Forum: Blogs
Soziale Ungleichheit: Herkunft wird benotet

Je gebildeter und reicher die Eltern, desto besser die Note.*Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie und zeigt: Seit Pisa hat das deutsche Bildungssystem nicht*genug dazu gelernt. Experten warnen zwar vor Lehrerschelte* - attackieren aber die derzeitige Notengebung. Soziale Ungleichheit: Auch Herkunft wird benotet - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL

Seite 8 von 13
Zitrone! 15.12.2011, 14:20
70. Kurzschlüsse

Eins vorweg, weil es hier mehrfach angesprochen wurde: Der Bücherbesitz der Eltern war Teil der PISA-Erhebung, es wurden, soweit ich das verstanden habe, die Kinder gefragt, wie viele Bücher zuhause denn herumstehen.

Im Übrigen ist diese Studie, insbesondere ihre Interpretation, genauso ein (schlechter) Witz wie sämtliche PISA-Studien.

1)Das, was hier als Leistung bezeichnet wird, ist grundsätzlich die schriftliche Leistung, genauer: das Abschneiden in den PISA- / TIMMS- o.ä. Tests. Es gibt berechtigte Zweifel, ob diese international angelegten Tests tatsächlich das abprüfen, was bei uns in Lehrplänen / Curricula verlangt wird. Davon abgesehen:

2)In die Note geht die schriftliche Leistung nur zu 30 - 50 % ein. Das ist kein Geheimnis, und war auch nie eins. Die „mündliche“ Note setzt sich zusammen aus (unsortiert, und ohne Bewertung der Sinnhaftigkeit!):
-Anzahl der mündlichen Beiträge
-inhaltliche Qualität der mündlichen Beiträge
-sprachliche Ausdrucksfähigkeit
-Umgangsformen / Verhalten im Unterricht
-Sozialverhalten
-Regelmäßigkeit und Qualität der Hausaufgaben
-Heft-/Mappenführung, Ordnung und Sauberkeit (auch allgemein)
Oder auch, wie es in der Fotostrecke, Bild 2, so schön heißt:
-motivationale Merkmale: Anstrengungsbereitschaft / Gewissenhaftigkeit im Unterricht

Wie erstaunlich ist es also, dass „Leistung“ nur 50 % der Note erklärt?
Und bei wie vielen Punkten der „mündlichen“ Note haben Kinder „aus gutem Haus“ die Nase vorn?


3)Die Parameter Leistung, kognitive Grundfähigkeiten, elterlicher Bildungshintergrund, elterlicher Bücherbesitz, sozioökonomischer Status sind alles andere als unabhängig. Da „Leistung“ klar definiert ist (s.1), lässt sich der Anteil gut herausrechnen. Der Einfluss der übrigen Parameter dürfte sich jedoch kaum trennen lassen, selbst mit noch so gutem Studiendesign. Dass hier überall ca. 20 % herauskommen, spricht in erster Linie für die Gutmütigkeit des verwendeten Statistikprogramms.

4)Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen ist marginal. Wenn man genau hinsieht, dann existiert er überhaupt nur im Sachunterricht: Hier bekommen die Mädchen im Mittel bessere Noten, obwohl sie im Leistungstest etwas schlechter abschneiden als die Jungen. Das ist überhaupt nicht erstaunlich, da gerade im Sachunterricht die „mündliche“ Note (wie in Punkt 2) besonders stark wiegt. Mündliche Mitarbeit und Mappenführung (inklusive Anmalen aller Bilder…) – da punkten eben die Mädchen.

5)Zitat aus dem Artikel:
„Heute sind etwa ein Fünftel der Gymnasiasten Arbeiterkinder. Wenn sich die soziale Herkunft nicht mehr aus die Leistung auswirken würde, könnte deren Anteil auf fast ein Drittel steigen.“
Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass Arbeiterkinder (im Mittel!) genauso begabt sind wie Mittel- und Oberschichtkinder. Man mag über den genetischen Einfluss streiten, aber ihn einfach auszuschließen, ist keine gute Wissenschaft – aber wohl politisch gewollt.

6)Erschreckend ist dagegen ein Punkt, der hier in der Diskussion fast gar nicht erwähnt wird: „Schichtabhängige Entscheidung der Eltern“! (Fotostrecke, Bild 4+5)
Im Klartext: Wenn die Eltern häufiger der Gymnasialempfehlung der Lehrer folgen würden, stiege der Anteil der Arbeiterkinder ebenfalls auf fast ein Drittel. Für diesen Fehler können die Lehrer schlichtweg gar nichts.

Beitrag melden
maginot2 15.12.2011, 14:42
71. Intelligenz

Zitat von Steve Holmes
Ob die genetische Vererbung wirklich bei erfolgreichen Eltern intelligentere Kinder hervorbring mag bezweifelt werden. Die Bedeutung des sozialen Umfelds und der Förderung im Elternhaus lässt sich aber nicht wegdiskutieren.
Das kann ich zumindest in unserem Fall vollständig widerlegen. Unser Sohn ist was Verhalten und schulische Leistungen angeht eine 1:1 Kopie von mir selbst. Die massiven Schwierigkeiten die der Junge in der Schule hat, nicht nur die enorme Rechtschreibschwäche auch sein Verhalten (steht sich selbst im Weg) und den daraus resultierenden Ärger, sind bis ins Detail mit meiner Schulzeit identisch. Ich erlebe erschreckender weise meine eigene Schulzeit durch den Sohn wieder. Und das obwohl er in einem völlig anderen Umfeld lebt. Im Gegensatz zu mir bekommt unser Sohn umfangreiche Unterstützung und Förderung. Das trägt auch Früchte, für ein Abitur wird es aber sicher nicht reichen. Muss es auch nicht.
Seine älteren Schwestern werden wohl das Gymnasium bis zum Abitur ohne größere Schwierigkeiten durchlaufen. Kommen halt eher nach meiner Frau. Sollte ich die Frage beantworten müssen wer denn jetzt intelligenter sei, die Mädels oder der Sohn, so würde ich passen. Für mich sind sie alle gleich intelligent. Denn Intelligenz hat für mich wenig mit Schulbildung zu tun.

Beitrag melden
Nationalliberal 15.12.2011, 15:25
72. Abstruse Beiträge

Zitat von postmaterialist2011
Einer der wenigen Beiträge eines Insiders, der den Nagel auf den Kopf trifft. Es ist teilweise erschreckend, was hier von abstiegsgefährdeten Mittelschichtlern ( mit solch abstrusen Foristennamen wie "Nationalliberal" etc.) zum Besten gegeben wird.
Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen. Damit haben sie sich als Diskussionspartner disqualifiziert.

Beitrag melden
jujo 15.12.2011, 16:04
73. ....

Zitat von sysop
Je gebildeter und reicher die Eltern, desto besser die Note.*Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie und zeigt: Seit Pisa hat das deutsche Bildungssystem nicht*genug dazu gelernt. Experten warnen zwar vor Lehrerschelte* - attackieren aber die derzeitige Notengebung.
Die "gute" Herkunft wird u.U. auch zum Handicap!
Mein, linker, Lehrer in HH 1962 hätte es beinahe geschafft mich abzuschiessen! Mein Vater war damals Major bei der Bundeswehr.
Mein Klassenlehrer, wie er mir später gestand, hasste alles militärische, vor allem Offiziere.

Beitrag melden
dickebank 15.12.2011, 16:36
74. Benotung

Zitat von finisher05
Ich lese bisher bei SPON und hier im Forum immer nur still mit, aber hier "platzt es aus mir heraus". Habe selten einen derartig mit Fehlern überhäuften Bericht in diesem online Magazin gelesen, durch die mangelhafte Lesbarkeit will ich nicht wirklich an seriöse Recherche glauben. Ich glaube auch eher an die hier verbreitete Meinung, dass Eltern mit einem höheren Bildungsstand/Bildungsbudget ihre Nachfahren kompromissloser zu schulischem Erfolg treiben.
Da Würfeln ja nicht gewünscht ist, obwohl so die höchste Chancengerechtigkeit erreicht wird, bleibt doch nur eine Möglichkeit. Die jenigen Schüler, deren Eltern den meisten Ärger verursachen können, bekommen eine Gymnasialempfehlung und die passenden Noten.

Ich gebe doch keinem dämlichen Schüler aus betuchtem Hause einen Nichtversetzungsvermerk oder eine Gymnasialempfehlung. Der darauf vom rechtsanwalt der familie eingereichte widerspruch bringt mir ellenlange Gespräche mit der Schulleitung ein, dann muss ich noch ein Gutachten verfassen, meine gesamte die Leistungen des Schülers betreffende Aufzeichnungen mit Inhalt der Stunde, Datum und Uhrzeit sowie der einzelfallbezogenen Bewertung der Schülerleistung im Vergleich zum Erwartungshorizont der jeweiligen Anforderungen dokumentieren und offenlegen. Die Begründung einzelner Noten ist aus verwaltungsrechtlicher Sicht überhaupt nicht justiziabel, da das pädagogische Ermessen gar nicht ausreichend dokumentiert werden kann. Die Endnote ist ja kein arithemtisches Mittel aus den vielen teilnoten innerhalb eines Schuljahres. Die Leistungsbewertung muss am Maßstab der Anforderungen des schulinternen Curriculums und Bewertungskataloges ausgerichtet und belegbar sein.

Wenn dem widerspruch seitens der Bezirksregierung nicht sattgegeben wird und das ganze "zu Gericht" geht, dann ist eh klar, dass die Schule verliert.

Ergo kriegt jede Pfeife aus gutem Hause Bestbeurteilungen, wird ans Gymnasium verlagert und dann ist das deren Problem. Die eltern haben, was sie ohnehin haben wollten, und ich habe meine Ruhe.

Beitrag melden
forumgehts? 15.12.2011, 16:50
75. Endlich

Zitat von dickebank
Da Würfeln ja nicht gewünscht ist, obwohl so die höchste Chancengerechtigkeit erreicht wird, bleibt doch nur eine Möglichkeit. Die jenigen Schüler, deren Eltern den meisten Ärger verursachen können, bekommen eine Gymnasialempfehlung und die passenden Noten. Ich gebe doch keinem dämlichen Schüler aus betuchtem Hause einen Nichtversetzungsvermerk oder eine Gymnasialempfehlung. Der darauf vom rechtsanwalt der familie .....
mal ein ehrlicher, nachvollziehbarer Beitrag, obwohl ich glaube, dass dieser nicht von einem Lehrer stammt. Aber Herkunft wurde bisher immer und überall benotet; warum sollte da gerade die Schule eine Ausnahme machen?

Beitrag melden
forumgehts? 15.12.2011, 17:00
76. Sie

Zitat von Nationalliberal
Was für eine sinnlose Untersuchung. Natürlich sind Kinder von erfolgreichen Eltern besser. Intelligenz und andere Talente werden nunmal vererbt, dazu kommt, dass reiche Kinder ein viel positiveres Sozialumfeld haben das sich mehr um diese Kinder kümmert. Das heißt beide Faktoren die Einfluss auf den späteren Erfolg haben sind bei diesen Kinder positiv. Und da wundert sich jemand?
vertgessen: "Erfolg" kann man auch erheiraten. Interessanterweise sind sehr oft Intellekt und der Instinkt, sich einen wohlhabenden Partner zu angeln, umgekehrt proportional. Dann werden uU Talente vererbt, die später einmal nützlich sein können, in der Schule aber auf gar keinen Fall. Natürlich haben Sie recht, das soziale Umfeld sorgt schon dafür, dass die reichen Bälger nicht in Unannehmlichkeiten kommen.

Beitrag melden
Pens 15.12.2011, 17:35
77.

Zitat von forumgehts?
mal ein ehrlicher, nachvollziehbarer Beitrag, obwohl ich glaube, dass dieser nicht von einem Lehrer stammt. Aber Herkunft wurde bisher immer und überall benotet; warum sollte da gerade die Schule eine Ausnahme machen?
Das Problem, was ich sehe, ist die Ungerechtigkeit, die darin liegt, dass Herkunft unterschiedlich benotet wird.
Während in Berlin die Herkunftsnote bei Kindern von Gemüsehändlern per se mindestens 2 ist, haben bayrische Gemüsehändlerkinder allenfalls eine 4 zu erwarten.
Ich fordere die bundeseinheitliche Bewertung von Herkunft.

Beitrag melden
opinion13 15.12.2011, 18:27
78. da ist was dran...

Zitat von dickebank
Ergo kriegt jede Pfeife aus gutem Hause Bestbeurteilungen, wird ans Gymnasium verlagert und dann ist das deren Problem. Die eltern haben, was sie ohnehin haben wollten, und ich habe meine Ruhe.

Ich würde sogar sagen, das gilt für Pfeifen jedweder Herkunft. Den GrundschullehrerInnen fehlt es einerseits oft am nötigen Rückgrat, andererseits werden politisch Übertrittsquoten um die 50% ans Gymnasium gewünscht. Und schulinterne Anweisungen zur Erfüllung bestimmter Quoten, deren Existenz das Ministerium natürlich bestreitet, weil sie auf mittlere Ebenen outgesourct worden sind, tun ein Übriges.

Das führt allgemein zur Noten-Inflation und zur Auslagerung der Selektion an die Unterstufe des Gymnasiums. Wenn dann nach Klasse 5 wg. katastrophalen Notenbildes Schluss ist, ist das Gymnasium schuld, das die mittelmäßig begabten Sprößlinge nur nicht richtig gefördert hat. Oder wie der bayer. Minister Spaenle sagte: Am Gymnasium finden sich nunmehr Kinder aus einem "erweiterten Begabungsspektrum" wieder.
Das Mitschleifen dieser "erweitert Begabten" senkt dann auf Dauer das Leistungsniveau ganzer Klassen und ist im Grunde ein Verbrechen an denjenigen SchülerInnen, die etwas leisten wollen und können.

Beitrag melden
MKasp 15.12.2011, 20:52
79. Sie haben völlig Recht ....

Zitat von postmaterialist2011
Einer der wenigen Beiträge eines Insiders, der den Nagel auf den Kopf trifft. Es ist teilweise erschreckend, was hier von abstiegsgefährdeten Mittelschichtlern ( mit solch abstrusen Foristennamen wie "Nationalliberal" etc.) zum Besten gegeben wird. Die Wohlstandsverwahrlosung vieler Kinder der "Erfolgreichen" ist teilweise erschreckend, da man aber Geld hat wird der Nachhilfelehrer dauerhaft beschäftigt, Mitschüler werden fürs Abschreibenlassen belohnt und beim Elternabend wird das Bildungsbürgertum konkret, was dem Lehrer droht wenn der kleine Maximillian-Ezechiel oder die süsse Victoria-Charlotte keine Gymnasialempfehlung bekommen sollte. Ich habe im Freundeskreis mehr als einmal erlebt, dass Kinder aus besseren Schichten frühzeitig zu Rhetorik und Elite-Kurse geschickt werden. Dort lernen sie dann das Rüstzeug um viel heisse Luft mit möglichst wenig konkretem Inhalt abzulassen. Da ist es doch verständlich, dass solch ein Kind eher eine Empfehlung für eine höhere Schule bekommt, als der kleine Kevin oder Mustafa, die von einem pädagogisch anspruchsvollen Kindergarten bzw. einer Ganztagsschule mit intensiver Betreuung profitiert hätten, denen aber beides vorenthalten wurde.
... und die neuesten OECD-Statistiken belegen, dass Deutschland eines der unfairsten Schulsysteme hat.

Ich selber musste miterleben, wie Kinder aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum am Uni-Abschluss scheiterten, weil es ein nun endlich wenig Konkurrenz aus der Arbeiter- und Kleine-Angestelltenschicht gab.
Die Messlatte ist dadurch für einige, die, vor allem deren Eltern, den Uni-Abschluss für selbstverständlich hielten zu hoch geworden ...
Eine Uni verlangte für Abschlussprüfung noch 1990 einen handgeschriebenen Lebenslauf unter Angabe der Berufe der Eltern. Man glaubte wohl, ein wenig gegensteuern zu können.
Man haben die über die "Öffnung der Universitäten" in den siebziger Jahren geflucht, gegen BAföG gewettert und die "Massen-Uni".
Die waren nämlich, fast wie Guttenberg, 'was Besseres ... dachten sie und, wenn sie nicht gestorben sind, denken die das noch immer ...

Beitrag melden
Seite 8 von 13
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!