutung von genetischer Veranlagung nicht herunterspielen, aber nach dem mir bekannten Stand der Wissenschaft wird niemand als Serienkiller geboren. Es fanden sich stets signifikante Auffälligkeiten in der Biographie der Täterinnen und Täter, was den Schluss nahelegt, dass Umwelteinflüsse entscheidend sind.

Das "klassische" Muster sieht zum Beispiel so aus: Ein abwesender Vater und eine dominante Mutter in Verbindung mit Misshandlung (häufig sexuellem Missbrauch) führen zu emotionaler Verkrüppelung, welche nur noch Extremerfahrungen Empfindungen hervorrufen lässt. Selbst wer also genetisch ohne Empathiefähigkeit geboren werden sollte oder sein Mitgefühl durch eine Gehirnschädigung verliert, hat noch nicht (sexuelle) Gewalttätigkeit als praktikable Verhaltensweise kennengelernt. Dafür braucht es immer noch die Gesellschaft in Form der Eltern.


Was diese Menschen brauchen ist die Fähigkeit, wie normale Menschen zu fühlen. Solange das nicht möglich ist, ist es geradezu nebensächlich, ob man sie lebenslang wegsperrt oder hinrichtet: Ihr eigenes Leben bedeutet ihnen nicht viel mehr als das Leben ihrer Opfer.

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Ursprung 25.04.2010, 00:59
9. Nutzen, diese Hannibal Lecters, nicht hinrichten

Ein Artikel zu einem hochinteressanten Aspekt unserer Sozietaet.
Da entstehen Gesetze und Tatahndungen in der Hoffnung, das ein von fast allen gefuehltes und manchemal durch persoenliche Beobachtungen die Begegnung mit "dem Boesen" ein verstoerendes Nichtbegreifensw nachzieht. Und durch die bisherigen Regularien eingedaemmt werden koennten.
Mit der Justiz, dem Strafvollzug, gar der Rache.
Nein, es kann nicht:
denn erstens fehlt uns der Empathiezugang zu den Taetern, weil der durch deren Taten blockiert wird.
Wessen limbisches System "normal" funktioniert, kann nicht denken wie Hannibal Lecter.
Es stellt sich Unbegreifen und emotionaler Hass ein. Beides fuehrt aber nicht zur Schadensbegrenzung.
Um das hinzukriegen, muss man den Schaden im Dach des Taeters ueberhaupt erst mal realisieren.
Genau das befoerdert diese Publikation hier von spon, also mal echt gut!
Siehe: Hitler, Pol Pot, Stalin, Kreuzritter und Terroristen, Fussballhooligans ruecken ploetzlich in den Bereich mental sezierbarer Ursachenketten.
Also:
mit Aldous Huxley`s prognostierten Frueherkennungsmethoden der Gedankenpolizei die 2 % an "Zerstoerern" unter uns Menschen bitte schon im Kindheitsalter detektieren und unter Kuratel stellen.
Erspart uns womoeglich bis 50 % aller Schwerverbrechensfaelle, erstens.
Und zweitens koennte man davon sicher einen Grossteil prima als Spezialkaempfer fuer den Krieg gegen den Terror ausbilden und einsetzen,
Die verstehen dann ihre Widersacher so gut, dass sie die besser verhindern koennen als jeder andere.

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